VPI Scout Beauty 1
VPI hat seinen Scout auf neuestes Niveau gehievt und nennt ihn jetzt Prime Scout. Das Ergebnis ist überragend – jedenfalls ist es eines der besten Laufwerke der Klasse bis 3.000 Euro (Foto: VPI)

Test Plattenspieler VPI Prime Scout

Im Programm der Amerikaner ist der VPI Prime Scout der größte unter den kleinen Spielern – oder der kleinste unter den großen. Ein Schwellenspieler gewissermaßen, der seinen Besitzer vom ambitionierten Musikfan zum ernsthaften Audiophilen weiht. Nach drei Wochen Hörtest sind wir uns sicher: Gemessen an seinen klanglichen Möglichkeiten ist dieses 3000-Euro-Laufwerk eigentlich ein Sonderangebot.

Harry Weisfeld und sein Sohn Mat stehen einem der wenigen echten Familienunternehmen vor, die der US-HiFi-Welt noch verbleiben. VPI baut seit nunmehr über 40 Jahren Plattenwaschmaschinen, Laufwerke und Tonarme. Die Spieler wie auch ihre Konstrukteure haben sich dabei als robust, allürenfrei und geradlinig bewährt: Die Weisfelds machen den Plattenspielerbau nicht zur Geheimwissenschaft, konstruieren nicht komplizierter, als es nun mal sein muss und dimensionieren schließlich alles so, dass es mit einem absoluten Minimum an Pflege jahrzehntelang hält. Ein bisschen so, wie man es immer noch von amerikanischen Benzinmotoren erwartet, aber schon lange nicht mehr bekommt.

VPI Scout
Der VPI Prime Scout ist eine kompromisslose Platten-Abspielmaschine, die vom Besitzer oder der Besitzerin Gewissenhaftigkeit fordert, den Einsatz aber reich entlohnt. Das schwere Motorgehäuse steht lose im linken Chassis-Ausschnitt, der genaue Abstand hat über die Riemenspannung geringfügig Einfluss auf den Klang. Die weichen Dämpferfüße isolieren das Laufwerk wirksam vom Untergrund (Foto: VPI)

VPI Prime Scout: der amerikanische Freund

Der Scout verkörpert diese Stärken exemplarisch, bleibt inklusive Tonarm aber noch unter 3000 Euro. Nicht wenig Geld, aber bei audiophiler Betrachtungsweise durchaus günstig. Denn der Prime Scout ist eine wirklich prachtvolle Erscheinung. In der VPI-Welt ist es zwar „nur“ der nächste Schritt nach dem genialen Einsteiger-Convenience-Spieler „Player“ den wir jüngst vorgestellt hatten. Und mit dem Mehrpreis von 1000 Euro gegenüber diesem geht zunächst mal der Verlust eines eingebauten Phono-Vorverstärkers, eines Kopfhörer-Ausgangs und des vormontierten Tonabnehmers einher.

Mit anderen Worten: Der wahre Preisunterschied ist noch etwas höher, weil man sich den Tonabnehmer zum Beispiel noch dazukaufen muss. Aber dafür kommt der Scout 21 mit wirklich allen Insignien eines ausgewachsenen High-End-Laufwerks. Und mit der eingebauten Fähigkeit, selbst preiswerte Abtaster atemberaubend gut klingen zu lassen.

Vor uns steht ein ausladendes Chassis auf vier dicken, weichen Entkopplungs-Tatzen. Über einen halben Meter breit, 15 Kilo schwer – nicht jedes Standardrack hat dafür Platz. Obenauf ein mit fünf Kilo schon wirklich massiver Teller aus Aluminium, auf der Unterseite resonanzmindernd ausgefüttert. Der Teller schimmert blitzblank mit feinen Drehspuren, der Bereich unter dem Plattenlabel ist ganz leicht abgesenkt. Diese Maßnahme trägt der Beschaffenheit vieler (aber nicht aller) Platten Rechnung, die in der Mitte etwas dicker sind.

