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Dawes Passwords
Dawes bleiben sich auch mit Passwords absolut treu (Foto: M Wosinska)

Dawes Passwords – das LowBeats Album der KW 32

Es ist das Jahr der US-Bands: Nach The War On Drugs, Okkervil River und kürzlich auch den Jayhawks liefern nun die Dawes ein weiteres exzellentes Album typisch amerikanischer Machart: Bei Dawes Passwords grüßen aus der Ferne aufs Schönste Kollegen wie Tom Petty und Jackson Browne, America und die Eagles.

Eine komplett unbekannte Hausnummer sind die Dawes eigentlich nicht mehr; seit 2009 schon gehen die Brüder Taylor (Gitarre, Gesang) und Griffin Goldsmith (Schlagzeug), ihr Bassist Wylie Gelber und Keyboarder Lee Pardini fleißig ihren Weg zwischen Country, Folkrock und Westcoast Music und sind mittlerweile beim sechsten Album in knapp zehn Jahren angekommen.

Wer nicht als expliziter Liebhaber solch uramerikanischer Stile unterwegs ist, nimmt eine Band wie das Quartett aus Los Angeles allerdings eher selten wahr. Zu unspektakulär tönt dieser Sound, mitunter sogar regelrecht altmodisch. Und Marketing-Mätzchen sind so gar nicht die Sache der Dawes – man konzentriert sich lieber aufs Musikmachen, auch wenn man damit etwas abseits des Rampenlichts agiert.

Für Freunde klassischer Americana-Klänge sind die vorangegangenen Zeilen also eine prachtvolle Nachricht. Mit Dawes Passwords bekommen sie ein weiteres Album von einer in diesem Genre momentan fast maßstabsetzend guten Band, mit dem man den Platz im CD-Regal zwischen den Buchstaben A (wie America), B wie Jackson Browne) und E wie den Eagles auf hohem Niveau verdichten kann.

Auf allerschönste Art klingt Dawes Passwords nach den Siebzigern und verzichtet auf einen Gutteil dessen, was sich danach – also ab den 80er-Jahren aufwärts – so alles in der Musikgeschichte ereignete. Eine kluge Entscheidung, denn manchmal, nein: ziemlich oft und immer häufiger ist es im Leben ja gerade die Abwesenheit von etwas, die dem Menschen zu Glück und Zufriedenheit verhilft.

Dass die Dawes ihre neue Songkollektion als ein Album für und über die Neuzeit bezeichnen, voller Lieder über die Beziehungen, die Politik und die kleinen Siege und großen Verluste, die sie formen, widerspricht dem nicht. „Wir leben in einem so einzigartigen Moment in der Geschichte“, erklärt Taylor Goldsmith, „viele dieser Songs sind ein Versuch, sich mit der modernen Welt zu arrangieren, während sie immer versuchen, beide Seiten der Geschichte zu betrachten.“ Vergangenheit und Gegenwart in einem musikalischen Atemzug sozusagen.

Die Musik von Dawes Passwords

„Living In The Future“ eröffnet mit einem schweren Gitarrenriff von Goldsmith, das auch von Eagles-Saitenmann Joe Walsh stammen könnte. Zusammen mit den knochentrockenen, melodischen Basslinien von Wylie Gelber zeigen die Dawes hier ihre eher rockige Seite, klingen wie eine zupackendere Version von Tom Pettys Heartbreakers, ehe sich der Song mit dem Refrain regelrecht häutet und zu einem veritablen Ohrwurm mutiert.

Nach 1:30 nämlich schaltet sich Lee Pardini in den Sound ein, und zwar wie: Mit glitzerndem Synthie-Spiel flutet er regelrecht das Arrangement und der Bandchorus „We’re living in the future / Shine a little light/ It may not make it any better/ I’m just hoping that it might“ erstrahlt in jenem Licht der Hoffnung, das manchmal das einzige bleibt, was es in dunklen Momenten des Lebens zu betrachten gibt.

Merke: Auch ein ordentliches Maß an Elektronik verträgt der Dawes-Sound also, ohne je in Schieflage zu geraten – die zweite gute Nachricht von Dawes Passwords. Auf aparte Art ist bei den Dawes so für einen beachtlichen Klangfarbenreichtum gesorgt, der ihren gerne fünf Minuten aufwärts langen Songs prächtig zu Gesicht steht, ohne ihre Ursprungs-DNA zu verwässern.

