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Technics SL-1000R Test Aufmacherbild
Eine Legende wird neu aufgelegt: Der Technics SL-1000R belebt den Mythos des großen Technics Direct Drive Laufwerks neu. Der Preis: ab 16.000 Euro (Foto: Technics)

Test Direct Drive Spitzen-Laufwerk Technics SL-1000R

Mit dem Technics SL-1000R lebt eine Legende wieder auf: der erste Direktantriebs-Spieler der Firma, der Mitte der Siebzigerjahre auf den Markt kam. Der Name, unverändert bis auf das angehängte „R“, suggeriert Kontinuität. Vierzig Jahre technischen Fortschritts sind aber natürlich nicht spurlos an dem Laufwerk vorübergegangen.

Bei HiFi-Diskussionen um den ultimativen, letztendlich und dauerhaft glücklich machenden Plattenspieler – egal ob von direkter Kaufabsicht getrieben oder eher hypothetisch – taucht neben diversen aktuellen Großspielern stets auch eine Auswahl zeitloser Klassiker auf: Kaum ein LP-Hörer, der nicht irgendwann im Lauf seiner Karriere mal mit einem dicken japanischen Direkttriebler aus den Siebzigerjahren geliebäugelt hätte. Die mächtigen Pioneers, Sonys und Kenwoods kamen in kleinen Stückzahlen zu schon damals hohen Preisen aus Japan nach Europa, wo „Made in Japan“ noch jenen etwas zweifelhaften Ruf genoss, den heute längst „Made in China“ geerbt hat. Dabei waren die jeweiligen Topmodelle der großen Marken schon damals von geradezu obsessivem Perfektionismus, selbst aus heutiger Sicht exotischen Materialien sowie erlesenstem Finish geprägt.

Die furiose Preisentwicklung der alten Laufwerke zeigt, dass den stolzen japanischen Analogmeistern nun auch in Europa die verdiente Wertschätzung widerfährt – mit gerade mal vier Jahrzehnten Verspätung, was in der Phonowelt ja keinen wirklich großen Zeitraum bedeutet. Ein Vergleichspaar, das als Paradebeispiel dienen kann, stand einst im Hause Rietschel im Hobbyraum: Der mit Ferienjob-Geld neu erworbene Linn Axis des Autoren, Seite an Seite mit dem Kenwood KD-990, den sich dessen Bruder kurz danach zulegte. Der Kenwood, ein mächtiger Direct-Drive-Panzer mit Oversize-Teller und schwerem Tonarm, machte klanglich – anderslautenden Tests zum Trotz – Kleinholz aus dem schottischen Mitbewerber. Und wird heute für ein Vielfaches des Axis gehandelt.

Sofern er noch funktioniert, jedenfalls. Direkttriebler sind zunächst mal sehr wartungsarm: Wo keine Riemen oder Reibräder sind, können diese auch nicht verspröden, ausleiern oder sich in eine klebrige, teerähnliche Masse verwandeln. Für elektronische Bauteile dagegen sind 40 Jahre durchaus relevant. Manche altern nutzungsabhängig, weil sie im Betrieb vielleicht etwas (zu) warm werden und die mit den Temperaturzyklen einhergehende Materialausdehnung und -schrumpfung schließlich zu Mikrorissen führt. Andere (etwa viele Kondensatoren) verlassen mit den Jahrzehnten auch ganz ohne Belastung ihre ursprünglichen Kennwerte. Verschärfend kommt hinzu, dass die aus Sicht der Siebzigerjahre hoch komplexen Motorsteuerungen mit integrierten Schaltkreisen aus der Frühzeit der IC-Technik bestückt sind, für die es heute mitunter keinen direkten Ersatz gibt. Es dräut also durchaus auch Unheil, das den von Direct-Drivern gerne verspotteten Riemenantriebs-Fahrern eher nicht so droht. Denn deren Maschinen haben zwar mitunter Nachschubprobleme bei den Gummis, dafür aber meist eher simpel gestrickte Motoren und Netzteile.

