Home / Musik und Film / Musik / Poly Stereo Aquanaut: HiRes Elektropop aus den Abbey Road Studios
Poly Stereo Aquanaut: Janina Dietz & Tobias Wendl in den Abbey Road Studios
Das Duo Poly Stereo hat mit Aquanaut ein sehr nettes Elektropop-Album eingespiel – und das mit bestem High-End-Equipment (Fotos: T. Wendl)

Poly Stereo Aquanaut: HiRes Elektropop aus den Abbey Road Studios

Was passiert, wenn sich eine begnadete Pianistin, Sängerin und Synchron-Sprecherin sich mit einem ebenso guten und äußerst audiophil geprägten Toningenieur (der ebenfalls Pianist und Komponist ist) zusammentut, um gemeinsam Musik zu machen? Es entsteht ein blitzsauberes Werk. Oder anders herum: Das Duo Janina Dietz/Tobias Wendel haben unter dem Bandnamen Poly Stereo mit Aquanaut ein veritables Debut-Album eingespielt. Geholfen haben dabei sicherlich die hohen klanglichen Ansprüche des musizierenden Tonmeisters und dessen exzellente Kontakte in die Studio- wie in die High-End-Szene: Poly Stereo Aquanaut wurde in den Abbey Road Studios in London abgemischt – mit einem Röhrenverstärker von Westend Audio und Lautsprechern von Gauder Akustik.

Janina Dietz & Tobias Wendl in den Abbey Road Studios
Janina Dietz und Tobias Wendl in den Abbey Road Studios (Fotos: T. Wendl)

The making of Poly Stereo Aquanaut

Film-Fans kennen ihre Stimme. Janina Dietz gibt vielen weltweit angesagten Stars und Sternchen eine deutsche Stimme, die Synchron-Datei reiht dutzende bekannter Charaktere auf, die sie bereits gesprochen hat oder aktuell noch spricht. Diese Arbeit zwingt zu einer akzentuierten Aussprache – was man auch bei ihrer Musik hört. Tonmeister Tobias Wendl ist bekannt dafür, gern andere Wege einzuschlagen. Und so begab er sich für das Erstlingswerk nicht in das nächstbeste Studio, sondern in die erste Adresse überhaupt: die Londoner Abbey Road Studios.

Als Musik- und HiFi-Fan kennt man die legendären Studios natürlich. Die Beatles haben hier ihre LPs aufgenommen. Pink Floyds Dark Side Of The Moon entstand hier unter der tatkräftigen Mithilfe eines Tonmeisters namens Alan Parson… Aber die Londoner Studios sind auch bekannt, weil es eine seit Jahrzehnten währende Zusammenarbeit mit B&W gibt, die hier seit langer Zeit mit ihren Lautsprechern der 800er Serie für den guten Ton sorgen.

Tobias Wendl in den Abbey Road Studios 3
Da lässt sich arbeiten: Tobias Wendl an einer riesigen Neve-Konsole. Dahinter eine Phalanx aus drei B&W 801 (Fotos: T. Wendl)

Doch dem High-End-infizierten Tobias Wendl war B&W nicht genug; er brachte seine eigenen Abhör-Lautsprecher mit, die Gauder Berlina RC3. Und weil er wusste, dass die RC3 klaglich gut mit dem herausragend guten Westend Audio Monaco (Push-Pull-Röhrenverstärker mit 2 x 100 Watt) harmoniert, hatte er den ebenfalls im Gepäck. Wendel: „Sowohl der Verstärker als auch die Lautsprecher sind der Hammer. Damit höre ich ALLES. Meines Wissens nach waren wir die Ersten, die in Abbey Road Fremdlautsprecher mitbringen durften. Allein das macht diese Aufnahme schon besonders.“

Westend Audio Monaco in den Abbey Road Studios 1
Zum Abhören nutzte Wendl sein eigenes Equipment: Westend Audio Röhrend-Amp Monaco und Gauder Kompaktbox Berlina RC3 (Fotos: T. Wendl)

Aber die Abbey Road Studios sind nicht nur wegen der alten Tage legendär, sondern auch heute noch extrem gefragt. Sie sind ständig ausgebucht und die Prominenz gibt sich quasi die Klinke in die Hand. Bei Wendls letzter Aufnahme spürte er, dass jemand hinter ihm stand: das war Peter Gabriel, der mal schauen wollte, wie andere Leute ihre Arbeit machen. Wendel: „Die Atmosphäre in den Abbey Road Studios ist einzigartig. Aber nichts ist so geil wie der Raum 2. Hier haben die Beatles ihr Revolver-Album aufgenommen. Der Sound ist genial. “

Das liegt auch an der Ausstattung. Es gibt hier beispielsweise mehrere Fairchild 670, ein Röhren-Kompressor aus den 1950er Jahren. Er gilt mit seinen Röhren und seinem Gewicht von knapp 30 Kilo als der „heilige Gral“ unter den Kompressoren. Das gute Stück kostet heute immer noch weit jenseits der 25.000 Euro. „Früher“, so Wendl, „nahm man ihn nur als Limiter. Aber er gibt den Drums so eine wunderbare Farbigkeit…“ Heute ist er einer der gefragtesten Kompressoren überhaupt. Doch auch die – selbstverständlich analogen – Mischpulte zählen zum Besten, was überhaupt zu haben ist: der Poly Stereo Aquanaut entstand auf  einem Mischpult von Solid State Logic und einer EMI Mastering Console.

