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Totem Acoustic Tribe Tower Tiefmitteltöner im LowBeats Hörraum mit Atoll IN 400SE
Die Totem Acostic Tribe Tower ghören zu den kleisten, je bei LowBeats getesteten Standboxen. Aber auch zu den faszinierendsten... (Foto: H. Biermann)

Test Totem Acoustic Tribe Tower: High-End-Standbox für kleine Räume

Vince Bruzzese, der Kopf hinter dem kanadischen Lautsprecherspezialisten Totem Acoustic, versucht die Quadratur des Kreises: Nämlich großen Klang mit tiefen Bässen und ordentlich Pegel aus kleinsten Gehäusen zu zaubern. Der Mann ist ein Magier. Zumindest mit seiner zierlichen Standbox Totem Acoustic Tribe Tower gelingt ihm das überraschend gut. Und noch einiges mehr…

 

 

Totem Acoustic Tribe Tower Paar schwarz
Eine echt süße Standbox mit bescheidenen Abmessungen: 17,8cm x 93,5 x 20,0 (B x H x T) misst die Kleine gerade einmal. Und da sie sich nach oben verjüngt, wirkt das Gehäuse der Tribe Tower noch schlanker (Foto: Totem Acoustic)

Kann man diesen Lautsprecher ernst nehmen? Ein kleiner Obelisk, gerade einmal 90 cm hoch und mit zwei Tieftönern der 10 Zentimeter Klasse bestückt? Die Fotos erwecken vielleicht noch einen anderen Eindruck, aber die Totem Acoustic Tribe Tower sind wirklich klein. Doch die bescheidene Größe ist Teil des Konzepts. „Früher haben wir auch sehr große Lautsprecher gebaut“, sagt Bruzzese. „Heute favorisiere ich die kleineren. Sie passen viel eher in die Realität moderner Wohnungen. Und wenn man mal umzieht, geht das mit so einer kleinen Box viel besser als mit großen Lautsprecherschränken.“ Ein schlüssiges Argument.

Totem Acoustic Tribe Tower Größe
Die Tribe Tower ist tatsächlich ein sehr kleiner Lautsprecher – wie der Vergleich mit der 2 Euro Münze zeigt. Die schräge Oberfläche der Box ist kleiner als eine CD-Hülle. Auch gut zu sehen: Das Lack-Finish ist gut gemacht (Foto: H. Biermann)

Das Konzept der Totem Acoustic Tribe Tower

Die gesamte Entwicklerwelt beruft sich bei der Konstruktion auf die Formeln von Thiele & Small. Aber nicht Bruzzese. Der Kanadier entdeckte, dass dieses Formelwerk bei kleineren Volumina nicht präzise genug ist. „Ich habe deshalb selbst Algorithmen entwickelt, die näher an der Realität sind – beziehungsweise mehr dem entsprechen, was ich klanglich bevorzuge.“

Weil Bruzzese dem klassischen Formelwerk nicht traut, kann er auch keine der üblichen Computersimulations- oder Berechnungsprogramme verwenden – diese basieren ja meist auf Thiele & Small. So bleiben nur die eigenen Algorithmen und das gute, alte Trial & Error-Verfahren – es dauert halt länger. Und Bruzzese benötigt für diesen eigenen Ansatz Tiefmitteltöner, die es am Weltmarkt nicht von der Stange gibt: er nennt sie Torrent-Treiber.

„Torrent Technology“ steht bei Totem Acoustic für einen speziellen Aufbau mit extrem weicher Aufhängung. Das heißt: Nicht Sicke und Spinne sorgen hauptsächlich für das schnelle Ein- und Ausschwingen des bewegten Systems (Membran plus Schwingspule), sondern vor allem der Magnet. Bruzzese erreicht dies durch eine große Bauhöhe des kräftigen Neodym-Magneten, der wiederum mit einem ungewöhnlich langen Luftspalt versehen ist. Das ermöglicht der Schwingspule einen sehr großen Hub in einem linearen Magnetfeld.

Das Ergebnis ist so ungewöhnlich wie der Ansatz selbst: Die Resonanzfrequenz des 10 cm Tieftönerchens beispielsweise liegt bei sehr niedrigen 26 Hertz. Das können andere Hersteller mit Mühe auch. Aber dann ist die Membran absurd schwer. Die des Tribe-Tower-Basses ist vergleichsweise leicht und sein Wirkungsgrad erfreulich hoch. Kurz: dieser Treiber ist absolutes Hightech – wie auch die Bilder der Slideshow zeigen…

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Totem Acoustic Tribe Tower Tiefmitteltöner in der Schallwand
Zwei der Torrent-Tiefmitteltöner arbeiten in der Tribe Tower. Die Membran ist fast das einzig normale an diesen Treibern. Sie besteht aus dem oft verwendeten resonanzarmen Polypropylen (Foto: H. Biermann)
Totem Acoustic Tribe Tower Tiefmitteltöner Korb
Schon der Aufbau setzt Maßstäbe: überall handwerkliche Präzision und höchster Materialaufwand. Allein der Korb ist 8 mm stark (Foto: H. Biermann)
Totem Acoustic Tribe Tower Tiefmitteltöner von der Seite
Der Motor des Ganzen ist ein extrem starker Magnet mit großer Schwingspule. Diese durchmisst knapp vier Zentimeter und besteht aus einem Vierkant-Aluminiumdraht, der auf einem Vanadium-Aluminium-Schwingspulenträger gewickelt ist (Foto: H. Biermann)
Totem Acoustic Tribe Tower Tiefmitteltöner Magnet
Überlegene Konstruktions-Details, wo man hinschaut: Der Neodym-Magnet ist natürlich belüftet und hinten auf möglichst geringe Reflektionen getrimmt. Der Korb (vorn) selbst ist mit einer Korkschicht von der Schallwand entkoppelt (Foto: H. Biermann)
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Vince Bruzzese kann sehr unterhaltsam die Geschichte erzählen, wie er mit seinen Torrent-Vorstellungen zu befreundeten Treiber-Lieferanten ging: Zuerst langes Schweigen, dann die Frage, ob er denn gewillt sei, vierstellige Summen für diese Tiefmitteltöner auszugeben. War er natürlich nicht. Seitdem werden die Torrent-Treiber allesamt in Kleinserien-Handarbeit bei Totem Acoustic in Montreal hergestellt.

