Katie Melua Aufnahme
Wir kennen Katie Melua bislang nur mit zerbrechlichen Singer Songwriterin-Stücken. Zusammen mit dem Geiger Simon Goff nahm sie nun ein wunderbares Crossover-Album auf: "Aerial Objects" ist unser Album der Woche (Foto: Modern Recordings)

Katie Melua „Aerial Objects“ – das Album der Woche

Katie Melua fährt ihre großen Erfolge als Singer-Songwriterin seit rund zwei Dekaden mit sanft-beschwingten Stücken ein. Nun setzt sie ihr Talent im Team mit dem Grammy-dekorierten Sounddesigner und Violinisten Simon Goff auf einem gemeinsamen Konzeptalbum ein. Katie Melua „Aerial Objects“ ist unser luftiges Album der Woche.

Es klingt ein bisschen wie ein schönes Auswanderer-Märchen. Über das georgische Tiflis und nordirische Belfast kam die heute 38-jährige Katie im Alter von neun Jahren mit ihrer Familie 1993 nach London. Nach ausgezeichnetem Abschluss der „London School for Performing Arts & Technology“ landete sie gleich 2003 einen Debüterfolg mit Hits wie „The Closest Thing To Crazy“ oder „Nine Million Bicycles“, eine Assoziation an die damalige, geschätzte Anzahl der Drahtesel in Peking. Nun, mittlerweile dürften dort wohl ein paar mehr Räder unterwegs sein. Und auch Katies Schaffen hat sich nach ihrem Burnout von 2010 verändert. „Danach hat mir das Leben eine zweite Chance geboten“, so Katie im Interview mit LowBeats.de von 2019.

Als Glücksgriff ihrer Anfangszeit erwies sich Mike Batt, der – sagen wir mal so– musikalisch-geistige Bruder von Alan Parsons, der ebenso tolle Konzeptalben wie „Tarot Suite“ (sogar als prima klingende Halfspeed erhältich) veröffentlichte. Ein Mentor für Katie. „Er war ein ungemein visionärer Mensch, sprühte vor Ideen und ich liebte die Songs, die er schrieb. Einige meiner Freunde zweifelten damals, ob es eine gute Idee wäre, mit ihm zu arbeiten, weil er so viel älter war als ich. Aber ich habe darüber gar nicht so sehr nachgedacht. Ich war voll musikalischer Leidenschaft, wollte Platten aufnehmen, Erfahrungen als Künstlerin sammeln. Mike war so professionell, besorgte die Tonstudios, brachte großartige Musiker mit … für mich war das eine extrem aufregende Zeit.“

Katie Melua mit Simon Goff
Duett komplett: Katie Melua und Simon Goff bei der Studioarbeit – Katie trägt dabei einen uns nicht unbekannten Kopfhörer der Marke Beyerdynamic… (Foto: Modern Recordings)

Von diesen positiven Erfahrungen zehrt die Multi-Platin-Künstlerin noch immer und bleibt dabei offen und wach für neue musikalische Terrains. Inklusive Kooperationen mit KollegInnen wie eben jüngst mit Simon Goff. Zeit, um wieder einmal Neuland zu betreten. Und so schuf sie mit dem Violinisten und Sounddesigner (Ludovico Einaudi, Federico Albanese) ein luftig-sphärisches Konzeptalbum. Im Fokus: Im Team die verschiedensten Landschaften zu erforschen und sie musikalisch zu interpretieren. „…Diese Platte führt uns an Orte, an denen wir noch nie zuvor waren,“ so Simon Goff.

Von Goffs musikalischen Ideen war sie sofort angetan, noch bevor sie sich trafen. Zum Beispiel von seinem Solo-Album „Vale“ von 2021, das sie über Kopfhörer begeisterte. „Ich lief durch die Straßen Londons und wurde von den Klängen sprichwörtlich komplett umhüllt. Ich hatte das Gefühl, mich in den Instrumenten zu befinden, insbesondere in dieser wunderschönen Geige – und gleichzeitig klang es fast animalisch.“

Elektronik, Klassik-Post-Rock des Wahl-Berliners auf der einen Seite, zarte Singer-Songwriterkunst mit sanfter Stimme auf der anderen Seite: Zwei musikalische Welten, die sich finden und gegenseitig befruchten sollten. Inhaltlich stellten sich die beiden wie in Architekturkreisen unter anderem die Frage, inwiefern die jeweilige Umgebung das eigene Denken und das Sein beeinflussen würde.

Die Musik von Katie Melua „Arial Objects“

Die beiden nahmen das Album in den Vox-Ton Studios in Berlin und in dem Hoxa HQ in London auf. Und dort schätzt man offensichtlich im Wortsinn den guten Ton: Akustisch erwartet uns nämlich ein luftig-plastisches Soufflee mit schönen Schattierungen an Feindynamik und toller Auflösung. Sechs Tracks umfasst das Werk und startet am „Tbilisi Airport“. Dort schwelgen Streicher melancholisch-psychedelisch um Gitarrentupfer, Tiefbässe pumpen und adeln Katies glasklare Stimme bis beinahe zum Abheben. „It Happened“ zelebriert dann minimalistische Streicher-Stakkatos, ihre Stimme scheint schwerelos über elektronischen Soundpartikeln zu schweben. „Hotel Stamba“ bietet Raum für gezupfte Streichinstrumente und wild gekrustete Elektronika.

„Textures Of Memories“ gönnt wiederum pulsierenden Sounds souveräne Freiräume, in der Gitarrentupfer pastellige Noten setzen dürfen. Der Titeltrack frönt etwas dem Bombast, Drama und aufwallende Sounds dominieren. „Million of Things“ lässt das Album dann versöhnlich-chillig ausklingen.

Katie Melua Cover
Simon Goff & Katie Melua „Aerial Objects“ erscheint auf Modern Recordings / BMG „Aerial Objects“ als CD, LP (am 2. September 2022) oder digital, zum Beispiel bei qobuz.de (Cover: Qobuz)

Eine luftig-leichte Liaison, die sich durchaus gerne fortsetzen lassen könnte …

Katie Melua „Aerial Objects“
2022/08
Test-Ergebnis: 4,4
SEHR GUT
Bewertungen
Musik
Klang
Repertoirewert

Gesamt

Autor: Claus Dick

Musikfachmann seit Jahrzehnten, aber immer auch HiFi-Fan. Er findet zielsicher die best-klingenden Aufnahmen, die besten Remasterings und macht immer gern die Reportagen vor Ort.