Santana IV: Carlos Santana im Studio
Chapeau, Carlos: Mit "IV" gelang der Santana-Band in der legendären Besetzung der späten 60er Jahre ein famoses Alterswerk – exzellenter Studioklang inklusive (Foto: Thirty Tigers Records)

Santana IV: Santana in Bestform!

Santana IV: Ein neues Santana-Album, eingespielt mit der Uralt-Bandformation der späten 60er Jahre? LowBeats Autor Christof Hammer war zunächst skeptisch – und danach ziemlich aus dem Häuschen …

Auf die alten Tage die Kumpels von früher zusammentrommeln und mit einem risikolosen Routinealbum die Rente absichern: So läuft der Hase allzu oft, wenn einstige Rock-Ikonen nochmals zum Comeback antreten.

Die Musik? Nebensache – der große Name wird’s schon richten. Auch die Wiedergeburt der legendärsten aller Santana-Formationen segelt hart am Wind der Nostalgie. „1st time since 1973 – the original Santana“, verkündete ein goldener Sticker auf dem Album und listet in fetten Lettern die Besetzung „Santana Rolie Schon Shrieve Carabello“.

Dazu das Tigerkopf-Cover (welches das Löwen-Outfit des kultigen 1969er-Debüts zitiert) und der Albumtitel (der kurzerhand die 20 weiteren Santana-Produktionen überspringt, die seit Santana III im Jahr 1971 in diversen anderen Besetzungen eingespielt wurden): Für Santana-IV wird so ziemlich alles aufgefahren, was an vergangene Glanzzeiten erinnern soll.

So weit, so gähn. Santana anno 2016: Das ist auf den ersten Blick nichts weniger als der Versuch, die Uhr mal eben um 40 Jahre zurückzudrehen. Ein Nostalgiekonzept, das also höchstens eingefleischte Fans der Latinrock-Formation noch ein klein wenig elektrisieren dürfte. Oder?

Santana IV  – Eine Seniorenkapelle auf dem Retro-Trip?

Keine Spur: Santana rocken und grooven wie einst im Mai (1969). Dann nestelt man das Album aus der hübsch gemachten Digibox – und vom ersten Takt an musiziert diese „Seniorenkapelle“ alle Bedenken fulminant über den Haufen.

Scharfkantige Gitarren, sehnig-straffe Beats, afrikanische Vocals: Schon der Opener „Yambu“ entwirft jene magischen Vibes, die Santana in ihren besten Zeiten zur Kultband machte.

Es ist dabei weniger die Präzision und das jede Sekunde heraushörbare Timing, mit der das homogenste aller Santana-line-ups auf Santana IV agiert – dass neben Carlos Santana auch sein zweiter Saitenmann Neal Schon sowie Drummer Michael Shrieve, Perkussionist Michael Carabello plus Keyboarder und Leadsänger Gregg Rolie ihr Handwerk auch heute noch exzellent verstehen, braucht nicht weiter diskutiert zu werden. Selbst nach 43 Jahren Pause benötigt das Ohr also keine drei Sekunden, um den typischen Sound der Santana-Band zu erkennen.

Das Überraschende ist vielmehr, das hier kein bisschen Routine herrscht, sondern ein Feuer lodert, als spiele eine Horde von Rock-Haudegen im besten Alter auf dem Zenit ihrer Schaffenskraft. Es ist eine fast schon testosterongeschwängerte Aura, die Santana IV ausstrahlt: viril, funky, physisch.

Und umgekehrt verzichten diese 16 Tracks auf all jene Peinlichkeiten, die eine solche Gangart im Negativfall mit sich bringen könnte. Bis auf das plump karnevaleske „Come as you are“ klingt hier nichts prollig, breitbeinig oder altherrenhaft. Brillanz und Verve prägen diesen satten 75:35 langen Trip durch Latin Music, Rock, Soul, Blues und Jazzrock.

Der cremig-aggressive, funkelnde Klang von Carlos Santanas Paul-Reed-Smith-Gitarre ist auch 2016 so schön wie singulär – zumal er sich mit dem metallischeren Spiel des zweiten Saitenmanns Neil Schon ebenso prächtig ergänzt wie die feurigen Perkussionsounds von Michael Carabello mit den satten Drums von Michael Shrieve.

Überhaupt Neil Schon: Als frühreifes Gitarren-Wunderkind verlieht er mit gerade mal 17 Jahren dem Santana-Sound auf Alben wie Santana III oder Caravanserai Schliff und Druck, um danach mit Journey ein profundes Kapitel des amerikanischen Mainstream-Rock zu schreiben. Inzwischen 62 Jahre alt geworden, bringt er diese Reunion erst so richtig ins Rollen und liefert sich mit seinem Chef intensive und vollkommen unprätentiöse Saitendialoge, in denen kein Ton zu viel oder zu wenig gespielt wird.

Und Gregg Rolies Hammond B3-Orgel wimmert dazu wie in besten Woodstock-Zeiten. Von Rolie (und in zwei Tracks von Ronald Isley, dem Chefvokalisten der US-Soul-Institution The Isley Brothers) soulig-souverän gesungen, groovt dieser Latinbluesrock (etwa in „Anywhere You Want To Go“) denn auch in bester „Oye como va“-Manier – und durchweg in einem famosen Dreiklang aus Temperament, Härte und Wärme.

Rhythmisch sind Carlos & Co. natürlich überwiegend zwischen Samba und Rumba unterwegs, absolvieren aber auch harte Rock-Grooves („Shake It“) oder geschmeidige Zwölftakter („Blues Magic“) druckvoll und mit natürlicher Autorität.

Latin-Rock trifft Psychedelic: Ein Hauch von Pink Floyd sorgt für großes Gefühlskino

Bemerkenswert gut ist man zudem in Psychedelic-Gefilden unterwegs: In dem erhabenen, cineastisch glitzernden „Forgiveness“ über die Kunst der Vergebung sowie „Fillmore East“, einer Huldigung an den gleichnamigen Rockschuppen in San Francisco, erstrahlt der Santana-Stil gar in spacig-schillerndem Licht.

Wie sich in diesen liveartig improvisiert klingenden, aber punktgenau arrangierten Siebenminütern latinmexikanischer Rocksound mit fast Pink Floyd’scher Intensität verbindet: Das ist ganz großes Kino.

Die spirituelle Ader des „Weltverbesserers“ und Seelenmenschen Carlos Santana – hier manifestiert sie sich in den schönsten Klangfarben und fernab jeglicher „Räucherstäbchen“-Atmosphäre.

Cover Art Santana IV
Auch das Cover erinnert an die frühen 1970er Jahre: Santana IV (Cover: Amazon)

Santana IV erscheint unter dem Label Santana IV Records (Alive) und ist erhältlich als Audio-CD, Vinyl LP und MP3-Download.

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Santana IV
2016/04
Test-Ergebnis: 4,5
ÜBERRAGEND
Bewertung
Musik
Klang
Repertoirerwert

Gesamt

Autor: Special Guest

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