Dawes Passwords
„Los Angelinos“ mit einem Faible für die Seventies: Mit dem Hightech-L.A. der Gegenwart haben die Dawes nicht viel am Hut (Foto: M. Jacoby)

„Stay Down“ zeigt mit feinem Fingerpicking auf der Akustikgitarre dann zweihundert Sekunden lang die balladeske Seite der Band, und auch hier erreicht der Sound einen gelassenen, intimen Ton, der geradewegs aus den Seventies herüberzuschweben scheint.

Doch meist nehmen sich die Dawes etwas mehr Zeit, um ihren Sound auszubreiten. „Feed The Fire“ etwa weiß auch satte 5:58 mit feinem Satzgesang in bester America-Manier und erneut geschmackvollem Keyboardspiel vorzüglich auszunützen.

„Crack The Case“, der politischste Song dieses Albums, das – auf Basis einer sehr genauen Analyse über die gesellschaftlichen Spaltungen der Trump-Jahre – Versöhnung und Zusammenhalt propagiert anstelle von Hass und einer fatalen Sieger-/Verlierer-Arithmetik, variiert dieses Soundkonzept mit warmem Piano- und virtuosem Slide-Gitarren-Spiel.

Nochmals 39 Sekunden länger: „Telescope“, in dem Gitarren, Bass und Schlagzeug förmlich umeinander rotieren. Wie schon in „Feed The Fire“ kommt auch hier ein Hauch an Funkyness ins Spiel, die entfernt Erinnerungen daran hervorruft, was sich in den 70er-Jahren an der gegenüberliegenden Seite der amerikanischen Küste so alles getan hat – Stichwort Steely Dan.

Mit „Mistakes We Should Have Made“ folgt dann der neben „Living In The Future“ zweite typische „Airplay-Song“ von Passwords: Gefällig und sofort präsent, funktioniert dieser klassische Vierminüter als ideale Visitenkarte, die eine Radiostation auswählen würde, um ihren Hörern eine bisher unbekannte Band vorzustellen.

„Never Gonna Say Goodbye“ und „Time Flies Either Way“ mit feinem Sopransaxofon beenden diese gut fünfzigminütige musikalische Reise entlang der US-Westküste und durch den legendären Laurel Canyon – in den Seventies der „place to be“ für einen alternativen Lebensstil und Geburtsstätte jeder Menge großer Alben der Westcoast Music – dann mit zwei milde ausgeleuchteten semiakustischen Balladen: Jackson Browne, Chris Hillman, Joni Mitchell und Graham Nash wären stolz auf die Dawes.

Mit Dawes Passwords feiert das Quartett übrigens auch eine Wiedervereinigung mit Jonathan Wilson, der 2009/2011 die ersten beiden Dawes-Werke North Hills und Nothing Is Wrong produzierte.

„Ein Teil unseren Band-DNA wurde von Jonathan geformt“, sagt Goldsmith, „unsere ersten beiden Discs haben diese gewisse Essenz … damals haben wir herausgefunden, wer wir sind. Als es an der Zeit war, unser sechstes Album zu produzieren, dachten wir: Warum gehen wir nicht zu dem Typen zurück, mit dem alles angefangen hat?“.

Wilson wiederum setzte bei Dawes Passwords auf einen maximal natürlichen Produktionsprozess: „Ich wollte sie live aufnehmen und diese Magie einfangen, die Du nur bekommen kannst, wenn Du eine richtige Band aufnimmst, die als Einheit zusammenlebt und atmet. Es sind nicht allzu viele davon übrig, aber ich denke, wir haben das Gefühl eingefangen.“

Gesagt, getan: Mit all diesen klassischen Tugenden verschafft Dawes Passwords Zugang zu einer Welt, die auf den digitalen Lifestyle der Gegenwart mit Gelassenheit und Entschleunigung antwortet – please enter …

Dawes Passwords
Dawes Passwords (Cover: Amazon)

Dawes Passwords erscheint bei HUB Records / ADA im Vertrieb von Warner Music und ist erhältlich als CD, LP und MP3-/hi-res-Download.

Dawes Passwords
2018/08
Test-Ergebnis: 4,2
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