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Morcheeba Blaze Away
Mit „Blaze Away“ kultivieren Morcheeba einen schwarz-weißen Edelsound mit highfideler Aura (Foto: N. Vizioli)

Morcheeba Blaze Away – die CD der KW 24

Bye-bye TripHop? Fast: Auf ihrem Comebackalbum erinnern Morcheeba, die zusammen mit Kollegen wie Massive Attack, Portishead oder Tricky  für den Kultsound eines ganzen Jahrzehnts verantwortlich sind, gelegentlich noch an die 90er-Jahre. Noch mehr aber wenden sich Skye Edwards, Ross Godfrey & Co. mit Morcheeba Blaze Away einem zeitlosen Black Pop zwischen Dub, Soul, Rock und Electronica zu – einige überraschende Akzente inklusive.

Wer sich vor zwei Jahren – mutmaßlich ohne allzu große Erwartungen – auf den Weg zu einem der Deutschland-Konzerte von „Skye & Ross“ machte, kam aus dem Staunen kaum heraus. Die beiden Köpfe von Morcheeba hatten für ihr Bühnencomeback nicht nur den alten Bandnamen abgestreift, sondern das inzwischen viel zu enge Stilkorsett TripHop gleich dazu. Zu erleben gab es da eine Band, die geradezu lustvoll aus ihrer bisherigen Stilschublade heraushüpfte und viel mehr spielte als nur das, was man aus den 90er-Jahren von ihr kannte. Im schwarzen, elegant-schulterfreien Kleid und mit akkurat getrimmtem Kurzhaarschnitt zeigte sich Sängerin Skye Edwards als blendende, sympathisch publikumszugewandte und vorzüglich disponierte Frontfrau, die mit vokaler Grandezza schwarz-weiße Popsongs mit James-Bond-Flair ebenso souverän intonierte wie sie mal kurz aus dem Stehgreif einen Gangster-Rap improvisierte.

An ihrer Seite sorgte Morcheeba-Kollege Ross Godfrey für facettenreiche Gitarrensounds zwischen Soul, Funk, Psychedelic Rock, die er mit reichlich Bottleneck-Klängen gar bis ins Bluesige ausdifferenziert. Skye Edwards‘ Ehemann Steve wiederum assistierte mit virtuos-fettem Bass – und Spurenelemente von New Wave und Reggae fieselten die beiden männlichen Begleiter ihrer Chefin auch noch bemerkenswert lässig aus den Saiten.

Zwei Jahre später nun setzte sich die Reunion einer der Kultbands der 90er Jahre fort – unter dem alten Label, aber ganz im Stil jenes komplexen Sounds, der sich 2016 bereits live abzuzeichnen begann. Stilvoll und elegant tönen die zehn Tracks von Morcheeba Blaze Away, aber auch zupackend und frisch – und makellos produziert obendrein: bassfest, räumlich fein ausdifferenziert, crispy-klar, aber ohne je in einen klanglichen „Höhenrausch“ zu verfallen.

Die Musik von Morcheeba Blaze Away

Dieser Deluxe-Sound von Blaze Away bildet den adäquaten Rahmen für den Auftritt der Hauptdarstellerin – inzwischen wieder mit Dreadlock-Langhaarfrisur. Noch immer verdammt sexy klingt das Timbre von Skye Edwards, doch die inzwischen 44 Jahre alte Lady aus London inszeniert diese Tonlage weit stilvoller als sämtliche halb so alte Konkurrentinnen aus R&B und HipHop, bei denen sich Laszivität und Erotik in erster, zweiter und dritter Linie über offensiv dargebotene Dekolletés und kurz geschnittene Stofffetzen definieren.

„Never Undo“, eingespielt mit dem Londoner Electrotüftler und Produzenten Robert Logan, eröffnet das Set mit Sounds zwischen HipHop und Dub; Skye setzt dazu vokal das fort, was sie und eine Generation vor ihr Sade Adu als Königin des britischen Edel-Soul begonnen haben: sinnliches weibliches Storytelling ohne Anbiederung und mit einem finalen Hauch an Unergründlichkeit. Noch tiefer in dubbige Bassgefilde hinab steigt dann „Love Dub“, das mit einer virtuosen Basslinie die Tieftöner ordentlich auf Trab bringt. Dazwischen plaziert: der mit Roots Manuva, dem „Paten“ der englischen HipHop-Reggae-Szene eingespielte Titelsong mit fein dosierten Saitensounds, präziser Rhythmik und schön viel Luft zwischen den einzelnen instrumentellen Schichten.

Morcheeba Blaze Away
Morcheeba: Prachtvolles Comeback auf S-Klasse-Niveau: die Morcheeba Köpfe Skye Edwards und Ross Godfrey (Foto: N. Vizioli)

„Set Your Sails“ zieht reizvoll das Tempo an, ohne im geringsten Hektik zu verbreiten. Am anderen Ende der Dynamikskala: die Balladen „Sweet L. A.“ und „Free Of Debris“ voller „blue notes“ für ruhige Stunden in einer gepflegten Cocktailbar. Sehr nah am Zeitgeist bewegt sich dieser Sound – einem Zeitgeist wohlgemerkt, der sich durch klassische Werte definiert: fokussiertes Songwriting, makellose Arrangements, ebensolche Klangqualität. Diese Gangart schreibt „Blaze Away“ konsequent fort bis zum Ausklang mit „Mezcal Dream“, einem verhangen-mysteriösen Dialog aus Elektronik und Saitensounds, der noch am ehesten in Schlagdistanz zum einstigen TripHop-Sound groovt, aber eine explizitere Portion Gitarrenrock ins Spiel bringt – eine echte Überraschung.

Und nicht die einzige: Neben dem Gastspiel von Roots Manuva durchziehen noch weitere unerwartete Gastauftritte das Programm von Morcheeba Blaze Away. Kurt Wagner, Kopf des amerikanischen Countrysoul-Kollektivs Lambchop, schrieb den Text zu „It’s Summertime“, in „Paris Sur Mer“ erscheint Frankreichs Chanson-Rock-New-Wave-Querdenker Benjamin Biolay zum Duett und raunt sich markant durch eine pluckernde, cineastische Soundlandschaft voller „serie noir“- und David-Lynch-Stimmungen.

Alles zusammen positioniert Morcheeba geschmackvoll zwischen schwarzem und weißem Pop – und „Blaze Away“ als wunderbar erwachsenes Album auf S-Klasse-Niveau, urban in der Stilistik, formvollendet im Sounddesign und ohne jedes effekthascherische Beiwerk.

Cover Art Morcheeba Blaze Away
Morcheeba Blaze Away (Cover: Amazon)

Morcheeba Blaze Away erscheint bei Kartel im Vertrieb von Universal und ist erhältlich als CD, LP und MP3-Download.

 

 

MorcheebaBlaze Away
2018/06
Test-Ergebnis: 4,4
SEHR GUT
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