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New Order Live
Die Kult-Band New Order will es noch mal wissen und legt mit "Education Entertainment Recreation" ein geniales Live-Album auf. Unser Musik-Tipp der Woche

New Order Education Entertainment Recreation – das Album der Woche

Auferstanden aus Ruinen: Aus den Trümmern von Joy Division spielten sich New Order ab 1980 zur vielleicht wichtigsten britischen Popband der letzten 40 Jahre empor. Mit Education Entertainment Recreation (Live At Alexandra Palace)“ blicken Bernard Sumner, Stephen Morris & Co. nun zurück auf ihr einzigartiges Ouevre und agieren gleichzeitig voll auf der Höhe der Zeit: ein musikalisch wie visuell bestechender Grenzgang in großartigem Ambiente, eine Liebesheirat zwischen Post-Punk und Elektropop, ein Ereignis zwischen Dark-Wave-Melancholie und Dancefloor-Euphorie. Und das macht New Order Education Entertainment Recreation zum Lowbeats Album der Woche.

New Order Live
(Foto 2019): Setzt seit vier Jahrzehnten Maßstäbe in Sachen Post-Punk und Elektropop: das New-Order-Quintett Tom Chapman, Phil Cunningham, Bernard Sumner, Gillian Gilbert und Stephen Morris

Den Alexandra Palace in London kennt man hierzulande meist als Veranstaltungsort der Dart-Weltmeisterschaften, die alljährlich zur Weihnachts- und Silvesterzeit großen Kino mit kleinen Pfeilen bietet. Auch der Mosconi Cup (das 9-Ball-Poolbillard-Mannschaftsturnier zwischen den USA und Europa und sozusagen das Pendant zum Ryder’s Cup der Golfer) findet alle zwei Jahre in diesem viktorianischen, spektakulär auf den Höhen von Haringey gelegenen Prachtbau statt. Aber immer mal wieder ist dieses von seinen Fans liebevoll „Ally Pally“ genannte Venue auch für Popkonzerte geöffnet – dann bespielen Top-Bands aus aller Welt diese Location. Am 9. November 2018 für ihre einzige UK-Show in jenem Jahr zu Gast: New Order; seit rund vier Jahrzehnten eine Institution der englischen Popszene mit Verdiensten für die Ewigkeit.

Liegt bei alledem also eine lowbeats-Höchstwertung in der Luft? Nein –   zu fünf vollen Sternen fehlt diesem Mitschnitt tatsächlich die eine oder andere Kleinigkeit. Wer nicht nur die Audio-CD, sondern das (klanglich und optisch exzellente) BluRay-Format abspielt, erlebt beispielsweise einen über weite Strecken etwas betulich wirkenden Frontmann Bernard Sumner, der eher wie der Onkel der Britpop-Szene daherkommt als wie deren Grandseigneur (dieser Titel gebührt bis aus weiteres Pet-Shop-Boys-Chef Neil Tennant) und der auch stimmlich nicht seinen allerbesten Abend erwischt hatte. Auch die immer mal wieder recht breitbeinige Gangart, mit der Tom Chapman seinen Bass bespielt, wird nicht jedem Genrefan gefallen – derlei Posing erinnert doch eher an die Kollegen aus der Hardrock-Fraktion. Und drittens: Ja, der ein oder andere Track braucht etwas, bis er Fahrt aufnimmt. Das aber ist durchaus Teil des Konzepts, denn New Order erlauben sich auch live eine dramaturgische Gangart in Sachen Songaufbau und entwickeln im Alexandra Palace eine ganze Reihe von Tracks im Stile ihrer vielfach gefeierten, ausgedehnten 12“-Remixe.

Das war’s dann aber auch mit den Haaren in der Suppe – demgegenüber stehen jede Menge Aspekte und Details, die dieses Konzert locker auf 4,5-Punkte-Niveau hieven. So zeigt Bassmann Chapman durchgehend, wie passgenau er seinen legendären, 2007 ausgeschiedenen Vorgänger Peter Hook seither ersetzt – dessen melodieorientierten Sound beherrscht Chapman ohne jeden Abstrich. Stephen Morris hält mit einem stoischen, aber unerbittlich strengen Schlagzeug den Bandsound auf Kurs und Keyboarderin Gillian Gilbert agiert hinter ihrem Roland Fantom G7 so wie eine gute Schiedsrichterin auf dem Fußballplatz: unauffällig, aber jederzeit auf der Höhe des Geschehens, selbst nach dem einen oder anderen Gläschen Champagner. Bleibt noch Gitarrist Phil Cunnigham, der zusammen mit Sumner von kristallinen über wavig-harsche bis zu post-punkig düsteren Riffs so ziemlich alles beisteuert, was zum typischen New-Order- (und Joy Division-)Sound gehört.

Die Musik von New Order Education Entertainment Recreation

Alles zusammen macht diesen Auftritt zu einer packenden Karriere-Retrospektive – und zu einem Ereignis, das zeigt, wie diese Band seit nunmehr vier Jahrzehnten Epochen und Genres miteinander verbindet, sich gleichermaßen treu blieb als auch immer wieder neu definierte und der Popkultur regelmäßig neue Impulse verlieh.

