Fontaines D.C. "Skinty Fia"
Men In Red: Auf „Skinty Fia“ präsentieren die Fontaines D.C. ihre Mischung aus Post-Punk und Indie-Rock zum dritten Mal in Folge auf höchstem Niveau und erinnern mit ihrem melancholisch-ruppigen Stil an legendäre Kollegen von Joy Division bis zu den Stranglers.

Fontaines D.C. „Skinty Fia“ – das Album der Woche

Das letzte richtig große Werk für Freunde von Post-Punk und angelsächsischem Indie-Rock? Da müsste man wirklich länger nach- und über Acts wie Black Country, New Road hinausdenken. Nun aber ist es mal wieder soweit: Mit seiner dritten Platte liefert das irische Quintett Fontaines D.C. ein Genre-Opus mit Gänsehaut-Qualitäten: Fontaines D.C. „Skinty Fia“ ist nicht nur das aktuelle LowBeats Album der Woche, sondern schon jetzt eines der Alben des Jahres 2022.

Neulich erst avancierte das Tex-Mex-/Americana-Ensemble Calexico mit seinem dritten „Album der Woche“ in Folge („El Mirador“; ) zu den Stammgästen dieser Rubrik – und nur ein paar Wochen später ist bereits die nächste Band auf dem Sprung, sich als einer der All-Time-Favourites der Lowbeats Musikabteilung zu etablieren. Vorhang auf und Applaus also für die Fontaines D.C., die nach „A Hero’s Death“ von 2020 nun ebenfalls schon mit dem zweiten Album in Serie in die Hall of Fame von LowBeats einziehen. Und intime Kenner der angelsächsischen Musikszene zwischen Post-Punk und Indierock haben das Quintett aus Dublin selbstverständlich schon seit 2019 und dem famosen Sturm-und-Drang-Debüt „Dogrel“ auf dem Radar, ehe der Grammy-nominierte Nachfolger „A Hero’s Death“ Grian Chatten und seine Jungs endgültig ins Rampenlicht geschoben hatte.

Und nun? Wird es mit Album Nummer drei Goldene Schallplatten regnen, werden die Fontaines D.C. demnächst für ausverkaufte Fünftausender-Arenen sorgen? Die Antwort ist ein klares Jein. Ja: Gut möglich bis sehr wahrscheinlich, dass „Skinty Fia“ in ein paar Monaten auf den Jahresbestenlisten zahlreicher Musikkritiker stehen und sich die Zahl der Fans nochmals verdoppeln oder verdreifachen wird. Aber: Nein, die Fontaines DC werden definitiv nicht die nächste Band, die aus der Nische des Gitarrenrock heraus den Mainstream und die Hitparaden stürmen wird. Dafür ist ihr Sound zu kantig, zu kompromisslos, In aller Entschiedenheit meiden die Iren die Versuchung, ihre Fähigkeiten an seichte Pop-Arrangements zu verschwenden – selbst, wenn es mal etwas eingängiger zugeht, wie etwa in der ersten Album-Single „Jackie Down The Line“, bleibt man schön ruppig und musiziert mit ausgefahrenen Ellbogen.

„Music for the masses“ gibt es auf diesem Album also nicht zu hören, weil die Massen anders ticken und die Fontaines D.C. sich nicht dafür interessieren. Und ziemlich entspannt könnte man auch eine höhere Summe darauf verwetten, dass diese Band in ihrer ganzen Karriere nie mit französischen DJs, südkoreanischen Boygroups oder amerikanischen R&B-Sternchen kooperieren wird – und verdammt gut daran tun.

Die Musik von Fontaines D.C. „Skinty Fia“

Auch auf „Skinty Fia“ franst der Bandsound also kein bisschen aus, sondern wirkt im Gegenteil nochmals fokussierter, gebündelter zwischen Post-Punk, Indie-Rock und Prä-New-Wave. Und wie es sich für eine amtliche Kapelle aus diesen Dunstkreis gehört, ist auch hier der Bassist der Chef im Ring. In diesem Fall heißt der Bursche Conor Deegan III, dessen ultratiefer, mal minimalistischer, mal virtuoser Stil die Leitplanken für den Bandsound setzt – zu besichtigen erstmals gleich zu Beginn in „In á gCoíthe go deo“, das mit dem lakonischen Mantra „Gone is the day / gone is the night“ von Sänger Grian Chatten und einem beinahe klassizistischen Begleitchor zunächst eine fast meditative Aura verbreitet. Doch dann, nach 2:20, drückt Schlagzeuger Tom Coll mit einem resoluten Beat voll aufs Gaspedal, die Zeichen wechseln von Mitternachtsmesse hin zu Moshpit und alles verdichtet sich zu mitreißenden 5:59 zwischen Kontemplation und Ekstase.

