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Dan D`Agostino zählt zu den großen alten Männern im weltweiten High End und hat viel zu sagen. LowBeats hatte ihn im Interview (Foto: F. Borowski)

Interview mit Entwickler-Legende Dan D’Agostino

Dan D’Agostino (DDA) ist neben Nelson Pass von Pass Labs die wohl bekannteste Entwickler-Ikone im US-amerikanische High End. D’Agostino gründete 1980 Krell Industries und machte die Firma zu einer Elektronik-Großmacht der audiophilen Welt. 2009 wurde er von den (mittlerweile ins Krell-Boot geholten) Investoren herauskomplimentiert, worauf er 2011 die Dan Dagostino Master Audio Systems (DDMAS) gründete, mit denen er die aktuell besten (und womöglich hübschesten) Vollverstärker und Vor-/Endstufen der Welt baut. LowBeats hatte die Legende im Interview.

LowBeats: Dan, Sie prägen seit vielen Jahrzehnten das High End: Wie lange schon entwickeln Sie nun HiFi Elektronik?

DDA: 40 Jahre. Und dabei zähle ich meine Jugendzeit nicht mit, obwohl ich schon früh mit Röhren experimentierte. Mit 14 habe ich bereits eigene Röhren-Amps gebaut und mit den Klipsch-Hörnern meines Vaters gehört.

LowBeats: Also dreht sich alles in Ihrem Leben um Verstärker?

Dan D’Agostino: Mein ganzes Leben drehte sich um Verstärker

DDA: Das kann man so sagen. Meine ganze Familie legte die ganze Zeit Musik auf und die Leute haben es sich angehört und drüber geredet. Ich bin also in einer Atmosphäre aufgewachsen, in der Menschen Musik hörten. Jazz gefiel mir besonders gut. Aber ich wollte das alles einfach besser hören. Also habe ich ständig versucht, den Klang zu verbessern.

LowBeats: Sie haben so viele legendäre Verstärker gebaut. Wie entsteht so ein Kunstwerk?

Krell Endstufe KSA 100
Ein klangliches Kraftwerk in Class-A-Schaltung. Die KSA 100 mit 100 Watt Class-A pro Kanal war Dan D’Agostinos erstes Werk, das es zu Weltruhm brachte. Es sollte noch viele folgen…

DDA: Ich erzähle nicht, wie es in den letzten Krell-Jahren war, sondern wie es heute ist. Denn als ich die Firma DDMAS gründete, beschloss ich (wieder) eine konsequent musikalische Herangehensweise. Zuerst bin ich in den ganzen USA herumgeflogen und habe überall mit den Händlern gesprochen, habe ihnen ein Bild gezeigt von dem, was ich vorhatte und hörte mir an, was sie für guten Sound hielten.

Die Entwicklung verlief dann so: Ich baute einen kompletten Verstärker (Anmerkung der Redaktion: den heutigen Momentum) und ließ alles offen, damit ich jederzeit etwas ändern konnte. Dann holte ich meine Freunde zum Probehören: „Was denkt Ihr?“ Wir hörten und beschlossen „Oh, der gefällt mir.“ Dann machte ich wieder ein paar Änderungen und so ging es immer weiter: Jedes Wochenende bis wir fertig waren.

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Dan D’Agostino stellte sich in den Räumlichkeiten von Audio Reference den Fragen von LowBeats Autor Frank Borowski (Foto: F. Borowski)

Es klang schon gut, aber es stellte sich heraus, dass die Verzerrungen recht hoch waren. Viel höher als erwartet. Also beschloss ich, die Verzerrungen zu reduzieren – ohne dabei viel zu verändern. Ich hatte keine Gegenkopplung in meinem Verstärker. Also musste ich die Schaltungen so modifizieren, dass an einigen Stellen mehr Strom ankam und an anderen Stellen weniger.

