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Eines der besten Alben des noch jungen Jahres 2019: Andrew Bird My Finest Work Yet (Foto: Universal)

Andrew Bird My Finest Work Yet – das Album der Woche

Andrew Bird zählt zu den vielseitig begabten Vollblut-Musikkünstlern. Seine sonore Stimme umspielt er mit Violine, Gitarre, Glockenspiel und pfeift auch gerne Melodien – in einem magischen Wirkungsfeld zwischen Folk, Americana, Pop und klassischen Anleihen. Sein neues Album macht dem Titel alle Ehre: Andrew Bird My Finest Work Yet.

Der Albumtitel impliziert ein gerüttelt Maß an Selbstbewusstsein – Andrew Bird nennt es seine bislang „beste Arbeit“. Doch der drahtige Singer-Songwriter aus Chicago ist nicht so einer, der auf den Putz haut, er zählt eher zu den scheuen Vögeln fernab der Mainstream-Radio-Hitlisten, obwohl er äußerst fantasievolle, herrliche Melodien schreibt (sorry dafür, liebe Kollegen vom Radio). Doch zumindest bei US-Sendern wie „studios of 89.3 The Current“ oder NPR Music tritt der Tausendsassa schon mal mit ein paar Bandkollegen unplugged auf (siehe Link unten).

Mit vier begann er „Geige“ zu spielen, sein Spielzeug-Instrument bestand angeblich aus einer Cracker-Schachtel mit aufgeklebtem Lineal als Steg. Musikstunden überwand er später dank seines erstklassigen Gehörs und konzentrierte sich früh auf klassisches Repertoire, später auf ungarische Zigeunermusik. Im Laufe der Jahre kamen diverse Musikstile dazu, zum Beispiel Jazz, Country-Blues oder südindische Rhythmen. Und natürlich Birds Faible fürs Pfeifen, was ihn dazu prädestinierte in Disneys Film „The Muppets“ den „Whistling Caruso“ zu mimen. Was für ein Vogel.

1996 schloss er schließlich sein Violinen-Hochschulstudium ab – und veröffentlichte 1998 das Debütalbum „Thrills“. Bird vertieft Stile wie Americana, Alternative-Rock, Folk, Klassik und mehr, verbindet sie mit anderen und erhebt sie zu einem größeren, äußerst eigenständigem Ganzen. Seine Violine greift und behandelt er dabei dermaßen salopp, souverän und flink, als ob sie ein Teil von ihm wäre. Dabei entlockt er dem alten Saiteninstrument die allerbuntesten Töne zwischen Klassik, Minimalismus und Exzentrik.

Kreative Ideen fand er obendrein stets genügend, um seine vielschichtigen Kompositionen in die Tat umzusetzen. So hält er schon mal Sessions mit anderen Musiker-KollegInnen wie Fiona Apple, nimmt Songs und Kurzfilme in Wüsten-Canyons von Utah auf, in einem Aquädukt in Lissabon oder in einem alten Meeresbunker („Echoloctions“, siehe Tipp am Ende des Artikel). Und so kann er sowohl bei Alternative-Live-Shows wie „Lollapalooza“ oder auf dem Art-Festival „Bonnaroo“ auftreten, genauso aber in der renommierten New Yorker Carnegie Hall oder in der ehrwürdigen Oper zu Sydney. Zudem ist er im  Kunstbereich aktiv: Mit dem Bildhauer Ian Schneller schuf er die Klanginstallation „Sonic Arboretum“, die im Guggenheim Museum New York, im Institute of Contemporary Art in Boston und im Museum of Contemporary Art in Chicago zu erleben war.

Die Highlights von Andrew Bird My Finest Work Yet

Es kommt selten vor, dass einem die Auswahl an Top-Songs eines Albums dermaßen schwer fällt – denn sämtliche Stücke sind hier im Grunde erste Sahne, Bird schuf ein sehr geschlossenes Werk. Produzent Paul Butler sowie Neil Jenson (Live Sound) und John Blazek (Live Tech) zeichnen mitverantwortlich für den dynamisch-homogenen Klang mit schönem Gespür für Klangfarben sowie für räumliche Finesse: Bird und seine Band-Kollegen (Madison Cunningham – Gitarre und Vocals, Abe Rounds – Percussion, Tyler Chester – Keyboards) spielten die Songs live ein, ohne Monitor-Kopfhörer oder Trennung der einzelnen Instrumente – und zwar bei „Barefoot Recordings“ in Los Angeles (siehe auch Link unten zum Song „Manifest“). Die Location war in ihrem früheren Leben Anfang der 50er Jahre ein Postamt.

