Die JBL L100 wird in diesem Jahr glatte 50 Jahre alt. 1970 kam sie als “zivile” HiFi-Variante des Studio-Monitors JBL 4310 Pro auf den Markt und wurde einer der erfolgreichsten Lautsprecher ihrer Klasse. Die 2018 erneut aufgelegte Variante namens JBL L100 Classic ist noch nicht so erfolgreich, dafür aber, weil sie ja der Ur-Version von 1070 stark ähnelt, heute einer der außergewöhnlichsten Lautsprecher ihrer Klasse. Grund genug für einen ausgiebigen Test, für eine tiefe Verbeugung und die Antwort auf die Frage, ob ein solches Konzept überhaupt noch in die Zeit passt.
Als ich mir Mitte der 1970er Jahre die Nase an der Schaufensterscheibe eines Hannoveraner HiFi-Ladens plattdrückte, lag das vor allem an diesem einen Lautsprecher: der JBL L100. Das Kürzel JBL (steht für James B. Lansing) elektrisierte mich schon in meiner HiFi-Frühphase. Aber die L100 war für den damals Dreizehnjährigen natürlich unerschwinglich. Doch der Verkäufer erkannte die Sehnsucht und ließ mich generös die damals noch fast taufrische Tres Hombres von ZZ Top durchhören. Es klang super, minimal bedeckt, aber mit einer irrwitzigen Dynamik und so verzerrungsarm, wie ich es noch nie vorher gehört hatte.
Mit diesem Erlebnis in Kopf, Ohren und Bauch schickte er mich nach Hause, wo ich die Tres Hombres auf meiner bescheidenen Komplettanlage mit Selbstbauboxen nachhörte. Eine schmerzliche Erfahrung: Anschließend wollte ich tagelang keine Musik mehr hören. Und so wurde die Begegnung mit dieser neuen JBL L100 Classic für mich zu einer Art Zeitreise. Auch musikalisch.
Nachdem Samsung 2016 den US-amerikanischen Traditionskonzern Harman (unter dessen Konzerndach auch JBL zu finden ist) gekauft hat und vieles auf Anfang gestellt wurde, bekam auch das Brand-Building wieder eine erheblich größere Rolle zugewiesen. JBL, die eigentlich größte Lautsprechermarke der Welt, war im HiFi nicht mehr existent und auf Bluetooth-Speaker sowie Kopfhörer reduziert. Ein Unding. Hier mussten die Brand-Builder gegensteuern. Und was ist dafür einfacher, als eine Ikone wiederzubeleben? Die urtümliche L100 hatte eine so gute Basis und war auch in den Köpfen der HiFi-Freunde so positiv belegt, dass sich hier eine Neu-Auflage dicht am Orginal quasi aufdrängte.
Das Konzept der JBL L100 Classic
Und tatsächlich: Ist auch die Treibertechnik etwas moderner als in den Vorgängern, so wurde das Design der 3-Wege-Kombination (glücklicherweise) in weiten Teilen beibehalten: eine stabile, viereckige Kiste, an den Seiten Nussbaum-furniert, vorn und hinten grob schwarz lackiert. Zierrat oder irgendwelche Rundungen sucht man vergebens. Für Ästheten mit gelecktem Designer-Wohnzimmer ist dieser Auftritt vielleicht etwas burschikos, für Freunde des Vintage wie mich genau richtig. Und der bullige Auftritt signalisiert auf den ersten Blick: Vorsicht! Hier ist kein Leisetreter unterwegs. Bissig.
Das liegt auch an der auffälligen Abdeckung der L100 Classic. Sie besteht aus einem festen MDF-Rahmen mit einer aufliegenden Schaumstoff-Matte – wählbar in drei Farben. Diese Schaumstoff-Abdeckung ist dem Ur-Modell entliehen und fast 2 Zentimeter dick. Sie versetzt den Betrachter sofort in ein Aufnahmestudio der 70er – deren Wänden mit genau dem gleichen Zeug behängt war.
[/tie_slide] [/tie_slideshow]2 Zentimeter Schaumstoff: Man darf zu Recht anzunehmen, dass die aufgesetzte Abdeckung nicht geringe Auswirkungen auf die abgegebene Mittelhochtonnergie hat. 1970 war so eine Abdeckung womöglich noch usus; heute würde man eher akustisch transparente Abdeckungen vorziehen. Die sehen dann aber nicht so knorke aus.
