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Lyravox Karlina Ambiente
Lyravox hat mit der Pure-Variante der Karlina einen fantastischen Aktiv-Lautsprecher mit Raum-EQ entwickelt. Sein Paarpreis liegt bei 17.800 Euro – und ist damit gar nicht mal teuer... (Foto: Lyravox)

Test Lyravox Karlina: High End Aktivbox im Bauhaus-Gewand

Lautsprecher und Lautsprecherkonzepte gibt es bekanntermaßen wie Sand am Meer. Doch für das moderne Wohnzimmer sind viele zu altbacken. Bei Modellen von Lyravox allerdings verfängt dieser Vorwurf in keinster Weise. Die Hamburger Lautsprecher-Manufaktur schafft es immer noch ein bisschen besser als die Mitbewerber, das Thema High-End-Klang mit modernem Wohnraum-Ambiente zu verknüpfen. Schon die kleinere 2-Wege-Box Karlos (Test vom März 2019) ist ein ungewöhnlich hübscher, audiophiler Spaßmacher. Mit der etwas größeren 3-Wege-Konstruktion Lyravox Karlina wollen die Hamburger noch mehr Klangkultur in ihr stilvolles Konzept bringen. Und schaffen das souverän…

Lyravox Familie
Im Bauhaus-Stil – die Lyravox-Modelle von links: Karl (49.800 Euro), Karlotta (24.800), Karlina (17.800 Euro), Karlos. (11.800 Euro). In der Hierarchie der Lyravox Familie ist die hier getestete Karlina also die Nummer Drei (Foto: Lyravox)

Die Geschichte von Lyravox beginnt genau dort: Bei der Frage, wie sich der Besitzer eines modernen Wohnzimmers ein angemessenes HiFi-System vorstellt. Die erste Antwort der Lyravox-Macher Götz von Laffert und Jens Wietschorke lautete: höchstklassige Soundbars „Made in Hamburg“ (wie den Stereomaster3-150) mit Streaming-Anbindung. Das Konzept erschloss sich allen – bis auf den Käufer. Irgendwann mussten die beiden feststellen, dass die Innenarchitekten jener Kundschaft, die sich die preislich gehobenen Stereomaster leisten konnten, gar nicht so viel Platz an der Wand freiließen wie die recht breiten Soundbars erforderten.

Lyravox Jens Wietschorke und Götz von Laffert
Lyravox Entwickler Jens Wietschorke (links) und Geschäftsführer Götz von Laffert im LowBeats Hörraum (Foto: H. Biermann)

Die Stereomaster-Soundbars gibt es immer noch im Programm, aber die beiden Lyravox Macher entwickelten aus den Erkenntnissen der Stereomaster heraus einen anderen Schwerpunkt, der auch ihren HiFi-Virus noch besser nährt: stilvolle Aktiv-Lautsprecher, die auch klanglich ganz weit vorn stehen. Ich lehne mich hier nicht unnötig weit aus dem Fenster: Drei der vier derzeit aktuellen Modelle habe ich bereits ausgiebig hören können und finde sie echt genial. Wobei die hier getestete Lyravox Karlina sicherlich das beste Preis/Leistungs-Verhältnis hat.

Dennoch irritiert auch bei ihr der Zusatz „Pure“, mit dem die neueste Generation der Lyravox Aktiv-Schallwandler aufläuft. „Pure“ ist augenzwinkerndes Marketing, denn die so gelabelten Modelle von Lyravox verfügen über keinen eingebauten Streamer und somit über keine App-Steuerung mehr. Es gibt die Varianten mit eingebautem Streamer zwar auch weiterhin, sie werden aber nur mit Unbehagen verkauft. Götz von Laffert: „Die Streaming-Welt ändert sich derart rasch, dass wir diese Geschichte lieber in die Hände des Fachhändlers vor Ort legen – oder in die Hände des Kunden selbst. Wir machen das, was wir am besten können: gut klingende, aktiv-entzerrte Lautsprecher.“

Das akustische Konzept der Lyravox Karlina

Und je genauer man sich eine Karlina anschaut, umso mehr wird deutlich, dass Lyravox diesen Job besten beherrscht: Es sind die vielen liebevollen Detaillösungen, die klarmachen, dass hier echte Highender am Werk sind.