Andrew Bird My Finest Work Yet Studio
Vom Postamt zum Studio: der Aufnahmeraum von Andrew Bird My Finest Work Yet (Foto: Universal)

1967 avancierte es dank der akustischen und technischen Umbauten des neuen Besitzers Andrew Berliner zu einem Top-Studio in Südkalifornien, dem „Crystal Industries Recording Studio“. Die Gästeliste der Musiker reicht von Jimi Hendrix, den Doors über Jackson Browne oder Barbra Streisand bis zu Stevie Wonder (https://www.barefoot-recording.com/)

Andrew Bird My Finest Work Yet Studio2
Hier kann man arbeiten: die bestens ausgestatteten Barefoot Recordings in Los Angeles (Foto: Universal)

Birds inhaltliche Motivation seines „… Finest Work Yet“ liegt darin, einen Kompass zu finden, der helfen kann durch unsere zwiespältigen Zeiten zu navigieren. Fangen wir mit dem Opener „Sisyphus“ an, inhaltlich der griechischen Mythologie entlehnt, in dem der schlaue, aufrührerische Sisyphus Götter an der Nase herumführt und dafür von Hermes gezwungen wurde, auf ewig einen Felsblock einen Berg hochzuwälzen – der dann kurz vor dem Gipfel immer wieder ins Tal rollte (siehe Video-Link).

Musikalisch ist der Song keine beschwerliche Sisyphus-Arbeit, sondern ein Paradebeispiel für formidable Singer-Songwriter-Kunst: Locker-leichte Melodie, pointierte Vocals, rollende Drums und ein prickelnder Refrain tönen hinreißend – eigentlich auch ein 1a-Radio-Hit.

„Bloodless“ geht textlich politisch in die Tiefe, rüttelt auf. „Ich habe ‚Bloodless’ direkt nach den US-Wahlen 2016 geschrieben“, so Bird. „Ich hatte das Gefühl, dass es meine Pflicht ist, etwas zu tun, aber dieser Prozess hat eine Weile gedauert, bis ich den richtigen Abstand und etwas Sinnvolles zu sagen hatte, auch aus meiner Perspektive, wie wir sie zuvor noch nicht betrachtet haben.“ Nach Bird befinden wir uns in einem kalten Bürgerkrieg, wo einige Akteure Macht und Reichtum generieren, indem sie Gesellschaften spalten – was ihn teils an den Spanischen Bürgerkrieg erinnert. Musikalisch trägt ein pulsierender Beat den Song, schwing sich später soulig mit Backgroundvocals und Violinentupfern herrlich auf.

They’re profiting from your worry
They’re selling blanks down at the DMZ
They’re banking on the sound and fury
Makes you wonder what it all’s got to do with me

„Cracklin Codes“ beeindruckt akustisch mit einer schönen Raumstaffelung, ein Ergebnis der „Live“-Studio-Einspielung. Piano, Gitarre und Stimme verweben sich mit feinen Folk-Fantasmen zu einer betörenden Ballade.

„Proxy War“ („Stellvertreterkrieg“) arbeitet ähnlich wie „Cracklin Codes“ das Raumambiente des Studios heraus, mittendrin ein tief grollendes, pointiert rollendes Schlagzeug. Ein rockiges Akustik-Happening.

„Manifest“ scheint Neil Young und Jackson Browne zu Ehren geschrieben worden zu sein, während sich der „Bellevue Bridge Club“ als Schlusssong mit bluesy Drive und beatlesquen Einsprengseln aus dem formidablen, 16. Album verabschiedet.

Insofern darf man von Bird auch in Zukunft noch viel Schönes erwarten. Sehr viel. Woher der Autor das weiß? Ein Vögelchen hat’s ihm gezwitschert.

Andrew Bird My Finest Work Yet Cover
(Cover: Amazon)

Andrew Bird My Finest Work Yet (Loma Vista-Concord / Universal Music) als CD, LP, MP3-Download oder Stream, z.B. bei amazon.de.

Weitere Top-Alben von Andrew Bird:
„The Mysterious Production Of Eggs“ (2005)
„Armchair Apocrypha“ (2007)“

„Echolocations: River“ (2017)

Video-Clip-Tipps von Andrew Bird:

Die Single „Sisyphus“ aus dem aktuellen Album:
https://www.youtube.com/watch?v=zug1B8DSkWw

Der Song „Bloodless“ aus dem neuen Album:
https://www.youtube.com/watch?v=YEFLR2JnMd0

Der Song „Manifest“, das auch das Studio-Ambiente zeigt:

Unplugged-Session „Tiny Desk Concert“ beim Radiosender NPR Music, ein Projekt des „National Public Radio“:
https://www.youtube.com/watch?v=QGAzPtwUJJU

 

Andrew Bird My Finest Work Yet
2019/03
Test-Ergebnis: 4,5
überragend
Bewertungen
Musik
Klang
Repertoirewert

Gesamt