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Barbershop TGC
Unser Autor Stefan Schickedanz, eigentlich Do-it-yourselfer in Sachen Rasur, gönnte sich einen Besuch beim Barbier Kürsad Dogan. Der machte einen Selfie mit dem Autor, der sich unter des Meisters Messer begab. (Foto: K. Dogan)

Besuch im Barbershop: Style für Herren von Welt

Aus dem Bose-System unter der Decke ertönt Elvis, gefolgt von anderen Helden aus den Golden Sixties. Kaum habe ich den Laden in der Stuttgarter Innenstadt betreten, befinde ich mich in einer anderen Welt. Neben der Musik, die auch zu einem nostalgisch angehauchten Burger-Restaurant passen würde, empfangen mich Insignien erlesenen Geschmacks: In der gemütlichen Lounge-Ecke steht ein Humidor mit einer Auswahl von Zigarren der gehobenen Preisklasse, das Regal ist prall gefüllt mit Spirituosen für anspruchsvolle Genießer.

Doch darum geht es  eigentlich gerade gar nicht. Weil ich mir einen Termin geholt habe und nicht warten muss, aber auch, weil Zigarren zu den normalen Ladenöffnungszeiten gar nicht erwünscht sind. Die Lungentorpedos von Romeo y Julieta, Cohiba & Co. sind nur die nötige Munition für Herrenabende, die immer am ersten Freitag des Monats im neuen Barbershop in der Tübingerstraße stattfinden. Ansonsten werden hier an sechs Tagen in der Woche Haare geschnitten. But don’t call it Friseur!

Barbershop: Mehr als eine gute Rasur

„Letzten Endes sind wir in der Modebranche“, bekennt Kürsad Dogan, der gemeinsam mit seinem Partner Alan Ali Muhammad Stuttgart einen Schritt näher Richtung Weltstadt voranbringt. Established 2009 prangt stolz auf der Scheibe, doch erst Ende 2015 konnte der Barbier, der ein paar Nummern kleiner in der Wagenburgstraße im Stuttgarter Osten begann, seinen repräsentativen, bis ins Detail durchgestylten Barbershop im Herzen der Stadt beziehen.

Barbershop TGC
Pullen zu Sprühflaschen: Kreatives Glasrecycling für Jack Daniel’s. (Foto: S. Schickedanz)

Stellenweise wirkt es mir fast schon etwas zu stylisch, manchmal muss ich schmunzeln wie beim Anblick einer zur Sprühflasche umgebauten Jack-Daniel’s-Pulle. Auf Bildern sieht man die Jungs im Salon gar mit feschen Hüten beim Haareschneiden. „Das machen wir nur, wenn viel los ist“, erklärt Dogan, der heute wegen eines Fotoshootings für ein Modemagazin den Betrieb etwas heruntergefahren hat. Sein angesagter Barbershop wurde als Kulisse für die Frühlings-Sommer-Kollektion ausgewählt. Durch diesen Umstand kam ich als Texter überhaupt in sein Geschäft, denn ich bin nun wahrlich keiner der üblichen Verdächtigen für diesen Service. Nicht, weil ich mir nichts aus Mode mache, einzig, weil für meinen Kurzhaarschnitt mit Dreitagebart ein elektrischer Haarschneider ausreicht. (Nach Vin-Diesel-Filmen greife ich gelegentlich auch mal zum Nassrasierer).

Dass ich mich jetzt bei Dogan unters Messer begebe, könnte man also als ultimativen Luxus bezeichnen. Doch es hat auch praktische Gründe. Gibt es einen besseren Ort für einen Plausch mit dem Friseur? Pardon, ich meine Barbier. Der Unterschied ist fein, aber sogar kulturell begründet. Weil Rasur nicht auf dem Lehrplan stand, absolvierte der junge Mann mit dem gepflegten Rauschebart – ZZ Top lässt grüßen – nach seiner Friseur-Ausbildung eine dreimonatige Praxiszeit in der Türkei und bildete sich anschließend noch mal sechs Wochen in Spanien weiter. Dort gehören Barbiere bereits seit jeher zum Teil der Kultur, man denke nur an den Barbier von Sevilla. Hierzulande herrscht ganz offensichtlich Nachholbedarf: „In der Berufsschule haben sie uns nur mal gezeigt, wie man mit dem Messer den Nacken ausrasiert.“

Scheinbar besteht auch Nachholbedarf bei den Herren der Schöpfung, die sich, getrieben von der grassierenden Emanzipationsbewegung, allmählich wieder auf die Suche nach ihren Wurzeln begeben. Was sich bisher eher in derberen Dingen wie blutigem, verkohlten Grillgut oder Garagenfernsehen manifestiert, kommt hier in Nadelstreifen daher. Schließlich steht das Kürzel im Namen TGC für The Gentleman’s Club. Diesem Anspruch wird das Personal mit jeder Faser ihrer „Arbeitskleidung“ gerecht. Die Sachen sind maßgeschneidert. Die Preise trotzdem maßvoll: 12 Euro kostet eine Rasur mit dem Messer und auch das Haareschneiden bleibt in gewohnten Regionen. Dafür geht das Wellnessgefühl durch die Decke.