Das Gegenstück zu dieser Verdickung ist der Randwulst – wiederum auf fast allen alten und vielen neuen LPs zu finden und nebenbei für die lästige Neigung guter Tonarme verantwortlich, nach dem Aufsetzen am Rand erst mal über die ersten zwei, drei Rillen wegzurutschen. Das ist schlicht die Beschleunigung, die der Arm durch den abschüssigen Teil des Wulstes erfahren hat. Und es kann, etwa mit einer der ausgeprägt wulstigen RTI-Pressungen, auch beim VPI passieren, weil dessen Arm eben extrem reibungsarm ist.

VPI Scout
Ein halbes Zoll weniger bringt mehr Komfort: Das leichte Untermaß des 11,5-Zoll-Tellers lässt LPs grifffreundlich überstehen. Beim Betrieb ohne Klemme erlaubt das absolut sichere Plattenwechsel auf dem laufendem Teller (Foto: VPI)

Damit alle Zwölfzoll-Scheiben, ganz gleich ob ohne, mit dünnem oder mit dickem Wulst, sicher und plan auf dem VPI-Teller aufliegen, haben die Weisfelds diesen einfach etwas kleiner gemacht. So kann der nun überhängende Wulst den innigen Kontakt zwischen Platte und Teller nicht mehr stören. Besonders wichtig ist das bei Benutzung der mitgelieferten Klemme. Bei der auch einmal wieder die sympathische Mischung aus Pragmatismus und Konsequenz grüßt, die einem bei VPI ständig begegnet: Der Hersteller legt nicht einfach irgendeine nutzlose Draufsetz-Klemme in den Karton, sondern stattet seine Spieler mit einer vollwertigen Reflexklemme samt zugehörigem Gewinde auf dem Tellerachsen-Mitteldorn aus. Und liefert für diejenigen, die ihre LPs lieber einfach lose auf eine Matte werfen, ein schick bedrucktes Platzdeckchen aus Filz mit.

Der Klemmen-Nutzer kann den Filz immer noch als Staubschutz für den blanken Aluteller betrachten. Er nimmt ihn dann aber ab und legt das Vinyl direkt aufs Metall, nicht ohne jedoch vorher eine kleine Gummi-Distanzscheibe auf den Mitteldorn gesteckt zu haben. Diese unscheinbare Scheibe ist für die Funktion der Klemme von zentraler Bedeutung: Zieht man die Reflexklemme auf dem Tellerachsengewinde fest, stülpt sich die Platte über die leicht erhabene Gummischeibe nach unten und nimmt bei zunehmendem Anzugsdrehmoment von außen nach innen sehr festen und gleichmäßigen Kontakt zum Teller auf. So kann man Platten wirklich plan auf den Teller pressen – die Wirkung der Reflexklemme übermannt auch leichte bis mittelstarke Wellen und ebnet schüsselförmig verzogene LPs nicht nur auf der einen, sondern auf beiden Seiten gleich gut ein.

VPI Scout Plattenteller
Packt eisern zu: Die VPI-Klemme am Testgerät besteht aus Edelstahl und Delrin. Durch einfaches Festziehen auf dem Tellerachsen-Gewinde – wobei die Delrin-Scheibe sich nicht mitdreht und so für labelschonenden Kontakt sorgt – lassen sich sehr hohe Anpressdrücke erzielen. Eine Gummi-Distanzscheibe sorgt für deren gleichmäßige Verteilung und perfekte Planlage auch leicht verwellter Platten (Foto: B. Rietschel)

Entscheidend für die korrekte Funktion der Klemme ist das richtige Anzugsmoment. Denn verwendet man zu wenig Kraft, hat der Plattenrand zwar schon Kontakt zum Teller, der Rillenbereich weiter innen aber noch nicht. Die Plattenoberfläche würde dann Richtung Mitte leicht ansteigen, was einen Azimuthfehler bewirkt und natürlich nicht Sinn der Sache ist. Zu fest anziehen will man die Klemme aber auch nicht, sondern am liebsten gerade stark genug, um eine perfekte Planlage der Platte zu erreichen.

