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The Airborne Toxic Event werden immer besser. Mit "Hollywood Park" haben sie nun ein ganz famoses Album vorgelegt (Foto: Universal)

The Airborne Toxic Event Hollywood Park – das Album der Woche

Hey, die werden ja immer noch einen Tick besser: Schon seit 2009 begeistern The Airborne Toxic Event ihre Fans mit einer hörenswerte Platte nach der anderen. Nun folgt Album Nummer 6 – und serviert große Melodien voller Dynamik und Drive. Gekonnt wird der Bogen von klassischem US-Breitwand- über Americana- und Celtic-Rock-Szenarien bis hin zu cineastischem Poprock geschlagen. The Airborne Toxic Event Hollywood Park ist unser Album der Woche.

Nette Jungs, die das Herz an der richtigen Stelle tragen, und natürlich tolle Musiker, die seit Jahren beständig prächtige Platten abliefern: Manchen Bands kann man aus voller Überzeugung die ganz große Karriere wünschen. Einer jener Kandidaten für den überfälligen Durchbruch auch hierzulande: die amerikanische Formation The Airborne Toxic Event (ATE).

Seit 2006 ist das Quintett aus Los Angeles in der Szene unterwegs, veröffentlicht seither kontinuierlich ein starkes Album nach dem anderen; stand aber dennoch nur 2008 mit der Single „Sometime Around Midnight“ mal so richtig im Scheinwerferlicht. Ja, das Musikbusiness ist manchmal reichlich ungerecht … Nun aber winkt die nächste Chance, denn erneut  kommen ATE mit einem Werk um die Ecke, das wie ein Leuchtturm Spielfreude, Optimismus und trotzige Zuversicht ausstrahlt, ein Hauch wohlige Melancholie inklusive. Von daher, liebe Fans von Arcade Fire, The Gaslight Anthem, The Hold Steady, Kings Of Leon, The War On Drugs oder selbst der Killers: Bitte mal herhören – wenn ihr diese Band hier versäumt, dann verpasst ihr wirklich etwas!

Dabei liegen die Wurzeln von „Hollywood Park“ eher in dunklen Gefilden als auf der Sonnenseite des Lebens. Ausgangspunkt für das sechste ATE-Studioalbum war nämlich der Tod des Vaters von Bandleader Mikel Jollett. „Nachdem mein Dad 2016 gestorben war, brauchte ich einfach eine Auszeit“, erläutert Jollett. Der folgende Trauer- und Verarbeitungsprozess führte für den Songwriter und Literaten (zu letzterem gleich mehr) zunächst zu einem autobiografischen Roman namens „Hollywood Park“ – und parallel dazu zu einem ganzen Sack neuer Songs. „Die Musik begleitete mich auf meinem Weg in der Bewältigung der Trauer. Alle Lieder, die dabei herauskamen, finden sich auf dem Album wieder.“

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Steven Chen (Git.), Adrian Rodriguez (Bass), Daren Taylor (Dr.) plus Bandleader Mikel Jollett (Mitte) sind reif für die ganz großen Bühnen und Arenen dieser Welt. Komplettiert wird das Quintett aus Los Angeles durch Anna Bulbrook, die Violinistin und Keyboarderin – auf dem Bild links (Foto: Universal)

Und zu bewältigen gibt es reichlich für Mikel Jollett: sein Aufwachsen in einer religiösen Sekte, eine Kindheit voller Armut, der frühe Tod der Mutter, emotionaler Missbrauch bis hinein in die Teenagerjahre sowie als fiese Zugabe des Schicksals auch eine tückische Autoimmun-Krankheit. Mit einem ziemlichen Bündel an psychischem und körperlichem Ballast war der junge Jollett dann zunächst auf dem Weg zum Schriftsteller, ehe schließlich doch noch die Musik dazwischen- beziehungsweise dazukam: Mit Kumpel und Schlagzeuger Daren Taylor gründete er 2004 die Band The Airborne Toxic Event. Ein Glücksfall, denn Jollet fand über das zweite Standbein Rockmusik nicht nur seine zwischenzeitlich verloren gegangene Stimme als Geschichtenerzähler und Autor zurück, sondern entdeckte zudem einen formidablen Songwriter in sich.

