Kraan Band
Die Herren Kraan: Hellmut Hattler (Bass, rechts ), Peter Wolbrandt (Gitarre, Gesang, links) und Jan Fride Wolbrandt (Schlagzeug). Mit "Sandglass" knüpfen sie an gekonnt alte Zeiten an

Kraan Sandglass: das Album der Woche

Ein Urgestein deutscher Musikgeschichte feiert mit seinem neuen Album ein beeindruckendes Comeback: Die Band Kraan liefert solide gemachte Songs mit kluger Progressive-Jazz-Rock-DNA und knüpft mit ihrem neuesten Werk an hochkreative alte Zeiten an: Kraan Sandglass ist unser Album der Woche

New York, Chicago, Paris, Ulm. Wenn es darum geht, Intellektualität und Kreativität regional einzuordnen, erklimmen oft globale Metropolen Top-Positionen das Ranking. Ulm? Nun, zumindest gibt es Ausnahmen. Dann nämlich, wenn bereits in jungen Jahren kosmopolite Musiker wie Hellmut Hattler (Bass), Peter Wolbrandt (Gitarre, Gesang) und Jan Fride Wolbrandt (Schlagzeug) am Werk sind. Ende der 60er Jahre jammten die Jungs, zu denen sich auch der Saxofonist Johannes „Alto“ Pappert in Ulm, um Ulm und um Ulm herum gesellte, in verschiedenen Formationen. Dabei loteten sie früh spielerisch die Bandbreite und Tiefe des Jazz-Kosmos aus – mit ihrer Band „Inzest“ frönten sie damals aber auch dem Rock. Vorbilder wie der Jazzer und Saxofonist Pharoah Sanders oder ein Frank Zappa beflügelten sie dabei.

Kraan 2020
Kraaniche unter sich. Von links: Peter Wolbrandt (Gitarre, Gesang), Jan Fride Wolbrandt (Schlagzeug) und Hellmut Hattler (Bass)

Das Album-Debüt der deutschen Jazz-Rocker erschien 1972 unter dem Namen Kraan auf dem Label „Spiegelei“. Zu dieser Zeit pendelten sie längst zwischen den Wahlheimaten Berlin und dem Teutoburger Wald, wo Kunst- und Musikfreund Graf Metternich seinen Gutshof Wintrup mietfrei zur Verfügung stellte. Dort entstanden auch Aufnahmen. Es geht die Legende, dass Tonmeister-Ass Conny Planck in den 70ern seine wertvollen Tonbandmaschinen im Schafstall aufgebaut haben soll.

Experimentelle Zeiten damals, selbstredend auch musikalisch. Dennoch währte diese Zeit nicht ewig. In einem Interview mit der „Welt“ bezeichnete Hellmut Hattler das Ambiente des Gutshofes selbstironisch als „Deutschlands erstes selbstverwaltetes Irrenhaus“ und zog 1978 aus. Bei den Kraan-Aufnahmen spielte auch das Münchner „Studio 70“ eine Rolle, damals beliebt bei Jazz- und Kraut-Rockern, aber auch Kraftwerk nutzten es für ihr Album Ralf & Florian.

Die „Kraaniche“ hielten eine berauschende Mischung aus Psychedelia, Jazz, Funk-Rock und arabischen Einflüssen parat – nebst opulent langen Stücken mit schon mal beinahe 20 Minuten, also einer ganzen LP-Seite, („Head“). Ihr Markenzeichen, beseelte und gleichzeitig handwerklich bravourös gespielte Instrumental-Songs. Kritiker verglichen die Deutschen einst gar mit der britischen Prog-Rock-Truppe Yes. Zusammen lieferten die vier bereits im Studio die Blaupause für aberwitzig überschäumende Live-Konzerte. Es folgten viele weitere feine Alben, die letztendlich auch für andere Bands prägend sein sollten.

