Leonard Cohen Thanks For The Dance
When the music's over ...: Mit „Thanks For The Dance“ ist das endgültig letzte Kapitel im Schaffen von Leonard Cohen geschrieben. Sohn Adam beschenkt den verstorbenen Vater und uns mit berührenden Ausarbeitungen von neun finalen Songs, in denen nochmals der ganze Geist dieses unvergessenen Songpoeten destilliert wurde.

Leonard Cohen Thanks For The Dance – das Album der Woche

Vor seinem Tod im November 2016 hinterließ Leonard Cohen nicht nur sein Abschiedswerk You Want It Darker, sondern auch einige wenige weitere Gedichte und Songskizzen. Diesen Nachlass verwandelte Sohn Adam nun in ein bewegendes, definitiv letztes Album. Leonard Cohen Thanks For The Dance bringt musikalischen Existenzialismus in Bestform – und weise letzte Worte eines großen Songpoeten.

Zwei große Biografien, zwei parallele Entwicklungen: In ihrer letzten Lebensphase schufen sowohl Johnny Cash als auch Leonard Cohen nochmals Werke mit Ewigkeitscharakter. Perspektivisch ganz unterschiedlich sind der amerikanische Country-Gott und der Pop-Philosoph aus Kanada dabei vorgegangen: Johnny Cash nahm nochmals intensiv Kontakt mit der Welt da draußen auf, bearbeitete Lieder von ein bis zwei Generationen jüngeren Rockern wie Nine Inch Nails oder Danzig, von Popikonen wie Lennon/McCartney, Neil Diamond und U2 sowie von großen Songwriter-Barden wie Tom Waits bis Nick Cave – und schuf mit seinen American Recordings  Coverversionen mit Gänsehautpotenzial, die den Geist der jeweiligen Songs quasi bis aufs Skelett freilegten. Leonard Cohen hingegen suchte sich für seine letzten Monate und für seinen ebenfalls ökonomisch streng, wenngleich fast sakral arrangierten Schwanengesang You Want It Darker  den schönsten und schlimmsten Gegner aus, der sich denken lässt: das eigene Ich. So unterschiedlich die Richtungen, so identisch das Ergebnis: Cash wie Cohen formulierten in ihren finalen Arbeiten einen musikalischen Existenzialismus von beklemmender Intensität.

Doch im Zuge der You Want It Darker-Sessions entstanden noch weitere Songskizzen: Gedichte, von Cohen eingesprochen, teilweise sparsam, teilweise gar nicht instrumentiert. Sohn Adam Cohen nahm dieses Material mit genügend Abstand nach dem Tod des Vaters nun unter seine Fittiche und produzierte daraus unter dem Titel Thanks For The Dance ein posthumes Album-Vermächtnis.

Und Cohen jr. hat dabei vieles, fast alles richtig gemacht und bewies als „Musical Director“ ein feines Händchen, den Geist des Vaters ein letztes Mal lebendig werden zu lassen. Mit dabei: eine erlesene Schar an Gastmusikern, die sich auf Thanks For The Dance mit letzten musikalischen Grüßen vom verstorbenen Freund und Vorbild verabschiedet. Als da wären: der iberische Saiten-Allrounder und langjährige Cohen-Konzertbegleiter Javier Mas, der an Bandurria (einer  spanischen Laute) und auf Cohens eigener akustischer Gitarre keinen Ton zu viel zupft, aber jeden davon mit Tiefe und Erhabenheit auflädt und eigens von Barcelona nach Los Angeles flog, um in Cohens Anwesen nahestmöglich am Ort aller Emotionen zu sein. Ebenfalls in L.A. spielten  die langjährige Cohen-Vertraute Jennifer Warnes (background vocals) und Beck (an Gitarre und Maultrommel) ihre Parts ein. Am Rande des Berliner „People Festival“ wiederum fanden Damien Rice und Leslie Feist Zeit für einige Gesangsspuren.

Die Puzzle-Teile von Leonard Cohen Thanks For The Dance

Richard Reed Parry von Arcade Fire steuerte Bass-Parts bei, Bryce Dessner von The National spielte Gitarre, Komponist Dustin O’Halloran ist am Klavier zu hören, der Berliner Chor Cantus Domus sang, und auch das „S t a r g a z e Orchester“, von dem Berliner Dirigenten André de Ridder als faszinierendes Grenzgänger-Ensemble zwischen E- und U-Musik gegründet, griff in die Saiten und Tasten. In Montreal schaute Daniel Lanois bei den Sessions vorbei und schrieb einige Partituren, und der israelische Shaar-Hashomayim-Chor, dessen Gesänge im Zentrum von You Want It Darker  standen, erhebt im Titelsong „Thanks For The Dance“ seine feierlichen Stimmen. Die finale Abmischung besorgte schließlich Michael Chaves, der auch You Want It Darker  betreut hatte.

