ATC Classic 50 im LowBeats Hörraum1
So gehört sich das für einen Monitor: halbhoch und natürlich auf Ständern. Die ATC SCM 50 ASL ist ein herausragend guter Aktiv-Lautsprecher. Der Preis von 18.000 Euro (Paar) ist hoch, aber in jedem Fall gerechtfertigt (Foto: H. Biermann)

Test Kompaktbox ATC SCM 50 ASL: aktiv besser als passiv?

Man weiß nicht genau, warum. Aber ATC, diese wunderbar englische Lautsprecherfirma, segelt zumindest im HiFi-Bereich viel zu weit unter dem Radar. Dabei gehört es unter Kennern zum Allgemeinwissen, dass ATC schon seit fast 40 Jahren atemberaubend gut klingende Lautsprecher baut. Nicht umsonst werden sie auch in so vielen namhaften Studios – von Abbey Road bis Sony Music Studios – eingesetzt. Also begeben wir uns auf Spurensuche. Und zwar mit einem Lautsprecher, der wie kein Zweiter für das Wesen dieser britischen Traditionsschmiede steht: Die ATC SCM 50 ASL wurde natürlich immer wieder auf neuesten Stand gebracht, stammt aber aus dem Jahre 1985. Wir hatten den Evergreen für einige Monate im Hörraum. Ergebnis: Das Konzept von damals kann es locker mit den modernsten und angesagtesten Lautsprechern aufnehmen. Ganz unbeeindruckt von der Zeit ist sie immer noch eine der besten Boxen ihrer Klasse.

ATC Manufaktur im Grünen
Beste Lautsprecher aus einer bezaubernden Gegend: ATC produziert im Postkarten-Idyll von Gloucestershire (Foto: H. Biermann)

Stroud in Gloucestershire. Hier im äußeren britischen Westen, wo alles aussieht, wie aus einer Inspector-Barnaby-Folge, wo die See (die hier Keltische See heißt) nicht fern ist und nirgendwo auch nur der Hauch von Hektik aufkommen will, hier produziert und entwickelt die Acoustic Transducer Company, kurz: ATC, schon vier Jahrzehnte Lautsprecher. So eine Umgebung färbt natürlich auf die Produkte ab…

Im Herbst letzten Jahres hatte ich die Gelegenheit, der Firma einen Besuch abzustatten. Über 40 Menschen sind hier beschäftigt, alle mit Herz & Seele dabei. Spricht man auch mit den Leuten in der Produktion oder im Versand, spürt man ihren Spirit, die Überzeugung, Teil von etwas Außergewöhnlichem zu sein.

ATC macht tatsächlich außergewöhnliche Produkte. Die Fertigungstiefe der Briten ist enorm. Die legendären Treiber wie die 75 mm große Mitteltonkalotte SM75-150S entstehen allesamt hier in liebevoller Handarbeit. Die Spulen werden selbst gewickelt, die Magnete der Treiber vor Ort magnetisiert. Und hinter jeder Station ist eine Prüfstelle, an der die einzelnen Schritte noch einmal gecheckt werden. Die ATC Qualitäts-Standards sind – nicht nur gemessen am britischen Niveau – sehr hoch.

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ATC Entwicklungs-Ingenieur Richard Newman
ATC Entwicklungs-Ingenieur Richard Newman beim Test des 15 Zöllers aus der SCM 150 (Foto: H. Biermann)
ATC Fertigung1
Die Produktion der Treiber als auch der Zusammenbau der Lautsprecher geschehen unter einem Dach. Das macht die Wege kurz (Foto: H. Biermann)
ATC Fertigung3
Auch die werden hier natürlich gefertigt: die legendären 3-Zoll Mitteltonkalotten namens SM75-150S (Foto: H. Biermann)
ATC Klippel
So traditionell die Briten auch wirken: Möglichkeiten, ihre Treiber besser zu machen, schlagen auch sie nicht aus. Das ebenso bewährte wie teure Klippel Analyse-System deckt die Verzerrungs-Schwachpunkte der einzelnen Treiber auf (Foto: H. Biermann)
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Für eine kurze Zeit während meines Besuchs fand sich auch der ATC Gründer, Billy Woodman ein. Woodman, eigentlich schon im Ruhestand, ist ein echter Überzeugungstäter und sprüht immer noch vor Begeisterung. Ich packte die Gelegenheit beim Schopf und fragte ihn, was denn die ATC Lautsprecher so besonders mache. Antwort Woodman: „Verzerrungsarme Treiber und eine möglichst perfekte Phasenlage. Mit ihr erreiche ich nicht nur eine saubere Übernahme zwischen den Treibern, sondern sorge auch für ein absolut kontrolliertes Abstrahlverhalten in der Vertikalen.“ Wahrscheinlich hat er Recht, denn die ATC Speaker klingen ja immer außergewöhnlich sauber.

