FONTAINESD.C.AHero's Death Band
Die 80er-Jahre im Blut: Auf ihrem 2019er-Debüt „Dogrel“ erinnerten die irischen Post-Punker Fontaines DC noch an The Clash – „A Hero's Death" zeigt sie nun auf den Spuren von Joy Division (Foto: D Topete)

Fontaines D.C. A Hero’s Death – das Album der Woche

Ihr famoses 2019er-Debütalbum ist noch kaum richtig verklungen, da legen die Fontaines D.C. schon nach: Mit  ihrem neuesten Album zeigt Irlands derzeit aufregendste junge Rockband, dass sie sich nicht nur auf mitreißend punkige Hymnen verstehen, sondern auch auf dunklere, introvertierte Töne mit Post-Punk-Flair. Also ist Fontaines D.C. A Hero’s Death unser Album der Woche.

Spektakulär zerklüftete Küsten, das satteste Grün, das sich denken lässt, das Meer und die Musik in allen Ecken des Landes zum Greifen nah: Irland ist einfach zum Verlieben schön. Doch die Trauminsel oben links im Nordatlantik steht eben nicht nur für ein mit reichlich angelsächsischer Lebensqualität gesegnetes Postkarten-Idyll, sondern leider auch für eine der größten Steueroasen, die Europa seit den Verträgen von Maastricht gesehen hat. Nicht umsonst haben Google, Apple, Microsoft & Co. Irland als Standort für ihre Europa-Niederlassungen gewählt – und die Politik des Landes fest im Griff. Die EU-Kommission musste die Regierung in Dublin erst vor den europäischen Gerichtshof zerren, ehe man äußerst widerwillig den Versuch startete, in Europa erwirtschaftete Unternehmensgewinne von amerikanischen Technologiekonzernen nach europäischen Richtlinien zu besteuern – im konkreten Fall geht es immerhin um schlappe 13 Milliarden Euro, die Apple möglicherweise noch nachzuzahlen hat.

Was das alles mit Popmusik zu tun hat? Die Antwort findet sich beispielsweise bei den Fontaines D(ublin).C(ity). Denn hier bekommt sie einen Klang, die Frustration einer jungen Generation, die sich mit einem politischen System herumärgern muss, das US-Großkonzernen willfährig milliardenschwere Steuernachlässe andient und sich mit Haut und Haaren deren Wohlwollen unterwirft.

Das Quintett um Sänger Grian Chatten antwortete darauf mit einem furiosen Debüt, das den Geist der frühen 80er-Jahre derart fulminant ins Jahr 2019 transportierte, dass man sich an die jungen The Clash erinnert fühlte. Mit XXL-Bässen, krawalligen Riffs und dem herben Sprechgesang von Frontmann Grian Chatten schuf man mit Dogrel ein Werk, das ein gutes halbes Dutzend Hymnen für die Indie-Disco abwarf und zugleich auf unzähligen Jahresbestenlisten landete: eine nicht alltägliche Kombination aus Kritikerfavorit und Szeneliebling.

Nur rund fünfzehn Monate später folgt nun bereits Album Nummer 2, und fast hat man Angst, die irischen Rock-Youngster könnten sich mit einem solchen Pensum zu viel zugemutet haben: zu viel Druck, zu viel Tempo, zu viel Stress. Darauf deutet auch der Albumtitel hin, den Chatten sich von dem irischen Schriftsteller Brendan Behan geliehen hat – zu einer Zeit, in der die Erwartungshaltung und der Erfolgsdruck nach der Veröffentlichung von Dogrel  ihn und seine Bandkollegen aus der Kurve zu tragen drohte. Eine größere Europatournee plus die Arbeit an einer zweiten Platte jedenfalls waren unmöglich unter einen Hut zu bringen – die Konzertreise musste also dran glauben.

Wieder mit Dan Carey (Bloc Party, Franz Ferdinand, Bat For Lashes) als Produzent machte man sich stattdessen an elf neue Songs, die eines erkennbar partout nicht sein wollen: nur eine Fortsetzung ihres Erstlings. Den 80ern, den Klängen von Punk und Post-Punk, einem saitenbetonten Sound mit britischen Genen aber bleiben Fontaines D.C. gleichwohl treu.