Der Hochtöner der 2-Wege-Konstruktion entsteht zwar auch nach den Vorstellungen von Vince Bruzzese, aber nicht bei Totem Acoustic, sondern beim dänisch/chinesischen Spezialisten Wavecor. Es handelt sich um ein modifiziertes Standardmodell mit recht großer (33 mm) Gewebekalotte. Der Hochtöner gilt unter Kennern als mit der beste und belastbarste seiner Klasse und ist bereits ab 1.500 Hertz einsetzbar.

Totem Acoustic Tribe Tower Höchtöner Magnet
Der Hochtöner-Magnet hat hinten zusätzliche einen Kühlkörper aufgesetzt. Wird nämlich das Neodym zu warm, büßt es magnetische Wirkung ein (Foto: H. Biermann)

Die Sache mit der niedrigen Einsatzfrequenz und der hohen Belastbarkeit ist wichtig, weil Totem Acoustic die Frequenzweichen in der Regel mit extrem flachen 6-Dezibel-Filter bestückt. Wenn überhaupt. Denn Bruzzese hat auch hier ganz besondere Vorstellungen.

Die Frequenzweiche…

… kann man kaum als solche bezeichnen. Von zwei parallel geschalteten Linearisierungs-Zweigen einmal abgesehen, besteht die gesamte Frequenzweiche der Tribe Tower aus nur einem Bauteil: dem Kondensator vor dem Hochtöner – siehe Bild.

Totem Acoustic Tribe Tower Hochtöner Cap
Ein hochwertiger MKP-Kondensator des britischen Spezialisten Clarity Cap sorgt dafür, dass der Hochtöner erst ab 3.000 Hertz den vollen Pegel abbekommt  (Foto: H. Biermann)

Und die beiden parallel geschalteten Tiefmitteltöner? Hängen ohne Frequenzweichenbauteile direkt am Ausgang des Verstärkers. Im Tiefmitteltonbereich ist die Tribe Tower quasi eine Aktivbox. Und das hört man – vor allem bei den feindynamischen Prozessen.

Möglich wird diese direkte Kopplung ohne Weiche durch den speziellen Aufbau des Tiefmitteltöners: Er muss von sich aus einen erkennbaren Frequenzabfall vorweisen. Besonders steife Membranen dieser Größe laufen als Breitbänder ja gern schon einmal bis 20.000 Hertz. Die Tiefmitteltöner der Totem Acoustic Tribe Tower fallen ab 2.500 Hertz zuerst sanft, dann ab 3.000 Hertz steil ab. Hier sorgt also das von Bruzzese genau ausbalancierte System aus Membranmasse plus Sicke und Einspannung für die gewünschte Filterwirkung.

Die Idee der direkten Ankopplung hat handfeste Vorteile: Man hat keine Wirkungsgrad-Dämpfung und keine Phasenverschiebungen durch die Frequenzweichenbauteile. Der Nachteil: Bei Programmmaterial mit viel Mittelhochtonenergie strahlt der Tiefmitteltöner zwar nichts Hörbares mehr ab, aber die Schwingspule muss trotzdem arbeiten und wird im schlechtesten Falle recht heiß. Aber die Tribe Towwer ist eindeutig nicht für hohe Pegel gemacht, deshalb ist dieser Nachteil ein theoretischer.

Ein wesentlicher Punkt bei Bruzzeses Ideal vom kleinen Gehäuse ist auch dessen Form und dessen Stabilität. Der Kanadier setzt hier auf eine mitteldichte Faserplatte (MDF), die außen härter ist als innen. Die Obeliskenform plus Innenversteifungen sorgen für eine immense Steifigkeit auch bei hohen Pegeln.

Totem Acoustic Tribe Tower Innenverstrebung
Die Wände der Tribe Tower bestehen aus 20 mm starkem Spezial-MDF. Die gelochten Innenversteifungen und die schräge Oberplatte sollen stehende Längswellen verhindern (Foto: H. Biermann)

Klassisches Dämpfungsmaterial nutzt Bruzzese nur wenig – nämlich im oberen Teil des Gehäuses hinter dem Hochtöner. Darüber hinaus vermeidet er den Einsatz von Schaumstoff – er sieht zu viele Nachteile. In der Tribe Tower sorgen die Gehäuseform und eine spezielle Paste (angeblich aus der Raumfahrttechnik) für eine gute Gehäusedämmung. Und glaubt man dem Kanadier, dann nehmen sich die Haustischler bei Totem Acoustic richtig viel Zeit: der Aufbau selbst der kleinsten Totem Acoustic dauert über neun Stunden.

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