Sony PS-X555ES: Dreißig Jahre alter Biotracer-Tangential-Plattenspieler mit Ortofon X5-MC (Foto: R. Vogt)
Sony PS-X555ES: Dreißig Jahre alter Biotracer-Tangential-Plattenspieler mit Ortofon X5-MC (Foto: R. Vogt)

Sony PS-X555ES mit Ortofon X5-MC: Perfekter Plattenspieler für Digitalos!?

Heute wird’s verrückt: Denn heute erzählt Euch der bekennende Digitalo und Surround-Spezi Raphael Vogt etwas über Phono! Warum? Weil auch ich noch knapp hundert LPs im Regal stehen habe, die endlich mal wieder gespielt werden müssen. Da ich mich mit aktuellen, bezahlbaren Plattenspielern aus vielerlei Hinsicht nicht so recht anfreunden kann, verfiel ich auf die Idee eines technisch anspruchsvollen Vintage-Drehers: dem Sony PS-X555ES. Der ist wie für mich gemacht. Und über den gibt es so viel zu erzählen…

Sony PS-X555ES: Direktangetriebener Teller, Tangential-Biotracer-Tonarm (Foto: R. Vogt)
Sony PS-X555ES: Direktangetriebener Teller, Tangential-Biotracer-Tonarm (Foto: R. Vogt)

Seit gut zwei Jahren nerve ich schon mein audiophiles Umfeld immer mal wieder mit Fragen zu Plattenspielern und allem was dazu gehört. Es musste in jedem Falle etwas Gebrauchtes sein: Eine Maschine, die im Alltag robust ist, die ich mit meinen bescheidenen Phono-Kenntnissen auch gut handhaben kann und die es auch klaglos mitmacht, mal eben auf das Rack gepackt zu werden und dann ohne weitere Wartung, Montage oder Justage einfach gut spielt. Bitte nix Filigranes, nix Schlabberiges wie das Subchassis meines Thorens TD150MKII. Der tauchte leider irgendwie nach meinem letzten Umzug (anno 2005!) nicht wieder auf, beziehungweise, ich konnte bisher nur den Außenteller und die Gummimatte wiederfinden. Aber der Sony PS-X555ES macht diesen Verlust vergessen.

Konnte ich mit dem Sony erwerben: Ortofon X5-MC (Foto: R. Vogt)
Konnte ich mit dem Sony erwerben: Ortofon X5-MC (Foto: R. Vogt)

Relativ schnell war mir klar, ich brauche einen Direkttriebler der gut klingt. Je länger ich mich mit Leuten die sich auskennen unterhielt, desto stärker festigte sich auch meine Entscheidung, einen Tangentialtonarm haben zu wollen. Warum? Platten werden nun einmal tangential geschnitten. Wäre es also nicht auch besser, sie dementsprechend abzutasten? Je mehr ich zum Thema Tonarmgeometrie und Mechanik lernte, desto unsinniger und kompromissbehafteter schienen mir die Konstruktionen mit Drehachse; außer an genau zwei Stellen der Platte erzeugen die üblichen Drehtonarme eigentlich permanente Fehlwinkel. Und trotz ausgeklügelter Gegengewichtchen und anderen Maßnahmen lässt sich die Skating-Kraft, die den Tonarm stets in eine Richtung zieht, nie ganz und für alle Winkel vollständig kompensieren. Was also soll das? Diese Problematik kennen Tangentialtonarme gar nicht. Kein Wunder, denn wie gesagt: Genau so entstehen ja die Rillen.

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Genial und eigentlich simpel löst der Biotracer-Tonarm eine Reihe von Aufgaben (Foto: R. Vogt)
Genial und eigentlich simpel löst der Biotracer-Tonarm eine Reihe von Aufgaben (Foto: R. Vogt)
Die Schnittzeichnung der Service-Anleitung zeigt die Spulen-Anordnung, die die Tonarmposition gleichzeitig misst und steuert (Foto: Sony)
Die Schnittzeichnung der Service-Anleitung zeigt die Spulen-Anordnung, die die Tonarmposition gleichzeitig misst und steuert (Foto: Sony)
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Mit Tangentialtonarm kann es aber schnell ganz schön teuer werden. Mich brachte glücklicher Weise ein Freund auf die Sony Modelle mit Biotracer-Tonarm. Und je mehr man sich damit beschäftigte, desto mehr frage ich mich als Techniker, wieso das eigentlich nicht alle Hersteller so machen. Im Grunde handelt es sich um einen Einpunkt-gelagerten Tonarm, der mittels zweier Spulenpaare geführt und im gleichen Moment permanent in seiner Position gemessen wird.

Das ist klassische, analoge Mess- und Regeltechnik vom Feinsten. Zwei Spulen kümmern sich um die vertikale Bewegung und kontrollieren sogar das Auflagegewicht. Das andere Spulenpaar dient der Führung und Messung des Spurfehlwinkels. Überschreitet dieser 0,8 Grad zieht ein Motor per Riemen den Tonarm weiter bis er wieder gerade abtastet. Das ist so simpel wie genial und funktioniert auch nach Jahrzehnten noch zuverlässig.