Die Musik von Fontaines D.C. A Hero’s Death

Erinnerte der Furor von Dogrel  indes noch an The Clash, so weht auf Fontaines D.C. A Hero’s Death eher der Geist von Joy Division durch die Arrangements. Dunkler, düsterer, introvertierter klingt das alles mit dem ultratiefen Peter-Hook-Gedächtnisbass von Conor Deegan III, den klirrenden, schneidenden Gitarren der beiden Saitenmänner Carlos O’Connell und Conor Curley sowie Chattens Gesang zwischen Wut und Wehmut, zwischen Melancholie und Aufbegehren. Gibt es hier also ein Stück zeitgemäßen Indie-Rock für twenty-somethings zu hören, die sich ihre erste Depression zulegen wollen? Keineswegs: Dazu trommelt Schlagzeuger Coll mit viel zu viel Druck, dazu sägen die Gitarren von O’Connell und Curley zu vehement oder verdichten sich zu einer eher fiebrigen als schwermütigen Atmosphäre. Dass das Gros der neuen Songs für die Indie-Disco zu wenig spaßbetont, zu ernst, zu komplex ausgefallen ist: wohl wahr. Die Qualität dieses Albums bleibt davon aber gänzlich unberührt.

„I Don’t Belong“ (zum Videoclip bitte hier entlang) eröffnet mit zurückgenommenen Saitensounds und einem stoischen Drumbeat, ehe Chatten in fast sachlicher Manier ein erstes, richtungsweisendes Statement setzt: Er gehöre niemandem und wolle auch zu niemandem gehören, beteuert er mit dunklem, an Joy-Division-Sänger Ian Curtis erinnernden Timbre und in kantigem Dubliner Akzent: lieber Einzelgänger bleiben als sich in unpassende Gesellschaft zu begeben.

Die Konstellation aus einem charismatischen Sänger und einer nicht weniger intensiv aufspielenden Begleitband prägt auch das nachfolgende „Love Is The Main Thing“ oder das nervös pulsierende, fast hyperaktiv zappelige „Televised Mind“. „A Lucid Dream“ taugt dann endgültig dafür, einen zünftigen Moshpit zu entfesseln; ein Break nach 1:47 als willkommene Gelegenheit zum Luftholen inklusive.

Der Titelsong „A Heroes Death“ (zum Video geht’s hier) bietet dann wieder eine prächtige Gelegenheit, den „Rock-Rap“ von Sänger Grian Chatten zu genießen – und lockt zudem als rasante Mischung aus Punk und Surf-Rock. „Living In America“ wiederum verbreitet mit kernigem Drumbeat, rüden Riffs und diffusen elektronischen Effekten eine bedrohliche, industrial-artige Stimmung.

Doch nicht nur dunkler, zähflüssiger und „ungemütlicher“ ist der Sound der irischen Youngster geworden, sondern auch überraschend balladesk – inzwischen beherrschen die Fontaines D.C. nicht nur einen herzhaft-ruppigen ffw-Modus, sondern auch eine entspannt-introvertiertere Gangart: Das Seemanns- und Hafen-Szenario „Oh Such A Spring“, das ebenso zart hingehauchte wie gezupfte „Sunny“ und der Schleicher „No“ zeigen Grian Chatten fast als Crooner und in der Tradition von englischen Songwriter-Kollegen wie King Krule oder Babyshambles/Libertines-Rauhbein Pete(r) Doherty.

Jenseits jedweder keltischen „Fiddle meets Whistle“-Gemütlichkeit gibt es mit den Fontaines D.C. also eine Newcomertruppe zu entdecken, die mit einer quasi multiplen Band-Identität überzeugt: Zum einen glänzt dieses Quintett als ganzheitlicher, prächtig eingespielter Klangkörper, der einen atmosphärisch dichten, aber noch nicht übermäßig domestizierten Gitarrenrock beherrscht. Und zum anderen funktionieren vier Fünftel davon glänzend als Medium, um den Seelenzuständen ihres psychisch komplex disponierten Frontmanns einen zeitgemäßen Ton zu verleihen, der gleichwohl seinen historischen Vorbildern gerecht wird.

Fontaines DC A Heros's Death Cover
Fontaines D.C. A Hero’s Death erscheint bei Partisan im Vertrieb von PIAS/Rough Trade und ist erhältlich als CD, LP und Download (Cover: Amazon)
Fontaines D.C.
A Hero’s Death
2020/08
Test-Ergebnis: 4,5
ÜBERRAGEND
Bewertungen
Musik
Klang
Repertoirewert

Gesamt

 

Autor: Christof Hammer

Christof Hammer
Seit vielen Jahrzehnten Musikredakteur mit dem Näschen für das Besondere, aber mit dem ausgewiesenen Schwerpunkt Elektro-Pop.