Lucinda Williams
"Good Souls Better Angels" ist eine Stunde lang bester Rock, Folk und Country von einer Songwriterin, der das Leben manche Wunde geschlagen hat.

Lucinda Williams Good Souls Better Angels – das Album der Woche

Als Songwriterin mit drei Grammys ausgezeichnet, als Gitarristin eine Koryphäe, als Sängerin ein Ereignis: Seit knapp vier Jahrzehnten gehört Lucinda Williams zu den führenden Ladies der amerikanischen roots music. Nun geht sie die nächsten Schritte auf ihrem Weg von Country und Americana hin zu intensivem Blues-Rock der Extraklasse: Lucinda Williams Good Souls Better Angels ist unser Album der Woche

Lucinda Williams war bereits 45 Jahre alt, als ihr nach zwei eher zähen ersten Jahrzehnten im Musikgeschäft der kommerzielle Durchbruch  gelang: 1998 trug sie mit Car Wheels On A Gravel Road entscheidend dazu bei, den lange Jahre eher traditionsverbundenen US-Countryrock zum alternativ angehauchten Americana-Sound zu verwandeln – und zwar als mit die erste weibliche Vertreterin ihrer Zunft. Der verdiente Lohn: eine goldene Schallplatte in den USA, ein Grammy als bestes zeitgenössisches Folk-Album des Jahres und die längst überfällige Anerkennung als eine des großen Persönlichkeiten der US-Country-, Folk- und Blues-Szene. „Sie ist ein Beispiel für das Beste, was Countrymusik zumindest behauptet zu sein“, wusste Emmylou Harris schon geraume Zeit vor Car Wheels … – „aber aus irgendeinem Grund wird sie nicht wahrgenommen. Ich habe das starke Gefühl, dass der Countrymusik dadurch etwas entgeht.“

Seither sind zu Lucinda Williams‘ Vita nicht nur zwei weitere Grammys, sondern vor allem auch 22 weitere Lebensjahre hinzugekommen, und die Lady aus Louisiana macht nicht den geringsten Hehl daraus, dass der Zahn der Zeit seine Spuren hinterlässt. Unübersehbar vom Leben gezeichnet zeigt sie sich auf den Cover- und Pressefotos zu ihrem neuen Album: kein bisschen gephotoshopped die Optik, und das Make-up, das sie trägt, dient eher dazu, die Wunden von inzwischen 67 Jahren zu kaschieren als mit weiblichen Reizen zu kokettieren.

Die Musik von Lucinda Williams Good Souls Better Angels

Mit der Musik dazu verhält es sich ebenso. Good Souls Better Angels bringt 59:48 real stuff: ungeschminkte, authentische roots music, rauh wie Schmirgelpapier, schwarz wie Kaffee, zäh wie Teer – ein Dutzend intensiver Kompositionen, bis unters Dach vollgetankt mit Emotionen, mal sorgsam reflektiert und sanftmütig abgefasst, dann wieder ungestüm direkt aus dem Bauch und aus der Seele heraus vorgetragen.

Lucinda Williams
Diese Lady hat den Blues – und zeigt es auch: Auf Good Souls Better Angels begeistert Lucinda Williams mit furios-fiebrigen Zwölftaktern vom Feinsten.

Die Zeichen stehen dabei schwerpunktmäßig auf Blues und Rock. Los geht’s mit zwei veritablen Zwölftaktern, und sowohl „You Can’t Rule Me“ als selbstbewusstem Statement von femininer Unabhängigkeit als auch dem „Bad News Blues“ über die momentane Flut an schlechten Neuigkeiten gelingt das Kunststück, gleichermaßen zu rumpeln als auch zu swingen. Schon hier zeigt sich die musikalische Ausnahmekonstellation, die hinter  Lucina Williams Good Souls Better Angels steckt: Zwar steht allein Williams‘ Name auf dem Plattencover, doch hört man hier kein Soloalbum, sondern eine seit langem bestens aufeinander eingespielte Band, die diesem Sound nicht nur viel Virtuosität, sondern auch die nötige Portion Dreck und Straßenstaub mitgibt.

Auch die Stones der frühen Siebzigerjahre könnten diese beiden Auftaktsongs jedenfalls kaum besser spielen als dieses aus Butch Norton (Schlagzeug), Stuart Mathis (Gitarre) und David Sutton (Bass) bestehende Trio. Geriet schon der Auftakt furios, so schaufeln Lucinda und ihre Männer in „Man Without A Soul“ noch mehr Kohle ins Feuer: Vor allem Stuart Mathis, der als Studiomusiker und Session-Player schon Aufnahmen und Konzerte von Kolleg*innen wie Chris Isaak, LeAnn Rimes oder den Indigo Girls veredelte und seit 2007 zur Kernbesetzung der Wallflowers zählt, reißt hier Sounds von den Saiten, die Cracks wie Jimi Hendrix, John Lee Hooker, Buddy Guy oder Joe Bonamassa alle Ehre machen. Und seine Chefin lässt – keine Selbstverständlichkeit – diesem guitar slinger der Extraklasse den nötigen Raum, um seine Fähigkeiten und seine Soundpalette von grobkörnigen, röhrenden Riffs und funkelnden Soli auch ausgiebig auszuspielen.