Glück: die Haube des Sony PS-X555ES ist unbeschädigt (Foto: R. Vogt)
Glück: die Haube des Sony PS-X555ES ist unbeschädigt (Foto: R. Vogt)

Allerdings, je tiefer ich mich mit den Modellen beschäftige, desto eher kam ich vom edlen Ur-Tangential-Model Sony PS-X800Es ab. Service-Techniker erzählen, dass er im Alter schwierig in Stand zu halten ist, in der Justage kniffelig und zickig ist und zudem nicht mehr alle Ersatzteile erhältlich sind. Das kleinere, nachfolgende Modell Sony PS-X555Es ist konstruktiv an den richtigen Stellen vereinfacht, gilt als gut zu wartender Dauerläufer und die entscheidenden Ersatzteile gibt es auch noch. Selbst neue Hauben werden noch angeboten.

Auch nicht mehr ganz neu, aber passt klanglich wie die Faust aufs Auge: das Ortofon X5-MC (Foto: R. Vogt)
Auch nicht mehr ganz neu, aber passt klanglich wie die Faust aufs Auge: das Ortofon X5-MC (Foto: R. Vogt)

Klar, äußerlich macht der X555 weniger her, aber nach einer Weile der Recherche und Geduld konnte ich im Spätsommer 2020 ein Exemplar ergattern, das vollständig und ohne Mucken funktioniert und mit knapp unter 500 Euro gut ins Budget passte. Zumal ein sehr gutes und technisch makelloses Ortofon X5-MC montiert war. Ein audiohiler Glücksfall wie sich schnell heraus stellte. Das X-5 MC ist schon nicht mehr im offiziellen Ortofon-Katalog, aber der HiFi-Schluderbacher scheint noch eine größere Charge zu haben…

Das magnetisch regulierte Auflagegewicht liegt nur 0,12g neben dem Soll (Foto: R. Vogt)
Das magnetisch regulierte Auflagegewicht liegt nur 0,12g neben dem Soll (Foto: R. Vogt)

Ein kleiner Beleg wie robust und zuverlässig die Biotracer-Technik arbeitet lässt sich mit diesem gut 30 Jahre alten Exemplar anhand einer präzisen Feinwaage demonstrieren. Ortofon empfiehlt 2,0 Gramm Auflagegewicht, die sind am Sony auch per Drehrädchen und Digitalanzeige eingestellt. Tatsächlich liegt die Nadel mit gut 1,9 Gramm auf, also mit einer Toleranz von nur ≈5% – nach all der Zeit! Danke an Authentic Sound für das Leihen der Ortofon-Waage. Für eine erste Grundreinigung meiner Vinylsammlung haben mir analogen HiFi-Spezialisten netter Weise auch eine Knosti Plattenwaschmaschine zur Verfügung gestellt. Nach einem langen Wochenende und einer benebelten Alkohol-Wolke, die das Reinigungs-Fluids hinterließ, hatte ich einen Großteil der Scheiben gesäubert. Ganz knackfrei wurde es mit der Knosti leider bisher nicht.

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Durch die sechs "Gucklöcher" ertastet eine Lichtschranke die Plattengröße und richtet den Startpunkt danach ein (Foto: R. Vogt)
Durch die sechs „Gucklöcher“ ertastet eine Lichtschranke die Plattengröße und richtet den Startpunkt danach ein (Foto: R. Vogt)
Glück gehabt: Selbst der originale Single-Puck war noch dabei (Foto: R. Vogt)
Glück gehabt: Selbst der originale Single-Puck war noch dabei (Foto: R. Vogt)
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Doch zurück zum Plattenspieler. Der arbeitet mit einem klassischen Direktantrieb mit einem bürstenfreien Motor mit gutem Drehmoment und Quarzregelung. Plattenteller und die schwere Gummiauflage besitzen drei „Augen“-Paare, mit denen eine optische Sensorik die aufgelegte Plattengröße nach LP und Single unterscheidet. Einfach die Starttaste drücken und die Nadel setzt passend auf. Nicht automatisiert ist die Anpassung der Tellerdrehzahl. Das lässt dadurch auch kleine Scheiben mit 33⅓ oder LPs mit 45 Umdrehungen zu. Mit einem Gesamtgewicht von 7,4 Kilogramm geht der Sony PS-X555ES nicht als Masselaufwerk durch, ist aber auch kein Federgewicht. Beim Anheben überrascht die Masse des fast zierlichen Maschinchens aber dann doch.

Das Aufsetzten der Nadel gelang anfangs nicht bei allen Platten, der Aufsetzpunkt lag so weit außen, dass bei wenigen Platten die Nadel noch außerhalb der Einlaufrille aufsetzte. Ein Blick in das aus dem Internet geladenen Service-Anleitung brachte schnell Abhilfe: Eine kleine Stellschraube hinten rechts im Gehäuse lässt den Aufsetzpunkt super-fein nachjustieren. Und schon macht die Automatik wieder alles richtig.

