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Dan Mangan More Or Less Review Aufmacherbild
Der kanadische Songwriter Dan Mangan trifft mit seinem aktuellen Album „More Or Less“ sehr schön einen eigenständigen Ton zwischen Aktualität und Zeitlosigkeit (Foto: C.Rop)

Dan Mangan More Or Less – das Album der KW 42

Der kanadische Musiker ist Vertreter der alten Schule und dezent avantgardistischer Neutöner zugleich: Dan Mangan präsentiert eine Mischung aus traditionellem Songwritertum und alternativen Saiten- und Digital-Sounds, die kontemplative und extrovertierte Klänge zeitlos unter einen Hut bringt. Dan Mangan More Or Less ist das LowBeats Album der Woche 42.

Alles hat seine Zeit. Nachdem sich bei Dan Mangan und seiner Partnerin Nachwuchs einzustellen begann, beschloss der Singer-Songwriter aus dem kanadischen British Columbia, sich ein Jahr Auszeit als Livemusiker zu gönnen – es wurden sechs daraus. Untätig war Mangan trotz seiner Bühnenabstinenz allerdings nicht. 2015 veröffentlichte er unter dem Projektnamen Dan Mangan & Blacksmith das Album Club Meds; 2016 die schön verhangene EP Unmake.

Nun also Dan Mangan More Or Less. Wer einen Musiker entdecken will, der eine Brücke schlägt zwischen Tradition und Moderne, zwischen Folk, Indierock und Electronica, der liegt bei dem Songwriter aus dem 5.000-Seelen-Städtchen Smithers goldrichtig.

Längst aber hat sich Mangan aus der Provinz des westlichsten aller kanadischen Bundesstaaten in ein großstädtisches Umfeld begeben und Vancouver als Homebase für seine Karriere gewählt. „Ländlichen“ Sounds blieb Mangan dabei stets ebenso verbunden, wie er zugleich urbanes Leben in sich aufsog.

Der 35-jährige gehört zu jenen eher unkonventionellen, fast sogar leicht eigenbrötlerischen Typen, die einen eigenen Ton suchen, eine eigene Perspektive des Storytellings – zugleich aber einer guten Melodie nie abgeneigt sind. All diese Eigenschaften beweisen die zehn Songs seines fünften kompletten Albums (neben inzwischen weiteren vier EPs) vorzüglich.

Die Musik von Dan Mangan More Or Less

Nach einem verhaltenen Auftakt mit trockenem Beat, schön schräger E-Gitarre und einem charmanten Elektropop-Topping in „Lynchpin“ zeigt Mangan den experimentelleren Teil seines Charakters erstmals explizit mit „Peaks & Valleys“.

Becken, bassdrum und ein sanft blubbernder Synthesizer skizzieren hier einen quirligen Rhythmus, der ein bisschen drum & bass-Feeling mit Talking-Heads-artigem Pluckern kombiniert, während im Hintergrund allerlei Sounds diffuser Herkunft wie nächtliche Polarlichter durch das Arrangement flirren. Was nur fiepst und flirrt da wohl so alles umher – eine singende Säge? Analoge Synthesizer? Eine Querflöte?

Auch in „Can’t Not“ haucht Mangan einer eigentlich klassischen Gitarre-Gesang-Anordnung durch ungewöhnliche Vokaleffekte und diverse Loops einen unkonventionellen Touch ein. Hier schwebt ein Hauch jenes Avantgarde-Folk über das Arrangement, wie ihn einst Nick Drake ins Songwriter-Genre eingebracht hat.

Den urbanen Lebensraum, in dem sich Dan Mangan bewegt, reflektiert dann „Troubled Mind“ am eindeutigsten: In einem flotten Uptempo-Beat geht es durch einen saitendominierten Song, der auch einen schön verratzten Indierock-Schuppen in Vancouver zum Kochen bringen könnte.

Auf’s Schönste die traditionelle Seite eines Songwriters neuerer Generation repräsentiert direkt im Anschluss das sanfte „Just Fear“, in dem eine breit geschlagene Akustikgitarre und ein sanft schnurrendes Cello einander herrlich stimmig in der Melodieführung ablösen; dazu gibt es einen warmen Bass, der geradezu im XXL-Format daherkommt.

Derselbe Bass – trocken, fett, mit schönem Siebzigerjahre-Flair – taucht auch in „Lay Low“ auf. Hier mischt sich ebenso ein Hauch analoge, aber avantgardistische Elektronik ins Arrangement, die Dan Mangan More Or Less in die Nähe von Kollegen wie Portugal.The Man rückt; Musiker, die leicht antiquarische Klänge zwischen Rock, Folk und Country in den 2010er-Jahren raffiniert gegenwartstauglich gemacht haben.

Diese Zeitgleichheit von Traditionsbewusstsein und einer fein dosierten Modernität ist es, die den besonderen Reiz von Dan Mangan More Or Less ausmacht. Mit Mangan begegnet man hörbar einem Vertreter einer aktuellen Musikergeneration, dessen Herz aber zugleich für eine eher konventionelle Songwriterschule schlägt.

Mit dabei: Schlagzeuger Joey Waronker, langjähriger Sessionmusiker und Mitstreiter etwa von Künstlern wie Beck, R.E.M. oder Elliott Smith sowie Songwriterkollege und Gitarrist Jason Faulkner, der ebenfalls schon auf eine beachtliche Vita in der Alternative-Szene verweisen kann und Bands wie Travis oder die Songwriterin Aimee Mann mit Saitensounds belieferte.

Als vielleicht wichtigster Mann im Team erwies sich Produzent Drew Brown (Radiohead, Beck, Charlotte Gainsbourg) – „er brachte mir ein anderes Verständnis für Studioprozesse und Aufnahmetechniken bei“, sagt Mangan dazu.

„Cold In The Summer“ mit einem Hauch von Neil-Young’schem Westcoast-Folk und „Fool For Waiting“ als Klavierballade alter Schule lassen hingegen jeder Schuss an Modernität außen vor, ehe „Never Quiet“ und das großartige „Which Is It“ dieses Dreieck aus Laptop-Folk, Indierock und Songwritertum mit einem sanft-psychedelischen Schimmern wunderbar verwunschen ausklingen lassen.

Cover Dan Mangan More Or Less
Dan Mangan More Or Less (Cover: Amazon)

Dan Mangan More Or Less erscheint bei City Slang im Vertrieb von Universal Music und ist erhältlich CD, LP und MP3-Download.

Dan Mangan More Or Less
2018/11
Test-Ergebnis: 4,1
SEHR GUT
Bewertungen
Musik
Klang
Repertoirewert

Gesamt

Autor: Christof Hammer

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Seit vielen Jahrzehnten Musikredakteur mit dem Näschen für das Besondere, aber mit dem ausgewiesenen Schwerpunkt Elektro-Pop.