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Me+Marie Double Purpose
Maria „de Val“ Moling (ehemals Ganes) und ihr Kompagnon Roland Vögtli lassen als Me+Marie die Saiten so krachen, als kämen sie nicht aus Südtirol beziehungsweise der rätoromanischen Schweiz, sondern aus Seattle oder Portland

Me+Marie Double Purpose – die CD der KW 35

Alternative-Rock mit dem gewissen Etwas: Die Formation Me+Marie zeigt sich auf ihrem zweiten Album Me+Marie Double Purpose als gemischtes Doppel, das völlig anders klingt, als es seine alpenländische Herkunft vermuten lässt.

Sie: Südtirolerin mit starker Heimatverbundenheit. Er: Rätoromane mit … genau. Doch wenn sich die Sängerin, Gitarristin und Schlagzeugerin Maria „de Val“ Moling und der Sänger/Gitarrist Roland „Scandella“ Vögtli als Me+Marie zusammentun, hört man von ihrem jeweiligen Background so gut wie gar nichts mehr. Sicher: In einer längst zum globalen Dorf mutierten Welt, in der sich Kulturen aus aller Herren Länder ständig neu konfigurieren, mag es nicht weiter ungewöhnlich sein, wenn bei einer alpenländischen Band nichts nach dem Alpenland klingt. Dennoch ist dieses Projekt vor allem für Maria Moling ein Akt höchster musikalischer Verwandlung. Beherzt springt die 34-Jährige aus La Val im dolomitischen Gadertal hier von der traditionsgefärbten Volksmusik ihrer bisherigen Band Ganes direkt in Alternative-Rock-Gefilde hinüber.

Noch bis zum Herbst 2017 komponierte, spielte und sang Moling mit ihren beiden Cousinen Marlene und Elisabeth Schuen bei Ganes ganz nah an ihrer heimatlichen Wurzeln. Der Bekanntheitsgrad dieser ladinischen Band verhält sich dabei ungefähr proportional zu dem der bayerischen Alpen: bis knapp vor München deutlich präsent; nördlich davon quasi unsichtbar. Für Menschen Nord, Ost und West: Die Volksgruppe der Ladiner bildet am südlichen Rand der Dolomiten auf Südtiroler Terroir eine Bevölkerungsminderheit, die eine eigene Sprachengemeinschaft bildet – nur rund 35.000 Menschen beherrschen noch einen der insgesamt sechs ladinischen Dialekte. Bekannteste Gruppe der Ladinier: das Trio Ganes, das Folklore seit 2010 mit Jazz und sogar Elektronik in Verbindung brachte.

Einen ähnlichen biografischen Background besitzt auch Roland Vögtli – er gehört wie zirka 0,5 Prozent der Schweizer Bevölkerung zur Gruppe der im Kanton Graubünden beheimateten Rätoromanen. Nach zwei Bandprojekten namens Andajor und Nau sowie etlichen Jahren als Radio-Musikredakteur ging es für Vögtli schließlich 2015 los mit Me+Marie; ein Jahr später folgte mit „One Eyed Love“ das Albumdebüt. „Wir sind nicht cool, wir spielen nur zufällig in einer Band“, kommentiert Maria diese Konstellation. „Warum wissen wir nicht, aber es fühlt sich gut an. Solange das so ist, machen wir es weiter.“

Genau so lakonisch und völlig ungestelzt klingt auch die Musik von Me+Marie Double Purpose. Das Duo spielt einen Saitensound, der die Uhr um 25, 30 Jahre zurückdreht, ungemein trocken und ohne jedes Makeup seine Kreise zieht und den Grunge und Alternative-Rock der frühen 90er-Jahre revitalisiert. Das Gitarrespielen teilen sich Maria und Roland dabei ebenso paritätisch wie die (durchweg englischen) Gesangsparts; Maria übernimmt zusätzlich noch das Schlagzeugspiel. In der Bühnenversion verstärken seit Kurzem noch Bass und Keyboards das Lineup, was zu einem Plus an Dynamik und Klangfarbenreichtum führt, ohne aber die Wucht und Direktheit dieses Sounds zu schmälern. Präsent, aber nicht überbetont ist auch die weibliche Komponente dieses Alternative-Rock-Entwurfs: Maria Moling, gegenüber Vögtli vokal etwas präsenter, wandelt hörbar, aber durchaus eigenständig in den Fußstapfen von „Schwestern im Geist“ wie PJ Harvey, dem Breeders-Duo Kim Deal & Tanya Donnelly oder aktuell der höchst hörenswerten australischen Rocklady Courtney Barnett.

Die Musik von Me+Marie Double Purpose

Erdig und unmittelbar, nach den Brutstätten des amerikanischen Indierock wie Portland oder Seattle klingt das elf Songs starke Programm von Me+Marie Double Purpose – exemplarisch zu beobachten in „Sad Song To Dance“, das mit einem an perfektem Minimalismus kaum zu toppenden Riff eröffnet. „Children Of Money“ brettert direkt im Anschluss dann 3:04 so knochentrocken und staubig voran, dass auch Freunde von Stoner-Rock-Bands wie den Queens Of The Stone Age ihre helle Freude haben dürfen.

