Jones Pick Me Up Off The Floor LP
Norah Jones hat ein neues Album aufgenommen, das von fast allen LowBeats Mitstreitern gefeiert wird. "Pick Me Up Off The Floor" gibt es glücklicher Weise auch auf LP und ist unser Album der Woche(Foto: D.Russo)

Norah Jones Pick Me Up Off The Floor – das Album der Woche

Schon seit knapp zwei Jahrzehnten steht Norah Jones für hochwertige Lieder zwischen Pop, Jazz und Blues – und klang bereits auf ihrem Sensationsdebüt Come Away With Me mit gerade mal 23 Jahren unglaublich gelassen und in sich ruhend. Nun, mit mittlerweile 41, zeigt sich die New Yorker Pianistin und Sängerin nochmals gereift. Auf ihrem neuesten Werk kombiniert sie elegantes, bisweilen kunstvolles Songwriting mit einer maximal entspannten, aber finessenreichen Klangsprache – Kolleginnen wie Joni Mitchell, Rickie Lee Jones oder Edie Brickell lassen grüßen. Auch deshalb ist Norah Jones Pick Me Up Off The Floor unser Album der Woche.

Das Laute, Schrille, Grelle war noch nie die Gangart von Norah Jones. Wem der Sinn also nach Spektakel und Brimborium steht, der sollte woanders suchen. Mehr noch: Über die Jahre hat sich das Unaufgeregte, das Zurückhaltende bei der pianospielenden Songwriterin aus Brooklyn zu einem wunderbares laid-back-Feeling ausgewachsen, das ohne aufgesetzte Coolness auskommt. Ihr mittlerweile achtes Album zeigt sie nun so ruhig, besonnen und reflektiert, wie man sie kennt und schätzt und nicht mehr missen möchte – und dennoch hörbar gereift.

Jones Pick Me Up Off The Floor
Norah Jones im Frühjahr 2020: Mit 41 Jahren ist die Pianistin, Sängerin und Songwriterin aus New York heute tatsächlich so erwachsen, wie sie schon 2002 auf ihrem Top-Debüt Come Away With Me klang  (Foto: D.Russo)

Zwischen damals (ihrem millionenfach verkauften Sensationsdebüt Come Away With Me) und heute liegen 18 Jahre, neun Grammys und sechs weitere, in gemächlichem Abstand von drei bis vier Jahren eingespielte Alben. Nun aber scheint sich die Taktfrequenz etwas zu erhöhen: Norah Jones Pick Me Up Off The Floor folgt nur gerade mal vierzehn Monate nach dem 2019er-Werk Begin Again, Album Nummer 7 in der Diskografie.

Der Grund für die Ausnahme von der Regel in Norah Jones‘ Workflow: Nachdem sie im Juli 2017 die Tournee rund um das vorzügliche 2016-Werk Day Breaks beendet hatte, trieb sie die Neugier zu einer ganzen Serie an Sessions mit unterschiedlicher Kollegen wie Mavis Staples, Rodrigo Amarante, Thomas Bartlett und Tarriona Tank Ball. Diese Aufnahmen erschienen nach und nach als Singles – und eine kleine Auswahl davon im April 2019 unter dem Titel Begin Again.

Doch da war noch mehr. „Bei jeder Session entstanden Tracks, die gar nicht veröffentlicht wurden”, sagt Jones, „in den vergangen zwei Jahren hatte sich da so einiges angesammelt. Und weil ich die Rough-Mixes auf meinem Smartphone hatte und sie immer hörte, wenn ich mit meinen Hund Gassi ging, habe ich mich wirklich in diese Songs verliebt. Sie gingen mir nicht mehr aus dem Kopf, und irgendwann merkte ich, dass sie wie von einem surrealen Faden durchzogen waren: Es kommt mir wie ein Fiebertraum vor, der sich irgendwo zwischen Gott, dem Teufel, dem Herz, dem Land, dem Planeten und mir abspielt.“

Gut, wenn man für einen solchen Parforce-Ritt durch die inneren und äußeren Welten der eigenen Existenz und deren Untiefen einen klugen, verlässlichen Begleiter an seiner Seite weiß. Der gute Geist für Norah Jones hieß im diesem Fall Jeff Tweedy. Der Chef der Americana-Institution Wilco wurde als Kompositions- und Produktionspartner, als Gitarrist und Bassist zum Dreh- und Angelpunkt der Dutzend Songs – und brachte zudem gleich noch seinen Sohn Spencer als Gastschlagzeuger ins Studio.

