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Coolness? Nebensache: Die Future Islands gehen im Indie-Kosmos ihren ganz eigenen Weg. Auf seinem aktuellen Album "As Long As You Are" spielt das Quartett aus Baltimore New Romantic-nahen Synthiepop mit ganz viel Gefühl (Cover: Amnazon)

Future Islands As Long As You Are: das Album der Woche

Vor gut 35 Jahren verzauberte die New-Romantic-Bewegung von Großbritannien aus die internationalen Musikszene. Nun feiert dieses prächtige, wenn auch nicht ganz unkomplizierte Genre seine Wiedergeburt in Gestalt der amerikanischen Band Future Islands: Synthpop ohne Wenn und Aber und mit Mut zu ultrageschmeidigen Melodien heißt das Motto bei diesem Trio aus Baltimore. Dazu die satte Soulstimme von Sänger Samuel T. Herring – und fertig ist ein Album zwischen edler Elektronik und großen Gefühlen. Ergo ist Future Islands As Long As You Are unser Album der Woche.

Drehen wir die Uhr aber zunächst mal eben zehn, zwölf Jahre zurück. Schon seit 2008 nämlich feilen die Future Islands bereits an ihren volldigitalen Klanglandschaften – und wichtige Geburtshilfe für eine Karriere diesseits des Atlantiks kam dabei aus Ostdeutschland. Am 27. Januar 2010 veröffentlichte das einst in Leipzig und Dresden ansässige Indielabel Altin Village & Mine hierzulande mit Wave Like Home das Debütalbum der Synthiepop-Youngster aus dem US-Bundesstaat Maryland – Katalognummer AVM 030. Mittlerweile betreiben die beiden Firmenchefs Marcel Schulz und Jim Kühnel ihr Liebhaberprojekt für gepflegten Indiepop von Leipzig aus – aber noch immer als gut gehütetes Geheimnis … Bislang letzte Veröffentlichung: die AVM-Nummer 068 – „Girl With Basket Of Fruit“, das 2019er-Werk des aus San José stammenden Indierock-Projekts Xiu Xiu um Mastermind Jamie Stewart.

Future Island Band
Auch optisch pfeift das Quartett auf jegliche Szene-Etikette: Sänger Samuel T. Herring (ganz rechts) ist sichtbar in übergroße Zottelhemden verliebt, Keyboarder Gerrit Welmers (zweiter von rechts) wagt sich sogar an einen Pornobalken (Foto: J. Flythe)

Doch zurück zu unseren Freunden aus Baltimore. Von Anfang an bespielten Future Islands ein Sub-Genre des Elektro-Pop, das die Geister heute noch ebenso scheidet wie vor gut 30 Jahren: Explizit widmet sich das anfangs vierköpfige, dann zum Trio verschlankte Ensemble nämlich den New-Romantic-Klängen der frühen Achtzigerjahre – Prädikat: love it or leave it. Kurze Rückblende: Nach der Punk- und Postpunk-Ära der zu Ende gehenden Siebzigerjahre mit ihrem Lebensgefühl zwischen No Future und Nihilismus wechselte um 1983 herum bekanntlich der musikalische (und soziokulturelle) Basisakkord im britischen Pop hin Richtung Eskapismus und Optimismus. Seinerzeit betörten Bands wie Tears For Fears, Duran Duran, OMD oder die Simple Minds der „New Gold Dream“-Phase mit melodienseligen Tastensounds – immer haarscharf an der Schnittstelle zwischen Kunst und Kitsch.

Drei Jahrzehnte später kommen die neuen Bannerträger dieses Genres also – verkehrte Welt eigentlich – aus den USA und nicht mehr von der britischen Insel. Ob mit ihren drei ersten Alben von 2008 bis 2011 in der amerikanisch-europäischen Indieszene, ob mit ihrem 2014er-Durchbruch Singles oder dem 2017er-Werk The Far Field und seither beim renommierten Label 4AD unter Vertrag: Mit den breitwandigen Keyboard-Sounds ihres Tastenmannes Gerrit Welmers stehen Future Islands für melancholische, von watteweich-verträumtem Schönklang geradezu gefluteten Klanglandschaften.

William Cashion assistiert mit feisten Basslinien und atmosphärisch vielschichtigen Gitarrenriffs.  Schlagzeuger Mike Lowry sorgt in den höheren Drehzahlbereichen für einen satten Groove oder unterlegt die Klänge seiner Kollegen mit minimalistisch-eleganten Beats. Und auch am Songwriting ist der langjährige Tourdrummer inzwischen beteiligt – mittlerweile ist Lowry von der Teilzeitkraft zum vollwertigen Bandmitglied aufgestiegen.

