Nubiyan Twist Band
Auf „Freedom Fables“ spielt die im Kern neun Jungs starke Truppe von Nubiyant Twist einen modernen, afrokaribischen Jazz ganz nah am Spaß-treibenden Zeitgeist (Foto: G. D'Wode)

Nubiyan Twist Freedom Fables – das Album der Woche

50 Prozent Jazz, jeweils ein Sechstel Soul und Funk, dazu noch je ein Schuss Afrobeat sowie eine Prise Karibisches: All diese Sounds und Genres bringt das Ensemble Nubiyan Twist auf unwiderstehliche Art zum Grooven und zum Swingen. Das Ergebnis: 100 Prozent „hot stuff“ aus dem musikalischen Schmelztiegel London. Und das macht Nubiyan Twist Freedom Fables zum Album der Woche.

Auf dieser Platte wird gesungen und gerappt, die Bläser versammeln sich zu lupenreinen Jazzchorussen, spielen sich aber auch virtuos die Soli zu, der Drummer klöppelt Grooves von HipHop bis Funk, streut aber auch mal einen vertrackten Garage-Rhythmus ein, und drum herum sorgt so ziemlich alles, was es von Gitarren über Tasteninstrumente bis hin zu Perkussion gibt, für jede Menge Wirbel: Willkommen in der Welt von Nubiyan Twist!

Hat man all das mal drei, vier Tracks lang gehört in seinem überbordenden Temperament, in seiner musikalischen Vielfalt, dann ist man sich ziemlich sicher: Eine Truppe, die so durch die Genres und Sounds aus aller Herren Länder wirbelt, kann eigentlich nur aus New York oder aus London kommen, jenen Schnittstellen-Metropolen, in denen die weltweiten musikalischen Ströme so einzigartig wie kaum anderswo miteinander verschmelzen. Im Fall von Nubiyan Twist stimmt das tatsächlich – und doch auch wieder nicht. Denn zusammengefunden hat dieses im Kern mittlerweile neun Köpfe starke Ensemble zunächst in Leeds. Ende 2009 begegnete dort der Gitarrist/Perkussionist Tom Excell dem Baritonsaxofonisten und Live-Effekt-Meister Joe Henwood sowie der Sängerin Nubiya Brandon. Tagsüber studierte man gemeinsam am College Of Music, nächtens ließ man sich von der hochproduktiven Musikszene der Yorkshire-Metropole inspirieren und gründete 2015 das Projekt Nubiyan Twist. Die gemeinsame Vision: zeitgenössischen Jazz und aktuelle Club Music miteinander zu einem freudvollen Crossover zu verbinden, der beim Tanzen zum Nachdenken und beim Denken zum Tanzen animierte.

Nubiyan Twist Freedom Fables Live
Cool, kunterbunt gemischt und hochgradig kompetent: Bei Nubiyan Twist vereinen sich glänzende Instrumentalisten zu einem experimentierfreudigen Kollektiv für feurige Sounds von Jazz über Funk und HipHop bis World- und Club-Music.

Über kleine, größere und große Venues wie dem EartH und dem Electric Brixton in London ging es alsbald auf Festivalbühnen in ganz Europa und Großbritannien – und spätestens, als der ehemalige Talking Head und jetzige Weltmusik-Impressario David Byrne die Formation für das von ihm kuratierte Meltdown-Festival im South Bank Centre von London engagierte, waren Nubiyan Twist zumindest in England in aller Munde.

Ins Tonstudio ging es schließlich erstmal 2015 mit dem selbstbetitelte Debütalbum „Nubiyan Twist“. Vier Jahre später folgte der Zweitling „Jungle Run“ – aufgenommen mit elder statesmen der internationalen Jazz- und Crossover-Szene wie dem 2020 verstorbene Afrobeat-Drummer Tony Allen oder Mulatu Astatke, der Leitfigur der äthiopischen Jazzszene sowie letztmals mit Bandgründerin Nubiya Brandon, die seither in aller Freundschaft eigene Wege geht. Nun folgt Album Nummer 3, bei dem sich Nubiyan Twist für ein größeres Revirement entschieden.

Statt die durch Brandons Ausscheiden entstandene Lücke fußballdeutsch gesprochen „positionsgetreu“ (also mit nur einer neuen Sängerin) zu füllen, wählte man eine große Lösung mit mehreren verschiedenen Vokalist*innen: Die weiblichen Parts teilen sich Ego Ella May und Cherise Adams-Burnett; die männlichen Stimmen übernehmen Pianist Ria Moran, Saxofonist Nick Richards (der mit seiner samtigen Neo-Soul-Stimme eine richtig gute Figur macht); insbesondere aber Pat Thomas, der König der ghanaischen Highlife-Musik, der ebenfalls aus Ghana stammende, aktuell in Sheffield lebende Sänger/Rapper K.O.G alias Kweku sowie der preisgekrönte britische Rapper/Saxofonist Soweto Kinch.

