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Grant-Lee Phillips Widdershins
Grant Lee Buffalo -Sänger G.L. Plillips ist wieder solo unterwegs. MIt "Widdershins" knüpft er an die großen Tage aus den 1990ern an. (Foto: D. Sigel)

Grant-Lee Phillips Widdershins – die CD der Woche 10

Im Hamburger Stadtpark, im Bannkreis der Freilichtbühne des Stadtteils Winterhude, nuckeln drei wild bemähnte Jungs mit Schlabberklamotten unter sommerlich blühenden Bäumen gemächlich an ihren bunten Softdrinks auf einer Bierbank. Hinter ihnen huscht gerade Elvis Costello vorbei, der Haupt-Act des Abends, auf dem Weg in seine Umkleidekabine. Wir befinden uns in den 90ern. Grant-Lee Phillips sprach damals vor seinem Live-Auftritt über das fantastische Americana-/Alternative-Rock-Album „Fuzzy“ seiner Band Grant Lee Buffalo. Zusammen mit den Band-Mates Joey Peters und Paul Kimble schwärmte Sänger Grant-Lee Phillips über Vorbilder wie David Bowie, Alice Cooper – und Country-Heroen wie Buck Owens(!). Das klang unverschämt eigenständig und wurde seinerzeit von Kritikern und Fans jubelnd gefeiert. Auch vom Autor, der sich gern an das Konzert und das Interview erinnert – und der vom nun vorliegenden Album Grant-Lee Phillips Widdershins wieder in Geist dieser Tage hineinziehen lässt.

Die Band schaffte es jedoch trotz famosem Songwritings – und einem Vertrag mit dem Warner-Major-Sublabel Slash Records nicht in den Mainstream. Oder vielleicht gerade deshalb. Grant Lee Bufallo trennten sich 1999. Das kreative Energiebündel Grant-Lee machte solo weiter und veröffentlichte alle paar Jahre durchaus gehaltvolle Alben. So eines wie dieses, ein erfreulich erfrischendes Werk, das hier und da stark an die Grant Lee Buffalos von damals erinnert und zudem schillert vor Anspielungen an das aktuelle soziale und politische Geschehen auf unserem Planeten. Nicht sülzig, ohne Betroffenheitslyrik, eher mit energisch-ironischem Augenzwinkern. Und feiner Americana-Rock-Art. Und so reflektiert der Titel von Grant-Lee Phillips Widdershins  aus psychologischer Sicht eine Art kognitive Dissonanz: Phillips meint, dass so einiges gegen den Uhrzeigersinn sinnfrei abläuft. „Ich machte mir selbst eine deutliche Ansage, um nicht zu verzweifeln: Wir haben einiges von dem, was sich gerade abspielt, schon einmal erlebt – nicht nur unser Land, sondern die Zivilisation als solche…“ Was er damit meint? Trump. Aber nicht nur. So wichtig ist der betagte Blondschopf nun auch wieder nicht…

Grant-Lee Phillips Widdershins
„Wir haben vieles, von dem, was abläuft, schon erlebt“, sagt Grant-Lee Phillips im Interview (Foto: D. Sigel)

Im Musikteam von Grant-Lee Phillips Widdershins spielen neben Phillips (Gitarre, Keyboards) auch wieder Jerry Roe (Schlagzeug) und Lex Price (Bass). Dabei sollte die Musik der Song-Lyrik akustischen Wind unter die Flügel blasen. „Diese Zeiten sind explosiv. Es ist wichtig für mich, dass die Musik dies auch reflektiert.“ Es scheint Phillips, als ob ein Hauch von Revolte in der Luft liegt. Und so vollzieht er sogar Zeitsprünge der regen Menschheitsgeschichte, die ihn beispielsweise – zurück in die Zukunft – zur französischen Machtfigur Marie-Antoinette führte, die am 16. Oktober 1793 im Zuge der französischen Revolution ihren Kopf verlor. Wörtlich gemeint (Song „Unruly Mobs“).

Die Musik von Grant-Lee Phillips Widdershins

Aber wenden wir uns dem Genuss zu, der Musik. Hier schrieb der 54-Jährige auf „Widdershins“ einige facettenreiche Stücke. Er kann rockig vom Leder ziehen wie ein John (Cougar) Mellencamp in besten Zeiten, schonmal den Boss (Springsteen) geben, aber auch beinahe zärtlich-verspielt die Pedal Steel um strahlende Hooks kreisen lassen (Opener „Walk In Circles“). „Miss Betsy“ wiederum umschreibt das Übel von Kinderarbeit sarkastisch mit folkig-akustischem Flair. „Scared Stiff“ erklärt er „schrieb ich sehr schnell.“ Dabei borgte er der den Titel von von Jerry Lewis und Dean Martin, die damit in den 50ern einen schwarz angehauchten Comedy-Gag landeten. Musikalisch gibt er dazu ein harsches Stakkato, das peitschende Drums in den Mittelpunkt beamt. „The Wilderness“ beschreibt wiederum im Fast-Forward-Modus den anscheinend tief sitzenden Drang mancher – oder das Potenzial, andere ausgrenzen zu wollen, wie einst unsere Vorfahren in Stämmen.

Die Basis-Tracks nahmen Phillips und seine zwei Musikkumpels in nur vier Tagen im „Sound Emporium“-Studio in Nashville auf. An den Reglern saß Mike Stankiewicz, der am Berkley College of Music ganz offiziell Musikproduktion und -aufnahme studierte. „Er war so schnell, wir flogen nur so durch die Songs und Mike hat dabei keinen einzigen Knopf verpasst zu drücken.“ Für den glänzenden Endschliff bei Grant-Lee Phillips Widdershins sorgte dann Tucker Martine (Bill Frisell, The Decemberists). „Wir sprachen dieselbe Sprache und hatten vergleichbare Empfindungen,“ schwärmt Phillips. Der Sound geriet dabei unter streng audiophilen Maßstäben zwar nicht top, besticht jedoch durch Geschlossenheit, Druck und Homogenität.

Und da sind sie zudem wieder, die Verbindungen zu der 90er-Jahre-Band Grant Lee Buffalo: „Das war auch eine Zeit von intensiven sozialen Ängsten. Der Golfkrieg, die Ausschreitungen in L.A.“ Daraus schöpft Grant-Lee Phillips dennoch Hoffnung und Kraft. „Ich hoffe, dass ich meinen Glauben an diejenigen Menschen ausdrücken kann, die gute Ideen haben.“ Well done.

Grant-Lee Phillips Widdershins – das Cover
Grant-Lee Phillips Widdershins (Cover: Amazon)

Grant-Lee Phillips Widdershins  erscheint auf dem Label Yep Roc Records / H’art

Musik-Videos zum Album „Widdershins“:

„Walk In Circles“

https://www.youtube.com/watch?v=ZzMkmWvkQ8Q

 

und live:

 

Die besten Alben mit seiner Band Grant Lee Buffalo:

Das Debüt „Fuzzy“ aus dem Jahr 1993 sowie
„Mighty Joe Moon“ von 1994

Top-Musik-Videos:

„Fuzzy“ (Grant Lee Buffalo)

https://www.youtube.com/watch?v=5a2LJ4CCd7I

 

„Your Ghost“ (mit Michel Stipe von R.E.M.) – von Indie-Muse Kristin Hersh, die als Vor-Act von Grant-Lee Phillips live auftritt

Grant-Lee Phillips Widdershins
2018/03
Test-Ergebnis: 4,1
SEHR GUT
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Musik
Klang
Repertoirewert

Gesamt