In „Still Water“ nehmen Me+Marie erstmals den Fuß vom Gas, ohne freilich in radiotaugliche Kuschelrock-Muster zu verfallen. Gleiches gilt für „The Only Ones“, das ebenfalls das Zeug zur Ballade hätte – würde das Arrangement nicht auf jede Lieblichkeit verzichten. Mehr noch: Nach 3:30 verwandelt sich das anfangs beschauliche tête-a-tête zwischen ihm und ihr in ein kakophonisches Gewitter, die Gitarren bäumen sich auf wie zwei Körper im Liebesspiel.

So vital, natürlich und von Spontaneität getragen als wäre sie gar nicht „richtig“ ausproduziert, wirkt diese Aufnahme über die gesamten knapp 45 Minuten hinweg: direkt, leidenschaftlich, ungeschminkt. Eine Illusion, natürlich – auch für Me+Marie Double Purpose wurde sorgfältig im Studio gearbeitet. Doch Kurt Ebelhäuser (Blackmail) gelang in seinem Koblenzer „Tonstudio 45“ das Kunststück, eine sorgfältige Produktion in eine formvollendet rudimentär und roh klingende Abmischung zu kleiden. Da passt prächtig zur gemeinsamen Gangart dieses gemischten Doppels, das sich viel Zeit für seine Töne nimmt und nicht in erster Linie Tempo und Lautstärke benötigt, um Druck, Intensität und Dynamik aufzubauen. Vielmehr basiert der Sound auf einer konzentrierten, kontrollierten Hitzigkeit – „Bon Voyage“ in der Mitte des Programms verkörpert, obwohl im unteren Tempobereich angesiedelt, diese vibrierende Atmosphäre höchst eindrucksvoll.

Und immer wieder blitzt in Me+Marie Double Purpose auch eine subtile Southern-Rock-Atmosphäre auf; in „Another Place To Go“ darf die Gitarre gar dezent Spaghetti-Western-Stimmungen beschwören. Und selbst Konventionelles wie „Nothing At All“ tönt so intensiv, als hätten sich Me+Marie beim Aufnehmen kannenweise mit starkem schwarzem Kaffee unter Strom gesetzt. Diese Atmosphäre gespannter Wachheit durchzieht jeden Song dieses Albums; von „Children Of Money” das zynisch-zweifelnd den Finanzhaien in den Bankenviertel dieser Welt auf die Finger schaut, bis zu „Still Water”, das eine Begegnung der dritten Art an einem morgendlichen Waldsee schildert. „Shine Out Loud” leuchtet ins Unterbewusstsein der Generation MTV hinein, in „The Only Ones” geht es im Helikopter-Modus durch dystopische Wüstenlandschaften.

Immer wieder finden auch die beiden Stimmen zum Duettgesang zusammen. Mal klingt das nach einem liebevollen Flirt, immer mal wieder aber auch nach einem Ringen mit- und gegeneinander – dann wirkt diese Musik wie ein elektrisches Feld, bei dem zwischen Plus- und Minus-Pol immense Spannung fließt. Wie gut das alles funktioniert, konnte man kürzlich auch live erleben, als Me+Marie in ersten 2018er-Auftritten im Vorprogramm der Tex-Mex-/World-Music-Institution Calexico gastierten.

Ab Oktober sind Me+Marie auch auf einer eigenen Herbst-/Wintertournee unterwegs. Die Termine:

07.10. Karlsruhe – Substage
09.10. Leipzig – Werk 2
10.10. Erfurt – Museumskeller
11.10. Berlin – Badehaus
12.10. Hamburg – Nochtwache
13.10. Bremen – Tower
15.10. Haldern – Haldern Pop Bar
16.10. Köln – Blue Shell
17.10. Luxemburg – De Gudde Wellen
18.10. Saarbrücken – Studio 30
20.10. Bayreuth – Kneipenfestival
24.10. Stuttgart – White Noise
11.12. Dresden – Ostpol
12.12. Wiesbaden – Schlachthof
13.12. Ulm – Roxy
14.12. Weide – Sünde

Me+Marie Double Purpose Cover
Me+Marie Double Purpose (Cover: Amazon)

Me+Marie Double Purpose erscheint bei Capriola/Blanko Musik im Vertrieb von Sony Music und ist erhältlich als CD, LP und MP3-Download.

Musik: 4-5
Klang: 4
Repertoire: 4-5
Gesamtnote: 4,3

Bildtext: Alternative-Rock mit alpenländischen Wurzeln: Maria „de Val“ Moling (ehemals Ganes) und ihr Kompagnon Roland Vögtli lassen als Me+Marie die Saiten so krachen, als kämen sie nicht aus Südtirol beziehungsweise der rätoromanischen Schweiz, sondern aus Seattle oder Portland.

Me+MarieDouble Purpose
2018/08
Test-Ergebnis: 4,4
SEHR GUT
Bewertungen
Musik
Klang
Repertoirewert

Gesamt