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Anna Ternheim A Space For Lost Time
Und wieder hat die schwedische Liedermacherin Anna Ternheim ein großes Werk eingespielt: A Space For Lost Time ist unser Album der Woche (Foto: C.Dunn)

Anna Ternheim A Space For Lost Time – das Album der Woche

Anna Ternheim schreibt seit 15 Jahren herzerwärmende, melodienverliebte Songs mit melancholischem Anker. Auf Anna Ternheim A Space For Lost Time schwebt die Schwedin in ein etwas heiter-leichteres Fahrwasser ein: Zehn Stücke zwischen Morgendunst auf einem stillen See bis zur sonnigen Westcoast-Brise. Die Hintergründe zum Album und ihre Motivation als Musikerin erzählte die Singer-Songwriterin zudem im Interview.

Schweden. Dort leben in meer- oder seenahen Holzhäuschen gute Menschen, von denen einige herzerfrischend sonnige Popsongs schreiben. So wie Björn und Benny von Abba. In einem Land, in dem die Sonne rund um Mittsommer nie unterzugehen scheint. Wo kautzige Pippi Langstrümpfe frech Erwachsene karrikieren. Und wo in diesem bittersüßen Zwielicht Krimiautoren gerne Einblicke in die dunklen Seite der menschlichen Seele gewähren. So wie Henning Mankells Wallander, für dessen TV-Serienverfilmung Anna Ternheim den Song „Quiet Night“ schrieb.

Auch Anna liebt ein bisschen das Dunkle, moll-Getönte. Die Singer-Songwriterin beschwört dabei aber keine beängstigende Düsternis, sondern schwingt sich auf in die leuchtenden Höhen der verführerischen Melancholie. Oder wie es Joe Burns, Sänger von Calexico (siehe CD der Woche 5/2018) formuliert: Songs solcher Art sind eher beseelt von einer hellen, drängenden Sehnsucht – nach dem Lebendigem, dem Echten, um den Gefühlen auf den Grund zu gehen ohne sie zu sezieren.

Und so wundert es nicht, dass das neue Album wie ein Vexierbild diese Strömungen aufgreift und widerspiegelt: Die meisten Songs von Anna Ternheim A Space For Lost Time nahm die 41-Jährige im sonnigen Los Angeles auf, um die US-Westküste in ihren „musikalischen Kosmos“ einzubringen. „Am Ende klingt es dann aber doch wieder nach einem düsteren schwedischen See.“ Nicht ganz. Der Titel des Albums beschreibt am besten dessen Grundgefühl, der Sehnsucht für Vergangenes, für das was kommt und die Dinge, die dich morgens motiviert aufstehen lassen. Über die Entstehung des Albums und ihre Motivation, Songs zu schreiben reflektiert Anna Ternheim im Interview.

Mit ihrem Albumdebüt Somebody Outside startete die Sängerin und Gitarristin bereits 2004 durch. Ihre musikalischen Helden wie Bob Dylan, Leonard Cohen oder Tom Waits schwebten schon damals durch die DNA ihrer Songs. Vor allem in Schweden heimste die sympathische Musikerin viele Grammy Awards ein und eroberte auch viele Herzen in Deutschland und den USA. Zudem begeistert sie immer wieder mit Teamwork-Auftritten wie mit First Aid Kit oder Anne Brun (siehe Interview.).

Unterm Strich scheint es angesichts eines solch konstanten kreativen Outputs auf hohem Niveau angemessen, ein neues Album im Kontext ihres Gesamtwerks zu betrachten. Denn so reiht sich A Space For Lost Time nicht nur als Album Nummer 7 in die Veröffentlichungsliste, sondern wirkt als konsequente Fortführung ihres melodienverliebten, reduzierten Spiel-Stils: mit einer etwas luftig-leichteren Herangehensweise – ja, auch mit gefälligeren, radiotauglicheren – aber dennoch gehaltvollen Stücken.