Im Endeffekt entstand ein vorläufiger Verstärker mit vertretbaren Verzerrungen, aber nichts Verrücktes. Ich meine, ein Momentum hat bei voller Last etwa 1% Verzerrung, was ok ist, es ist zufriedenstellend. Aber wenn man einige andere Produkte betrachtet, die ich in der Vergangenheit entwickelt habe, lagen die Werte üblicherweise vier Stellen hinterm Komma. Dennoch klingt der Momentum besser. Im Vergleich zu vielen meiner anderen Entwicklungen klingt er einfach musikalischer. Tja: So bin ich vorgegangen…

D´Agostino Momentum HD
Ein Traum von einem Verstärker: Der Momentum für 50.000 Euro war der erste Vollverstärker der Dan D’Agostino Master Audio Systems (Foto: Dagostino)

LowBeats: Aber um so vorgehen zu können, braucht man eine Vorstellung, welche Schaltung die beste ist. Glauben Sie, dass es ein einziges überlegenes Verstärkerprinzip gibt? Weil Sie keine Röhrenverstärker bauen, zum Beispiel.

DDA: Stimmt. Ich habe einige, nein viele Röhrenverstärker ausprobiert und ihre spezielle Klang-Präsentation ist in mancher Hinsicht sehr angenehm. Aber ich versuche, die klangliche Wärme und die große Klangbühne auch mit meinen Transistor-Verstärkern zu erreichen. Deshalb vertraute ich sehr lange auf Class-A-Schaltungen.

LowBeats: Aber sind Class A-Schaltungen im Licht der aktuellen Klima-Debatte noch zu rechtfertigen?

DDA: Nun, ich mache keine Class A Verstärker mehr. Ich habe mit der Momentum-Serie Wege gefunden, AB-Schaltkreise zu entwickeln, die genau wie Class A klingen. Der Momentum wird recht warm, aber er arbeitet nicht in Class A. Und die Leute sagen „Oh, ich liebe diesen Class A Klang.“ Aber es ist gar kein Class A, es ist AB.

LowBeats: Die neuen Endstufen sind also viel effizienter?

DDA: Sie sind viel leistungsstärker als das, was wir in der Vergangenheit gemacht haben. Außerdem ist Class A zwar eine wunderbare Sache, aber es ist sehr limitiert in einigen Dingen. Zum Beispiel: Wieviel Hitze will man haben und wieviel Power? Wenn man 200 oder 300 Watt in reinem Class A erreichen will, spricht man über einen sehr großen Verstärker. Oder man spricht über Ventilatoren. Und Ventilatoren können in einem HiFi Gerät sehr lästig sein.

LowBeats: Keiner mag Ventilatoren…

DDA: Richtig. Zudem sind Ventilatoren mechanisch anfällig und man verbrennt mit Class A Tonnen von Energie.

LowBeats: Deshalb bevorzugen heute viele Entwickler effizientere Schaltnetzteile. Selbst in High End Geräten. Sie hingegen verlassen sich immer noch auf lineare Energieversorgung in ihrer Hardware. Warum?

DDA: Das hat nur mit dem Hören zu tun. Wie Sie ja wissen, bin ich ein High-End-Typ und habe eine richtig große Anlage zuhause. Ich höre viel und habe auch große Schaltnetzteile gebaut. Das war ok bei sehr niedrigem Pegel. Aber als wir anfingen, es unter Stress zu setzen, also die Lautstärke aufzudrehten, konnte man fühlen, wie es anfing, den Geist aufzugeben. Meiner Meinung nach ist das Netzteil das Herz eines Verstärkers. Das darf nicht nachgeben.

Wir sind sehr stolz darauf, dass wir wirklich gut klingende Netzteile selbst bauen können. Und ebenfalls wichtig: Netzteile richtig zu erden und sie optimal in einem Audio Verstärker einzusetzen. Viele denken, das wäre einfach, das sind doch nur zwei Bauteile – nämlich Transformator und der Gleichrichter. Aber so einfach ist das nicht. Da gibt es Einiges, was man tun muss, damit das Netzteil wirklich Strom liefert und dabei den Audiopfad nicht stört.

Wir hatten einfach nie Glück mit Schaltnetzteilen. Tatsächlich würde ich sie nicht mal in einem Vorverstärker nutzen. Und ich kann sie gleich heraushören – ich mach das ja schon eine sehr lange Zeit. Ich kann einen Subwoofer anhören und sofort sagen, ob er ein Schaltnetzteil oder lineare Stromversorgung hat.

LowBeats: Gibt es denn aus Ihrer Sicht so etwas wie das ultimativen Verstärker-Konzept?

