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Auch Gladys Knight war dabei. Die Bänder zum Summer Of Soul Festival tauchten jetzt wieder auf und sind nicht nur musikhistorisch eine Sensation (Foto: Sony)

Summer Of Soul (Black Woodstock) – das Album der Woche

Ladies and Gentleman, would you please welcome… – wohl eine der Musik-Wiederentdeckungen der Dekade: Das Ton- und Filmmaterial zum Harlem Culture Festival von 1969 galt als verschollen und kam erst jüngst wieder ans Tageslicht. Der Soundtrack zur preisgekrönten Filmdoku begeistert als Essenz dieses kulturellen und musikalischen Großereignisses der Black Music – als „Black Woodstock“. Der Summer Of Soul („… Or, When The Revolution Could Not Be Televised)“ ist deshalb unser Album der Woche.

„Are you ready black people…?“ Ein elektrisiertes Publikum erwidert mit „yeaaaah…!“. „Seid ihr wirklich bereit… für all die wunderbaren schwarzen Stimmen, das wunderbare schwarze Gefühl, die schwarzen Wogen, die gen Himmel treiben…?“ Nina Simone brachte es mit diesem Song als eine der Haupt-Acts damals auf den Punkt. Die „Hohepriesterin des Soul“ besang als 36-Jährige zudem mit „To Be Young, Gifted, And Black“ am 17. August 1969 liebevoll die kommende Generation Schwarzer in einer Zeit, in der das Thema Rassismus in den USA an einem Siedepunkt war.

Ja, klar: Sie waren bereit, die insgesamt rund 300.000 begeisterten Zuschauer und -hörer, während der Serie von sechs Auftritten, die im Sommer 1969 in Harlem/ Manhattan über die Bühne gingen. Als Sponsoren engagierten sich unter anderem Bürgerrechtler Jesse Jackson, ebenso wie Nina Simone, B.B. Kiing oder die Staple Singers. An diesem denkwürdigen Tag trat wirklich so was wie die Crème de la Crème der damaligen teils blutjungen Black-Music-Gemeinde auf. Ein mitreißendes Live-Happening, das Musikstile wie Blues, Gospel, R&B, Latin, Soul und Jazz famos frisch repräsentierte. Den New Yorker Ortsteil bereicherte damals ein ähnlich bunter Bevölkerungsmix aus Afrika, Panama, Puerto Rico, Kuba oder Jamaica.

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Große bunte Bühne: Auf dem Harlem Culture Festival feierte im Sommer 1969 eine illustre Schar an schwarzen MusikerInnen ein packendes Soul-/Blues-/Gospel-/R&B-Live-Spektakel – „Black Woodstock“. (Foto: Sony)

Es sollte das letzte Event dieser kostenlosen Konzerte Ende der 1960er Jahre sein, die der afroamerikanischen Musik ein Forum bot. Parallel zu diesem „Black Woodstock“ fand im August 1969 ein paar Autostunden entfernt, nördlich von New York City das Woodstock-Festival statt. Das kennt jedes Kind. Das Harlem Culture Festival wohl keiner. Bis jetzt: Denn der Filmemacher Hal Tulchin drehte während der Festivalserie 40 Stunden lang, scheiterte jedoch später daran, das Material bis auf ein paar Ausschnitte ins Kino oder Fernsehen zu bringen. „Niemand interessierte sich wirklich für schwarze Shows“, so Tulchin damals.

Und so erklärt sich auch der Untertitel des Films: „… Or, When The Revolution Could Not Be Televised)“. Kein Wunder in einem Amerika, das sich im Jahr der Mondlandung immer noch selbst in polarisierendem Schwarz-Weiß-Denken gefangen hielt. Aber wo es eben auch neue Bewegungen gab. Ein Besucher des Festivals soll diese Zeit so beschrieben haben: „…als der ‚Nigger’ starb und ‚Schwarz’ geboren wurde“.

Doch zurück zu den Filmaufnahmen. 2017 entdeckte Produzent Jon Kamen die 40 Stunden Material bei Tulchin und übernahm kurz vor dessen Tod die Rechte daran. Im Team mit dem Musiker Questlove, alias Ahmir Khalib Thompson kamen die historischen Szenen ans Tageslicht – und nun an die Öffentlichkeit. Vielleicht hat ja auch „Black Lives Matter“ einen Schubs zur Veröffentlichung beigetragen.