Und trotzdem ist das HiFi-Volk nur selten euphorisch. Fragt man auf Messen oder auch bei Händlern nach, warum die Fans dennoch beim Thema ATC so zurückhaltend sind, fällt häufig das böse Wort „hässlich“. Aber bitte: ATC Lautsprecher sind doch nicht hässlich, vielleicht eigen. Sie folgen einem robust-zweckmäßigen Design, unnötiger Zierrat hat hier keinen Platz. Das zeigt Charakter.

Und das bleibt wohl auch so – wie folgende Episode zeigt. Nach Lunch, Besichtigung der Produktion und intensiven Diskussionen um das Für & Wider der ATC-Ideale ging es abends an die Bar. Nach einigen (natürlich viel zu warmen) Pint Bier nahm ich meinen Mut zusammen und sagte: „Ihr wisst schon, dass eure Lautsprecher nicht als sonderlich hübsch angesehen werden?“ „Natürlich“, tönte es mir fröhlich entgegen. „Deshalb seid gespannt, was morgen passiert.“

Am nächsten Morgen kamen wir in einem Raum, in dem ein Lautsprecher Christo-mäßig mit Samttüchern verhüllt war. Es herrschte striktes Kamera- und Handy-Verbot. Die Samttücher wurden entfernt – und da stand ein ganz normaler ATC-Lautsprecher. Besonders scharfe Augen hätten vielleicht die eine oder andere Rundung entdeckt. Ansonsten das Übliche, von „Design“ keine Spur. Ich musste echt lachen und war irgendwie auch froh – alles andere wäre nicht ATC gewesen.

ATC werbung
ATC Werbung: Man weiß um seine Stärken… (Foto: H. Biermann)

Der Aufbau der ATC SCM 50 ASL

Dementsprechend sieht auch die älteste, noch aktuelle ATC aus, wie eine ATC eben aussehen muss: kantig, geradlinig und in genau dieser Mittelgröße gehalten, wie man es damals gern hatte – zu klein, um sie auf den Boden zu stellen, zu groß für einen richtigen Ständer. Ich persönlich finde diesen Monitor-Look sexy. Und wie man beispielsweise an der Yamaha NS-5000 sieht, kommt der gerade wieder in Mode.

ATC SCM 50 ASL Stands
Die Ständer der ATC SCM 50 ASL hieven den mittelgroßen Monitor um 25 Zentimeter in die Höhe. Das bringt den Hochtöner in etwa auf Ohrhöhe des Zuhörers. Die Abmessungen der Aktivbox selbst liegen bei 71,7 x 30,4 x 48,0 cm (H x B x T) inklusive der nach hinten etwas auskragenden Elektronik (Foto: ATC)

Etwas überraschend war für mich das Gewicht der ATC SCM 50 ASL. Die Frage des Kollegen Jürgen Schröder, ob er mir beim Auspacken helfen könne, wies ich zuerst einmal zurück: So ein kleines Ding werde ich doch noch allein…

Konnte ich nicht. Gut 50 Kilo bringt die kompakte 3-Wege-Kombination auf die Waage und ich musste kleinmütig doch um Hilfe bitten, weil sie auch so schwer anzupacken ist. Kollege Schröder staunte ebenfalls nicht schlecht: „Ja, ist die denn mit Blei ausgegossen? Woher kommt das Gewicht?“

Zunächst einmal von dem höchst solide aufgebauten Gehäuse mit mehrfachen Innen-Verstrebungen. Klopft man auf die Wände, wird die Qualität hörbar, beziehungsweise nicht hörbar: da vibriert nichts.

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ATC Classic 50 Schawallwand1
Die aufgesetzte MDF-Platte verstärkt die Schallwand und bildet das Gegenstück für den passgenauen Bespannrahmen, der einfach aufgesetzt wird (Foto: H. Biermann)
ATC Classic 50 Schallwand2
Die Einfräsungen sind alle tipptopp sauber ausgeführt. Die vibrationsanfälligen Bereiche der Seitenwände werden durch Verstrebungen im Zaum gehalten (Foto: H. Biermann)
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Dann wäre da noch die metallene Anschlussplatte, auf der die drei Endstufen sowie die Bauteile für die aktive Frequenzweiche ihren Platz finden. Die Frequenzweiche ist steilflankig (24 dB pro Oktave) und bei den Endstufen handelt es sich dreimal um den gleichen (analogen) Typus in AB-Schaltung. Allerdings sind die drei in ihren Ausgangsleistungen unterschiedlich ausgelegt: 50 Watt für den Hochton, 100 für den Mittelton und der leistungshungrige Bassbereich wird mit 200 Watt versorgt. Alle drei Endstufen hängen an dem großen Trafo, der zusammen mit den Netzteil-Kondensatoren für die entsprechende Stabilität sorgt.