Auch der nervöse, unberechenbare Indierocker „Big Shot“ vertieft mit dem grabestiefen Sprechgesang von Grian Chatten eine seltsam indifferente, aber hochintensive Atmosphäre des Unbehagens, der Beklommenheit. Und wieder ist da dieser knochentrockene Bass, um den herum die beiden Gitarristen Carlos O’Connell und Conor Curley mit der exakt richtigen Menge an klirrenden, schneidenden und perlenden Saitensounds assistieren: Nie spielt dieses Duo zu viel, nie zu wenig und liefert so ein Paradebeispiel für maximale Eindringlichkeit mit überschaubaren Mitteln und für instrumentale Ökonomie in Perfektion.

Neben derlei rein musikalischen Zutaten entpuppt sich schließlich die Haltung, die Persönlichkeit der Fontaines D.C. als finaler Schlüssel für die Größe und Bedeutung ihres Schaffens. Eine immense Ernsthaftigkeit liegt über dem Oeuvre dieser Band, eine frühreife Entschlossenheit, sein Leben, seine Kraft und Kreativität nicht an Belanglosigkeiten zu verschwenden.

So sind funkelnde Midtemposongs wie „How Cold Love Is“ oder „Bloomsday“ sowie das dunkel-romantische „Roman Holiday“ förmlich aufgepumpt mit Intensität und reflektieren die Themen dieses Albums: Wörtlich bezeichnet „Skinty Fia“ die „Verdammnis des Hirsches“, in der Praxis irischer Pubs ist es rustikaler Fluch Marke „Himmel, Arsch und Zwirn“ und meint im Fall der Fontaines D.C.: Manchmal muss man kotzen über die Welt an sich, über verkorkste oder vom Schicksal zerstörte Liebesbeziehungen, über das Hinausgeworfensein aus einem vertrauten, „guten“ Leben beziehungsweise das Hineingeworfensein in ein unbekanntes neues, in dem man sich erst zurechtfinden muss – mit ungewissem Ausgang.

„The Couple Across The Way“ bringt dann mit Akkordeon ein einziges Mal etwas folkloristisches Flair in Spiel, ehe die Gangart nochmals wechselt: Der Titelsong markiert mit mächtigen Breakbeats, knochigen Riffs und diffuser Elektronik das morbid-faszinierende Terrain zwischen Gruft und Dancefloor,  „I Love You“ vertont mit immenser dynamischer Ausdifferenzierung zu beinahe gerappten Textzeilen die Bandbreite einer Liebesbeziehung nach dem Motto „sie küssten und sie schlugen sich“, und in „Nabokov“ verdichten sich synthetische Echos und verzerrte Gitarren zu einem monströs irrlichternden Fünfeinhalbminüter zwischen Lärm und Schönheit.

Fazit nach 44:59 rastlosen und restlos packenden Minuten: Besser kann man das alles kaum komponieren und spielen. Und so zeigt „Skinty Fia“ als Ganzes, wie gut das Erbe von Genre-Legenden wie Joy Division über The Cure und die Stranglers bis hin zu Oasis bei den Youngstern aus Dublin aufgehoben ist. Und die Fontaines D.C. bringen Album für Album das in die Rille, was andere Bands bisher oftmals nur versprochen respektive lediglich eine Platte lang eingelöst haben (etwa die White Lies, mit deren Top-Debüt„To Lose My Life“ von 2009.

Fontaines D.C. "Skinty Fia" Cover
Fontaines DC „Skinty Fia“ erscheint bei Partisan Records / PIAS im Vertrieb von Rough Trade und ist erhältlich als CD, 180-Gramm-LP, Normal-LP, als Limited Edition in rotem Vinyl sowie als Download und Stream (Cover: Amazon)
Fontaines D.C. live in Deutschland

Im Sommer rockt das Quintett aus Dublin endlich auch wieder deutsche Bühnen. Insgesamt stehen acht OpenAir und Clubkonzerte auf dem Spielplan. Die Termine:

12.06. Berlin (Tempelhof Feld)
17.06. Scheessel (Hurricane Festival)
18.06. Neuhausen Ob Eck (Southside Festival)
17.07. Köln (Live Music Hall)
18.07. München (Neue Theaterfabrik)
20.07. Berlin (Astra Kulturhaus)
21.07. Hamburg (Gruenspan)
24.07. Wiesbaden (Schlachthof)

Fontaines D.C. „Skinty Fia“
2022/04
Test-Ergebnis: 4,5
ÜBERRAGEND

 

Autor: Christof Hammer

Seit vielen Jahrzehnten Musikredakteur mit dem Näschen für das Besondere, aber mit dem ausgewiesenen Schwerpunkt Elektro-Pop.