ende
Home / Musik und Film / Musik / David Crosby Here If You Listen: das Album der Woche
David Crosby Here If You Listen Reviw Aufmacherbild
David Crosby hat mehrfach Folkrock-Geschichte geschrieben. Nun kommt der 77 jährige mit seinem 5. Solo-Album: Here If You Listen

David Crosby Here If You Listen: das Album der Woche

David Crosby hievt sein viertes Album in nur fünf Jahren auf die Bühnenrampe: Auf David Crosby Here If You Listen inszeniert der Co-Gründer von Crosby, Stills, Nash (&Young) und The Byrds klug gemachten Folk. Sogar mit ein paar Songs für die Ewigkeit.

Früher war alles besser. Ein bisschen scheint das zumindest immerhin auf ein paar Jährchen zuzutreffen, die gemeinhin als die Hippie- und 68er-Ära in die (Musik-)Historie einging. Flower Power als Pille für eine buntere, lebendigere, demokratischere Zukunft. Nicht nur die blumengeschmückten, gerne der freien Liebe frönenden Jungs und Mädels vom Stadtbezirk Haight-Ashbury in San Francisco wollten alte Konventionen aufbrechen. Die Bewegung flog bis hinein in die 70er Jahre, hinaus in die Welt und hinüber zu uns nach Europa – nach London, Paris, ja und sogar nach München-Schwabing oder in Höhlen von Matala auf Kreta oder auf die Kanareninsel Gomera.

Die Musik blies die Thermik unter die Flügel dieser smarten Revolution; Songs für Frieden und Völkerverständigung, zu Noten gebracht von Pionieren dieses Zeitgeistes. Ältere Semester kennen oder verehren sie – und auch den jüngeren Generationen haben sie etwas zu sagen. In Zeiten von hell- bis dunkelbraun anschwellenden Politikschattierungen in vielen Ländern sowieso.

Einer, der in dieser bewegenden Zeit der 60er Jahre im Wortsinne mit tonangebend war, heißt David Crosby. Der heute 77-Jährige erlebte die 60er/70er nicht unbedingt als Goldenes Zeitalter, wohl aber als eine richtig gute Phase. Nicht zuletzt, weil er und viele Musiker sich in der kreativen Wiege des Laurel Canyon, droben in den Bergen von Los Angeles, künstlerisch gegen den Vietnamkrieg engagierten und auf die Stimme eines gewissen Dr. King hörten. Man dachte, den Rassismus endlich überwinden zu können. Man war hoffnungsfroh. Und deshalb klangen die Songs auch so.

David Van Cortlandt Crosby, wie der Mann mit vollem Namen heißt, blickt in seiner rund 60-jährigen Karriere nach einigen Höhen und Tiefen wie Drogenexzessen auf eine Vielzahl von Teamworks, Kollaborationen und Band-Zugehörigkeiten zurück: Joni Mitchell, Buffalo Springfield, die Hollies, Jackson Browne, aber auch Melissa Etheridge, Wynton Marsalis, Mark Knopfler, Phil Collins oder David Gilmour (siehe auch „Live At Pompejj, LowBeats CD der Woche vom 7. Oktober 2017) zählen dazu. Letzteren verehrt Crosby als einen seiner Lieblingsmusiker überhaupt. Zu Recht, nebenbei.

Doch Crosby, seines Zeichens doppelt in die „Rock and Roll Hall Of Fame“ aufgenommen, blieb nicht stehen und öffnete sich musikalisch immer wieder auch jüngeren Kollegen. Seit ein paar Jahren spielt der Kalifornier unbändig gerne mit drei Neuentdeckungen: Mike League (von Snarky Puppy), Becca Stevens und Michelle Willis, deren Stimmen er schlichtweg umwerfend findet. Anders als auf dem 2016er Album Lighthouse brachten die drei diesmal im Team mit David stark ihr individuelles Songwriting ein.

