Herrenrunde mit Traditionsbewusstsein: Midlake frönen frisch-fröhlich der Old-School-60er//70er Folk-Rock-Tradition (Foto: Barbara.FG)

Midlake „For The Sake Of Bethel Woods“: das Album der Woche

Unsere Rubrik „Album der Woche“ hätte auch das neue Werk der Alternative-Popper von „Seabear“ schmücken können, ein sonniges, akustisches Frühlings-Soufflee. Doch Midlake haben das verhindert: Insgesamt gehaltvoller und vielseitiger komponierte das texanische Americana-Quintett ihr erstes Album nach neun Jahren Pause. Midlake „For The Sake of Bethel Woods“ ist unser Album der Woche – inklusive jede Menge Woodstock-Appeal.

90 Meilen nordwestlich von New York City, in den Western Catskill Mountains liegt sie, die Kultstätte der Flower-Power-Ära. Love, Peace & Happiness kondensierten in Bethel Woods, wo das legendäre Woodstock Festival im August 1969 rund 400.000 Musikfans in „Three Days of Peace and Music“ in seinen Bann zog. Und bis heute via Ton- und Filmkonserven Millionen mehr.

Einer, der damals in der Menge begeistert jubelte, war der Vater von Keyboarder Jesse Chandler. Dass er das Cover des frischen Midlake-Albums ziert, ist zwei Umständen geschuldet. Zum einen entdeckte Jesse seinen Vater in der Woodstock-Film-Doku im Publikum – das Bild ist ein grafisch bearbeiteter Screenshot. Zum anderen soll ihn sein verstorbener Vater sozusagen aus dem Jenseits-Orbit zur Reformierung der Band aufgefordert haben. „Hey Jesse, du musst die Band wieder zusammenführen“ soll er seinem Sohn im Traum souffliert haben, so erzählt es Sänger Eric Pulido.

1969 trampten Jesses Vater und ein Freund von Ridgewood in New Jersey zu dem legendären Festival. „Für mich ist dieses Bild dieses Jungen, meines Vaters, wie eine Zeitkapsel für die Ewigkeit“, erklärt Jesse Chandler. Und es würde zeigen, wie eindrucksvoll und lebendig die Jugend doch ist, mit all ihrer Magie und Musik. Zum Thema Woodstock sei an dieser Stelle übrigens auch an das „schwarze Woodstock“ Summer Of Soul erinnert…

Doch zur Band und ihrer aktuellen Musik, die versucht mit Retroblick diese blühende Ära zu assoziieren und ihr dabei neue Elemente einzuhauchen. Insofern machen Midlake keine texanische Musik, sie wandeln geradezu nostalgisch verliebt auf den Spuren der musikalischen Folk-Rock-Altvorderen und stehen auf Bands der alten Schule der progressiven 1960er Jahre. Rund neun Jahre hat es bis zu diesem Album gedauert, wie erwähnt, auch dank des Ermahnens aus dem Jenseits. Es gibt diesmal auch einen Produzenten. John Congleton (The Decemberists, St. Vincent) steht für klare Linien und einem beherzten Blick um die Gewohnheits-Ecke, mit Lust auf musikalisches Neuland.

Midlake formierte sich 1999 aus Jazz-Musikstudenten der North Texas School Of Music in Denton/Texas, im urbanen Gebiet von Dallas und Fort Worth. Später konzentrierten sich die Jungs auf Low-Fi und Psychedelic-Rock und hatten auch den Sound von Travis oder Fleetwood Mac im wohlwollenden Blick. Die aktuelle musikalische Verwandtschaft liegt bei den Fleet Foxes oder Other Lives.

Wirkliche Hammer-Alben produzierten Midlake nie – aber durchaus sehr gehaltvolle und eigenständige Werke. Zu den Highlights zählen „The Trials Of Van Occupanther“ aus dem Jahr 2006 und der letzte Longplayer „Antiphon“ von 2013. Die Instrumentierung passt zur Vita, darunter tummeln sich klassisch Gitarre, Bass, Orgel, aber auch Querflöte und gerne mal mehrstimmige, teils verfremdete Vocals.

Die Highlights von Midlake „For The Sake Of Bethel Woods“

Die elf Songs nahmen die Texaner in Dallas auf, in den Elmwood Recording Studios von Produzent John Congleton, das er in ein ehemaliges Bestattungsinstitut baute. Trotz der etwas morbiden Assoziation fühlten sich dort bereits einige prominente KollegInnen wie Nelly Furtado oder St. Vincent pudelwohl. Eines von John Congletons Lieblingsarbeitsgeräten fürs Mixen ist die Vintage-Konsole vom Typ 53 des ehemaligen Studio- und TV-Ausstatters Neve, die einen angenehmen Class-A/B-Touch ins Spiel bringen soll. Und in der Tat: Das Album besticht nicht nur musikalisch durch einen sympathischen Retro-Touch, auch der Klang verwöhnt mit einem stimmig-homogenen Klang, dezent warmen Charme, guter Auflösung und recht druckvoller Energie im Bassbereich.

Play:

„Bethel Woods“ bezirzt mit mollig gestimmten Piano und packenden Drums nebst softer Stimmgewalt. Dazu gesellt sich ein sonniger Refrain und psychedelisch aufgezogene E-Gitarrensaiten. „Exile“ lässt mit rockigem Gitarren-Drive und Querflöte einem netten Touch Art-Rock grüßen ­­– klasse sphärischer Folkrock. „Feast Of Carrion“ lebt von einem relaxten Rhythmus und mehrstimmigen Vokalsätzen, ein Hauch von Pink-Floyd-Ambiente würzt den Song zusätzlich. „Noble“ tönt als Psychedelic-Trip mit ähnlicher sonorer Vokalprägnanz vom Schlage eines David Sylvian, mystisch eingebettet in ein dunkel loderndes Soundgeflecht.

Midlake „For The Sake Of Bethel Woods“ Cover
Midlake mit „For The Sake Of Bethel Woods“ erscheint bei Bella Union Records als CD sowie in diversen LP-Ausgaben: 180g-LP, 180-g-Limited-Deluxe-Edition, Crystal Clear Vinyl, Limited-Indie-Edition-LP in „Coke Bottle Clear Vinyl“ sowie als Stream sowie MP3-Download (Cover: Amazon)

„Meanwhile“ wiederum schillert als folkige Pop-Art-Nummer mit schwelgerischen, beinahe einlullenden, umgarnenden Synthies. Der Trancezustand scheint nicht allzu weit entfernt. „Dawning“ holt uns mit polterndem Schlagzeug wieder zurück in die Realität, während „The End“ dem Beatles-Sound frönt und dazu sengende E-Gitarren-Einlagen und verfremdete Vocals einnistet.

Fazit: Alles in allem transformieren Midlake den Old-School-Sound charmant und klug in die Gegenwart. Mal abwarten, ob sich Jesses Vater nochmal mit einer neuen Ansage meldet …

Midlake „For The Sake Of Bethel Woods“
2022/05
Test-Ergebnis: 4,5
SEHR GUT

 

Autor: Claus Dick

Musikfachmann seit Jahrzehnten, aber immer auch HiFi-Fan. Er findet zielsicher die best-klingenden Aufnahmen, die besten Remasterings und macht immer gern die Reportagen vor Ort.