Nach gut 15 Minuten fühlst Du Dich wie neu geboren. Eine kleine Gesichtsbehandlung mit warmem Handtuch, Massage und dezent wohlriechenden Essenzen zaubern Dir in kürzester Zeit den Alltagsstress aus dem Kopf. Dabei kostet es Dich zunächst mal etwas Überwindung, sich das erste Mal mit blanker Klinge rasieren zu lassen. Die meisten von uns kennen das nur aus düsteren Krimis, wo dem Mann auf dem Friseurstuhl gleich die Kehle durchgeschnitten wird. Ob er denn schon mal jemanden aus Versehen geschnitten hat, will ich von Dogan wissen. „Nein, das kommt nicht vor, sonst wären wir fehl am Platz“, entgegnet der Mann mit dem Messer selbstbewusst. „Höchstens mal, wenn jemand einen großen Pickel hat“, fügt er schmunzelnd hinzu.

Man merkt dem modischen Mann mit den perfekt gegeelten Haaren an, dass er seine Arbeit ernst nimmt – und dass er sie liebt. „Schon mit 13 habe ich meinen Jungs die Haare gestylt, bevor wir ausgegangen sind.“ Dann kam ein Praktikum beim Friseur und die Laufbahn nahm einen anderen Verlauf, als sich die Eltern vorgestellt hatten: „Mein Vater arbeitet seit 36 Jahren bei Daimler, meine Mutter 15. Alle sechs Onkels sind auch dort.“ Auch wenn der Vater den Wunsch seines Sohns nicht nachvollziehen konnte, bekam Dogan alle Unterstützung seiner Familie, die ursprünglich aus der Türkei nach Stuttgart kam, wo der geborene Barbier vor 30 Jahren auf die Welt kam. Der freut sich sichtbar: „Ich lebe meinen Traum.“

Barbershop TGC
Kürsad Dogan (rechts) bringt mit seinem Barbershop TGC kosmopolitisches Lebensgefühl ins Ländle. Sein Outfit ist meist maßgeschneidert von Mr. Ash aus dem Stuttgarter Westen (Foto: S. Schickedanz)

Was mich betrifft, ist die Ausgangslage, auf eine Schlagzeile im Stile des satirischen Postillon reduziert, eher der Alptraum des Normalbürgers: Ein kräftiger, tätowierter junger Mann hält Dir ein Messer an die Kehle. Doch ich bin spontan begeistert. Der blanke Stahl fühlt sich weder kalt noch hart an. Sanft und virtuos zeichnet der Barbier die Konturen meines Gesichts mit seiner Klinge nach und stanzt förmlich einen schmalen Bereich rund um den Mund mit klaren Konturen aus dem Dreitagegestrüpp. So gut gelingt mir das mit dem Barttrimmer meines Braun Cruizer nicht mal im Ansatz. So sanft auch nicht.

Die mit großem Abstand beste und schonendste Rasur, die ich je hatte. Auf den ersten Blick hat der Haar-Künstler gar nichts verändert, dann fallen die gleichmäßig langen, in den Konturen exakt ausrasierten Bartstoppeln auf, die überhaupt nicht gammelig wirken und sich toll anfühlen. Und ich fühle mich erfrischt. Kein bisschen Hautreizung, alles geschmeidiger als vorher. Allein der mit dem Pinsel aufgetragene Rasierschaum ist die Wucht. Kein Vergleich zu meinem Gilette-Schaum aus der Sprühdose.

Sieben auf einen Streich

Klar, dass das Gespräch auch auf Schuhe kommt, ein Bereich, in dem eine gute Frau an mir verloren ging. „Mein Nachbar ist orthopädischer Schuhmacher“, verrät Dogan, „der lernt mich gerade in den Schuhputz ein, denn das wollen wir auch anbieten. Eigentlich gehört dieser Service zu einem Barbershop.“ Wenn er mit der Schuhbürste so sicher ist wie mit seinem Messer, will Dogan diesen Service ins Angebot aufnehmen. Das passt perfekt, vor allem wenn er den angepeilten Preis umsetzt. Dann könnten selbst Kurzhaarträger wie ich zum Stammkunden mutieren. Für alle anderen hält der Barbershop TGC sieben klassische Frisuren aus den 40er bis 60er Jahren sowie unzählige Bärte bereit.

Dieser Selbstversuch hilft mir, den Kern des neuen Trends zu verstehen. Auch wenn ich immer noch nicht so ganz zwischen Hipster und Roughed Boys etc. unterscheiden kann, muss ich anerkennen, dass wohl etwas Spektakel wie die vom Stuttgarter Schneider (Neudeutsch: „Tailorstore“) Mr. Ash gefertigte Maßkleidung dazu gehören, um Männern die Schwellenangst zu nehmen. Sie dazu zu bringen, sich zwischendurch mal wie Frauen verwöhnen zu lassen ohne sich weibisch zu fühlen. Kürsad Dogan dazu: „Für meine Begriffe ist der Barbershop so eine Art Männerfluchtort, wo der Mann einfach mal Mann sein darf, weisst Du?“

Barbershop TGC
Eigentlich wollte Kürsad Dogan in seinem Barbershop einen Kronleuchter aufhängen – bis er dieses Bose-System sah, über das jetzt die Beats der 50er und 60er zum Leben erwachen. (Foto: S. Schickedanz)

Damit trifft der Mann, der sich auch für Vintage-Sachen und Oldtimer begeistern kann, den Nagel auf den Kopf. Durch diese einschneidende Erfahrung inklusive Plausch auf dem Friseurstuhl erschließt sich mir der neue Trend, der sich inzwischen nicht nur in Stuttgart spiegelt. Noch vor kurzem musste man wie Kürsad Dogan nach Rotterdam zu Schorem in den größten Barbershop Europas oder gleich nach New York pilgern, um sich Eindrücke zu verschaffen. Nach dem Interview auf des Messers Schneide wage ich die Prognose: Barbershops sind „the next big thing“, wie es so schön heißt.

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