„Wenn man den Weggang von Crosby, Stills & Nash mit einem Sprung von der Klippe vergleicht, dann sind mir Flügel gewachsen, als ich die Lighthouse Band gefunden hatte. Die drei sind so schrecklich talentiert. Sie widmen der Musik ihr Leben und sind bereit, Opfer dafür zu bringen. Und nur mit solchen Leuten möchte ich arbeiten.“

Die Song-Highlights von David Crosby Here If You Listen

Das Ergebnis des Generationen übergreifenden musikalischen Quartetts sind finessenreiche, charmante, harmoniesüchtige Arrangements und feine mehrstimmige Vokalsätze nebst schön gespielten, vorwiegend Akustikinstrumenten.

Schon der Opener „Glory“ betört mit zwei Akustikgitarren und feinen Vocals nebst sonor gurgelnder Orgel und brummendem Bass als Folk-Sahne-Stück.

Fingerpicking und dezente Saiten-Tupfer nebst groovy Arrangement zeichnen „Vagrants of Venice“ aus – auch lyrisch ein Leckerbissen. „Ich hatte eine Vision von Venedig in einigen hundert Jahren. Der Meeresspiegel ist stark angestiegen und überall sind halbzerstörte Gebäude zu sehen, die aus der Wasseroberfläche herausragen,“ erzählt Crosby und legt nach: „Die überlebenden Menschen fischen aus den Fenstern des Königspalastes heraus und verbrennen antike Möbel und alte Kunstwerke, um sich warm zu halten.“

Gewitzt klingen dagegen die überarbeiteten Versionen von zwei alten (Demo-)Songs, welche die vier um chorähnliche Harmonien erweiterten: „1967“ und „1974“ mit einem Schuss Westcoast-Appeal.

Ebenso retro: „Woodstock“ – ursprünglich von Joni Mitchell geschrieben, von CSNY gecovert und nun mit samtig-sonorer Stimme in die Jetztzeit gebeamt. Michael League dazu: „Man hat nicht oft die Gelegenheit, den Song einer Deiner Helden gemeinsam mit einem anderen Helden zu singen. Und dass das Stück die heutige Generation genauso anspricht wie damals. Davids macht es sogar noch ergreifender.“

Elegisch verzaubert wiederum „Buddha On A Hill“, während „I Am No Artist“ mit klasse Bassfundament und schön aufgefächerten Stimmen überzeugt.

Überhaupt glänzt David Crosby Here If You Listen bis auf die historischen Takes mit schöner Raumatmosphäre, toller Plastizität und stimmigen Klangfarben.

„Other Half Rule“ wirkt schließlich durch seine pulsierende Rhythmik geradezu hypnotisierend – und erinnert an einen Song eines anderen großen Singer-Songwriters, der leider verstorben ist, Dan Fogelbergs „The Reach“: „Other Half Rule“ ist einer der Songs von David Crosby Here If You Listen, die das Albums für die Ewigkeit und den Altmeister als Grandseigneur des Folk adelt.

>Top-Alben mit David Crosby:

1969 Crosby, Stills & Nash

Crosby, Stills, Nash & Young:
1970 „Déjà Vu
1971 4 Way Street (live)
1972 Graham Nash/ David Crosby
2017 Sky Trails
2018 Here If You Listen

>Historische Top-Songs, geschrieben von David Crosby:
1966 Eight Miles High (The Byrds)
1968 Draft Morning (The Byrds)
1969 Wooden Ships (Crosby, Stills & Nash)
1970 Almost Cut My Hair Crosby (Stills, Nash & Young)

 

David Crosby Here You Listen
Das Cover von David Crosby Here You Listen (Cover: Amazon)

David Crosby Here If You Listen erscheint bei BMG Rights Management (Warner-ADA) als CD, LP, MP3-Download oder Stream, z.B. bei amazon.de.

 

David Crosby Here If You Listen
2018/11
Test-Ergebnis: 4,3
SEHR GUT
Bewertungen
Musik
Klang
Repertoirewert

Gesamt