Die Karlina ist zwar nominell ein 3-Wege-Lautsprecher, aber weil der Bass auf der Rückseite schon ab 80 Hertz abgekoppelt wird, könnte man auch von einem 2-Wege-System mit Subwoofer sprechen. Wietschorke: „Das ist die beste Lösung. So habe ich die Homogenität eines 2-Wege-Systems und trotzdem das Bassfundament eines großen Tieftöners.“

Die Idee wird auch mechanisch umgesetzt: Der Bass ist in einem eigenen Gehäuse untergebracht und vom oberen Tiefmitteltönergehäuse entkoppelt. So können die (zwangsweise) kräftigen Vibrationen des Basses den hörrelevanten Mitteltöner kaum beeinträchtigen.

Lyravox Karlina Gap
Bass- und Mittelhochtongehäuse sind komplett von einander getrennt. Der dadurch entstehende Spalt macht die Konstruktion optisch „leichter“ und wird als Bassreflex-Öffnung für den Mitteltöner genutzt (Foto: H. Biermann)

Die zwei aufeinander getürmten und sauber lackierten Quader sehen auf den ersten Blick aus, als seinen sie geschlossen; nirgend stört eine hässlichen Bassreflex-Öffnungen die Ästhetik. Und doch sind beide ventiliert. Aber nicht wie üblich: Die Austritts-Öffnungen sitzen auf der hinteren Unterseite des jeweiligen Gehäuses und jede von ihnen ist für eine klassische Bassreflex-Abstimmung eigentlich zu klein.

Wir haben es hier mit einer Mischform zu tun. Klassische BR-Boxen interagieren oft auf unerwünschte Weise mit den Dröhnresonanzen der Räume; die Bässe klingen dann schnell unsauber. Geschlossene Gehäuse hingegen bleiben meist sauberer. Doch wenn man die geschlossenen Boxen dezent ventiliert, klingt es noch dynamischer, weil die Membranen nicht gegen die Federsteife der Luft arbeiten müssen.“ Bei geringen Pegeln“, so Wietschorke,“ verhalten sich die Karlina basskräftig wie Bassreflex-Boxen, bei hohen eher präzise wie geschlossene Konstruktionen. Das ist nach unserer Meinung die klar beste Lösung.“

Der Lyravox Entwickler greift damit den uralten Variovent- (Fließwiderstand-) Gedanken von Dynaudio aus den 1970er Jahren auf. Der damals schon genial. Warum heute nur so wenige Entwickler damit arbeiten, bleibt schleierhaft.

Als Treiber-Lieferanten kommt bei einem Lautsprecher wie der Lyravox Karlina selbstredend nur die High-Society der Zulieferer in Frage. Der Tieftöner ist ein 26 cm Bass von Scan Speak. Dessen Membran ist zweilagig und besteht aus einer Schicht Aluminium und einer Schicht Kohlefaser. Die Kombination beider Materialien sorgt für hohe Steifigkeit bei guter Bedämpfung.

Lyravox Karlina Bass
Läuft in der Karlina linear runter bis 22 Hertz: der 25 cm Tieftöner, der auf der Rückseite der Box sitzt (Foto: H. Biermann)

Das Ungewöhnliche am Tieftöner der Karlina: Wierschorke zieht ihn runter bis auf 22 Hertz. Das ist aus einem vergleichsweise kleinen Gehäuse wie dem des Lyravox Karlina gewaltig tief. Möglich wird dies nur dank einer extrem kräftigen Endstufe, welche die entsprechend hohe Leistung liefert, und dem potenten DSP, mit dem der Frequenzgang (fast) nach Belieben gestaltet werden kann. Der Bass ist gewaltig und sollte eigentlich ausreichen.

Gibt es bei einer so niedrigen Grenzfrequenz einen lebenserhaltenden Limiter? Nein. Bei Überlastung blinken die LEDs vorn rot. Dann sollte man die Lautstärke etwas zügeln…

Aber es gibt ja Menschen, die unterum immer noch etwas mehr brauchen. Für die hat Lyravox die Sonderversion XT mit Langhub-Tieftöner (13 mm linearer Hub) im Programm. Der Tieftöner hat zwar die gleichen Abmessungen wie jener aus der normalen Karlina, ist aber auf Grund seines Tiefbass-Potenzials waffenscheinpflichtig. Der Preis der XT-Sonderversion liegt bei 19.800 Euro.