Abgesehen von ein paar ganz strengen Riemenpuristen sind sich aber beide Fraktionen einig: Idealerweise würde man so ein 110-prozentiges Direktantriebs-Monster einfach heute nochmal komplett neu konstruieren. Mit den Werkstoffen und Komponenten von heute, mit digitaler Motorsteuerung, die auch die letzten Reste an Polrucken und sonstigen Unruhequellen mit präziser, für jedes Umdrehungs-Grad in Echtzeit neu berechneter Antriebsspannung ausmerzt, mit modernen Fertigungs- Behandlungs- und Prüfverfahren, die die Feinmechanik der Seventies hemdsärmelig erscheinen lassen. Genau das hat die Panasonic-Tochter Technics gemacht – und dazu gleich ein ganz neues Werk gebaut.

Von der alten Direktantriebs-Größe der Marke war nämlich nicht mehr viel übrig, seit vor etwa zehn Jahren die Fertigung des legendären Modellpaars SL-1200/SL-1210 endete. Immerhin gab es die Ingenieure noch, die den 1200er bis zuletzt liebevoll modellgepflegt und weiterentwickelt hatten. Und die – das kommt erst jetzt heraus – mit der Entwicklung nie aufgehört hatten, sondern heimlich im stillen Kämmerlein und womöglich gar in konspirativen kleinen Teams, unbemerkt von den Panasonic-Firmenstrategen atemberaubende Analog-Statements zu Papier brachten.

Die Entwicklung des Technics SL-1000R

Dass diese Spieler dann doch gebaut wurden, mit einem nach jahrelangem Dornröschenschlaf wie entfesselt loslegenden Team in einem eigens neu eingerichteten Fabrikteil, gehört zu den wahr gewordenen Märchen der HiFi-Historie. Ganz besonders gilt das für den Technics SL-1000R, um den es hier geht – weil er die Technics-Ideen praktisch ohne Budget-Restriktionen umsetzt und damit die direkte Nachfolge des nur bis 1987 gebauten „ganz großen Laufwerks“ SP-10MkIII antritt.

Die Ahnenreihe des Technics SP-10R.
Die Ahnenreihe des Technics SP-10R. Im Vordergrund der SP-10 MK III (Foto: H. Biermann)

Wie damals gibt es neben dem Technics SL-1000R eine aufs reine Laufwerk reduzierte Variante namens SP-10R, die für den Einbau in existierende Konsolen, Pulte oder Zargen vorgesehen ist und zudem mit einem Tonarm nach freier Wahl ergänzt werden muss. Das Coole daran: Der SP-10R ist in seinen Abmessungen und Befestigungen vollständig mit seinem 30 Jahre alten Vorgänger kompatibel. Wer also etwa die schon damals sauteure Technics-Originalzarge aus pechschwarzem Obsidian noch hat, kann dort ruckzuck das neue Laufwerk reinsetzen – ein klassisches drop-in replacement für den MkIII also.

Doch selbst der „Komplettspieler“ SL-1000R kommt nicht wirklich vollständig aus seinem riesigen Karton. Gut – man muss das Laufwerk nicht mehr in die Zarge schrauben, denn der mächtige Motor und die gewaltig schwere, aus gefrästem Aluminium und dem Technics-typischen, akustisch toten Gusswerkstoff BMC bestehende Zarge kommen bereits als Einheit aus der Verpackung. Selbst der Tonarm ist bereits montiert, wird aber ohne Headshell und ohne Anschlusskabel geliefert. Offenbar haben die Technicser bei einem Teil der Zielgruppe ausgeprägten Kabel-Standesdünkel registriert, während der andere Teil teure Strippen als Voodoo verachtet – und sich folglich lieber gar nicht festgelegt. Auch eine poplige Not-Headshell bleibt dem Nutzer beim Auspacken wie gesagt erspart. Angesichts des Gesamtpreises hätten die Japaner ruhig auch einen richtig guten Systemträger konstruieren und beilegen können; so bleibt dem SL-1000R-Eigner eben nur der Rückgriff auf Fremd-Shells.

Wer den SL-1000R selbst beim Händler abholen will, braucht übrigens einen Kombi und einen kräftigen Helfer. In eine Limousine, auch eine große, bekommt man den x-fach verschachtelten Pappsarg, der den Spieler beherbergt und auch auf langen Überseereisen zuverlässig schützt, nicht hinein. Und dann wiegt das Pracht-Frachtstück auch noch deutlich über einen Zentner. Das ist kein HiFi, das man Freitag abends diskret am Partner vorbei in die Stube schmuggelt.

