Wieder on air: R&B-Superstar The Weeknd geht für sein neues Album „Dawn FM“ mit einer eigenen, fiktiven Radioshow auf Sendung – wie bereits beim Vorgänger-Coup „After Hours“ (2020) lohnt sich das Einschalten auch diesmal.

The Weeknd „Dawn FM“ – das Album der Woche

Synthpop mit Seele, schmusetauglicher R&B mit Ohrwurmpotenzial sowie Knackiges für den Dancefloor: Auf seinem neuen Werk ist er der Meister einer kurzweiligen Radioshow und überzeugt gleichermaßen als Womanizer und Entertainer. Vorhang auf für The Weeknd „Dawn FM“ – dem ersten Album der Woche des neuen Jahres.

Sein Megahit „Blinding Lights“ läuft noch immer rauf und runter (und, wetten, auch noch in zwanzig Jahren), und doch ist Abel Tesfaye schon wieder auf Sendung – diesmal als DJ und Programmdirektor von „Dawn FM“. Und natürlich als dessen wichtigster musikalischer Act. Alles klar so weit? Noch nicht ganz, oder?

Also der Reihe nach: Für sein fünftes Studioalbum in Eigenregie skizzierte The Weeknd kurzerhand eine imaginäre Radiostation als Schauplatz. Ein cleverer Schachzug: Dieses Szenario schafft Raum für einen abwechslungsreichen Mix aus verschiedenen Klangfarben sowie Auftritte von diversen musikalischen Gästen. Den Sendeplatz und die „Corporate Identity“ des Hauses verrät zum Auftakt der Schauspieler und Komiker Jim Carrey: „You’re listening to 103.5 Dawn FM“, empfängt der Freund und Kumpel von The Weeknd die geneigte Hörerschaft in seiner Anmoderation. Viel zu lange habe man in der Dunkelheit gelebt; nun sei es Zeit, wieder ans Licht zu treten und sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen“, referiert Carrey dann: ein klares bye-bye an die jüngere, pandemiegetrübte Vergangenheit.

Und bei der Rückkehr zu Lebensfreude, Optimismus und Sinnlichkeit will Dawn FM seinen Fans mit Rat und Tat und entsprechender Musik zur Seite stehen. Dann noch ein gewitzter Jingle und nach 1:36 geht auch schon der Meister selbst on air – und zwar mit einem weiteren lupenreinen Ohrwurm in bester The-Weeknd-Manier: Gar nicht heimlich, sondern offensiv und ohne jede Scham nimmt „Gasoline“ Anleihen beim Elektropop der frühen Depeche Mode und stellt die Weichen für jene Erfolgsmischung aus Synth-Pop und Hochglanz-R&B, die den Kanadier 2020 zum Weltstar gemacht hat.

Mit im Boot sind auch wieder etliche gute Bekannte aus dem „After Hours“-Erfolgsteam; allen voran natürlich der Schwede Max Martin, der sich als kongenialer Co-Songwriter und Goldfinger am Mischpult quasi unersetzlich gemacht hat. Nur sporadisch ins Gewicht fällt hingegen die Mitwirkung von Daniel Lopatin alias Oneohtrix Point Never – solo agiert der amerikanische Elektro- und Experimentaltüftler deutlich avantgardistischer als hier im The-Weeknd-Team.

Die Musik auf The Weeknd „Dawn FM“

So geben oftmals die gleisend-melodischen Synthiesounds von Max Martin den Ton an, so auch „How Do I Make You Love Me“ an Position 3, ehe „Take My Breath“ mit seinem geradlinigen Groove, einer Mischung aus hochmelodischem Gute-Laune-Pop und sanft melancholischen Untertönen sowie einem ordentlichen Schuss fluffig-smoothem Italo-Disco-Flair das Trio an neuen Hits komplettiert, mit dem „Dawn FM“ seine Fangemeinde an den Lautsprechern hält.

„Sacrifice“ zeigt dann mit einem verzerrten E-Gitarren-Riff zu einem shuffelnden Beat einen weiteren Einfluss in The Weeknds Schaffen: Für dieses Stück High-Energy-Discofunk stand natürlich Michael Jackson Pate, den The Weeknd in seinem geschmeidigen, butterweichen, oft ins Falsett hinaufsteigenden Gesangsstil ja ohnehin ganz unverblümt zitiert. Wenn man über „Jacko“ spricht, ist es natürlich nicht weit bis zu Quincy Jones, dessen musikalischem Mentor, Produzenten und langjährigem Wegbegleiter, und so folgt als Zwischenspiel eine 1:36 kurze, aber bewegende „Tale By Quincy“, in der sich der mittlerweile 88 Jahre alte Impressario der Black Music an die Beschwernisse seiner Jugend erinnert und dem Hörer ein paar Altersweisheiten und kluge Ratschläge über das Leben und das Erwachsenwerden spendiert.

Im daran anschließenden folgenden zweiten Teil der „Dawn FM“-Radioshow dominieren dann die balladesk-sanftmütigen Töne. Ein bisschen zu weit geht dabei allerdings Kollege Tyler The Creator, der in „Here We Go … Again“ eine gehörige Überdosis Süßstoff verbreitet. Wie es besser geht, zeigt The Weeknd in „Out Of Time“, das sich stilvoll vor dem Japanese City Pop der späten 70er und frühen 80er-Jahre in Gestalt des Songs „Midnight Pretenders“ aus der Feder der Dichterin und Sängerin Tomoka Aran verneigt. Oder auch in „Best Friends“, das den schmerzhaft-schönen Emotionstransfer von einstiger Liebe hin zu künftiger Freundschaft mit unterkühlten Synth-Funk-Klängen kontrastiert.

Viel elektronischen Punch und aparte Funkyness versprüht auch „I Heard You’re Married“, auch wenn der Auftritt von Rap-Topstar Lil Wayne nur eine Fußnote bleibt.

Als letztes Highlight im fünfzehn Tracks umfassenden Programm wartet dann kurz vor Schluss die Midtempo-Perle „Less Than Zero“, die süffige Keyboardsounds und üppige Akustikgitarrenklänge sowie eine watteweiche Hookline zu einem typischen The-Weeknd-Ohrwurm mit Spätachtziger-Flair koppelt, ehe Jim Carrey die Dawn FM-Hörer dann mit letzten tröstenden Worten in den Tag verabschiedet.

The Weeknd "Dawn FM"
The Weeknd Dawn FM erscheint bei Republic/Interscope im Vertrieb von Universal und ist erhältlich, als CD, LP und Download/ Stream (Cover: Amazon)
The Weeknd
„Dawn FM“
2022/01
Test-Ergebnis: 4,4
SEHR GUT
Bewertungen
Musik
Klang
Repertoirewert

Gesamt

Autor: Christof Hammer

Seit vielen Jahrzehnten Musikredakteur mit dem Näschen für das Besondere, aber mit dem ausgewiesenen Schwerpunkt Elektro-Pop.