EMI Mixing Console @ Abbey Roads Studios
Die EMI Mastering Console ist ein Riesen-Trumm und – nach alter Väter Sitte – komplett analog aufgebaut (Fotos: T. Wendl)

Das Duo Dietz/Wendl hat schon früh in seiner Zusammenarbeit einen hohen Anspruch an das Equipment formuliert. Deshalb kamen ihnen die Möglichkeiten der Abbey Road Studios entgegen. Beide spielen Piano und Synthesizer, Wendl auch noch den Bass. Die Synthesizer sind allesamt analog. Das ist ihnen wichtig. Wie auch der Umstand, mit Menschen statt mit Computern zu spielen. Für die Aufnahmen zu Poly Stereo Aquanaut holten sich die beiden daher „echte“ musikalische Unterstützung: von Rainer Huber, der auf allen Stücken die Drums bedient, von Roland Bürger, der ebenso virtuos die Gitarre einspielt und von Manuel Druminski, der angeblich die Violine beisteuert. Die habe ich – ehrlich gesagt –  nicht gehört. Aber irgendwo wird er zu hören sein…

Die Musik und das Mixing machten Dietz & Wendl selbst, das Mastering übernahm einer der Profis vor Ort: Auch Geoff Peschte machte – wie auf Aquanaut zu hören ist, einen exzellenten Job.

Geoff Pesche @ Abbey Road Studios
Gemastered wurde der Aquanaut von Geoff Pesche, Tonmeister in den Abbey Road Studios London (Fotos: T. Wendl)

Die Musik von Janina Dietz und Tobias Wendl

„Unsere Musik“, sagten die beiden im LowBeats Interview, „ist inspiriert vom Westcoast Sound.“ Davon konnte ich nur wenig zu hören. Poly Stereo Aquanaut ist ein urbanes Elektropop-Album reinsten Wassers, das in meine Ohren eher europäisch klingt. Aber ist ja egal: es ist einfach gut gemacht.

Zehn Stücke umfasst das Album, alle zwischen 3,5 und 5 Minuten lang. Mit dem Hit-verdächtigen „Love 101“ beginnt ein schöner Mix aus tanzbaren Disco-Stücken (Magic Cape) oder getragenen Balladen wie „The Arms Of The Ocean“ oder dem Titelstück „The Aquanaut“. Alle Stücke sind fein arrangiert und klingen, als ob man damit beim ESC die vorderen Plätze belegen könnte. Etwas heraus sticht „Polyester Mood“, das offenkundig als Hommage an die frühen Achtziger geschrieben wurde: Hier findet sich der treibende Beat der B52s, gepaart mit den wilden Synthie-Einsätzen, die damals so Mode waren. Klasse.

Doch was sich wie ein roter Faden durch Poly Stereo Aquanaut zieht, ist der glasklare Sound. Die von uns ebenfalls gern zu Vergleichszwecken herangezogenen Stücke von Felix Laband oder Underworld sind ja auch schon extrem sauber produziert. Aber mit dem Aquanaut hat Wendl hier noch einmal einen draufgesetzt. Gleich, ob die sehr substanziellen Subbässe in „The Arms Of The Ocean“ oder wunderbar kickenden, dynamisch-treibenden Drums auf „Giant Gap“ – alles ist exakt auf den Punkt und ungemein körperlich-druckvoll. Hier macht sich der hohe Aufwand mit Studio und Equipment dann doch bemerkbar. Und natürlich zogen auch Pesche und Wendl hier alle Tonmeister-Register.

Produktion Poly Stereo Aquanaut: Geoff Pesche, Janina Dietz, Tobias Wendl
Schnappschuss in einer Aufnahme-Pause in den Abbey Road Studios: Geoff Pesche, Janina Dietz, Tobias Wendl

Trotz des Titels „Aquanaut“ darf man hier keine unendliche textliche Tiefe erwarten. Aber schlichtweg genialen Sound. Und den bekommt man mit dem Aquanaut in Hülle & Fülle. Einen ersten Pilot-Auftritt hatte das Duo während der HIGH END 2019 auf dem Gemeinschaftsstand von Westend Audio und Gauder Akustik – die ja mit ihren Komponenten ein ganz klein bisschen zum überragenden Klang des Albums beigetragen haben. Die Messebesucher jedenfalls waren begeistert und die Konzerte immer randvoll. Erst einmal ist handgemachte Live-Musik ja sowieso ziemlich rar auf dieser Messe. Und dann noch so perfekt vorgetragene…

Poly Stereo Aquanaut Cover
Poly Stereo Aquanaut: das Cover

Poly Stereo Aquanaut gibt es als HiRes-Download in DSD128 oder als FLAC196 (zum Preis von 16,50 Euro) nur im Poly-Stereo-Shop. CDs kommen für den audiophilen Tonmeister nicht mehr in Betracht. Wendl: Als Produzent, Tonmeister und audiophiler Genießer ist HiRes-Streaming für mich ein Segen. Das ist der CD deutlich überlegen und die Musik kann intensiver und „richtiger“ erlebt werden.“ Allerdings, und hier zeigt sich das analoge Herz von Poly Stereo, ist auch die LP-Pressung gerade in Arbeit. Die wird dann 24,90 Euro kosten und wird ebenfalls im Poly-Stereo-Shop zu haben sein. Und natürlich, das erfordert die neue Zeit, ist der Aquanaut auf MP3 auch bei Tidal, Deezer, Spotify, iTunes und Amazon zu hören.

Poly Stereo
Aquanaut
2019/10
Test-Ergebnis: 4,1
SEHR GUT
Bewertungen
Musik
Klang
Repertoirewert

Gesamt