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Alice Jemima
Rock, Top, Jacke, mehr nicht: Alice Jemima bevorzugt Understatement in gedeckten Farben und ohne Firlefanz. Auch musikalisch verkörpert die 22-Jährige aus Devon englische Eleganz und Zeitlosigkeit. Elektronik, Gitarre, Stimme – mehr braucht sie nicht für ein Debütalbum, das feminines Singer-Songwritertum mit zeitgenössischem, The-xx-artigem Digitalpop kombiniert. (Foto: Sunday Best)

Alice Jemima: Alice Jemima – CD der KW 11

Das jüngste, dritte Album von The xx, der führenden Kraft des englischen Electro-Indiepop, hallt noch aufs Angenehmste nach, da gibt’s schon Nachschub in Sachen aktueller semidigitaler Musik. Wenn „Test Me“, der letzte Song von The xx I See You, verklungen ist, könnte der DJ  unseres Vertrauens jedenfalls bedenkenlos dieses Debütalbum mit dem wenig originellen Titel Alice Jemima nachlegen – findet jedenfalls LowBeats Musikautor Christof Hammer. Denn mit ihrem Sound knüpft diese gerade mal 22-jährige englische Singer-Songwriterin so bruchlos wie gekonnt an den eleganten The-xx-Stil an.

Anders als bei Everything Is Forgotten, der CD der KW 10 von Methyl Ethel, die optisch bewusst eine falsche Fährte legte, steht das Cover von Alice Jemima durchaus für die konzeptionelle Ausrichtung der Musik auf ihrem Album. Die Musikerin bevorzugt klar gezeichnete, geometrisch präzise abgefasste Songs ohne einen Ton zu viel.

Sehr genau scheint die Newcomerin aus Newton Abbot in der südenglischen Grafschaft Devon auch zu wissen, dass dank ihrer süßen Stimme der natürliche Niedlichkeitsfaktor ihren Kompositionen schon hoch genug liegt. Daher gilt es, eher Kontrapunkte zu setzen als noch mehr musikalischen Süßstoff zu injizieren. Also setzte sie mit Produzent Roy Kerr (London Grammar, Bloc Party, Foxes) auf viel Luft

im Sound und skizziert mit kühler Elektronik und wie Regentropfen von den Saiten perlenden Riffs einer alten Hofner-Gitarre eine aparte Soundlandschaft zwischen Folk und Elektropop.

Mit seiner melancholischen Gelassenheit markiert dieses Dutzend Tracks somit einen wohltuend entspannten Gegenpol zum hektischen R&B-Gedadddel vieler Kolleginnen.  Tanzbarkeit ist also nicht das erste Ziel dieser Musik, allerdings taugen „Liquorice“, „Dodged A Bullet“ sowie das sozusagen xx-zellent gelungene „Electric“ mit fluffigen Grooves durchaus auch für den Dancefloor.

Mit Überraschungen muss dort allerdings gerechnet werden – „So“ etwa pulsiert in einem ruhigen, aber straighten Groove, doch immer wieder (etwa nach 1:05 und 1:52) reduziert sich der Beat für ein paar Sekunden auf ein herzschlagartiges Pochen und es schieben sich synthetische Klangwolken in den Vordergrund.

Zusammen mit apart schmatzenden, flirrenden und spratzelnden Loops entsteht so eine mysteriös verhangene Atmosphäre, die immer wieder für Überraschungen gut ist – zu erleben etwa in der Coverversion des Blackstreet-Hits „No Diggity“ von 1996, der hier auf’s Nötigste reduziert und von einem breitbeinigen HipHop-Track in eine zarte Akustiknummer verwandelt wird.

Dass Alicia Jemima auch konventionelle Balladen beherrscht, zeigt „Live for Now“ – und „Cocoa Liquor“ sowie „Take Me Back“ bringen zum Abschluss noch mal charmantes Akustikgitarrenflair ins Spiel.

Cover Art Alice Jemima: Alice Jemima
Schnörkellos: das Cover des Alice- Jemima-Debut-Albums namens Alice Jemima (Cover: Amazon)

Alice Jemima erscheint bei Sunday Best im Vertrieb von Rough Trade und ist erhältlich als Audio-CD, MP3-Download und als Vinyl LP + Download-Code.

Alice Jemima: Alice Jemima
2017/03
Test-Ergebnis: 4,2
SEHR GUT
Bewertung
Musik
Klang
Repertoirerwert

Gesamt

Autor: Holger Biermann

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Chefredakteur mit Faible für feinste Lautsprecher- und Verstärkertechnik, guten Wein und Reisen: aus seiner Feder stammen auch die meisten Messe- und Händler-Reports.