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Cowboy Junkies All That Reckoning Cover
Cowboy Junkies All That Reckoning (Cover: Amazon)

Cowboy Junkies All That Reckoning – das Album der Woche

Nach Ry Cooder und Jennifer Warnes (LowBeats CDs der Woche vom 14. und 29. Mai 2018 – The Prodigal Son und Another Time, Another Place) folgt nun eine weitere Veröffentlichung von Musikern, die audiophile Geschichte schrieben: Während Cooder 1979 mit Bop Till You Drop sowie 1997 Buena Vista Social Club bei Musikkennern und High-Endern gleichermaßen Gehör fand, brillierte Warnes 1986 mit ihrem Famous Blue Raincoat. Die Cowboy Junkies begeisterten 1989 mit ihrer legendären Trinity Session, die sich 1,5 Millionen Mal verkaufte. Das Album – teils mit genialen Coverversionen wie beispielsweise von Lou Reeds („Sweet Jane“) – spielten die Kanadier am 27. November 1987 in der Church Of The Holy Trinity in Toronto innerhalb eines Tages ein. Das tontechnisch Besondere damals: Die Aufnahmen fischte ein spezielles „Ambisonic“-Solo-Mikrofon des britischen Herstellers Calrec ein, was das Raumempfinden der Kirche wunderbar akustisch in Szene setzte. Das gilt auch für Cowboy Junkies All That Reckoning.

Die Cowboy Junkies zählen zum Establishment gediegener Aufnahmen – und durchaus stilprägender Alben in den Weiten des Alternative-Country. Mit Werken wie „Pale Sun, Crescent Moon“, „Lay It Down“ oder „Open Road“ bewies das Quartett auch ein Händchen für fein gestrickten Indie-Rock mit Blues- und Folk-Appeal.

Cowboy Junkies All That Reckoning
Mitternachtsblau, hypnotisch, traumwandlerisch: „All That Reckoning“ setzt die Evolution der Cowboy Junkies souverän fort. Elegant und einfach. Berührend und herzerwärmend. Und ein bisschen traurig

Die Geschwister Margo, Michael und Peter Timmins (Gesang / Gitarre / Schlagzeug) sowie Bassist Alan Anton führen auf Cowboy Junkies All That Reckoning ihren eigenständigen Sound auch nach drei Dekaden stil-bewusst weiter, wenngleich das Ganze nicht ohne Selbstzitate auskommt. Aber: „Das Album ist tiefergehend und geschlossener als die vorherigen. Wir haben ja immer versucht, Songs zu schreiben, die mit uns selbst als Menschen zu tun haben. Die neuen Songs handeln nun vom Reflektieren und einer Bestandsaufnahme in persönlicher und in politischer Hinsicht,“ erklärt Sängerin Margo Timmins. „Es passiert gerade so viel um uns herum, von dem keiner von uns so richtig weiß, wo es enden wird.“ Und so beschreiben die Stücke die innere Welt der Bandmitglieder ebenso wie die äußere, reale.

Musikalisch weben Margo & Band wie eh und je, seit ihrer Gründung 1985 in Toronto, ruhige, purpur schillernde Notenstrukturen, einen Bandsplit gab es nie. Dabei schütteln sie äußerst relaxt, lockeren und unaufgeregten Alternative-Country aus dem Ärmel, gerne mit bluesig-souligen Genen durchdrungen. Oft reicht dazu ein Wispern oder Hauchen von Margo, das sich dann vehement zu sonorer Stimmpracht mit einer feinen Honignote aufschwingt, um eine Brise Drama und Spannung in Melodie und Refrain zu streuen. Gitarre und Bass rollen dazu ebenso souverän wie eine langdünige Pazifikwelle.

Die Musik von Cowboy Junkies All That Reckoning

Im wunderbaren Song „The Things We Do To Each Other“ glänzen auf Cowboy Junkies All That Reckoning feine Melodienlinien und Margos angeraute Stimme zu dezent gesetzten Basslinien. Inhaltlich geht es um Wichtiges.

„Angst lebt nicht allzuweit vom Hass entfernt; wenn man die Leute in die Angst entlässt, reicht oft nur ein kleiner Schritt, um das Ganze einen Gang höher zu schalten.“ Und Bruder und Songwriter Michael erklärt weiter: „Das ist das älteste Kapitel im Machtbuch der sozialen Kontrolle; schaffe eine Kultur der Angst, um sie in den nächsten Schritten über Ablenkung in eine Spaltung zu umzulenken.

In „When We Arrive“ schrieb er Zeilen wie „willkommen im Zeitalter der Ab- und Auflösung“ und ergänzt: „Das habe ich schon Jahre lang in meinem Notebook gespeichert. Und jedes Mal, wenn ich mich an ein neues Album gemacht habe, starrte ich darauf und wunderte mich, warum ich das eigentlich notiert habe. Nun, jetzt hat die Realität diese Zeilen eingeholt, eine Zeit der Auflösung. Eine Zeit, in der so viele persönliche, soziale und institutionelle Konstrukte und Bindungen zerbröckeln und von Kräften verschlungen werden, die wir bewusst oder auch unbewusst zugelassen haben.“ Musikalisch inszenierte er den Song in sanfter Slow-Motion-Manier, in dem die Notenzeilen ein bittersüßes Ambiente garniert mit Orgelflirren entfaltet.

„Wooden Stairs“ fokussiert dagegen minimalistisch die Schattenseite der Liebe – mit dezent gezupften Saiten und melancholischem Grundton. „Shining Teeth“ leuchtet mit mitternachtsblauem Soul-Appeal, wie ein psychedelischer Trip.

In „Nose Before Ear“ wiederum glänzt Michaels Songwriting mit reduzierten Rhythmusstrukturen, die mit einer inneren Spannung nach Erlösung suchen – und diese in harschen Gitarrenausbrüchen auch finden. „Sing Me A Song“ oder „Missing Children“ rütteln dann mit rockig-rüden Gitarrenläufen wach, fein eingebettet n ein elegantes Rhythmusbett, mit psychedelisch angelegten Violinsounds.

Tontechnisch favorisieren die Kanadier auf Cowboy Junkies All That Reckoning ein raumtiefes Ambiente mit reduzierter Stereobandbreite, was dem Ganzen eine eigenständige Note verleiht. Auflösung und Dynamik der Aufnahme sind überdurchschnittlich.

Die Cowboy Junkies treten diesen Herbst in Deutschland auf, und zwar am 14. November in Hamburg (Kulturkirche Altona) sowie am 15. November in der Passionskirche in Berlin.

Videos:

>> „All That Reckoning“, live eingespielt unplugged am 23. Juli in den New Yorker „Paste Studios“

>> „Sweet Jane“

Cowboy Junkies All That Reckoning Cover
Cowboy Junkies All That Reckoning (Cover: Amazon)

Cowboy Junkies All That Reckoning erscheint bei Proper Records (H’Art) als CD, MP3-Download oder Stream, z.B. bei amazon.de.

Cowboy Junkies All That Reconing
2018/08
Test-Ergebnis: 4,0
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