Um diesen Punkt zu finden, verwende ich eine meiner vielen Dosenlibellen: Platte auflegen, Klemme lose andrehen, Libelle mittig auf den Abspielbereich legen (also auf die Rillen, nicht aufs Label!). Wenn man die Klemme jetzt langsam anzieht, kann man wunderbar beobachten, wie sich die Platte erst am Rand herunterstülpt und dann langsam der Telleroberfläche anschmiegt. Wenn die Libelle auf der Platte wieder das Gleiche anzeigt wie auf der nackten Telleroberfläche, ist die Klemme fest genug. Klingt umständlich, braucht aber nur eine Sekunde extra und birgt, wenn man eine Plastiklibelle nimmt, keinerlei Risiko für die Platte.

VPI Scout Plattenteller
Wohldosierter Druck: Die alte AT-Dosenlibelle zeigt, dass „The Snake“ von Wildbirds & Peacedrums jetzt mit der gesamten Spielfläche plan auf dem Teller liegt. Von dem musikalisch extravaganten, superb klingenden 2009er Album gibt es nur eine einzige LP-Auflage von 1000 Stück – alle in goldenem Vinyl (Foto: B. Rietschel)

Wer‘s eilig hat oder den etwas kräftigeren, im Mittelton präsenteren Klang lieber mag, kann die Klemme natürlich auch weglassen. Und die Platte wahlweise auf die blanke Telleroberfläche legen (dann natürlich ohne die Distanzscheibe) oder die mitgelieferte Matte verwenden. Wer mal dies, mal das machen will, sollte sich zu Anfang einmal den exakten Höhenunterschied merken, den die Matte verursacht – um diesen dann bei späteren Wechseln mit einem schnellen Griff zur Tonarm-Höhenverstellung kompensieren zu können.

Die Höhenanpassung ist hier doppelt wichtig. Einerseits ganz klassisch wegen des vertikalen Abtastwinkels (VTA). Hochgezüchteten Line-Contact-Diamanten ist es nun mal ganz und gar nicht egal, ob der Tonarm hinten zwei, drei Millimeter höher oder tiefer steht. Andererseits aber auch, weil die Auflagekraft sich mit der vertikalen Auslenkung des Tonarms verändert.

VPI Prime Scout: der Tonarm

Womit wir beim Arm wären. Denn die relativ ausgeprägte horizontale Ruhelage mit dem Drang, nach einer Auslenkung stets in diese Position zurückzukehren, ist bei der hier gewählten Tonarm-Bauform typisch und unvermeidlich. Der auf dem VPI Scout 21 verbaute JMW-9 ist VPIs Standardarm und seit Jahrzehnten bewährt. Er ist einpunktgelagert, balanciert sein ganzes Gewicht also auf einer einzigen Spitze. Damit der Arm da nicht einfach herunterpurzelt, muss der Schwerpunkt des Tonarm-Oberteils unterhalb des Lagerpunkts liegen – was außerhalb der Ruhelage dann eben auch eine gewisse Rückstellkraft bewirkt.

Zur Beruhigung: Diese Rückstellkraft ist merklich, aber unkritisch. 2 mm mehr unter der Nadel (was exakt der Dicke der VPI-Filzmatte entspricht) bewirken zum Beispiel eine Zunahme der Auflagekraft um 1,5mN, entsprechend 0,15 g. Das bedeutet, dass man auch dann nicht seine teure Nadel riskiert, wenn man mal mit der Armhöhe experimentiert und vergisst, das Gewicht nachzustellen. Ein eventueller Hörvergleich wäre dann zwar wertlos, weil die veränderte Auflagekraft nicht nur direkt auf den Klang mit einwirkt, sondern indirekt auch wiederum den VTA beeinflusst. Schäden sind aber keine zu befürchten – anders als bei bestimmten, hier anonym bleibenden Magnetlager-Konstruktionen, wo die Auflagekraft in so einem Fall schon auch mal im Grammbereich daneben liegen kann.

