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Quad II Amplifier – Hören & Leben mit der Ikone

Einige Kohlewiderstände sind über die Zeit aber um +/-30% gedriftet und bringen die gesamte Schaltung damit an ihre Grenzen. Auch die räumlich eng gebaute und wenig durchlüftete Vorstufe ist hier anfällig. Entsprechend spannungsfeste Typen sorgen für Ersatz, wo nötig. Messtechnisch unauffällige, aber wohl von Beginn an unterdimensionierte Widerstände unter den Drosseln sowie altersbedingt vom Austrocknen bedrohte Elektrolytkondensatoren werden sicherheitshalber getauscht. Wegen der heute verfügbaren Lautsprecher ändere ich auch die Anpassung der Übertrager auf 8 Ohm.

Quad II Drossel
Widerstand und Kondensator unter der Drossel wurden vorsorglich gewechselt (Foto: R. Heller)

Alle Schaltungsdetails und -spannungen sind, entsprechend dem damaligen Zeitgeist ohne geplante Obsoleszenz, übersichtlich dokumentiert und die Verwendung von ausgesuchten Standardteilen macht die Überholung einfach. Trotzdem hat es einige Zeit gedauert, hochwertige sowie geeignete Teile in der Literatur zu finden und zu beschaffen. Auch ist mir der Umgang mit solch hohen Spannungen nicht alltäglich, jedes Messen und Arbeiten in der Schaltung ist ein willkommener Nervenkitzel.

Quad II offen von unten
Die Quad II Monoblöcke nach ihrer Überarbeitung (Foto: R. Heller)

Oxidation sowie Verschleiß setzen über Jahrzehnte der Mechanik von Schaltern, Potentiometern, Röhrensockeln oder Anschlüssen zu. Behutsames Reinigen, Polieren, Konservieren und besonders das Vermeiden von zweifelhaften Kontaktsprays war zeitraubend, aber der einzig sinnvolle Weg bei solch historischen Gerät.

Quad II nach dem Remaster
Auch im offenen Zustand macht die überholte Quad 22 eine Menge her (Foto: R. Heller)

Praxistest und Hörerlebnis mit den Quad II

Nach der kompletten Prüfung aller Verstärker mit Tuner sowie deren Überholung geriet das Projekt etwas in Vergessenheit. Es war wieder Sommer geworden und die Temperaturen im Raum so gar nicht geeignet für heiße Röhren, dazu Herausforderungen im Beruf und anderer Vintagekram, der beachtet werden wollte. Praxisgerecht nach heutigen Ansprüchen ist das Set natürlich auch nicht, da eigentlich nur ein Eingang der Control Unit mit aktuell gebräuchlichen Signalpegeln nutzbar und die alten Cinchbuchsen recht friemelig sind – von der elektrischen Sicherheit der Netzversorgung und Multikontaktstecker gar nicht zu sprechen. Dazu kamen ungefragt warnende Stimmen, die mittlerweile raren Röhren zu schonen oder besser noch das ganze Set gewinnbringend zu verkaufen.

Quad II Röhrensatz Mullard
Der originale Röhrensatz einer Quad II von Mullard und G.E.C. (Foto: R. Heller)

Dann aber endlich der lang erwartete Temperatursturz, eine noch nicht aktive Heizungsanlage und die Möglichkeit für Quad, sich durch Zuheizen nützlich zu machen. Und ihre Zuhörer in baffes Erstaunen zu versetzen. Gepaart mit recht effizienten Tannoy Devon Lautsprechern, der SPL Phonos Phono-Vorstufe und einem durchzugsstarken Plattenspieler füllt sich das Vakuum mit Emotionen und pfeilartiger Dynamik.

Komplette Anlage mit Quad II
Die komplette Kette um die Quad II und Quad 22: Lautsprecher Tannoy Devon mit Unterstellfüßen von IsoAcoustics, Plattenspieler Garrad 401 mit TA Benz Micro Glider, Phono-Vorstufe SPL Phonos und Kabel von Mogami, Witchhat, Wireworld (Foto: R. Heller)

Sehr intim das Erlebnis mit Prince und seiner Platte „Piano & a Microphone“ im Song Medley. Zusammen mit einem erfahrenen Musikhörer haben wir minutenlang gebannt nach vorne gehört, um uns danach etwas hilflos anzusehen. Das ist schon sehr überzeugend, besonders aber unerwartet, wenn man seine Erwartungshaltung in Anbetracht von Alter und Optik angepasst hat. Eric Clapton’s Just one Night aus dem Budokan Theatre in Tokio macht es uns mit „Double Trouble“ nicht einfacher. Der Typ steht mit seiner Stratocaster Gitarre hochgradig präsent im Raum und will uns nicht loslassen, die 15 Röhrenwatt meinen es absolut ernst.