New Order Live
BluRay-Besitzer haben’s besser: Mit einer Armada an Spotlights, digitalen Leinwandgrafiken und Scheinwerferkränzen sorgten New Order im Londoner Alexandra Palace auch optisch für ganz großes Kino – die kombinierten CD-/BluRay-Formate lohnen also definitiv den Kauf

Los geht es (nach einem dreieinhalbminütigen „Rheingold“-Intro, zu dem alle Beteiligten gemächlich ihre Arbeitsplätze einnehmen) mit dem flott getakteten, synthielastigen „Singularity“ vom bislang letzten Studioalbum „Music Complete“ (2015). Danach führt eine Zeitreise über Meilenstein-Werke wie „Low-Life“ (1985) oder „Power, Corruption And Lies“ (1983) bis hin zu den allerersten Anfangstagen von New Order. Seitdem pflastern Hits den Weg dieser großartigen Band – den ersten davon gibt es gleich im Anschluss an „Singularity“, wenn „Regret“ das vieltausendköpfige Publikum im „Ally Pally“ tüchtig in Bewegung bringt. Das Melodica-dominierte, von einem prägnanten Indierock-Riff begleitete „Love Vigilantes“ gibt dann eine Ahnung vom beträchtlichen New-Order-Klangspektrum, das umso dichter zusammenwächst, je länger der Abend dauert. Als nächstes pumpt etwa „Ultraviolence“ einen nervösen Industrial-Touch in den Sound, ehe „Crystal“ mit enormer Post-Punk-Punch und stringenter synthetischer Sogkraft zu einem der absoluten Höhepunkt des insgesamt einhundertvierzigminütigen Sets avanciert. Dazwischen: eine erste Referenz an Joy Division in Gestalt einer stupenden Version von „Disorder“ und Chapmans XXL-Bass in der Hauptrolle.

Eine Hauch von Ambient-Atmosphäre durchzieht dann „Your Silent Face“, während „Tutti Frutti“ in seiner Stilistik und seiner optischen Inszenierung ein kleines bisschen an die Kollegen von Yello erinnert. Mit „Sub-Culture“ gibt’s dann wieder einen Bandklassiker, der hier mit schön technoidem Wumms daherkommt. „Bizzare Love Triangle“ stellt die Weichen dann endgültig Richtung Dancefloor – und der Ally Pally feiert einen Rausch aus Elektro-Disco und House, fulminant illuminiert von einer exzellenten Lightshow. Mit Multicolor-Spotlights, einer Armada an Scheinwerferfächer und -kränzen sowie mit geometrisch klaren, digital programmierten Farbflächen im Kraftwerk-Stil ist diese Show also auch ein Fest fürs Auge – umso mehr, als dass sie sich in Gestalt von schnellen Schnitten, schrägen Kameraeinstellungen, Zooms, Überblendungen, Tiefenschärfeeffekten sowie allerlei psychedelischen Zeitlupenmotiven auch einige dezent avantgardistische Elemente erlaubt.

Über „Vanishing Point“ mit hübschen Tiefseequallen-Videosequenzen auf der Bühnenleinwand sowie „Waiting For The Sirens Call“ geht es dann Richtung Showdown: Zunächst groovt „Plastic“ fast acht Minuten lang erst volldigital-dynamisch, dann herrlich sphärisch und schließlich mit satter Wucht, ehe ein Song-Septett der Extraklasse die ganze Faszination dieser Band dokumentiert: Erst untermauern „The Perfect Kiss“ und „True Faith“ das Händchen von New Order für hypermelodischen, perfekt getimte Pophymnen, dann erinnert – natürlich – „Blue Monday“ daran, wie man einst 1983 der angelsächsischen Gitarrenpop-Szene das Tanzen beibrachte und dieses Genre Richtung House und Digitalmusik verließ: ein Hit-Trio, das den Alexandra Palace in eine Großraum-Discothek verwandelt.

 

Der 1981er-Hit „Temptation“ bildet mit elegischen Keyboards, strammen Beat und Gitarren dann das Bindeglied zwischen beiden Bandphasen, ehe Sumner, Morris & Co. schließlich dort ankommen, wo alles begann und mit drei Joy-Division-Songs ihren Kreis als eine der wegweisendsten und konstantesten Popband der jüngeren Britpop-Geschichte schließen: Zu historischen Videosequenzen beschwören „Atmosphere“ mit seinem unter die Haut gehenden Keyboardmotiv, „Decades“ mit klirrend-eisigem, repetitivem Rhythmus-Melodie-Teppich sowie – klarer Fall – die Hymne „Love Will Tear Us Apart“ als grandioses Finale die weihevolle Aura von Joy Division. Und hier erreicht dann auch Bernard Sumners Performance jene Intensität, die dem Geist von Ian Curtis und der speziellen Aura dieser ewiglichen Kultband zwischen Wut, Wehmut, Melancholie und Sehnsucht würdig ist.

New Order Education Entertainment Recreation Cover
New Order Education Entertainment Recreation (Live At Alexandra Palace) erscheint bei Rhino Records im Vertrieb vonWarner Music und ist erhältlich als Doppel-CD (Cover: amazon)

Es gibt New Order Education Entertainment Recreation (Live At Alexandra Palace) aber auch in unterschiedlichen Ausbaustufen nämlich mit 2 CDs + BluRay (Konzertfilm plus Audio) oder als 3-LP-Set oder – exklusiv im New Order Online-Store! – als Edition mit 2 CDs + BluRay +  3LPs in durchsichtigem Vinyl + Buch + Kunstdrucke.

New Order Education Entertainment Recreation Edition
Die New Order Limited Edition Deluxe Box mit 2 CDs + BluRay + 3LPs in durchsichtigem Vinyl + Buch + Kunstdrucke (Foto: amazon)
New Order Education Entertainment Recreation
2021/05
Test-Ergebnis: 4,5
ÜBERRAGEND
Bewertungen
Musik
Klang
Repertoirewert

Gesamt

Autor: Christof Hammer

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Seit vielen Jahrzehnten Musikredakteur mit dem Näschen für das Besondere, aber mit dem ausgewiesenen Schwerpunkt Elektro-Pop.