VPI Scout Tonarmlager
Blick von unten in die Lagerglocke: Die konkave Stahl-Lagerschale ist in der Mitte einfach eingeschraubt und zentriert sich auf der rechts im Bild sichtbaren Wolframcarbid-Spitze von selbst. Beide Teile sollten bei gefühlvoller Behandlung ewig halten, sind aber auch austauschbar (Foto: B. Rietschel)

Der Einpunkt-Arm ist durchdacht und sehr nutzerfreundlich konstruiert. Er besitzt einen gut funktionierenden Lift, eine sicher verriegelbare Armablage und ein Oberteil, das man zum Transport, zum Systemeinbau oder zum schnellen Tausch gegen ein zweites Oberteil mit einem Handgriff abnehmen kann. Es besteht – von vorne nach hinten – aus Alu-Headshell, einem relativ dünnwandigen Stahl-Armrohr und der Alu-Lagerglocke samt Balance- und Gegengewichten, letztere wiederum aus Stahl.

Das eigentliche Lager besteht aus einer konkaven Stahl-Lagerschale von etwa 5 mm Durchmesser, die auf einer feinen Spitze aus Wolframcarbid balanciert. Erstere ist im Dach der Lagerglocke eingeschraubt und von oben mit einem 4er Inbusschlüssel in der Höhe verstellbar. Letztere weist von der Armbasis aus nach oben und wird in einer Stahlfassung gehalten – die ebenfalls höhenverstellbar ist.

VPI Scout Tonarmlager
Moderner Klassiker: Der Einpunktarm JMW-9 wird seit Jahrzehnten gebaut und alle paar Jahre behutsam überarbeitet. Die jüngste Version kommt mit einteiliger Lagerglocke, Antiskating und praktischer Rändelschraube zur Sicherung des Gegengewichts (Foto: VPI)

Die beiden Lager-Einstellmöglichkeiten wirken zwar beide auf die Armhöhe und damit den VTA. Für das typische VTA-Feintuning nimmt man aber primär das praktische gerändelte Stellrad, das die Basis mit dem Karbid-Dorn auf- und abfahren lässt. Mit der Lagerschalen-Verstellung dagegen verändert sich neben der Tonarmhöhe immer auch der Schwerpunkt des Arm-Oberteils in Relation zum Lagerpunkt – und da gilt: so tief wie möglich, ohne die Bewegungsfreiheit der Lagerglocke einzuschränken.

Etwas mehr Luft unterm Lager braucht man allerdings beim Systemeinbau, um die hervorragende Alu-Schablone zu verwenden, die dem Scout 21 zwecks Überhangeinstellung beiliegt. Denn die rastet spielfrei und ohne jede Über-den-Daumen-Peilerei zwischen Teller-Mitteldorn und Lagersockel ein und gibt dann genau einen Nulldurchgang vor, an dem man das System ausrichtet.

VPI Scout Tonarm
Eindeutig und bequem: So eine schöne, perfekt funktionierende Aluschablone bringt nicht jeder Edelspieler mit. Einmal am Tonarmsockel untergehakt und über den Tellerdorn gesteckt, bietet die VPI-Lehre einen absolut stabilen, verdreh- und verrutschsicheren Landeplatz, auf dem man auch teuerste Systeme ohne Herzrasen ab- und einstellt (Foto: B. Rietschel)

Die resultierende Einstellung unterscheidet sich deutlich von dem, was beim Gegencheck mit einer klassischen, nach Baerwald-Geometrie gefertigten Schablone herauskam – und klingt tatsächlich signifikant besser. Harry Weisfeld hat die Geometrie seines Arms also ganz offensichtlich sorgfältig durchdacht – auch wenn er darüber wenig Worte verliert. In diesem Sinne: Es liegt eine Präzisions-Schablone bei. Verwende sie. Wenn der Arm mit angelegter Schablone nicht mehr frei beweglich ist (so war es bei meinem Spieler), dreh den Lagerspiegel mit einem 4er-Inbus eine volle Umdrehung weiter rein (also im Uhrzeigersinn). Das schafft genügend Luft für die Schablone. Hast du den Überhang justiert und die Schablone abgenommen, drehst du genau die Umdrehung wieder zurück. Fertig.