Mit sicherer Hand inszeniert diese Trauergemeinde dieses Album als würdevolles Defilée, das in leiser Zurückhaltung auf Cohens Spuren wandelt. Als prägendste Elemente durchziehen leise spanische und Latin-Music-Einflüsse einen Großteil der neun Songs, etwa in „Moving On“, das mit Flamenco-Handclaps überrascht. Im Titelsong mischen sich gar versöhnliche, zarteste Walzerklänge ins von Laute und Bläsern dominierte Arrangement. Doch stets ist die Gangart am Geist des Protagonisten Cohen orientiert, dessen charismatischer Bassbariton auch hier wieder jede Silbe seiner hochrhythmischen Texte zum puren Hörgenuss macht.

Leonard Cohen: The final last words

Und als Lyriker und Poet beschenkt uns Cohen ein letztes Mal mit seiner unnachahmlichen Mischung aus Tiefgang und Leichtigkeit und zeigt sich als Philosoph und Seelenbeschauer, der mit lakonischem, feinsinnig altersmildem Ton das Mysterium der menschlichen Existenz und immer wieder sich selbst besichtigt. „I was always workin‘ steady but I never called it art / I got my shit together meeting Christ and reading Marx / It failed my little fire but it spread a dying spark / Go tell the young Messiah what happens to the heart“ heißt es zu Beginn in „Happens To The Heart“, einem der eindringlichsten Lieder nicht nur von Thanks For The Dance – stets habe er sich bemüht, doch das Getane Kunst zu nennen, hätte er nie gewagt. Ja, seinen Laden habe er einigermaßen zusammengehalten, Jesus getroffen und Marx gelesen, sein kleines Feuer wurde dabei nicht entzündet, aber ein letzter Funke breitete sich denn scheinbar doch aus – „also geh und erzähle dem jungen Messias, was mit dem Herzen passiert.“ Und in „Thanks For The Dance“ bilanziert Cohen: „It was hell, it was swell, it was fun“ – „das Leben war die Hölle, war ein Knüller, war ein Spaß“.

So dachte und schrieb und sprach dieser vielleicht größte aller zeitgenössischen Pop-Poeten also in den Wochen vor seinem Tod, der als „Fürst der Finsternis“ so unzureichend beschrieben wäre: ein großer Humanist war dieser Cohen, dem nichts Menschliches fremd und alles Unmenschliche zuwider war, der sich aber nicht über die Abgründe der menschlichen Existenz hinwegtäuschte, sondern ihnen furchtlos ins Auge sah. So ist es auch und vor allem diese Dichtkunst, die Leonhard Cohen Thanks For The Dance zum Ereignis macht, so sind es diese letzten Blicke zurück auf ein erfülltes, großes Leben, auf gute und weniger gute Zeiten, die unter die Haut gehen: Im fast geflüsterten „The Hills“ dankt Cohen den Ärzten und ihren Pillen, die ihn am Leben erhielten; in „The Night Of Santiago“ holt er eine beseelte Liebesnacht in der chilenischen Hauptstadt aus den Tiefen seines Gedächtnisses wieder ans Tageslicht: „Though I’ve forgotten half my life / I still remember this“ – „obwohl ich die Hälfte meines Lebens vergessen habe, daran erinnere ich mich genau.“

Nach nicht sehr langen, aber hochintensiven 30 Minuten endet dieser musikalische Existenzialismus mit einem finalen, fast ultimativen Appell, der die Verhältnisse wieder zu Recht rückt: „Listen to the hummingbird, whose wings you cannot see / Listen to the hummingbird, don’t listen to me / Listen to the butterfly, whose days but number three / Listen to the butterfly, don’t listen to me“, rät Cohen uns Zuhörern. Den Kolibris mit ihrem unsichtbaren Flügelschlag möge man zuhören, oder den Schmetterlingen, diesen weisen Überlebenskünstlern, deren Leben manchmal kaum drei Tage währt – „aber hört nicht auf mich.“

Mehr muss nicht mehr gesagt werden, mehr gibt es nicht zu sagen und mehr wird nicht mehr kommen. Die Frage, ob noch weitere Songs im Archiv schlummern, beantwortete Adam Cohen anlässlich der Veröffentlichung von Thanks For The Dance jedenfalls eindeutig: „Nein. Das war’s.“

Leonard Cohen Thanks For The Dance
Leonard Cohen Thanks For The Dance erscheint bei Columbia im Vertrieb von Sony Music und ist erhältlich als CD, LP und Download (Cover: Amazon)
Leonard Cohen
Thanks For The Dance
 
2019/12
Test-Ergebnis: 4,5
ÜBERRAGEND
Bewertungen
Musik
Klang
Repertoirewert

Gesamt


Autor: Christof Hammer

Christof Hammer
Seit vielen Jahrzehnten Musikredakteur mit dem Näschen für das Besondere, aber mit dem ausgewiesenen Schwerpunkt Elektro-Pop.