Genau diese doppelte kreative Power aus musikalischer und lyrischer Kraft steckt auch in den zwölf neuen Songs, die eigentlich – da überaus persönlich und privat – anfangs gar nicht zur Veröffentlichung gedacht waren. „Als ich meinen Jungs diese Songs dann aber doch mal vorgestellt habe, schlossen wir einen Pakt: Wir schworen uns, daraus ein Album zu formen, das für die Liebe zum Rock ’n‘ Roll steht.“

Die Musik von The Airborne Toxic Event Hollywood Park

Und tatsächlich passt dieses Prädikat perfekt für den ATR-Sound – insbesondere, wenn man es um einige Präfixe wie Power-, Indie- oder Folkpunk- ergänzt – so vielseitig und doch homogen zugleich ist nämlich das Soundspektrum dieser Band.

Gleich zu Beginn kündet der Titelsong vom Faible des Quintetts für donnernden Breitwand-Rock im Stil von Bruce Springsteen und der E Street Band. Mikel Jollett röhrt hier wie der „Boss“ in seinen besten Tagen, die Band sorgt für einen wall of sound inklusive dudelsackartiger Sounds und eines folkloristisch angehauchten Leitmotivs, über dem die Gitarre von Saitenmann Steven Chen für gewaltigen Druck im Kessel sorgt.

Aber das ist längst nicht alles. Unter Produktionsregie von Mark Needham (The Killers, Fleetwood Mac) bleiben The Airborne Toxic Event keineswegs in den Achtzigerjahren stehen, sondern schlagen in den folgenden elf Songs den Bogen von klassischem Rock amerikanischer Prägung hin zu Indie-Klängen der Gegenwart und auch zu lupenreinen Pop-Arrangements. Da wäre beispielsweise „Brother How Was The War“, das als Pianoballade beginnt, um nach 2:03 gewaltig durchzustarten: Die Gitarren bratzen, Keyboarderin (und Violinistin) Anna Bulbrook flutet den Song förmlich mit gleißenden Tastenklängen, kernig zupackende und episch weitläufige Sounds überlagern sich zu ganz großem Kino. Auch „I Don’t Want To Be Here Anymore“ und das famose „All These Engagements“ als heimliches Highlight des Programms packen sehnsuchtsvolle Melodien in temporeiche Arrangement, die fast in Folk-Punk-Gefilde hineinreichen. „Come On Out“ an Position 4 wiederum lebt von einem Chorus im Stile der Killers sowie von biggen Beats und kristallinen Riffs, die glitzern wie ein Sternenhimmel über der nächtlichen Bretagne oder im mittleren Westen der USA.

Dazwischen immer wieder eingestreut: kleine, zwischen Ballade und Midtemposong changierende Pretiosen wie „The Place We Meet A Thousand Feet Beneath The Racetrack“ mit funkelnden Gitarren und Anna Bulbrooks Fiedel oder das hübsch vorantrabende, mit Akustikgitarre und Piano auf Spuren von Neo-Country-Kollegen wie den Lumineers wandelnde „Carry Me“, in dem die Bandkollegen das sonore Basstimbre ihres Chefs mit warmen Harmony Vocals begleiten.

Das ist ausgesprochen hübsch anzuhören – und macht doch immer wieder Appetit auf die Kernkompetenz von The Airborne Toxic Event: die richtig große Hymne. Als da wären: etwa „All The Children“, dem das Kunststück gelingt, einem Kinderchor jeden geschmäcklerischen Touch zu nehmen, sowie insbesondere „The Common Touch“, ein folkrockiger, mit jubilierenden Bach-Trompeten verzierter Stampfer im XXL-Format, der im kleinen irischen Pub genauso gut funktioniert wie im randvollen Stadion, um schließlich mit zarten Akustikgitarren in Lagerfeueratmosphäre auszuklingen.

Bleibt nach rund 54 durchwegs starken Minuten ohne einen einzigen überflüssigen oder seelenlos-schwachen Song nur noch ein Wunsch offen: Wann bucht diese prachtvolle Band endlich mal eine Europatournee und lässt sich auch auf deutschen Bühnen blicken?

The Airborne Toxic Event Hollywood Park Cover
The Airborne Toxic Event Hollywood Park erscheint bei Rounder Records im Vertrieb von Universal Music und ist erhältlich als CD, LP und Download (Cover: Amazon)

Video-Link zu Come On Out“ auf YouTube

The Airborne Toxic Event
Hollywood Park
2020/05
Test-Ergebnis: 4,5
Überragend
Bewertungen
Musik
Klang
Repertoirewert

Gesamt

Autor: Christof Hammer

Christof Hammer
Seit vielen Jahrzehnten Musikredakteur mit dem Näschen für das Besondere, aber mit dem ausgewiesenen Schwerpunkt Elektro-Pop.