Praxis

Eine Erfahrung, an die man sich bei Einpunktarmen erst gewöhnen muss, ist die, dass alles mit allem irgendwie zusammenhängt und alles mit jedem wechselwirkt. So ist das Gegengewicht des JMW-9 zugleich für Auflagekraft und Azimuth verantwortlich, was VPI-Neulinge mitunter zu herzhaften Flüchen animiert. Das Gewicht hängt mit einer exzentrischen Bohrung auf dem hinteren Arm-Ausleger und wird mit einer Klemmschraube daran fixiert. Zum Glück erfordert die Schraube kein Werkzeug, sondern verfügt über einen griffigen Plastik-Kopf. Man braucht sie bei der Einstellung des Spielers nämlich relativ häufig.

Nach Lösen der Sicherungsschraube ist das Gegengewicht axial frei verschiebbar. Eine grobe Grund-Balance findet sich schnell, und dann wird es Zeit für die mitgelieferte Digital-Tonarmwaage: Gewicht eine Haaresbreite verschieben – wiegen – verschieben – wiegen – verschieben – wiegen. Das kann eine Weile so gehen, bis man den Sollwert wirklich trifft. Und dann noch eine Weile, bis dieser auch nach dem vorsichtigen Festziehen der Klemmschraube noch stimmt. Und dann muss der Einsteller oder die Einstellerin sich noch um den Azimuth kümmern. Denn ob der Arm das System exakt horizontal oder doch etwas nach links oder rechts gekippt über der Platte hält, das ist mechanisch nicht vorgegeben und resultiert einzig und allein aus der lateralen Balance des Arms. Und die verstellt man zunächst wiederum am Gegengewicht, indem man es vorsichtig in die eine oder andere Richtung verdreht. Das hinzubekommen, ohne zugleich die Auflagekraft wieder zu verstellen, erfordert etwas Übung und Frustrationstoleranz.

Priorität hat bei der Gegengewicht-Fummelei letztlich die Auflagekraft. Den Azimuth muss man nur ungefähr parallel bekommen, da es für die Feineinstellung die Balancegewichte rechts und links an der Lagerglocke gibt. Irgendwann hat man den Dreh raus – und dann wandelt sich eine anfangs nervende Eigenschaft des JMW-9 in eine Stärke: Nur wenige Arme erlauben eine so feinfühlige und reproduzierbare Azimuthjustage. Wenn man zum Beispiel probehalber das rechte Balancegewicht eine halbe Umdrehung weiter rausschraubt, dann folgt der Arm dieser Änderung des Schwerpunkts zuverlässig, indem er um einen winzigen Tick weiter nach rechts kippt. Ergibt sich keine Verbesserung, bringt einen eine halbe Umdrehung in Gegenrichtung hundertprozentig genau wieder zum Ausgangspunkt zurück. So findet man Schritt für Schritt bei jedem Tonabnehmer den Punkt, an dem die Schliffkanten wirklich genau „richtig“ in der Rille stehen.

Um ein Gefühl für die kleinen, mit bloßem Auge kaum peilbaren Winkelveränderungen zu bekommen und nach einer Auflagekraft-Anpassung den alten Azimuth zuverlässig wiederzufinden, ist etwas Zubehör hilfreich. Ein langes, aber federleichtes Aluröhrchen legt VPI schon einmal bei. Man legt es in eine eigens dafür gefräste Nut, die quer über die Headshell führt, und kann damit die Parallelität zur Platte schon sehr gut prüfen. In meinem Hörraum haben sich zudem winzige Dosen- und Röhrenlibellen aus Plastik bewährt. Die kleinsten wiegen nicht mal ein halbes Gramm, man kann sie also auch mal kurz in besagte Headshell-Nut legen, ohne gleich ihr Gewicht kompensieren zu müssen.