Der Aufbau des Technics SL-1000R

Im ausgepackten Zustand dagegen ist der Technics SL-1000R das Understatement in Person. Ein beliebiger Clearaudio, Transrotor oder Acoustic Signature zu einem Drittel des 1000er-Preises dürfte analoghistorisch unbeleckten Besuchern mehr Ahs und Ohs entlocken als der dezente Japaner, der sich so unsichtbar macht, wie es einem 50 Zentimeter breiten und 40 Zentimeter tiefen Gerät eben möglich ist. Der Stealth-Effekt beruht auf perfekt ausgewogenen Proportionen – das Chassis ist zwar breit, aber auch Teller und Arm sind größer als normal – einer schlafwandlerisch sicher reduzierten Formensprache und dem konsequenten Verzicht auf jeglichen Bling-Faktor. Die auf den meisten Fotos etwas laut wirkende Messingoberseite des Plattentellers verschwindet in der Praxis bis auf den kleinen, überstehenden Rand unter der serienmäßigen Gummimatte und wurde ohnehin nur deshalb ausgewählt, weil das Messing mit der darunter liegenden Aluminiumlage nun mal ein besonders schalltotes Material-Sandwich ergibt.

TEchnics SL-1000R Chassis
Das Foto lässt erahnen, was fehlt: die Zarge (Foto: Technics)

Wie bereits beim preiswerteren SL-1200G ist der Doppelteller auf seiner Unterseite zudem mit einem zähen, gummiähnlichen Material ausgegossen und wird – jedes einzelne Exemplar – penibelst feingewuchtet. Auf der Unterseite ist das an Ballast-Bohrungen erkennbar, mit denen der Technics-Mitarbeiter an der eigens konstruierten Tellerwuchtmaschine kleinste Materialmengen abgetragen hat, um die perfekte Balance herzustellen. Eine zusätzliche Komplikation erfährt der 1000er-Teller durch die zwölf entlang des Tellerrands eingepressten Gewichte aus Wolfram, die mit ihrer extrem hohen Dichte (19,25 g/cm³, ganz knapp unter der von Gold) zusätzliche Schwungmasse bringen, vor allem jedoch das Nachschwingen des Tellers nach einer mechanischen Anregung drastisch verkürzen. Die Technics-Entwickler wären keine echten japanischen HiFi-Forscher, wenn sie dafür nicht auch ausführliche Messungen ersonnen und lehrreiche Schaubilder angefertigt hätten. Man kann den Teller aber auch einfach mal mit einer Hand halten und mit den Fingerknöcheln der anderen abklopfen: Eigenleben ist weder spür- noch hörbar.

Technics SL-1000R von oben
Derr Technics SL-1000R sieht auch von oben ziemlich unprätentiös aus. Die drei Löcher im Plattenteller um die Spindel dienen zum bessern Handling – damit kann man den schweren Plattenteller (7,1 Kilo) abheben. Insgesamt wiegt der SL-1000R (mit einem Tonarm) über 40 Kilo  (Foto: Technics)

Lange klopfen und lauschen kann man eh nicht, denn der Teller ist mit acht Kilo verblüffend schwer – erst recht für Direktantriebs-Verhältnisse. Also lieber gleich rauf damit auf den Spieler. Bei diesem Aufbauschritt wird schnell der Sinn der beiden M3-Gewindelöcher klar, die sich an gegenüberliegenden Positionen je etwa 10cm vom Mitteldorn entfernt im Teller befinden: Da der Rundling am Rand absolut bündig mit der Zarge abschließt, bekommt man ihn ohne die beiliegenden, in besagte Gewinde einschraubbaren Griffbügel nicht unfallfrei aufgesetzt und überhaupt nicht mehr abgenommen.