Nubiyan Twist Freedom Fables Live
Noch mehr los als bei Fotosessions ist bei Nubiyan Twist auf der Bühne: Dann stoßen auch Ladies wie Ego Ella May und Cherise Adams-Burnett hinzu und das Nonett wird zum zwölf- bis fünfzehnköpfigen Ensemble, das jeden Club zum Brodeln bringt (Foto: P. Garnier)

Man sieht: Es steckt eine ganze Menge Weltmusik im Gesamtpaket von Nubiyan Twist – und vor allem hört man es. Immer wieder bilden afrikanische Vibes und Rhythmen die Basis für die neun Kompositionen – zusammen mit einem klaren Akzent auf moderne jazzige Arrangements. Handelt es sich mit „Freedom Fables“ also um eine Afro-Jazz-Produktion? Jein, denn zwischen diesen beiden Säulen schaffen Nubiyan Twist noch jede Menge Raum für allerlei weitere Sounds – Anklänge an den P-Funk respektive Funk-Jazz von George Clinton, Herbie Hancock & Co. finden sich hier ebenso wie karibisch gefärbte, von fetten Orgelparts im Santana-Stil begleitete Songs („Ma Wonka“) oder rhythmische Referenzen an die moderne britische Club Music.

Die Musik von Nubiyan Twist Freedom Fables

In Form gegossen wurden all diese Elemente schließlich in den Henwood Studios im idyllischen Oxforshire. In diesem mitten auf der grünen Wiese von gelegenen, mit Strohballen schallisolierten und mit bestem analogen und digitalen Equipment ausgestatteten ehemaligen Farmgebäude leisteten Band, Produzent und Tontechnik ganze Arbeit und meisterten das Kunststück, einer Studioproduktion das Feuer einer Livesession einzuhauchen.

„Morning Light“ eröffnet mit feisten Synthiebässen und einem getragenen Bläsersatz, den Ria Morgan mit femininen Vokalzauber begleitet, während  Saxofonist Nick Richards als prächtige Garnitur ein Solo im Stil der amerikanischen Fusion-Jazz-Altmeister Spyro Gyra beisteuert. In „Tittle Tattle“ an Position 2 schalten Nubiyan Twist dann gleich mehrere Gänge hoch: Hier diktieren ein Dialog aus wieselflinken Saiten-Perkussion-Sounds und ein fulminanter Bläsersatz das Geschehen, ehe zum Finale dann Trompeter Jonny Ensner förmlich die Sterne vom Himmel spielt. Und alles zusammen prickelt 5:20 lang wie bester Champagner

In „Buckle Up“ wechseln dann Kulisse und Stimmung – hier übernimmt Soweto Kinch das Mikrofon, wandelt mit warmem Bariton zu smoothen Soul-Jazz-Klängen auf den Spuren des unvergessenen Al Jarreau und glänzt obendrein noch mit einem geschmeidigen Saxofon-Solo. „Keeper“ bietet die Bühne für ein famoses Duell zwischen Ria Moran und  seinen Bläserkollegen: Behände wirbelt sich der Keyboarder die Tonleiter rauf und runter, während abwechselnd Saxofon, Posaune und Trompete die Hauptrolle beanspruchen. Das folgende „If I Know“ entpuppt sich dann mit Juju-nahen Saitensounds und einem fulminanten Trommel-/Perkussion-Feuerwerk als wahres Rhythmusmonster, ehe Ego Ella May in „24-7“ wieder klassisch jazzige Vokaltöne im Stil von Billie Holiday und Bessie Smith anschlägt, die Saxofonist Nick Richards um ein stupendes Solo ergänzt.

Rasanter Showdown eines hochvitalen Albums, das unbedingt Lust darauf macht, dieses Ensemble einmal live zu erleben: „Wipe Away Tears“, in dem das entspannte, Bill-Withers-artige Soultimbre von Nick Richards auf einen quirlig-urbanen Groove und einmal mehr auf temperamentvolle Bläser trifft – denn ohne die geht sowieso mal gar nichts bei Nubiyan Twist.

Nubiyan Twist Freedom Fables Cover
Nubiyan Twist Freedom Fables erscheint bei Strut Records im Vertrieb von 375 Media und ist erhältlich als CD, Doppel-LP und als Download (Cover: amazon)
Nubiyan Twist Freedom Fables
2021/03
Test-Ergebnis: 4,4
SEHR GUT
Bewertungen
Musik
Klang
Repertoirewert

Gesamt

 

Autor: Christof Hammer

Seit vielen Jahrzehnten Musikredakteur mit dem Näschen für das Besondere, aber mit dem ausgewiesenen Schwerpunkt Elektro-Pop.