Das klingt vielleicht kompliziert – in der Praxis ist der Arm aber sehr umgänglich und dank seiner präzisen Einstellbarkeit und dem vollkommen reibungsfreien Einpunktlager auch für anspruchsvollste Tonabnehmer geeignet. Solo kostet der JMW-9 um die 1000 Euro, was ausgesprochen fair erscheint. Es gibt ihn zum doppelten Preis auch mit einem konischen Armrohr aus dem 3D-Drucker. Was das bringen könnte, ahnt man, wenn man bei aufgedrehter Lautstärke vorsichtig mit einem harten Gegenstand (Inbusschlüssel) gegen das Stahl-Armrohr klopft: Der normale JMW-9 ist nicht ganz resonanzfrei, sondern klingelt bei circa 400 Hertz ein wenig nach. Klanglich wirkt sich das das nicht dramatisch aus, ist aber bei passender Anregung, etwa den schwebenden fast sinusartig reinen Vibraphon-Tupfern auf „Tired“ von First Aid Kit („Who By Fire“, Columbia – 19439822281) als leichte Verbreiterung mancher Töne zu erahnen.

VPI Scout in Aktion
Freiheit, die man hören kann: Der JMW-9 setzt Bewegungen des Tonabnehmers keinerlei Reibung entgegen und lässt die Musik in einem hellen und zugleich weichen Licht fließen. Jedenfalls wenn er richtig eingestellt ist (Foto: B. Rietschel)

Betont pragmatisch sehen die Herren Weisfeld das Antiskating: Unisono halten Vater wie Sohn es für überflüssig. Sämtliche von ihnen probierten Spitzenarme, eigene wie fremde, hätten besser geklungen, wenn man ihre Skating-Kompensation nicht nutzte und stattdessen die Auflagekraft um einen Tick erhöhte. Ganz ohne Kräfteausgleich arbeitet aber auch der VPI-Arm nicht. Denn es gibt ja noch das Tonarmkabel, das irgendwie vom beweglichen zum festen Teil des Arms führen muss. Dessen ohnehin vorhandene und nicht vermeidbare Federwirkung haben die VPI-Väter für ihre Zwecke genutzt: Das Kabel führt von der Lagerglocke in einem runden Bogen zum Anschlussblock, wo es mit einem Steckverbinder des Schweizer Herstellers LEMO absolut kontaktsicher angeschlossen wird. Die Rückstellkraft dieses Kabelbogens reiche, so VPI, in der Praxis meist völlig aus, um die entgegengerichtete, aus der Nadelreibung resultierende Skatingkraft so weit unschädlich zu machen, dass eine noch weitergehende Kompensation mehr Probleme erzeuge als löse.

Wer das nicht glaubt, muss aber nicht gleich von einem Spieler aus Cliffwood, New Jersey Abstand nehmen. Auch am VPI Prime Scout kann er oder sie nach Herzenslust und bis in die späten Nachtstunden mit verschiedenen Antiskating-Settings experimentieren. Denn obwohl persönlich eher skeptisch, haben die Entwickler dem Spieler ein vollwertiges Antiskating spendiert, dessen Wirkung dank eines Umlenk-Hebels sogar ordnungsgemäß zur Plattenmitte hin abnimmt.

Das Laufwerk des Prime Scout basiert auf einer 32 Millimeter starken, beschichteten MDF-Zarge – diese Dicke kennen wir bereits vom kleineren Modell Player. Der Scout erhält durch eine Stahlplatte auf der Chassis-Unterseite jedoch zusätzliche Masse und Festigkeit. Gelagert ist das Ganze auf vier weichen, höhenverstellbaren Absorberfüßen mit schmuckem Aludekor, das schön mit der Flanke des massiven Alutellers und dem ebenfalls aluverkleideten Motorgehäuse korrespondiert.