Anno 2020 rieseln durchaus solch stilverwandte Songs durch das „Sandglass“: Herrlich erfrischend, Art-Rock-verliebt, mit Verneigungen vor Jazz-Rock und Sixties-Sounds. Aktuell besteht Kraan aus dem Trio Hattler/Wolbrandt/Wolbrandt. Doch im Laufe der Bandgeschichte mischten einige andere hochkarätige Musiker mit wie Udo Dahmen (Drums) oder Trompeter Joo Kraus, der hier ein Gastspiel mit „Pick Peat“ abgibt. Und Keyboarder Ingo Bischof, der 2019 verstarb und posthum auf das neue Album fand. „Ich habe in meinem digitalen Schallarchiv noch ein paar Keyboard-Files von Ingo gefunden, da er ja früher, bevor er krank wurde, mit seinen Klängen viele meiner Kompositionen angereichert hatte – und die Akkorde bei ‚Moonshine On Sunflowers’ sind nun sozusagen sein aktueller Beitrag aus dem Jenseits (vielleicht zur Abrundung unserer langjährigen Kraan-Freundschaft oder wie immer man so einen Vorgang nennen möchte…)“, so Kraan-Führer Hellmut Hattler.

Die Musik von Kraan Sandglass

„Die Arbeit an diesem Album ist in der Zeit des Lockdowns entstanden; jeder hat den jeweils anderen Kraanichen seine Files geschickt, und da alle ans Haus gefesselt waren und Zeit hatten, ging der Ideenaustausch ziemlich flott vonstatten und alle waren froh, diesem gespenstischen Zuhause-bleiben eine auf- und anregende, ja, leicht magische Arbeit entgegenstemmen zu können“, so Hattler. Hörer werden nicht nur mit dem fulminanten Team-Spiel belohnt, sondern auch mit einem sehr ausgewogenen Klangbild, das Tieftondruck und Feindynamik ebenso vermittelt wie authentische Klangfarben oder ein gutes Maß an Plastizität.

Souverän aufgetischten Jazz-Rock servieren Kraan mit den Songs „Budenzauber“ und „Schöner wird’s nicht“. Der Titeltrack „Sandglass“ wiederum strotzt von ausgefuchstem Rhythmusgespür inklusive Riff-Intro und Drums im Offbeat-Modus. „Funky Blue“ verbindet dank vehementem Schlagstockeinsatz treibende funky Rhythmen mit cool-chilligem Flow, in dem sich zackige Basslinien und strahlende E-Gitarren räkeln. „Solitude“ versprüht sympathischen Sixties-Charme – mit Peter Wolbrandts melodiös jauchzendem Gitarrensolo und einem poppigen Refrain. Auch „Moonshine On Sunflowers“ reiht sich in ein dezentes Sixties-Ambiente ein.

Trompeter Joo Kraus, wie erwähnt einst selbst Kraan-Mitglied, dominiert das Instrumental „Pick Peat“ wunderbar. „Path“ drückt dagegen Irritationen aus, wenn Zukunftsperspektiven gefährdet sind – musikalisch begeben sich so sanfte Melodiebögen auf der Suche zwischen Verzweiflung und Hoffnung. „Schöner wird’s nicht“, aus der Feder der beiden Wolbrandt-Brüder, imponiert mit einer beinahe unerhörten Spiel- und Wandlungsfreude im Kosmos des Schlagwerks, inklusive percussiver Afro- und Latino-Einsprengseln. „Das Meer“ schließlich wogt mit einer leichten Brise Beatles-Ambiente – als einziges deutschsprachiges Stück auf dem Album.

„Ich starre auf das Meer und wünsch mir etwas mehr Gelassenheit
in dieser öden Zeit.
Möwen ziehen dahin, bin froh, dass ich hier bin am weißen Strand –
und ich seh’, es tut weh, doch es ist vorbei.“

Nein, es ist hoffentlich lange nicht vorbei mit den Kraanichen 2.0.

Kraan Sandglass Cover
Kraan Sandglass (36music / Broken Silence) erscheint als CD, LP, MP3-Download oder Stream, und ist erhältlich z.B. bei amazon.de.
Kraan Sandglass
2020/11
Test-Ergebnis: 4,7
Überragend
Bewertungen

Gesamt

Top-Live-Alben aus der reichen Historie von Kraan

Kraan Live aus dem Jahr 1975
The Trio Years von 2018

Weitere Projekte von Hellmut Hattler

Live In Glems – mit der Sängerin Fola Dada
Siyou meets Hellmut Hattler – die Sängerin Siyou’n’Hell im Team mit Hattler

Autor: Claus Dick

Claus Dick
Musikfachmann seit Jahrzehnten, aber immer auch HiFi-Fan. Er findet zielsicher die best-klingenden Aufnahmen, die besten Remasterings und macht immer gern die Reportagen vor Ort.