Lyravox Karlina Accuton Tiefmitteltöner
Extrem hart, aber auch zerbrechlich: die weißliche Keramik-Membran des 17 cm Tiefmitteltöners wird durch ein robustes Gitter gegen Berührung geschützt (Foto: H. Biermann)

Wie auch bei allen Schwestermodelle, arbeiten Im Mittel- und Hochtonbereich der Karlina die sehr teuren Treiber des Edel-Zulieferers Accuton. Dessen sehr harte und auffällig helle Keramik-Membranen haben sich im gehobenen High End längst etabliert, weil sie – wenn man sie richtig einsetzt – eine unerreichte Feindynamik liefern.

Der 17 cm große Tiefmitteltöner bringt noch weitere Besonderheiten mit. Seine Membran ist so steif, dass er in seinem Arbeitsbereich (80 – 2.000 Hz) wie ein Kolben schwingt und sich die Membran nicht – wie bei vielen weichen Membranmaterialien – in viele Schwingungszentren aufbricht.

Ebenso wichtig aber sind für Wietschorke die extrem geringen mechanischen Verluste des Tiefmitteltöners. Das heißt: Die Einspannung durch Sicke und Spinne ist ungewöhnlich weich. Damit ist vor allem der Innenwiderstand (der Dämpfungsfaktor) der Endstufe verantwortlich dafür, wie schnell die Membran wieder einschwingt. Das ist natürlich optimal.

Lyravox Karlina Accuton Hochtöner
Der Karlina Hochtöner mit sehr harter, 30 mm großen Keramik-Kalotte hat eine gewollt enge Abstrahlung (Foto: H. Biermann)

Auch der Hochtöner hat wegen seiner sehr harten Keramikkalotte seine Eigenheiten – aber eben auch akustisch einzigartige Vorteile. Wietschorke: „Ich stehe auf diese Accuton- Treiber. Aber eine passive Filterung mit ihnen ist echt schwierig. Da verschenkt man viel Potenzial.“

Auch deshalb kommt für Lyravox nur eine aktive Ansteuerung in Betracht. Mit dem DSP lassen sich selbst gröbere Unlinearitäten vergleichsweise einfach geradeziehen. Vor allem aber erlaubt die moderne DSP-Technik, die Filter so steilflankig auslegen, dass man die Treiber vergleichsweise tief ankoppeln kann, ohne Schäden befürchten zu müssen.

Auf die Vorteile der aktiven Technik verzichtet Wietschorke nur beim Air Motion Transformer (AMT-) Hochtöner auf der Oberseite der Lyravox Karlina. Dieser spielt ab 5 KHz und wird passiv mit einem Kondensator (also einem 6-dB-Filter) an die Hochton-Endstufe angekoppelt. Weil die Filterung so flach ist, hört man den AMT recht gut. Oder umgekehrt: Deckt man den AMT während des Hörens den Oben-Hochtöner ab, klingt die Karlina deutlich matter und weniger „leicht“.

Lyravox Karlina Ambiente-Hochtöner
Ein AMT-Hochtöner auf der Oberseite der Karlina sorgt für diffuse Hochtonenergie im Raum (Foto: H. Biermann)

Kein Wunder: Der vorn eingebaute Accuton-Hochtöner strahlt ziemlich gerichtet ab. Das ist zwar für den sauberen Impuls optimal, aber die Hochton-Reflektionen von Wand, Decke und Boden (die gemeinhin das Klangbild luftiger, größer und leichter erscheinen lassen) fehlen dadurch.

Für die soll der nach oben abstrahlende AMT sorgen. Wietschorke: „Das, was wir vorn durch die gerichtete Schallabstrahlung der großen 30 mm Accuton-Kalotte an seitlich abgestrahlter Energie nicht haben, holen wir uns durch diesen Trick wieder rein. Dadurch klingt die Karlina klingt auch von hinten klasse. Ich bin der Meinung, dass Boxen, die nach hinten schlecht klingen, insgesamt nicht klingen.“

Ob Wietschorkes These haltbar ist? Wahrscheinlich nicht. Trotzdem ist geschickt eingesetzte, diffuse Hochtonenergie im Raum fast immer ein Gewinn – was nicht zuletzt auch die Karlina beweist.

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