ATC Classic 50 Endstufen
Der gewaltige Trafo sorgt für die entsprechende Leistung an den drei Hochleistungs-Treibern (Foto: H. Biermann)

Interessant ist immer die Diskussion mit den ATC Leuten über ihre Endstufen. Denn hier wird eigentlich mit wenig Aufwand und keineswegs neuester Technik gearbeitet: Die Treiberfunktion übernimmt ein Operations-Verstärker 5534, weitere Spannungs- und Stromverstärkung wird von den vier MOSFET-Leistungstransistoren geleistet. Trotzdem (oder deshalb?) ist das Ergebnis erstklassig. Also nicht nörgeln.

Den größten Anteil am Gewicht aber haben die drei Treiber. Vor allem der 25cm Bass protzt mit einem Gewicht im zweistelligen Kilobereich.  Allerdings geht es ja nicht um möglichst viel Gewicht, sondern um geringste Verzerrungen und höchste Neutralität. Und tatsächlich sind die Treiber der Acoustic Transducer Company von allerbester Qualität. Durch hunderte von Klippel-Simulationen sind sie in Bezug auf Impulsverhalten und Verzerrungsarmut absolut top.

Herausheben muss man dabei die mit 75mm Durchmesser fast schon riesige Mitteltonkalotte. Billy Woodman hat das Ding 1976 marktreif gemacht. Seitdem wurde dieser Ausnahmetreiber immer wieder verfeinert. Heute ist er – wie auch die Messungen zeigen – wunderbar klirrarm und lässt sich ab 400 Hertz bis weit über 4.000 Hertz einsetzen.

Damit ist er den heute angesagten Konus-Mitteltönern in der Bandbreite kaum noch unterlegen. Sein Vorteil ist die breite und homogene Abstrahlung, was meist zu einer sehr leichten und luftigen Wiedergabe führt. Wer je eine ATC mit der großen Kalotte gehört hat, wird mir zustimmen: Das klingt ungemein transparent. Wahrscheinlich ist die homogene Abstrahlung in der Horizontalen einer der wichtigsten Bausteine für diese luftige Wiedergabe.

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ATC Classic 50 Bass
Trägt den Löwenanteil zum Gewicht der ATC SCM 50 ASL bei: der prachtvolle 10 Zöller mit sehr großem Magneten und extrem straffer Membranaufhängung (Foto: ATC)
Ein echtes Antriebs-Monster: der legendäre Mitteltöner M75-150S läuft in der SCM 50 ASK von 380 – 3.500 Hertz und ist – wie die LowBeats Messungen zeigen, sehr verzerrungsarm. Ein kleiner Trichter unterstützt die Kalotte bei ihrer Arbeit im Bereich um 400 Hertz (Foto: ATC)
ATC_SM75-150S Mitteltonkalotte
Riesenkalotte mit Riesen-Schwingspule: die bewegten Teile der SM75-150S. Die Kalotte selbst ist aus getränktem Gewebe und vergleichsweise leicht (Foto: H. Biermann)
ATC Classic 50 Hochtöner
Es ist der neueste Treiber in der SCM 50 ASL: der Hochtöner ATC SH25 mit 25 mm großer, leichter Gewebekalotte (Foto: ATC)
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Der Hochtöner ist – gemessen an Tief- und Mitteltöner – eine echte Neuheit. Der Treiber mit der resonanzarmen Gewebekalotte hat erst wenige Jahre auf dem Buckel und ist für die Kombination mit dem Mitteltöner auch in Bezug auf die Abstrahlung optimiert. Das hört man: die beiden Kalotten klingen wie aus einem Guss.

Messwerte & Praxis

Erst einmal der Anschluss. Nach Ansicht von ATC ist ein XLR-Zugang absolut ausreichend; von asymmetrischen Zuleitungen hält man nichts. Im Grunde ist der Ansatz richtig, weil Aktivlautsprecher so gut wie immer mit langen Kabeln am Vorverstärker angeschlossen werden, was dann die Gefahr von Einstreuungen und Brummschleifen birgt. Die Langstrecken-Störungen bekommt man mit XLR-Kabeln gut in den Griff. Zumal ATC den XLR-Eingang zusätzlich per Hand auf maximale Störfreiheit abgleicht. So erreichen die Briten breitbandig eine Gleichtaktunterdrückung von mindestens 70 Dezibel. Normale, unabgeglichene symmetrische Eingänge kommen auf kaum mehr als 45 Dezibel.

 

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