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David Bowies Bilder zu Blackstar
David Bowie ist tot. Ein Mann, der 50 Jahre lang Pop und Rock immer wieder neu erfand. Er starb mit 69 (Foto: Sony)

David Bowie – Nachruf auf einen der Größten

Der große Katalysator David Bowie ist tot, die Welt hält den Atem an. Denn jeder weiß: Mit Bowie nimmt man Abschied von einer Ausnahmepersönlichkeit, die wie kaum ein Anderer den popmusikalischen Idealfall verkörperte – die Symbiose aus Kunst und Unterhaltung, aus faszinierender Oberfläche und unerschöpflicher Tiefgründigkeit. Ein Nachruf von LowBeats Autor Max Worthmann.

David Bowie – The Man Who Fell to Earth

Ich habe David Bowies Reisepass nie gesehen; angeblich steht als Geburtsort „Brixton, Dep. London“ drin. Blanker Unsinn, wenn man mich fragt. Auch sein angeblicher Geburtsname: David Robert Jones … hinter solchen Allerweltspseudonymen verstecken sich normalerweise Geheimdienstagenten. Oder Marsianer. Die ersten paar Millionen Kilometer einfach herbeigeschwebt aus einem anderen Universum, den Rest zu Erden gereist in einer als Raumschiff getarnten Blechbüchse, gekommen, um hier auf der Erde ein paar künstlerische Türen einzutreten und uns Erdlingen mal zu zeigen, was man ein paar Milchstraßen weiter so alles unter Popkultur versteht. Ich meine, jetzt mal im Ernst: Wir kannten ihn als Aladdin Sane, als Ziggy Stardust, Major Tom oder den Thin White Duke – und dann sollen wir ihm ausgerechnet diese dünne David-Robert-Jones-Nummer als seine wahre Identität abnehmen?

Tja, liebe LowBeats Freunde, liebe Bowie-Fans: Auf solche Gedanken kommt man halt, wenn es gilt, Abschied zu nehmen von der vielleicht spannendsten und aufregendsten Persönlichkeit, die die Popmusik je erlebt hat. Zu hoch gegriffen? Ein wenig (bitte: nicht alles, was Bowie anfasste, wurde zum Geniestreich) – und nein. Wohl hat Bowie den Folk nicht erfunden und nicht den Rock ‚n’ Roll, der klassische Blues ist fast doppelt so alt wie er selbst, und den Jazz hat er zwar schon als Teenager entdeckt, ihn dann aber 40 Jahre links liegen lassen, um kurz vor seinem Tod dann doch wieder dazu zurückzukehren (dazu später mehr). Doch auch wenn andere vor ihm die Dinge aufs Gleis gesetzt haben: Erst David Bowie transformierte Stile und Genres zu komplexen sounds and visions, zu verstörend radikalen Designentwürfen und stellte die Weichen so, dass Pop und Kunst zueinander finden konnten. Bowie, das war jene Mensch gewordene Substanz, die all die Elementarteilchen des großen weiten Musikuniversums da draußen erst miteinander in Verbindung brachte. Sie anzog wie ein Magnet, miteinander verbuk, um sie anschließend als eine Art kreatives Atomkraftwerk mit der Energie eines musikalischen Urknalls wieder nach außen zu schleudern, wo sie in der Musikszene einschlugen wie Eiszapfen aus einer anderen Galaxie.

Chamäleon? Katalysator. David Bowie!

Deshalb fand ich auch das Bild vom „Chamäleon“, als das man Bowie gerne bezeichnete, stets unverständlich, ja grob den Kern der Sache verfehlend. Ein Chamäleon passt sich seinem Untergrund an, Bowie tat das Gegenteil. Er hob sich ab, war der bunteste Pfau im Musikzirkus: androgyn, surrealistisch geschminkt, gewandet in die schrillsten Outfits, die man sich (nicht) vorzustellen wagte. Auch die Formulierung des „sich-selbst-neu-erfindens“ verfehlt den Kern seiner Kunst. Was 30, 40 Jahre später bei den Lady Gagas und den Madonnas zum reinen Kostümwechsel verkam und an eine Karnevalsverkleidung erinnerte (mal geht man als Piratenbraut, mal als Cowgirl, dann als Polizei-Lady), war bei Bowie ein wirkliches Bespielen von Identitäten, komplexen Charakteren, verschiedenen Geschlechtern, mit unzähligen Wirklichkeitsebenen, raum- und zeitüberspannend und Galaxien durchquerend. Bowie erfand nicht sich selbst neu – er erfand Kunstfiguren, deren Charaktere sich überlagerten, mit seiner eigenen Persönlichkeit verschmolzen, bis Bowie irgendwann selbst nicht mehr wusste, wer er eigentlich gerade ist. Nicht ohne Grund trug die 2014 zusammengestellte Ausstellung über ihn den unvollendeten Titel „David Bowie … is“. Tja – was genau bitte? Eine Genie, das mit dem Wahnsinn (und mit vielen Drogen) flirtete – das ohne Frage. Dazu aber auch: der große Veränderer. Die Genres, mit denen er hantierte, waren, nachdem er sie einmal angefasst hatte, nicht mehr dieselben. Psychedelic-Folk, Glam-Pop, edler Soul, überkandidelter Rhythm & Blues, in scharfen schwarz-weiß-Kontrasten gezeichneter Underground-Rock, schräger Krautrock, coole New-Wave-Adaptionen, eleganter Disco-Funk, die Sounds der 2000er-Jahre von Techno über Jungle bis Drum & Bass – Bowie hat sich fast jeden relevanten Stil der Musikgeschichte nicht nur zu eigen gemacht, sondern ihn maßgeblich mitgestaltet. Und bis auf eine recht überschaubare Episode seiner Karriere (den eher hölzernen Rock, der er von 1989 bis 1992 mit der Band Tin Machine spielte) war er eines nie: langweilig. Einige Impressionen:

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Der androgyne D. Bowie
(Foto: Sony)
David Bowie im psychodelischen Anzug
David Bowie 1972  (Foto: Sony)
Bowie 1973
Bowie 1973 (Foto: Sony)
David Bowie 1972
David Bowie 1972 (Foto: Sony)

 

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In Fahrt kam Bowies Leben nach einer vergleichsweise normalen Kindheit als Teenager im Swinging London der mittleren 60er Jahre. In den Boutiquen, Cafés, Theatern und Plattenläden zwischen Soho und Oxford Street, Piccadilly Circus fand der junge Bowie einen kulturellen Naschladen par excellence. Früh trötete er auf dem Saxofon, entdeckte die Beatnik-Szene mit Literaten wie Kerouac, Ginsberg oder Burrows. Im „Dobell’s“, dem damals besten Plattenladen der Stadt an der Charing Cross Road, ließ er sein als „junior visualizer“ bei der Werbeagentur J. Walter Thompson verdientes Geld (einen ersten Job in einem Elektrogeschäft ließ er nach wenigen Wochen wieder sausen) für Jazz und Blues liegen, für Alben von Charles Mingus, John Lee Hooker oder Dr. John. Über die britische Mod-Kultur landete Bowie endgültig bei der Musik, gründete in raschem Wechsel Bands wie David & The Buzz oder die King Bees. Seine Manish Boys brachten es auf vier Monate Lebensdauer – aber immerhin zu einem Vertrag mit dem etablierten Label Parlophone.

Bowie, Beatnik, Buddhismus, Bisexualität

Ab 1967: erst der Kontakt zu dem Pantomimen Lindsey Kemp, der ihn zu all dem modischen Mummenschanz und den exaltierten Rollenspielen ermunterte, dann die Zusammenarbeit mit Tony Visconti – der Rest ist Musikgeschichte. Bowie surfte in Lichtgeschwindigkeit von der Beatnik-Kultur über die Bisexualität zum Buddhismus, eroberte Amerika, Japan und den Rest der Welt, strandete in Berlin, gesundete in England, ernährte sich von Milch und Drogen, liebte Mick Jagger, heiratete das Topmodel Imam, verkaufte sich als eigenes Ein-Mann-Unternehmen an die Börse undundund …

David Bowie und das Ende

Dann gingen die Dinge ihren Gang: Nach einem Herzinfarkt 2004 auf der Bühne des Hurricane-Festivals in Scheesel bremste er den „speed of life“ kräftig herunter, verwandelte sich in New York zum elder statesman der Szene, ging auf den Wochenmärkten biologisch einkaufen und kalauerte, dass er „statt ernst genommen lieber drei mal am Tag von seiner Frau genommen werden“ wolle. Wie sehr man ihn zwischenzeitlich vermisst hatte, bemerkte die Popwelt erst, als er sich 2013 souverän mit dem sehr klassischen Album „The Next Day“ zurückmeldete. Dann der Schlussakkord: „Blackstar“: ein zugleich düsteres wie auch extravagant-avantgardistisches Vermächtnis, eingespielt im Endstadium seiner Krebserkrankung, von deren dramatischer Massivität nur wenige wussten, erschienen zwei Tage vor seinem Tod. Exemplarisch fokussierte Bowie hier noch einmal seine Qualitäten: Ein riesiger Horizont traf auf unerschöpfliche Neugier, großartiges Handwerk auf immense Phantasie.

Mit all dem verkörperte Bowie Popkultur fast in Idealform: eine Verbindung aus faszinierender Oberfläche und sich nie erschöpfender Tiefgründigkeit. Glamouröser, aufregender, schlauer kann Pop kaum sein. Beziehungsweise: konnte. Bowie starb am 10.Januar 2016 – zwei Tage nach seinem 69. Geburtstag.

R.I.P., David Bowie (oder wer auch immer du warst) und danke für die großartige Musik.

In Blackstar verarbeitet der schon schwer vom Krebs gekennzeichnete Bowie seine Furcht vorm Tod – was sich nicht nur in den Texten und Sounds, sondern auch in den teils sehr düsteren Bildern niederschlug.

Siehe auchDavid Bowie: die wichtigsten Alben

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David Bowie Lazarus
Im Video zu „Lazarus“ wird seine Todesangst fast körperlich (Foto: Sony)
Bowie bei seinen Aufnahmen zu "Black Star
Bowie bei seinen Aufnahmen zu Blackstar. Da sah er schon gezeichnet aus (Foto: Sony)
David Bowie bei einer seiner letzten Aufnahme
Immer locker und easy? Nicht ganz: Bowie bei einer seiner letzten Aufnahmen zu Blackstar (Foto: Sony)
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