Des Weiteren mit im Boot: rund zwanzig nicht unbedingt prominente, aber vorzügliche aufspielende Kollegen aus der US-Studiomusikerszene an Keyboards, Drums, Percussion, Gitarren, Bläsern und Streichern. Herrlich beiläufig gestaltet sich das Zusammenspiel zwischen Norah Jones und ihrer Mannschaft (bekanntester Name: Bass-As John Patitucci) – man hört eine prachtvoll disponierte, mal intim als Jazztrio aufgestellte, mal im Big-Band-Format agierende Musikerschar auf einem bezaubernden Grenzgang zwischen Disziplin, Nonchalance und Improvisationskunst. Akurat austariert und bestens einstudiert klingt dieser rund 45-minütige Songreigen, und zugleich wunderbar en passant, mit vollkommen leichter Hand hingetupft.

Die Musik von Norah Jones Pick Me Up Off The Floor

Im Zentrum dieses flüssigen, aus Jazz, Blues und Folk gespeisten musikalischen Stromes agiert natürlich Norah Jones mit sanft groovendem, melodischem Pianospiel und einer nuancenreichen Phrasierung. Doch erst durch das Zusammenspiel zwischen der Chefin und ihren Kompagnons wird diese Musik zum Volltreffer. Man spürt förmlich, wie Norah Jones dieser backing band vertraut, sich in deren Spiel fallen lässt und wie umgekehrt keiner dieser Kollegen sich in den Vordergrund zu jammen gedenkt, sondern sich dem gemeinsamen Ziel einer so relaxten wie fokussierten Klangsprache unterordnet. Feingliedrig und prickelnd wie das Kohlensäure-Perlenspiel in einem erstklassigen Champagner steigen die Instrumentalbeiträge dieses Ensembles denn auch in den Arrangements auf.

An die Oberfläche tritt diese Raffinesse in reizvoll ausdifferenzierter Form – in „How I Weep“ gleich zum Auftakt etwa in Gestalt eines aparten, fast kammermusikalischen Dialogs zwischen erst sanft schnurrenden, dann im Pizzicato-Stil gezupften Streichern und minimalistischen Tastentupfern. „Flame Twin“ stellt mit fetter Orgel und griffiger E-Gitarre die Weichen dann Richtung Dynamik; auch am Schlagzeug wird nun etwas stärker zugepackt. „Hurts To Be Alone“ bringt wiederum eine wohldosierte Spur an Pop-Songwriting ins Spiel, ohne im Geringsten auf die derzeit gerne mal äußerst vulgären Primärreize dieses Genres zu setzen.

Ein weiteres Highlight folgt an Position 5: Mit subtilem Drive, synkopiertem Groove und sonorem Saxofon- und Trompetenspiel schlägt „Say No More“ die Brücke zwischen Piano- und Bläserjazz. „I’m Alive“ bringt mit Akustikgitarre und sanft trabendem Schlagzeug eine Brise Country ins Spiel, „Were You Watching?“ rückt dann ein Streichquartett in die Hauptrolle – hier liegt ein Hauch Avantgarde und kunstvoll dosierte Innenspannung im Stil von Laurie Anderson in der Luft.

Tiptop aufgenommen ist all das natürlich ebenfalls: nur selten mit etwas mehr Hall („Hurts To Be Alone“), meist auf einer eher kleinen, intimen Bühne stehend – aber in jedwedem raumakustischen Ambiente blitzsauber, schön federnd und dynamikreich.

Mit „Heaven Above“ und „Tryin‘ To Keep It Together“ beschließen zwei leise Piano-Balladen das zwölf Songs starke Programm, das Norah Jones als selbstanalytische, selbstreflexive Persönlichkeit zeigt. Als eine Art gefallene Disco-Diva ist sie auf dem Cover und dem ein oder anderen Pressefotos zu Pick Me Up Off The Floor zu sehen, Zeilen wie „My twin in flames / lift me off the ground“ oder „I tried to be somebody else / or find new ways to be myself“ singt sie dazu: eine Frau am Anfang ihrer vierziger Jahre, auf der Suche nach den bestmöglichen Versionen ihrer selbst, deren zweites Ich schon auch mal ins Stolpern gerät – wie schön normal und unprätentiös in einer immer lauteren, schrilleren, grelleren Welt, die permanent suggeriert, die Kontrolle über alles erlangen zu können.

Jones Pick Me Up Off The Floor Cover
Norah Jones Pick Me Up Off The Floor erscheint bei Blue Note im Vertrieb von Universal Music und ist erhältlich als CD, LP und Download (Cover: Amazon)

 

 

Norah Jones
Pick Me Up Off The Floor
2020/06
Test-Ergebnis: 4,7
Überragend
Bewertungen
Musik
Klang
Repertoirewert

Gesamt

Autor: Christof Hammer

Christof Hammer
Seit vielen Jahrzehnten Musikredakteur mit dem Näschen für das Besondere, aber mit dem ausgewiesenen Schwerpunkt Elektro-Pop.