Velvet Underground 1967
Mit ihrem Erstlingswerk revolutionierten The Velvet Underground 1967 den Rock n Roll. Das Cover-.Album "I'll Be Your Mirror" ist eine höcht gelungene Verneigung (Foto: Amazon)

VU Tribute „I’ll Be Your Mirror“ – das LowBeats Album der Woche

Was für eine Band, welch Album, welch Pioniergeist und Wirkungsgrad: The Velvet Underground & Nico setzten mit ihrem Debüt 1967 neue Maßstäbe in der (Rock-)Musik. Ausgerechnet eines der einflussreichsten Rock-Alben aller Zeiten coverten nun verschiedene MusikerInnen-Promis – mit viel Herz und Verstand. Und Ehrerbietung: Die elf Songs versahen Michael Stipe, Matt Berninger, Andrew Bird, Thurston Moore oder Courtney Barnett und Iggy Pop mit schillernd eigenständigen Facetten – obendrein im fabelhaftem Klanggewandt. „I’ll Be Your Mirror“ ist unser packendes Zurück-In-Die-Zukunft-Album der Woche.

Eingespielt von April bis November 1966, erschienen am 12 März 1967, sollten die elf Songs des Albums die (Rock-)Musikwelt in neue Sphären tragen.  Das New Yorker Pionier-Quartett formierte sich aus Lou Reed (Gesang, Gitarren), John Cale (Piano, Viola, Bass, Celesta, Gesang), Sterling Morrison (Bass, Gitarren, Gesang), Maureen Tucker (Drums) und der deutschen dunkelstimmigen Sängerin Nico. Die war übrigens mit Lou Reed und später Jackson Browne liiert Die Ostküstenmetropole der USA pulsierte damals zusammen mit der Westcoast-Szene von San Francisco und Los Angeles als kreative Pole des Kontinents.

Das Debut Album von Velvet Underground ist fraglos eines der legendärsten und wichtigsten Alben der Rock-Geschichte (Cover: Amazon)

Band- und Reed-Kumpel Andy Warhol produzierte das Album maßgeblich, Co-Produzent Tom Wilson soll angeblich das meiste einfach nur abgenickt haben, angesichts des Einflusses des Kult-Künstlers, der auch die Banane aufs Cover-Art gezaubert hat. E-, U- und F-/Gebrauchs-Musik verschmolz das Künstlerteam avantgardistisch, experimentell aber auch beinahe bodenständig melodiös mit minimalistischen Strukturen, gerne gleichbleibenden Tonkollagen (Drones), bis zum Sankt-Nimmerleinstag zelebriert und gern mit der elektronisch verfremdeten Viola von John Cale angehaucht.

Kein Wunder, dass sich viele Bands verschiedener Genres auf die DNA des Pionier-Albums beriefen oder es zumindest feierten – darunter Protagonisten des Glam, Punk, New Wave, Goth- und Noise-Rock – oder Alternative-Rocker wie R.E.M. Mit ihrem Sänger und Frontmann Michael Stipe, der den chilligen Opener „Sunday Morning“ beisteuert und nur allzu gern über das Original, Velvet Underground und die guten alten Zeiten im Vorwort des Album-Booklets spricht.

Das Tribute-Album hat zudem kein Geringerer  als Reed-Freund und Musikgenie Hal Willner bereits seit 2017 als Produzent mit auf den guten Weg gebracht. „Hal war ein brillantes Genie mit einem enzyklopädischen Wissen und Hingabe zu allen Formen der Musik,“ so Michael Stipe (über den Top-Produzenten, der beispielsweise vor gut 20 Jahren auch Bono und Brian Eno zum Soundtrack des Wenders-Filmepos „The Million Dollar Hotel“ zusammenbrachte. Willner starb letztes Jahr an Dovid-19.

Nun ist das bekanntermaßen ja so eine Sache mit Tribute-Alben. Einerseits durchaus nett und ehrenvoll gedacht. Andererseits kann gerade beim Covern so eines Hochkaräter der Schuss schnell nach hinten losgehen. Hier kommt’s anders. Allein die Auswahl respektive Zusammensetzung der MusikerInnen aus stil- und generationsübergreifenden Ecken passt, zumal es sich bei ihnen auch um feste Charaktere handelt, die sich wie Reed nicht gerne beirren ließen oder lassen.

Michael Stripe
Der R.E.M.-Mitbegründer Michael Stipe war ebenfalls angetan vom „I’ll Be Your Mirror“-Projekt und hat einen schönen Teil beigetragen…

Michael Stipe schwärmt weiter: „Das wahre Kennzeichen eines großartigen Songs ist, dass er in allen möglichen Formen interpretiert oder re-interpretiert werden kann von verschiedenen Sängern, Musikern und Künstlern. Diese neuen Aufnahmen stehen als Beweis der Brillanz dieser Songs, ihrer Unverwüstlichkeit, ihrer Schönheit und ihrer Zeitlosigkeit.“

Die Musik von „I’ll Be Your Mirror“

Kommen wir zur Musik. Das Cover-Album bringt es auf ein paar Minuten mehr als das Original –  Zeit, die feinfühlig investiert wurde in schöne Facetten und Vertiefungen. Angesichts der verschiedenen MusikerInnen, die ja nicht alle an einem Ort leben und zudem (angesichts von Corona schon zweimal) lieber nahe gelegene Studios aufsuchten, überrascht die Anzahl der Einspielorte nicht. Darunter finden sich Etablissements  in Athens/ Georgia (Michael Stipe), „Echo Park“ in L.A., (Matt Berninger), „The Great Room“ in L.A. (Andrew Bird) oder auch die „Weather Studios in New York (Iggy Pop & Matt Sweeney).

