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LowBeats Interviews auf der High End 2017
LowBeats Mitbegründer Raphael Vogt (links) kurz vor dem Interview mit MQA-Entwickler Bob Stuart (rechts). Mit dabei: Mansour Mamaghani (Mitte) vom deutschen Meridian Vertrieb Audio Reference (Foto: H. Biermann)

Highres-Audio revolutioniert: MQA – Bob Stuart im Interview

In den Wochen vor der High End kam das neue HiRes-Komprimierungsverfahren MQA mächtig in die Diskussion. MQA verspricht, mit einer Datenrate, die kaum mehr Platz beansprucht wie das CD-Format, echte HiRes-Wiedergabe zu ermöglichen – was einige der Kritiker lautstark bezweifeln.

Das ging so weit, dass Lothar Kerestedjian, Chef der HiRes-Download-Plattform highresaudio die MQA-Titel wieder von seiner Seite verbannte. Im LowBeats Interview mit Raphael Vogt erklärt MQA-Erfinder Bob Stuart das Verfahren, den Sinn dahinter und dass viele Kritiker womöglich auf einer nicht mehr ganz aktuellen Forschungsbasis argumentieren.

Jedenfalls ist MQA technisch und physiognomisch höchst spannend. Für alle, die Bob Stuarts detaillierte Ausführungen zu Entstehungsgeschichte, Anwendungen sowie wissenschaftlichem und technischem Hintergrund auf Deutsch nachlesen möchten, haben wir im Anschluss das gesamte Interview übersetzt.

(zum Video im Bild klicken)

Hallo Bob, schön, Sie kennen zu lernen. Würden Sie sich und Ihre Firma kurz vorstellen?

Ok. Ich bin Bob Stuart und Präsident von MQA Limited. Die meiste Zeit meiner Karriere im Audiobereich habe ich aber bei Meridian verbracht. Ich habe Meridian 1977 gegründet und mich durch eine sehr intuitive Ära des analogen Audio gearbeitet, die Einführung von Digital Audio eingeschlossen – wir können über die Codecs und so weiter in einer Minute sprechen – aber mein Job bei Meridian war die Herstellung von Produkten, die Entwicklung von DSPs, Lautsprechern und so weiter. Vor drei Jahren haben wir beschlossen, MQA zu gründen. Und inzwischen ist es mein Fulltime-Job.

Ich verstehe. Und dies ist nicht der erste Codec oder die erste Encoder/Decoder-Kette, die Sie entwickelt haben, es ist also kein Anfänger-Projekt.

Absolut nicht, das stimmt. Mit dem Projekt waren neben mir einige – in der Industrie recht berühmte – Kollegen wie Peter Craven und Michael Gerzon, mit denen ich seit den 1970ern zusammen arbeite, beschäftigt. Wir arbeiteten, sozusagen unabhängig von der Meridian Produktlinie, bereits vor der Einführung von Digital Audio Stationary Head (DASH; 1982) und sogar vor der Compact Disc an Forschungen zum Thema Digital Audio. Dies ist also ein Bereich, in dem wir eine Menge Expertise haben, gerade was theoretisch und praktisch alles schief gehen kann.

Etwa in den frühen 90ern wurde uns klar, dass die DVD im Kommen war und dass wir einen Tonträger haben könnten mit höherer Auflösung als bei der Compact Disc. Und dennoch – und das scheint eine Regel im Audiobereich zu sein – war da nie genug Platz. Wir wollten hochqualitativen Klang drauf tun, aber da war immer noch nicht genug Platz auf der Scheibe für – was manchmal als „Hochauflösend“ bezeichnet wird. Zu der Zeit waren 96 Kilohertz 24 Bit das Ziel für Aufnahmen.

Zu dieser Zeit beschäftigte ich mich – wir entwickelten – tatsächlich glaube ich – den ersten verlustfreien (lossless) Kompressor. Verlustfreie Kompression war unbekannt, als wir ihn bei der RIAA vorstellten. 1992 machten wir eine Vorführung und sagten „Genau so müsst Ihr es machen, weil es uns erlaubt, mehr der Daten auf die Disk zu bringen“.

Wir haben es als eine Art Venture-Projekt entwickelt und umgesetzt, und ich habe dabei eine ganze Menge über Formate gelernt. Wie Sie wissen, nahm ich an der ADA in Japan teil, der Advanced Digital Audio Konferenz zum Thema „Welcher Weg ist der beste im Digitalen“, das war in den 90ern. Und 1995/’96 engagierte ich mich im DVD-Forum.

Das ist etwas, was viele Menschen heute vergessen. Die erste High-Res Audioquelle war DVD.

DVD. DVD Video konnte 96 Kilohertz 16 Bits abspielen.

Das meine ich.

Und die höhere Qualität und den Surround Sound auf die Disc zu bringen – was eine ganz schöne Herausforderung war – war zuerst auf DVD möglich. Das brachte mich übrigens in engen Kontakt mit der Musikindustrie. Weil man an einem Standard arbeitet und – ja, da gab es einigen Spaß, technischen Wettbewerb und solche Dinge. Aber ja, nein, wir sind nicht neu im Geschäft und wir haben gelernt.