Die Bedienelemente des Sony PS-X555ES (Foto: R. Vogt)
Die Bedienelemente des Sony PS-X555ES (Foto: R. Vogt)

Wie klingt der Sony PS-X555ES mit dem Ortofon X5-MC?

Stammplatz des neuen alten Schmuckstücks ist ein Stahlrack mit Schichtholzböden. Laut Libelle ist die oberste Platte, auf der der Sony mit seinen dicken Dampferfüßen ruht, weniger als 1/1000 Grad aus der Waage. Der Plattenteller zeigt die selbe Abweichung, da ist also noch alles gerade in der alten Mechanik. Als Phono-Vorstufe der Parasound P 6 mit seinem exzellenten Phonoteil. Was mir sofort auffiel: Klingt verdammt ausgewogen und vor allem absolut symmetrisch. Die Bühnenmitte ist perfekt zentriert und stabil wie einzementiert – und zwar über die ganze LP-Seite. Der Pegel und die tonale Balance stimmen bei Stellung 45 kΩ in mit MC-Vorverstärkung am besten.

In meiner bescheidenen Plattensammlung finden sich trotz aller Jugendsünden auch ein paar feine audiophile Aufnahmen, etwa die „Gitarrismo“ von Siggi Schwab und Peter Horton. Da zaubert das Ortofon schon ganz schön, mit einer Mischung aus körperhafter, dennoch leichtfüßiger Abbildung, knackiger, aber nie aggressiver Attacke beim Anreißen der Saiten. Die beiden Gitarren werden recht groß abgebildet, selbst feine Geräusche der Finger auf den Saiten, zartes Fußtappen und gelegentliches Atmen zeugen von guter Feindynamik. Wenn nur das Knirschen und Knistern meiner alten Platten nicht wäre – trotz der gründlichen Wäsche und des sorgsamem Fegens mit der Kohlefaserbürste.

Gitarrismo" von Siggi Schwab und Peter Horton
Ein impulsives Feuerwerk: Gitarrismo“ von Siggi Schwab und Peter Horton (Cover: Amazon)

Bei wenigen Scheiben bin ich mir sicher, dass die LP und die digitale Streaming- oder Datei-Version vom selben Master stammen. Da habe ich beispielsweise die Maceo Parker „Roots Revisited“ mit dem genialen „Children’s World“ von 1990. Gleicht man die Pegel an, sind 192kHz Streaming via Roon direkt im Trinnov und Sony mit Ortofon via Parasound (mal abgesehen vom unüberhörbaren Störgrund des Vinyls) rein audiophil kaum zu unterscheiden. Dynamik, Attacke, Auflösung, auch die so sensible Tonalität des Saxofons gleichen sich wie ein Ei dem anderen – nur, dass die Abbildung bei der LP mit ihrer eingeschränkten Kanaltrennung etwas enger ist. Und es knistert halt. Ich muss mich offenbar weiter mit dem Thema Platten-Grundreinigung beschäftigen…

Maceo Parker "Roots Revisited" Cover
Statt dem Funk widmet sich Maceo auf diesem Album seiner Jazz Wurzeln: Maceo Parkers „Roots Revisited“(Cover: Amazon)

Fazit Sony PS-X555ES: das verkannte audiophile Kleinod

Nach all der Recherche meine ich hier ein audiophiles Kleinod entdeckt zu haben. Denn dass was die Kombination Sony PS-X555ES mit dem Ortofon X5-MC abzuliefern vermag, das muss ein moderner Plattenspieler erst einmal bringen. Das spielt auf den Punkt, tonal ausgewogen, knackig impulsiv mit Kraft und ohne dabei aggressiv oder harsch zu werden. Die räumliche Abbildung wirkt sehr plastisch von vor den Boxen bis weit dahinter mit superstabiler, symmetrischer Platzierung. Und dabei kann man auflegen, was man will, es entsteht stets ein schöner musikalischer Fluss der unweigerlich die Füße wippen lässt.

In Sachen Bedienung und Handhabung finde ich das nun gut 30 Jahre Laufwerk vorbildlich und es erschließt sich mir kaum, warum das Konzept des Biotracers, erst Recht in Kombination mit tangentialer Abtastung nicht weiter verfolgt wurde. Na immerhin wurde er neun Jahre lang von 1983 bis 1992 gebaut. Ich hoffe, mein Exemplar hält noch viele Jahre durch. Denn wenn Vinyl was für mich ist, dann bitte genau so.

Ich habe meine Überlegungen zu diesem Plattenspieler und Vinyl im Allgemeinen mal in einem Videokommentar zusammengefasst, ganz klar aus meiner sehr digitalen Sicht des gut 100 Jahre alten Mediums:

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Autor: Raphael Vogt

Technischer Direktor bei LowBeats und einer der bekanntesten Heimkino-Experten der Republik. Sein besonderes Steckenpferd ist die perfekte Kalibrierung von Beamern.