Ähnlich wie beim SL-1200G rotiert der eigentliche Motor gut drei Fingerbreit unterhalb der Tellerebene – und damit weit genug entfernt, dass selbst sensibelste Tonabnehmer nichts mehr von den elektromagnetischen Antriebskräften mitbekommen. Das Aggregat selbst erinnert im Grundaufbau an das des G-Modells, unterscheidet sich aber in einem wesentlichen Punkt: Statt neun Antriebsspulen erzeugen hier gleich 18 wuchtige, kernlose Kupferwickel kraftspendende Magnetfelder. Wie beim kleineren Modell wirken diese auf einen Doppelrotor, der aus je einem Magnetring ober- und unterhalb der Spulenebene besteht. Die doppelte Spulenzahl bringt gewaltiges Drehmoment, das den schweren Sandwichteller so mühelos auf Solldrehzahl beschleunigt, als wäre es der Dünnblechdeckel einer Keksdose. Vor allem jedoch bringen die vielen Spulen in ihrer wie Blütenblätter überlappenden Anordnung einen noch weicheren, gleichmäßigeren, ruckärmeren Lauf. Nach dem Tipp auf die extrem leichtgängige Start-Stop-Taste meint man, diese Geschmeidigkeit mit bloßem Auge sehen zu können: Dieses völlig unspektakuläre, lautlose und blitzartige Loslaufen hat etwas Magisches.

Liegt keine Platte auf dem Teller, hat man allerdings Mühe, überhaupt zu erkennen, ob der Spieler läuft oder nicht. Der seidig geschliffene, perfekt plane Tellerrand und die mit konzentrischen Ringen dekorierte Gummimatte geben dem Auge keinen Anhaltspunkt. Es gibt auch keine grellen LEDs oder sonstige Lichteffekte: Winzige Leuchtpunkte über den drei Tempo-Tasten verraten die aktuell gewählte Drehzahl. Das wars. Selbst das OLED-Display am externen Netzteil lässt sich komplett verdunkeln. Eigentlich dient es dazu, die tatsächliche Tellerdrehzahl auf zwei Stellen hinterm Komma genau anzuzeigen. Was normalerweise langweilig ist, weil da dann eben 33.33 steht. Dass das Flüssigkristall auch andere Zahlen kann, zeigt sich erst, wenn man die Pitchfunktion verwendet: Um bis zu 16 Prozent in jede Richtung lässt sich mittels zweier Tipptasten am Netzteil das Tempo verstellen. Das geht sehr feinfühlig, aber natürlich nicht so blitzschnell-spontan wie mit den Pitch-Fadern eines klassischen Technics  – und lässt damit ein potentiell unermesslich cooles Dekadenz-DJ-Set mit zwei oder drei SL-1000R leider etwas unpraktisch erscheinen.

Der Tonarm des Technics SL-1000R

Sonst wäre die Umgewöhnung nicht groß: Alles ist, wo es hingehört, und der Arm fühlt sich genau so an, wie er sich anfühlen muss. Das ist kein Wunder, denn der serienmäßige Tonarm ist ja auch eine exakte Neuauflage des alten – nur noch besser gelagert, ein Zoll länger (10“ statt 9“) und nicht mehr aus Aluminium gefertigt sondern aus hochdämpfendem Magnesium.

HIGH END 2018 Technics SL 1000 Tonarm
Der Tonarm des Technics SL-1000R ist ebenfalls ein Meisterwerk – wenn auch ein nicht ganz vollendetes… (Foto: F. Borowski)

Dennoch bleibt der Arm das Bauteil, an dem man einen 1000R am ehesten noch verbessern könnte. Die S-förmige Konstruktion mit SME-Headshellanschluss bietet viele Vorteile: Der Einbau und Wechsel des Tonabnehmers etwa ist daran ein Kinderspiel, weil sich der Tonkopf mit einem Handgriff vom Armrohr trennen lässt. Und es spricht nichts dagegen, auch mehrere bestückte Headshells bereitzuhalten, um je nach Situation ruckzuck umstecken zu können: Vom Edel-MC für Genussabende zum robusten Preiswert-System für Partys zum Beispiel. Auch die Höhenverstellung mit dem großen, skalierten Rändelring, der den Armsockel wie ein Kameraobjektiv aus- und einfahren kann, ist kaum zu verbessern und lässt fast alle anderen Arme fummelig und unergonomisch wirken – zumal beim SL-1000R der Verstellbereich auch besser zu HiFi-Tonabnehmern passt als bei den 1200er-Armen.

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