Gregory Porter All Rise Review Aufmacherbild
Gregory Porters warmherziger Bariton ist auch auf seinem neuen Album „All Rise“ ein sanfter Hochgenuss. Als besonderes Highlight ist das neue Werk auch als audiophiles Deluxe-3-LP-Set in blauem Vinyl inklusive zwei Bonustracks zu haben (Foto: Amazon)

Gregory Porter All Rise: das Album der Woche

Natürlich: Dass über Gregory Porters Kopfbedeckung mehr geschrieben wurde als über den Werkskanon vieler jahrzehntelang tätiger Jazzbands – das ist aus Sicht vieler Jazzfans und -musiker schon etwas frustrierend. Dennoch zuckt der undogmatische Musikfreund ob dieser noch immer nicht verstummenden Diskussion um Porters Image und seine Musik (ist das wirklich Jazz oder doch „nur“ eine ziemlich popnahe Mischung aus Soul, Gospel, Blues und viel leichter Muse?) eher mit den Schultern – und freut sich derweil über dessen neues Album als eine exquisite Produktion voll feiner Songs, bei denen aus der Ferne sogar Genre-Altmeister wie Frank Sinatra grüßen. Schon fast zwangsläufig ist Gregory Porter All Rise unser Album der Woche.

Ob Gregory Porter tatsächlich ein Jazzsänger sei oder doch eher ein Soul-Man, ein popnah intonierender Entertainer gar? Darüber debattiert die Jazzszene eigentlich schon, seit dieser Kerl mit der Holzfällerfigur und der  rauchzarten Crooner-Stimme 2010 sein erstes Album aufgenommen hat. Übrigens: Profi-Footballer hatte Porter ursprünglich werden wollen; ein Sportstipendium an der San Diego State University hatte er bereits in der Tasche. Doch wegen einer schweren Schulterverletzung endete seine Karriere als „Outside Linebacker“, bevor sie überhaupt angefangen hatte.

Doch zurück zum Thema: Bisweilen schwingt bei rechtschaffenen Jazzern sogar regelrecht Verärgerung mit – Verärgerung darüber, dass Porter viel, zu viel Aufmerksamkeit zuteil wird, die man gerne für sich reklamieren würde. Nun gönnt man als leidenschaftlicher Musikfreund jedem Jazzmusiker natürlich jeden Ruhm dieser Welt – aber umgekehrt sollte man sich durch diese Diskussion auch nicht den Spaß an der Musik von Gregory Porter verderben lassen. Und, nur mal so am Rande: War Frank Sinatra nach klassischen Maßstäben je ein „richtiger“ Jazzsänger?

Die Musik von Gregory Porter All Rise

Mit All Rise  drängt sich der Vergleich zu Frankie’s Ol‘ Blue Eyes  nun mehr denn je auf, denn was Porter hier komponiert und singt, das erhebt in rund zehn von fünfzehn Fällen – so viele Songs hat der Vokal-Bär aus Sacramento in diesem Programm – gar nicht erst den Anspruch auf das „Qualitätsprädikat“ Jazz. Qualitätsmusik ist es dennoch, und zwar ganz im Sinne von Sinatra und diversen anderen Altvorderen vom Broadway – etwa dem anderen Porter (Vorname: Cole), Songautoren wie Rodgers & Hammerstein oder den drei großen Ms des Great American Songbook (Mercer, Mancini, Mendel).

Nein, lupenrein „jazzig“ ist hier kaum etwas. Aber wer ohne Scheuklappen an dieses Album herangeht und einen Sänger, Songschreiber und Arrangeur sucht, der Soul, Blues, Funk, Gospel, Pop und auch einen Schuss Jazz auf in jeder Hinsicht exquisitem Niveau präsentiert, der liegt hier goldrichtig. Das Vergnügen beginnt bei einem makellosen Deluxe-Sound, der Räumlichkeit, Druck und Transparenz miteinander kombiniert und bei dem die Streicher seidig glänzen, die Gitarren Schliff und die Bläser schön viel Basstiefe haben dürfen.

Doch Produzent Troy Miller (Laura Mvula, Jamie Cullum, Emili Sandé) sorgte nicht nur für einen audiophilen Klang, sondern vereinte auch unterschiedliche Settings zu einem vitalen, kein bisschen steril klingenden Gesamtsound. Aufgenommen wurde nämlich an gleich drei verschiedenen Locations: Die Streicher des London Symphony Orchestra wurden in den Abbey Road Studios eingespielt, die weiteren Parts entstanden in den Capitol Studios in Los Angeles und in einem lauschigen Studio im Pariser Stadtteil Saint-Germain-des-Prés, einem historischen Drehkreuz der europäischen Literatur- und Jazzszene.