Dass dies keine Einbahnstraße sein soll, beweist ihr zeitgleiches Engagement im klassischen Bereich: Am Tag der Albumveröffentlichung, dem 20. September, spielt Anna Ternheim ein Konzert mit dem Streicher-Ensemble Kaiser Quartett, an keinem geringeren Ort als der Hamburger Elbphilharmonie. Kurzfristig noch Tickets zu bekommen dürfte wohl nur über den Schwarzmarkt möglich sein…

Die Musik von Anna Ternheim A Space For Lost Time

Zunächst einmal leuchtet das Klangbild mit schönen Farben, feiner Auflösung und gutem Raumgefühl, was die Songs charakterstärker macht.

Anna zählt zu den Musiker-Persönlichkeiten, denen man sowas wie „Authentizität“ zuschreibt. Unprätentiös, freundlich – und aus der Seele heraus reflektierend. Die Musik zu einigen Songs schrieb sie mit dem schwedischen Komponisten Björn Yttling (siehe Interview), zum Beispiel den Opener „This Is The One“. Die erste Single-Auskopplung zeigt, wohin die Reise für Anna geht: etwas eingängigere Songs, auch fürs Radio – ein leichter musikalischer Schwedenhappen für zwischendurch sozusagen. Das wirkt dank hymnenhaftem Flow und reduziertem Instrumentarium inklusive dezenten Pianotupfern einfach schön.

Auf ähnlichem Kurs fliegt „You Belong With Me“, im rhythmischen Grundgerüst etwas an France Gall’s „Ella, elle l’a“ erinnernd. Elektro-Drive, pointiert gesetzte Bass-Punkte, stolpernder Beat, sonore Keyboards – ebenfalls radiotauglich.

„Everytime We Fall“ wiegt sich in der wärmenden Westcoast-Sonne, dazu gibt’s sahnige Refrains, Streicher-Eineiten und poppigen Drive. Fein. Den Song schrieb Anna alleine, was zeigt, dass sie eigentlich keinen zum Co-Komponieren benötigt.

„When You Were Mine“, ebenfalls komplett aus Annas Feder, verwöhnt mit bittersüßem Grundton, der ein bisschen an die 60er-Jahre-Zeiten von Simon & Garfunkel erinnert – eine akustische Gitarre umgarnt ihre leicht traurige Stimme, die sich in elegischen Refrains ergießt.

„Remember This“ scheint der Soundtrack für einen VW-Bulli, der an einem kalifornischen Strand steht; hell, freundlich, zuversichtlich.

„Lost Times“ (Musik und Text Anna) flirtet am Anfang leicht mit „Penny Lane“ von den Beatles, um dann eigenständig als mollig-unterfütterter Popsong selbständig zu werden und der rät, sich von eingefahrenen, unlebendigen Mustern zu lösen.

„You did what everyone told you to do
Now what
There’s got to be more
Unbelievable dreaming
Just beyond the horizon out of your reach
Feeling so damn sorry for yourself
How low can you go before you make a change?“

„Stars“ (Musik und Text Anna) glänzt mit akustischen Gitarren und Annas purer Stimme auf samtenem Folk. Streicher dazu, sehnende Refrains. Fein. Wiedermal.

„All Because Of You“ – hier reitet die rhythische Kavallerie in den Mittsommer mit akustischen Gitarren, leicht stampfenden Beats und eingängiger synthie-getragener Melodie. Auch was fürs Radio.

„Oh Mary“ setzt am Schluss noch einen rauen Akzent, minimalistisch mit E-Bass und -Gitarre. Sehr eigenständig.

Anna Ternheim A Space For Lost Time Cover
Anna Ternheim A Space For Lost Time (BMG Rights Management / Warner) erscheint als CD, LP, MP3-Download oder Stream, z.B. bei amazon.de (Cover Amazon)

Hierzulande warten zehn abendfüllende Gelegenheiten Anna Ternheim live auf der Bühne zu erleben: Ab dem 24. Oktober in Hamburg, Berlin, Leipzig, Dresden, Erlangen, München, Frankfurt, Stuttgart, Köln und Bremen. Viel Spaß dabei!

Siehe auch:  Anna Ternheim im Interview.

Weitere Top-Alben von Anna Ternheim:
Somebody Outside
All The Way To Rio (CD der Woche 48/2017)

Video-Clip-Tipps von Anna Ternheim:

Die neue Single „This Is The One“

Der Hit-Klassiker „Shoreline

Anna Ternheim
A Space For Lost Time
2019/09
Test-Ergebnis: 4,2
SEHR GUT
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