Und dann wäre da natürlich noch Sänger Samuel T. Herring: Dessen verblüffend schwarze, fast gospelartige Stimme haucht diesem eher angelsächsischen, neonfarben-wavigen Sound die Inbrunst des amerikanischen Südens ein. Fett wie der Bariton des frühen Elvis Presley klingt Harrings Timbre, thront erhaben über den Arrangements und sorgt für eine weihevolle Aura und ganz großes Gefühlskino.

Mit As Long As You Are gibt es nun die nächste Gelegenheit, diese Band zu entdecken. „Glada“ eröffnet mit ruhigen Tönen weit jenseits der Tanzfläche: Sam Herring verlegt sich hier auf ein dunkles Rezitativ, das von sphärischen Keyboardsounds und einem dezentem Rhythmus begleitet wird – die Zeichen stehen eher auf Introspektive als auf Dancepop für die Indie-Disco. Das entspricht dem Charakter dieser zwölf Songs, die sich die Suche nach innerem Frieden und dem Zur-Ruhe-Kommen zum Thema gegeben haben.

„Als Künstler lebt man ständig in der Angst davor, älter und von seinem Publikum irgendwann vergessen zu werden“, sagt Herring. Doch das dürfe nicht dazu führen, fremdgesteuert oder ohne klaren eigenen Kompass zu agieren. Herring selbst hat seine Lektion gelernt – nach unsteten, seelisch sprunghaften Jahren verbringt er mittlerweile viel Zeit bei seiner neuen Partnerin in Schweden. „Nach langer Zeit wieder richtig glücklich zu sein, machte mich freier, mich selbst zu entdecken – und auch die eine oder andere Wahrheit über mich zu akzeptieren.“

Als Ergebnis einer gelungenen Persönlichkeitssuche „klingen wir auf diesem Album so sehr nach uns wie nie zuvor“, freut sich der Frontmann und nennt Future Islands As Long As You Are „einen weiteren Schritt auf dem Weg zur Definition, wer Future Islands sind“: nämlich eine Band, die den Dialog zwischen Emotion und Elektronik sucht und nicht (nur) auf Coolness setzt, sondern auch die große Geste nicht scheut.

„Soundtechnisch geschieht eine ganze Menge; mehr als je zuvor,“, ergänzt auch Keyboarder Gerrit Welmers. „Jeder von uns hat mehr denn je darüber nachgedacht, wie man weitere Gitarrenriffs oder Synthiesounds in die Arrangements einbauen kann.“ Das Resultat: ein vollerer, dichterer Gruppenklang und „die bestklingende Platte unserer bisherigen Karriere“, so Sam Herring.

Die Songs von Future Islands As Long As You Are

„For Sure“ an Position 2 bringt dieses Konzept in Bestform: mittleres Tempo, starke Hookline und drum herum ein ganzer Korb voll betörender Tasten- und Saitenklänge. Hit-Kandidat Nummer 2 heißt eindeutig „Waking“– auch hier bilden flotte Beats und glitzernde Synthies einen prachtvollen Rahmen für Sam Herrings Ausnahmestimme. „Born In A War“, und „Plastic Beach“ bewegen sich in dieser weiträumigen Produktion (verantwortlich: Tontechniker Steve Wright in dessen Wrightway Studios in Baltimore) ebenfalls clever zwischen vokaler Wucht und einem eher technokratisch kühlen Ambiente.

Denn immer wieder zeigt sich Herring als „human factor“ in einer überwiegend synthetisch generierten Klangkulisse, als emotional expliziter Vocal Crooner, der sein Herz auf der Zunge trägt. Bestens dafür geeignet sind natürlich digitale Balladen wie „I Knew You“, „The Painter“ oder „Moonlight“. Besinnlich, fast elegisch gerät auch der Schlussakkord dieser elfteiligen Synthiepop-Sinfonie, deren Status als „Homecoming-Platte mit Liedern über Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft“ (Sam Herring) auch die Wahl der zweiten Single dokumentiert: Das sanftmütige „Thrill“ an Position 10 sowie anschließend auch das finale „Hit The Coast“ eignen sich perfekt als Soundtrack für einen entspannten Herbstnachmittag mit Tee und einer tüchtigen Ladung Süßgebäck.

Future-Islands_As-Long-As-You-Are Cover
Future Islands As Long As You Are erscheint bei 4AD/Beggars im Vertrieb von 375 Media und ist erhältlich als CD, LP, Download und als limitierte „Coloured Edition“ in petrolblauem Vinyl (Cover: Amazon)
Future Islands As Long As You Are
2020/10
Test-Ergebnis: 4,4
SEHR GUT
Bewertung
Musik
Klang
Repertoirewert

Gesamt

 

Autor: Christof Hammer

Christof Hammer
Seit vielen Jahrzehnten Musikredakteur mit dem Näschen für das Besondere, aber mit dem ausgewiesenen Schwerpunkt Elektro-Pop.