Unterm Strich lässt sich erstaunt sagen: Tontechnisch haben die Sound-Leute ihre Hausaufgaben beeindruckend gut gemacht. Und: Mastering-Guru Bob Ludwig aus Portland gab den elf Aufnahmen schließlich den letzten perfekten Schliff. Von seiner professionellen Arbeit in seinem (von Goldenen LPs trapierten) Studio war ich bereits Ende der 90er Jahre während einer Reportage vor Ort sehr angetan. Das Resultat hier: Vor allem die ruhigeren Aufnahmen brillieren mit toller Räumlichkeit, Auflösung, Luft und Detailreichtum. Tieftondruck, wo nötig und Farbechtheit komplettieren den Klanggenuss. Und: Die illustre Schar auch analoger Instrumente wie Klarinette, akustische Gitarren, Piano, Cello, Violine, Viola, Harmonium und selbstredend elektrisch betriebene Gitarren oder Mellotron wirken wie ein Füllhorn an Sounds.

Und los geht’s:

Michael Stipe vergnügt sich sanft säuselnd am „Sunday Morning“, getragen von einer gediegen gespielten Klarinette und String-Sounds, die übrigens noch Hal Willner beisteuerte. Ruhige Wasser, tintentief und die wunderbar präzise eingefangene Stimme von Michael. Matt Berninger wartet druckvoll und stoisch auf „I’m Waiting For The Man“. Der 50-jährige Rock-Bariton aus Cincinnati wurde bekannt als Frontmann der Brooklyn-Rocker The National und passt prima zum Song. Sharon Van Etten und Angel Olsen als Backing Vocals inszenieren „Femme Fatale“: Die 40-jährige Alternative-Singer-Songwriterin aus New Jersey haucht dem Song lasziv psychedelische Schattierungen ein.

Andrew Bird und die beiden Sängerinnen von Lucius, (Jess Wolfe und Holly Laessig) berauschen mit „Venus In Furs“. Der Singer-Songwriter aus Illinois – Markenzeichen Mundharmonika plus Violine (LowBeats CD der Woche: https://www.lowbeats.de/andrew-bird-my-finest-work-yet-das-album-der-woche/) formt mit seiner Violine und sonorer Stimme ein klassisches Ambiente. Alternative-Rocker und Gitarrist, Kumpel von Courtney Barnett, Kurt Vile rennt auf „Run Run Run“ stoisch rhythmus-minimalistisch durch den gesamten Song – gekonnt und mit peitschenden Drums und knurrigem Bass – so muss es sein.

Indie-Sängerin Annie Clark alias St. Vincent plus Thomas Bartlett (Doveman) feiert zartbitter „All Tomorrow’s Parties“: Mollige Pianotöne, experimentieren im Laurie-Anderson-Stil – inklusive Gänsehaut-Flüstern direkt ins Ohr. Thurston Moore (Sonic Youth) und Bobby Gillespie (Primal Scream) berauschen sich im Team mit „Heroin“ – gechillt, unaufgeregt, fragil mit Vocals, Gitarre und Drums. Mehr braucht’s dazu nicht. Singer-Songwriterin King Princess macht sich in „There She Goes Again“ mürrisch auf einen krachend-scheppernden Rhythmusweg, inklusive mehrstimmiger Vocals. Cool.

Velvet Mirror Tribute Repertoire
Eine Übersicht über Titel und Künstler: die Rückseite des Albums (Cover: Amazon)

Down-Under-Alternative-Star Courtney Barnett und Freund von Kurt Vile guckt im Titelsong „I’ll Be Your Mirror“ in einen schön reduzierten Spiegel mit Gitarre und Vocals – ihr eigener, leicht schnoddriger Tonfall passt frappierend gut zum einst nöligen Vokalauftritt von Lou Reed. Ausgerechnet. Und ein bisschen pointiert gesetztes Drum-Grollen gibt’s auch noch dazu. Die irische Post-Punk-Band Fontaines D.C. frönt im „The Black Angel’s Death Song“ Spoken Words auf Sägezahn-Sounds und Trommel-Wirbel. Ekstase inklusive.

Was man vom „Godfahter of Punk“, Iggy Pop & Gitarrist, Sänger und Producer Matt Sweeney auf „European Sun“ sowieso sagen kann: Die beiden steigern sich innerhalb der knapp achtminütigen Bass-Gewitter- und Minimalismus-Reise regelrecht hinein in ein akustisch apokalyptisches Inferno. Lasst alle Hoffnung fahren, scheint das Motto. Nölig, rotzig der Gesang, harsch, disruptiv die Gitarren. Ein Finale, das es auf die Spitze treibt. Und wohl durchaus im Sinne von Reed & Co…

Fazit: Ein schönes Album im prima Klanggewandt. So machen Tribute-Alben Spaß.

Noch ein paar ausgewählte eigene Top-Alben der Protagonisten:

Michael Stipe / R.E.M.: „Murmur“ (1983), „Automatic For The People“ (1992)
Matt Berninger / The National: „Boxer“ von 2007
Sharon Van Etten: „Remind Me Tomorrow“ (2019)
Andrew Bird: „My Finest Work Yet“ von 2019

Velvet Mirror Tribute Cover
Diverse Interpreten mit „I’ll Be Your Mirror“– The Velvet Underground Tribute“ erscheint bei Caroline / Universal Music als CD, LP oder als Stream sowie MP3-Download (Cover: Amazon)

 

„I’ll Be Your Mirror“
2021/10
Test-Ergebnis: 4,4
SEHR GUT
Bewertungen
Musik
Klang
Repertoirewert

Gesamt

 

Autor: Claus Dick

Musikfachmann seit Jahrzehnten, aber immer auch HiFi-Fan. Er findet zielsicher die best-klingenden Aufnahmen, die besten Remasterings und macht immer gern die Reportagen vor Ort.