Die Show beginnt mit „Concorde“, einem Stück Orchesterpop par excellence: Piano, Bläser, Streicher und ein schwungvoller Drumbeat umgarnen einander in unaufgeregter Eleganz. Porter nutzt seinen Bariton hier nicht zur Demonstration in Sachen Kehlkopfakrobatik, sondern sinniert als jetsettender Topstar darüber, wie es ist, mit dem Flugzeug „10.000 feet up in the air“ und als Künstler auf famose Karrieresphären aufgestiegen zu sein, während man sich im Grunde einfach nur danach sehnt, zu Hause bei seiner Familie zu sein. Und das alles zu einer Melodie, die man schlicht als klassisch schön bezeichnen darf.

Mit „Dad Gone Thing“ folgt einer der wenigen eher schwächeren Songs dieses Albums – trotz Gospelchor, fetter Orgel und Bläsern in Motown-Manier wirkt der Titel lediglich wie mittelspannender Soul-Jam im Stadium einer Übungseinheit.

Deutlich kraftvoller gibt sich danach der „Revival Song“, der mit Handclaps, Gospelchor und Big-Band-Bläsern entfernt an den englischen Neo-Soul-Man Michael Kiwanuka erinnert.

Bei „If Love Is Overrated“ kommt Gregory Porter schließlich endgültig bei Frank Sinatra an: eine zarte Ballade, voll leiser Streicher- und Pianobegleitung und federleichtem Klarinettensolo. „Faith In Love“ schwebt anschließend als wohltemperierte Soulpop-Nummer aus den Lautsprechern: Mit einem geschmeidigen, wunderbar luftigen Midtempo-Groove, einer schlanken Funkgitarre und ein paar quecksilbrigen Soli im Stil von Wes Montgomery entwerfen Porter und sein Team hier einen edlen Fünfminüter, der zum Sonnenuntergang ebenso gut funktioniert wie als Soundtrack für eine stilvolle Dinner-Party.

„Merchants Of Paradise“ stellt mit einem perlenden, improvisiert klingenden Pianothema und einem lupenreinen Sopransaxophon in bester Branford-Marsalis-Manier (man denke an „Englishman In New York“) dann auch Jazzfreunde zufrieden. Bass und Schlagzeug sorgen dazu für einen federnden Groove, nutzen die 6:03 aber auch für hübsche Breaks und Taktwechsel. Und auch Porter geht hier vokal einmal an seine Grenzen und schraubt seine Stimme vom Bass hinauf in die hohen Register, einige formvollendete Scat-Passagen inklusive.

„Long List Of Troubles“ lässt dann ein paar herrlich knorrige Bläser von der Leine und beschwört die Kraft zum Aufstehen, zum Fliegen – auch wenn einem tausend Enttäuschungen und Erniedrigungen die Flügel niederdrücken. Dieses Grundmotiv des Albums spiegelt auch „Phoenix“ an Position 11 im Programm. „Wir hören die Phrase ‚ALL RISE!‘ ja für gewöhnlich, wenn Präsidenten oder oberste Richter einen Raum betreten“, erklärt Porter. „Aber ich denke, wir alle sollten uns erheben – nicht nur eine einzelne Person sollte hervorgehoben werden. Wir sind alle bedeutend und werden von Liebe beflügelt. Das ist mein politischer Glaube und meine Wahrheit. Beides rührt von meiner Persönlichkeit her, von der Persönlichkeit meiner Mutter, der Persönlichkeit des Blues und der Schwarzen.”

Und stets ist da natürlich Gregory Porters Bariton: wohlig-weich wie bester Tannenhonig, dunkel, samtig, süß und herb zugleich – ein Timbre, in dessen beruhigenden Schallwellen man geradezu baden möchte und das für gemächliche Pianoballaden wie „Modern Day Apprentice“, „Merry Go Round“ oder „Everything You Touch Is Gold“ ebenso passt wie für Schwungvolles wie die Motown-Hommage „Mister Holland“ oder den Piano-Stomper „Thank You“. Mit „You Can Join My Band“ klingt ein äußerst üppig ausgefallenes Set schließlich sanftmütig und fast in Van-Morrison-Manier aus – und hat dann nach rund 65 Minuten möglicherweise selbst orthodoxen Jazz-Anhängern mehr Hörgenuss bereitet, als sie es beim Namen Gregory Porter bisher für möglich gehalten haben respektive zuzugeben bereit waren.

Gregory Porter All Rise C
Gregory Porter All Rise erscheint bei Blue Note im Vertrieb von Universal und ist erhältlich als Standard-CD, Deluxe-CD (Hardcover-Booklet + 2 Bonustracks), als Doppel-Vinyl-LP und als audiophiles Deluxe-3-LP-Set in blauem Vinyl inklusive zwei Bonustracks. (Cover: Amazon)

 

Gregory Porter All Rise
2020/09
Test-Ergebnis: 4,5
ÜBERRAGEND
Bewertungen
Musik
Klang
Repertoirewert

Gesamt

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Autor: Christof Hammer

Christof Hammer
Seit vielen Jahrzehnten Musikredakteur mit dem Näschen für das Besondere, aber mit dem ausgewiesenen Schwerpunkt Elektro-Pop.