DDA: Wenn ich wählen sollte, würde ich sagen: mein zuletzt entwickeltes Verstärker-Produkt Relentless. Der Relentless ist ein lebenslanger Traum. Die Schaltung ist voll symmetrisch, aber nicht gebrückt. Man hat also tatsächlich zwei Verstärker: einen negativen und einen positiven. Sie sind exakte Gegenstücke. Und ich meine: absolut exakt.

Nordeutsche HiFi Tage 2019 Dan Dan D`Agostino Relentless
Die Relentless Monoblöcke sind die Spitze des DDMAS-Eisbergs und kosten im Paar 300.000 Euro (Foto: F. Borowski)

Viele Leute denken, das kann doch jeder machen. Aber nein. Wenn man es nicht ganz exakt durchdacht hat, funktioniert es nicht so, wie es soll. Es gibt am Markt viele symmetrische Verstärker. Ich selbst habe etliche Versuche unternommen. Doch das einzige Mal, dass ich den Erfolg hatte, den man mit Schaltungen dieser Art haben sollte, war mit dem Relentless. Wenn man bei ihm die Verzerrungen jeder Stufe einzeln misst, liegen sie bei 0,1%. Wenn man aber beide Stufen zusammen misst, liegen die Verzerrungen – weil die beiden Verstärkerzüge Spiegelbilder voneinander sind – bei 0,001%.

LowBeats: Das ist erstaunlich. Es ist ja aber auch ein erstaunlicher Verstärker.

DDA: Danke. Es war auch eine Menge Arbeit, das umzusetzen. Denn als ich sah, dass es machbar ist, wollte ich dieses Konzept unbedingt mit großen, diskreten Komponenten umsetzen. Und als ich damit fertig war, stellte ich fest, dass die klanglichen Vorteile außergewöhnlich groß sind.

LowBeats: Das führt uns zur nächsten Frage: Was hat sich in den letzten Jahrzehnten mehr geändert: die Verstärker-Schaltungen oder die Bauteile?

DDA: Nun, es gibt einige Durchbrüche bei der Entwicklung von Schaltungen, an denen ich selbst und viele andere Entwickler gearbeitet haben. Die Bauteile-Industrie war bestrebt, wirklich gute Audiogeräte herzustellen. Und als die Dinge begannen, langsamer zu laufen, als HiFi einfach alltäglich wurde, statt eine neue Technologie zu sein, sind viele dieser Geräte wieder verschwunden.

Aber auch die Bauteile haben sich verändert. Zum Beispiel die Ausgangsstufen. Denke ich zurück an die Ausgangsstufen von 1980 oder 1990, muss ich sagen: die haben sich niemals so verhalten wie die, die wir heute verwenden. Die modernen sind so viel besser. Aber ich denke, dass gegenwärtig für Firmen wie meine die größte Herausforderung ist, Teile zu finden, die weiterhin produziert werden. Wir verwenden deshalb so viele Bauteile, die vom US-Militär für Verteidigung oder medizinischen Gebrauch entwickelt wurden, weil wir sicher sind, dass sie lange verfügbar sein werden.

LowBeats: Was ist das wichtigste, was Sie in Ihrer Karriere über die Herstellung großartig klingender Verstärker gelernt haben? Gibt es so etwas wie DIE wichtigste Entdeckung?

DDA: Die wichtigste Entdeckung ist keine technische, sondern die Erkenntnis, dass man immer zum Kern der Sache kommen muss. Und der heißt: Wie gut klingt es? Nicht, wie gut misst es sich. Für mich als Entwickler war diese Erkenntnis eine Riesensache. Viele entwickeln so, dass sie fantastische Messwerte haben – dann muss es ja gut klingen. Aber das stimmt fast nie.

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„Ich mache nichts Digitales“ – Dan D’Agostino im LowBeats Interview (Foto: F. Borowski)

LowBeats: Ein anderer Punkt: Jeder arbeitet heute digital. Obwohl einige analoge Quellen wohl nie aussterben werden, gehört die Zukunft dem Streaming von digitalen Inhalten. Haben Sie eine eigene digitale Entwicklungsabteilung im Haus?

DDA: Ich mache nichts Digitales, gar nichts Digitales. Wir machen einen DAC für einen unserer Vorverstärker, konzentrieren uns aber auf den analogen Part. Wenn wir ins Digitale einsteigen würden, wäre es so, als würden wir plötzlich Lautsprecher entwickeln. Wie gut kann man sein, wenn man noch nie Lautsprecher gebaut hat?