Wir hatten enge Beziehungen zum Forum in Japan, mit den großen Firmen wie Sony und so weiter. Und auch mit den Plattenfirmen.
Den großen Plattenfirmen. Und es wurde mir klar, wie ihr Denken funktionierte. Und der Grund, warum das wichtig war, ist – dieses Gefühl habe ich seitdem ständig – dass die Musikindustrie sehr wichtig ist.

Klar, es ist in Mode, die Musikindustrie zu hassen, die Leute sagen, das seien Diebe und Räuber und sie verlangen tatsächlich für Musik Geld! Aber in Wirklichkeit machen sie einen wichtigen Job: Künstler entdecken und aufbauen, ein Archiv aufbauen und erhalten. Darüber hinaus ist schlicht Tatsache: Wir sind hier auf der High End Messe, und High End Hersteller sind gar nichts außer es gibt etwas, das man wiedergeben kann. Wir brauchen großartige Musik. Und das ist eine Leidenschaft, die mich mein Leben lang antreibt.

Wenn wir in der Geschichte weiter nach vorne gehen, gab es wie Sie wissen einen Format-Krieg zwischen SACD und DVD Audio, was wirklich eine Schande war. Der iPod 1 – damals hatten wir eine ganze Generation schlechter Audio-Qualität auf Radio-Niveau; die Leute hörten MP3 und AAC. Und der Diebstahl von Musik – das alles war sehr quälend.

An diesem Punkt war unsere Sicht: „Na gut, wir müssen uns darauf konzentrieren, die CD so gut zu machen wie möglich“, denn die Compact Disk hatte alles. Der riesige Katalog, CD ist wahrscheinlich das erfolgreichste physische Tonträgerformat aller Zeiten, weil mehr Titel für CD produziert wurden als für Vinyl oder andere Formate. Aber natürlich war sie nicht perfekt.

Was wir allerdings immer im Hinterkopf behielten: Dass irgendetwas fundamental falsch war an der Herangehensweise beim digitalen Audio. Dies ist die Entstehungsgeschichte bis zu dem Moment, als wir beschlossen „OK, das Problem muss gelöst werden. Wir haben das Wissen, wie man es machen kann und das heißt leider, dass wir die Geschichte erzählen müssen“. Tut mir leid, das war eine lange Einführung…

Nein, das war sehr gut und informativ.

Irgendwie erklärt es die lange Reise.

In der Vergangenheit gab es Technologien, die recht erfolgreich versuchten, den CD-Klang zu verbessern, wie zum Beispiel HDCD. Das fand ich ziemlich clever und auch einige andere Dinge wie Super-Bit-Mapping. Aber Ihre jetzige Herangehensweise ist völlig neu?

Das ist sie. Denn solche Dinge wie HDCD zum Beispiel sind zwar clever, aber es sattelt auf der CD auf. Und Super-Bit-Mapping, damit ist Noise Shaping gemeint und das ist seit langem bekannt.

Grundsätzlich schon.

Noise Shaping verschafft uns enorme Möglichkeiten der Optimierung. Aber was mich am meisten störte und dazu führte, dass wir, Peter Craven, Malcolm und ich uns zusammensetzten, war dieses Problem: Es wird einfach nicht genug Grundlagenforschung betrieben im Highend Audiobereich. Und ich rede nicht von den HiFi-Herstellern, ich meine wissenschaftliche Forschung darüber, wie wir hören und was hohe Auflösung in Wirklichkeit ist.

Ok, also nicht Bits zu zählen sondern herauszufinden, was als Mehr-Information wahrgenommen wird und dann zurückkommen darauf, wie wir das liefern können.

Korrekt. Was also passierte: In wissenschaftlicher Hinsicht wurde Geld hauptsächlich ausgegeben für Forschungen darüber, wie ein Smartphone mit einer möglichst kleinen Datenmenge auskommt oder wie man eine Hörhilfe konstruiert.

Sehr wichtig.

Eine sehr wichtige Aufgabe. Aber unsere Leidenschaft und unser Interesse liegt darin, die musikalische Darbietung einzufangen. Wo ist die Grenze, was kann ein Mensch tatsächlich hören? Wenn wir besser und besser werden, wie weit ist der Rahmen gespannt? Das wollten wir wissen und es gibt Informationen dazu, aber historisch gab es nicht viel.

Wir stellten grundsätzlich fest, dass die Leute eigentlich merken, dass irgendwas mit dem Digitalen nicht stimmt, denn die Compact Disk ist nicht perfekt. Wenn Du sie schneller machst, wird sie ein bisschen besser. Und so sehen wir einige Sampling Raten, die bis 88, 96 gehen, 192 ist ein bisschen besser, 384 noch ein bisschen besser, aber man kommt an kein Ende. Und während wir die Daten verdoppeln werden die Datenmengen riesig.

Exakt.

Und das zeigt uns, hier liegt ein Problem, denn die Qualität steigt nicht proportional. Das ist der Schlüssel. Und warum sind die höheren Sampling Raten wichtig? Weil wir wissen, dass man den Unterschied zwischen 192 und 48 hören kann obwohl man einen Hochtöner hat, der bei 20 Hertz aufhört, gar keine so hohe Frequenz. Wie geht das?

Fortsetzung auf Seite 2