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40 Stunden Aufnahme-Material, 40 Stunden beste Musik (Foto: Sony)

Questlove und dem aktuellen Produzententeam Dinerstein/ Fyvolent/ Patel sei Dank: Der Hip-Hop- und Soulkünstler sowie Schlagzeuger (The Roots) bereitete die verschollenen geglaubten Ton- und Bildschätze für eine Filmdoku auf. Ein Glücksgriff, dass der 41-Jährige als Regisseur ins Filmgeschäft einstieg und damit sein Debüt mit dem abendfüllenden Dokumentarfilm über das historische Ereignis im Mount Morris Park (heute Marcus Garvey Park) gab. Klar ist dabei natürlich, dass bei einem Film über Musik natürlich eben diese die Hauptrolle spielt. Questlove: „Selbstverständlich muss man zu einem spektakulären Musikfilm auch einen außergewöhnlichen Soundtrack präsentieren. Wir servieren den Leuten musikalisches Manna … Die Performances sind wahrlich meisterhaft – genießt die Show!“

Der Streifen heimste eine Menge Auszeichnungen ein: Allen voran steht der Große Preis der Jury und Publikumspreis des renommierten „Sundance Film Festivals“ in Park City und Saltlake City (Utah)– ein Sprungbrett für Regie-Stars wie Quentin Tarantino, die Coen-Brüder oder Jim Jarmusch. Bei meinem Besuch Mitte der 1990er sprang ein quirliger Mitgründer Robert Redford herum und in Foren wurde die Zukunft von Internet-Start-ups heiß diskutiert – man hörte tausendfach auf den Fluren ein verklärtes „dot.com!“. Questloves Doku gewann zudem bei den „Critics Choice Movie Awards“ in den Kategorien „Best Documentary Feature“, „Best Director“, „Best First Documentary Feature“, „Best Editing“, Best Archival Documentary“ und „Best Music Documentary“. Und bei den „Grammy-Awards 2022“ war er in der Sparte „Best Music Film“ nominiert.

Ursprünglich mit fünf Kameras eingefangen, verwendeten Questlove & Co geschätzt nur gut ein Drittel des Basismaterials für ihre Doku. Die spickten sie mit Voice-Overs von damaligen Teilnehmern sowie Interviewsequenzen nebst aktuellen Statements von MusikerInnen wie Gladys Knight, die damals erst 19 Jahre alt war und noch kein Album veröffentlicht hatte.

Die Musik von Summer Of Soul

Vorneweg gesagt: Klasse, dass das Event und die Live-Songs endlich veröffentlicht wurden. Schade allerdings, dass nicht mehr der damals aufgeführten Stücke auf dem Soundtrack zu hören sind, darunter der eingangs erwähnte Song von Nina Simone „To Be Young, Gifted, And Black“ vom 17. August 1969 – immerhin gibt’s den im Dokufilm zu hören.

Doch einen Nachschlag kann man ja eventuell nachholen, beispielsweise mit einem Soundtrack „Summer Of Soul, Part 2“ oder so. Wer weiß, vielleicht steht uns ja eventuell solche eine Salamitaktik ins Haus…

Die Akustik klingt altersgemäß und den Live-Umständen geschuldet etwas frequenzbeengt, dabei jedoch recht homogen und in engen Grenzen tonal ausgewogen sowie in Mono-Manier. Dennoch: Die unbändige Energie und Dramatik des Events schäumt nur so aus den Lautsprechern und dokumentiert eindrucksvoll und mitreißend wahrlich Großes in puncto Black Music.

Wunderbare Musiker mit unterschiedlichen Stilen und Facetten sind der Live-Beleg dafür: Angefangen mit The Chambers Brothers („Uptown“), B.B. King („Why I Sing The Bllues“), The 5th Dimension mit ihrem Hammer-Hit „Aquarius/ Let The Sunshine In (The Flesh Failures)“ über das smarte „My Girl“ von David Ruffin oder dem „Watermelon Man“ von Mongo Santamaria. Ebenso ein Knaller: das gospelige „Oh Happy Day“ der Edwin Hawkings Singers oder der Clou „It’s been A Change“ der Staple Singers. Zudem geben sich Gladys Knight, Herbie Mann und Sly & The Family Stone die Ehre. Sowie die erwähnte fantastische Nina Simone mit „Blacklash Blues“ und „Are You Ready“.

Fazit Summer Of Soul

Was für ein wuchtig historisches Dokument. Und ein Spaßmacher für Musikfreunde. Natürlich mindestens ebenso empfehlenswert: Der Dokufilm im Kino oder auf Disney+ als Stream.

Summer Of Soul Cover
Der Soundtrack „Summer Of Soul (… Or, When The Revolution Could Not Be Televised)“ erscheint bei Legacy Recordings/ Sony Music als CD oder digital (mit dem Bonustrack „Africa“ von Abbey Lincoln) (Cover: Amazon)

 

Der Video-Trailer zum Film:

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Summer Of Soul
2022/01
Test-Ergebnis: 4,3
SEHR GUT
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Musik
Klang
Repertoirewert

Gesamt

 

Autor: Claus Dick

Musikfachmann seit Jahrzehnten, aber immer auch HiFi-Fan. Er findet zielsicher die best-klingenden Aufnahmen, die besten Remasterings und macht immer gern die Reportagen vor Ort.