Eric Clapton 'Just one Night‘
Eric Clapton Just one Night (Cover: Amazon)

Geht es auf der Platte, ‚tschuldigung Bühne, etwas gedrängter zu, verliert das britische Trio bei höheren Pegeln schon mal den Überblick und es wird anstrengender, dem Geschehen zu folgen. Kontrolle im Bassbereich geht verloren. Ab den Mitten aufwärts schwindet Kontur und Feininformation. So bei Nils Frahm, Spaces, wenn dieser etwas dichter und vielschichtiger in seinen Improvisationen träumt. In ruhigen Titeln wie „Went Missing“ ist die Wirkung einfach wunderbar nah und schießt direkt in die emotionale „will mehr davon haben“ Ecke. Zu Gast in Fink’s Sunday Night Blues Club. Es geht rauer zu und wir sind live dabei, wenn der Laden kocht. Der Clubabend ist eine Freude und lässt keinen Raum für highendiges Diskutieren von Auflösung, Tiefenstaffelung oder verwendeten Kabel – stattdessen Fuß und Kopf wippen lassen und dazu noch einen Drink, bitte! Kleine Combos wie John Coltranes Both Directions at Once oder Eric Bibbs Blues, Ballad & Work Songs sowie Electronics Klassiker wie Upstairs at Eric’s von Yazoo oder immer und immer wieder gerne etwas von der Düsseldorfer Kapelle Kraftwerk gehen ebenfalls ganz hervorragend.

Vorstufenröhren für Quad 22
Alternative Röhren wurden natürlichen auch ausprobiert. Beispielsweise die ECC83 von Mullard (links) (Foto: R. Heller)

Dankbar reagiert das Set auf Veränderungen in der Aufstellung. Entkopplung mit RDC Kegeln belohnt die Endstufe mit besserer Ortbarkeit des Geschehens. Die Vorstufe mag besonders die Lagerung auf sehr weichen Sorbothane-Gummis, damit geht förmlich die Bühne in die Breite und die Auflösung sowie Dynamik nimmt stark zu. Ein Variieren der Vibrationseinkopplung in das Gehäuse wirkt fast immer auf den Klang ein, das gilt für mikrofonieempfindliche Röhren natürlich besonders. UK made Mullard ECC83 klingen übrigens in der 22 sehr farbig, druckvoll, harmonisch und detailliert; die ebenfalls ausprobierten Brimar- oder Mazda-Birnen kamen da nicht mit. Entscheidend scheint also doch, was im Vakuum ist.

Anlage mit Quad II
Auch nach vielen Stunden des Hörens ein Erlebnis: die Anlage um die Quad II (Foto: R. Heller)

Quad II – das Fazit

Also alles perfekt und kein Fortschritt in den letzten Jahrzehnten der Entwicklung hörbar? Natürlich nicht, aber diese Kombi macht in ihren Grenzen schon sehr viel richtig und transportiert Emotionen mit einer Intensität, die einfach anmacht, mich immer weiter auflegen und entdecken lässt. Ansatzlose Dynamik und Wärme bei Stimmen, Struktur in den Instrumenten, Timing und Raum sorgen für Gänsehaut und lassen so manche Errungenschaft von aktueller High End Elektronik unwichtiger werden. Gerüchten nach ist die Vorstufe 22 eine klangliche Bremse. Kaum zu glauben, aber noch konnte ich meine Quad II nicht mit anderen Vorverstärkern hören.

Meine Freundin sagt zur Quad-Tannoy-viel-zu-viele-Kabel-Anlage übrigens: „klingt gut, kann bleiben“. Mehr Lob geht aus diesem Mund nicht, ehrlich. Wegen der klaren Formensprache ist die 22 eines der Geräte, bei dem sie das Lautstärkepoti findet und dreht….meist nach unten. Nein, perfekt ist das Set aus Huntingdon nicht. Aber ich liebe es heiß und innig.

Quad II und Quad 22
2019/01
Test-Ergebnis: 4,2
SEHR GUT
Bewertungen
Klang
Praxis
Verarbeitung

Gesamt

Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse.
Klanglich wirklich ganz weit vorne
Zeitlos schlichtes Design
Sicherheit der Verbindungen nicht mehr zeitgemäß
Originalröhren werden rar