„Big Black Train“ nimmt danach zwar das Tempo raus, aber nicht die Intensität. Lucinda Williams spricht hier das Thema Depression an und macht den inneren Kampf gegen diesen unsichtbaren Seelenfresser fühlbar. „I don’t wanna get on board on that big black train“, sinniert sie mit sanftem Tremolo – nein, sie will sich nicht hineinzerren lassen in den großen schwarzen Zug, denn sie wisse nicht, ob sie jemals wieder würde aussteigen und in ein normales Leben zurückkehren können. Dezent surren dazu die Gitarren, die Rhythmik federt zart – mehr braucht es nicht für eine Ballade mit Gänsehaut-Garantie.

Auch in „Wakin‘ Up“ genügt ein klar strukturiertes Instrumentarium mit scharfkantigen Riffs und fieberhaften Drums, um eine geisterhafte Atmosphäre voll maximaler Eindringlichkeit zu skizzieren, ehe Mathis‘ E-Gitarre ab 2:20 wie eine außer Kontrolle geratene Kreissäge dieses alptraumhafte Szenario durchpflügt.

Mag Mathis mit seinen Gibson- und Fender-Gitarren auch der Star in den Arrangements sein, so sollte die Rolle von Butch Norton indes nicht unterschätzt werden. Der Mann an der Schießbude besitzt nicht nur einen kernigen Punch, sondern verfügt auch über einen wunderbar luftigen Anschlag. In dem sanft schimmernden „When The Way Gets Dark“ oder in „Shadows And Doubts“ (das im Hintergrund noch eine leise Orgel hinzutreten lässt) vermag Norton denn auch filigrane Rhythmen zu klöppeln, so luftig wie die Beats, auf denen ein Daniel Lanois gerne seine hauchfeinen Art-Folk-Pretiosen schweben lässt.

Und Lucinda Williams selbst? Zeigt, welch vorzügliche Sängerin in ihr steckt: durchleidet ihre Texte mit Haut und Haaren, zerkaut die Silben, gurgelt die Konsonanten und dehnt die Vokale, kann zart wie ein Engel säuseln, aber auch so kernig raunen und bellen wie eine Kellnerin, die in einem Truck-Stop den harten Jungs entlang der amerikanischen Highways pfundweise Burger, Beef und baked beans übern Tresen pfeffert. Und zeigt sich als Songwriterin, die ihr Talent nicht an textliche Banalitäten verschwendet, den Blick auf die Schattenseiten des Lebens nicht verweigert, sondern sich selbst und der Welt bewusst ins Antlitz schaut. Zu sehen beispielsweise: häusliche Gewalt („Wakin‘ Up“), die von den Lügnern, Heuchlern, Betrügern und Gierhälsen dieser Welt verursachte Flut an miesen Nachrichten („Bad News Blues“) oder die gefährlichen Schattenseiten der urteilenden und verurteilenden sozialen beziehungsweise asozialen Medien („Shadows And Doubts“).

Nach einer fiebrigen („Pray The Devil Back To Hell“) und einer feingliedrigen Ballade (das erwähnte „Shadows And Doubts“) geht es schließlich ins rockige Schlussviertel des zwölf Songs starken Sets – wieder mit der fauchenden Gitarre von Stuart Mathis, der sich in „Bone Of Contention“ und „Big Rotator“ auch als Meister im Umgang mit dem Wah-Wah-Pedal erweist.

In „Good Souls“ erinnert Lucinda Williams sich zum Finale schließlich an all jene, die sie in ihrem Leben begleitet, ihr in Momenten der Schwäche neue Kraft gegeben und sie wieder auf den richtigen Weg zurückgebracht haben, als sie ins Straucheln geriet: bewegende Dankesrede an die guten Seelen und die über uns wachenden Engel, ohne die es nicht geht im Leben.

 

Lucinda Williams Good Souls Better Angels Cover
Lucinda Williams Good Souls Better Angels erscheint bei Highway 20 / Thirty Tigers im Vertrieb von Bertus/Membran und ist erhältlich als CD, Doppel-LP und Download (Cover: Amazon)

 

Lucinda Williams
Good Souls Better Angels
2020/05
Test-Ergebnis: 4,5
ÜBERRAGEND
Bewertungen
Musik
Klang
Repertoirewert

Gesamt

Videolinks:

You Can’t Rule Me
Man Without A Soul

Lucinda Williams live in Concert – heute um 19 Uhr auf musikexpress.de, rollingstone.de und metal-hammer.de

Die Kollegen von Musikexpress, Rolling Stone und Metal Hammer sowie der TV-Kanal Magenta Music 360 haben sich zusammengetan, um auch in Corona-Zeiten Livemusik zeigen zu können. Am 5. Mai 2020 im Rahmen der #DaheimDabeiKonzerte zu sehen: Lucinda Williams mit Songs ihres neuen Albums Good Souls Better Angels – live um 19 Uhr auf musikexpress.de, rollingstone.de und metal-hammer.de“
Die Setlist ihres Privatkonzertes:
  • You Can’t Rule Me
  • Bad News Blues
  • Stop Breakin‘ Down (*Robert Johnson)
  • When The Way Gets Dark

Autor: Christof Hammer

Christof Hammer
Seit vielen Jahrzehnten Musikredakteur mit dem Näschen für das Besondere, aber mit dem ausgewiesenen Schwerpunkt Elektro-Pop.