Um die Hochtondämpfung der aufgesetzten Abdeckung etwas abzumildern (oder überhaupt den Mittelhochtonbereich an den Hörgeschmack anzupassen) hat die L100 Classic – wieder so eine Reminiszenz an früher – zwei L-Regler. Ich hatte sie schon längste verdrängt, aber dieses eigenwillige Knarzen der Schweifwiderstände, wenn man die Regler dreht, versetzte mich sofort zurück in die Siebziger. Unter highfidelen Gesichtspunkten sind diese Schleifwiderstände sicherlich fragwürdig. Damals gehörten halt auch sie dazu. Und sie erfüllen ja ihren Zweck…
Die so gezügelten Treiber sind ein klassischer Mitteltöner im 12,5 cm Format und eine 25 mm Titankalotte. Der Mitteltöner ähnelt dem des Ur-Modells stark: die gleiche (fast rechteckige) Korbform, eine ähnliche Papiermembran, allerdings Polymer-beschichtet. Was den Neuen auszeichnet: Er ist ungleich höher belastbar als sein Vorgänger.
Wer Bilder vom Ur-Modell von 1970 vor Augen hat, könnte anmerken, dass deren markanter Konushochtöner nun durch eine modernere Titankalotte ersetzt worden sei. Er hätte Recht. Aber Konushochtöner sind heute genauso selten wie teuer. Und seien wir ehrlich: die Kalotte hat im Hochton echte Vorteile: einen deutlich erweiterten Höchsttonbereich, eine breite Abstrahlung und – in diesem Falle – eine sehr viele höhere Belastbarkeit.
Und noch ein großer Unterschied zur L100 von 1970: Die Frequenzweiche damals sah aus wie Kraut & Rüben. Nicht so die Version von 2018. Es ist alles picobello aufgeräumt und hier stimmt auch die Bauteile-Qualität. Ein Blick ins Innere der JBL L100 Classic zeigt Polypropylän-Kondensatoren und verlustarme Luftspulen im Signalweg.
Schaut man hinter die Fassaden, sieht man sehr schnell, dass bei JBL die Zeit keineswegs stehen geblieben ist und man im Konzern über beste Technik und große Möglichkeiten verfügt. Äußerlich aber wirkt alles ziemlich Siebzigerjahre mäßig rustikal – genauso, wie das Ur-Modell vorgab.
Das bullige Gehäuse mit Wandstärken zwischen 22 und 25 Millimetern ist ordentlich verarbeitet und macht auch gewichtsmäßig was her: 27,0 Kilo bringt die wieder wachgeküsste Ikone auf die Waage. Allerdings trägt der Tieftöner der 3-Wege-Konstruktion nicht unwesentlich dazu bei. Der Tiefton-Bolide mit 30 cm Korbumfang wiegt weit über 10 Kilo und ist der mit Abstand mächtigste Tieftöner, der mir in knapp 30 Jahren Lautsprecher-Testerei in dieser Preis- und Größenklasse untergekommen ist.
Das Ding ist ein Hüne und kann – trotz des bescheidenen 70-Liter Gehäuses – unfassbar viel Luft bewegen. JBL wird für seine außerordentlich hohe Treiberqualität ja auch im Studio und in der Beschallung seit Urzeiten sehr geschätzt. Bei diesem Bass trifft das Wissen aus 75 Jahren Tieftöner-Fertigung auf stabile Metallkörbe und noch mehr Magnetmasse. Beeindruckend. Einige Impressionen hier in der Slideshow:
Die JBL L100 Classic im Messlabor: loud & clear
Dass ein Lautsprecher aus diesem Stall einen einigermaßen linearen Frequenzgang hat, durfte unterstellt werden. Und dieser Anspruch wurde auch sauber erfüllt. Der Einfluss der L-Regler ist bei der LowBeats 0dB-Messung (siehe nächste Seite) nicht berücksichtigt.
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Seite 2 L100 Classic: Messlabor, Praxis, Hörtest, Fazit, Bewertung