Wenn man einen DAC macht, kann man ein Bauteil kaufen und es auf eine Platine setzen, ein paar andere Teile hinzufügen und schon hat man einen fertigen Wandler. Einen sehr hochauflösenden DAC, mit 24-192, SACD, DCS, DSD. All das ist leicht verfügbar und kostet gerade einmal 20 Dollar. Wie soll man da etwas Besseres entwickeln? Man müsste in die Forschung investieren. Es gibt Firmen, die im digitalen Bereich arbeiten und das großartig machen, wie DCS und ähnliche Firmen. Sie machen schöne, wunderbar klingende Sachen. Aber ihre gesamte Forschung wird unterstützt. Deshalb kaufen wir bei ihnen zu.

LowBeats: Der Vollverstärker Progression, der planmäßig Ende dieses Jahres auf den Markt kommen soll, hat eine Menge „Digitales“ an Bord. Ist er so etwas wie das Beste aus beiden Welten?

Dan D’Agostino Progression Integrated
Erster Dan D’Agostino Vollverstärker mit DAC, Streaming und Bluetooth: der Progression wird als Basisversion 20.000 Euro kosten und Modul-weise aufrüstbar sein (Foto: DDMAS)

DDA: Genau. Der Progression wird eine wirklich solide Verstärkerplattform mit einem sehr gut klingenden DAC plus Streaming Technologie und -Angeboten wie Spotify, Quobus, Tidal bieten. Sogar Bluetooth soll möglich sein. All dies wird in einem High End Produkt verfügbar sein, das man im Prinzip mit seinem Handy steuern kann.

LowBeats: Neue Produkte erfordern auch immer neues Investment. Unter den großen Namen in der Branche sind Sie aber inzwischen einer der wenigen unabhängigen Entwickler ohne großen Geschäftspartner oder Investoren im Hintergrund. Wie wichtig ist das für Sie?

DDA: Ich denke, das ist sehr wichtig. Unsere Firma gehört meiner Frau Petra und mir. Wir haben keine Investoren. Das ist sehr wichtig, denn in einer Branche wie der unseren werden viele Produkte von vielen Leuten am grünen Tisch entwickelt. Dabei geht die Leidenschaft für das Produkt verloren.

LowBeats: Das klingt etwas bitter…

DDA: Tatsächlich denke ich, es war der größte Fehler meiner Karriere, Partner am Gewinn zu beteiligen. So musste ich mit DDMAS noch einmal neu starten.

LowBeats: Vor diesem Hintergrund die Frage: Wie wichtig sind engagierte und loyale Vertriebe wie Audio Reference für Sie?

Dan D'Agostino mit Mansour Mamghani
Dan D’Agostino mit Mansour Mamaghani, dem Chef seines Deutschland-Vertriebs Audio Reference (Foto: F. Borowski)

DDA: Äußerst wichtig. Sie wissen, dass wir weltweit eine gewisse Bekanntheit haben, aber wenn unsere Vertriebe diese nicht in jedes Land tragen würden, wäre es sehr schwierig für eine Firma unserer Größe, die Präsenz in jedem Land aufrechtzuerhalten. Der Vertrieb ist wie meine rechte Hand in dem jeweiligen Land. Ohne ihn könnte ich nicht arbeiten.

LowBeats: Das ist ein großes Lob. Mit wie vielen Vertrieben arbeiten Sie?

DDA: USA, Kanada sowie Mexico betreuen wir selbst, sonst fast in jedem Land. Insgesamt sind es über 50.

LowBeats: Sie sind so aktiv, voller Ideen: Es scheint, als wollten Sie die nächsten Jahrzehnte weiterarbeiten. Gibt es einen geplanten Rückzug für den Entwickler Dan D’Agostino?

DDA: Wissen Sie, ich denke, um gesund zu bleiben, brauche ich die Arbeit. Ich will nicht ganz in den Ruhestand gehen, aber ich denke, ab einem gewissen Punkt werde ich weniger Zeit im Labor verbringen, die Arbeit an einige meiner jüngeren Entwickler übergeben, die mit mir arbeiten. In ein paar Jahren werde ich eine Woche arbeiten und die nächste nicht, oder ein paar Tage pro Woche. Aber ich will weiterarbeiten, denn ich weiß, wenn ich nicht arbeite, werde ich schneller alt…

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