VPI Scout
Facelift: Gegenüber früheren Scout-Varianten hat der aktuelle VPI Prime Scout ein größeres, schwereres und schöneres Motorgehäuse – und stämmigere, ebenfalls mit Alu veredelten Füße. Nur der Start-Stop-Klingelknopf am Motor wirkt stilistisch etwas unbeholfen, tut dies aber auch schon seit Jahrzehnten (Foto: VPI)

Der Teller rotiert auf einem invertierten Lager, dessen Achse im äußerst robusten Halbzoll-Kaliber von der Zarge aufragt. Darüber stülpt sich eine Lagerbuchse aus Messing oder Bronze (das ist optisch nicht ohne Weiteres zu unterscheiden), die direkt mit dem Teller verpresst ist. Das Lager bekommen zu Lebzeiten weder der Erstbesitzer noch dessen Erben klein – sofern sie alle paar Jahre mal eine Fingerspitze guten Teflonfetts nachlegen. In einem Ölbad, wie in manchen Beschreibungen zu lesen ist, läuft das Lager indes nicht.

In Schwung kommt der Teller durch einen kräftigen, umlaufenden Rundriemen und einen frei in einer Aussparung des Chassis stehenden Motor. Und dieser Motor war der einzige Punkt an dem Spieler, der mich während der Wartezeit auf das Testgerät etwas nervös machte: War nicht vor vielen Jahren mal ein ganz ähnlich aufgebauter VPI Scout in meinem Hörraum gestanden, dessen separater Motorblock furchtbar vibrierte und auf dem Weg via Stellfläche und Spielerfüße ein vernehmliches „Hmmmmm“ hinter die Musik mogelte? Umso größer dann meine Erleichterung nach dem Auspacken – eine Erleichterung, die sich dreistufig steigerte.

VPI Scout Motor
Der Motor ist – wie bei vielen ähnlichen Laufwerken – in einem eigenständigen Block untergebracht. Der Antrieb des Plattenteller erfolgt über den Riemen (Foto: VPI)

Erleichterung Nummer eins beim Aufbau: Ah, OK – der Antrieb ist bedeutend schwerer als der alte. Immer noch denkbar einfach (und damit langzeitstabil) aufgebaut aus einem robusten Synchronmotor und wenigen passiven Bauteilen, aber kiloschwer in mehrere Schichten Metall und Dämmmaterial gehüllt. Und die weichen Füße am eigentlichen Chassis gab es damals in der Form auch nicht – da waren es eher harte Spikes, die gegen die 100-Hertz-Vibrationen aus dem Motorgehäuse kaum etwas ausrichten konnten. Nummer zwei dann bei den ersten Umdrehungen des frisch aufgebauten und eingestellten Spielers: Das Motorsilo vibriert nicht – ich kann daran praktisch nicht ertasten, ob der Spieler läuft oder nicht. Und folglich war nach dem Aufsetz-Plopp bei der ersten Plattenseite auch erstmal Ruhe. Nummer drei dann ein paar Stunden später bei einer besonders geräuscharm gepressten LP-Seite: Oha, der Spieler läuft nicht nur ruhig, sondern sogar saumäßig ruhig, weich und geschmeidig.

So klingt der VPI Prime Scout

Als Hörtest-Tonabnehmer verwendete ich hauptsächlich das Skyanalog G-2, das etwa 50% des Spielers kostet und somit schon eine recht luxuriöse Ausstattung darstellt. Zum Testen ist es aber gut geeignet, weil es erstens einfach hervorragend klingt und zweitens mit seinem ambitionierten Line-Contact-Nadelschliff (dessen Verrundungsradien die chinesische Manufaktur mit erstaunlichen 5×150µm angibt) sehr präzise, eindeutig und reproduzierbar auf jede Veränderung seiner Arbeitsbedingungen reagiert. Wer solche Abtaster wirklich ausreizen will, kommt um einen in allen Achsen präzise einstellbaren, spielfrei gelagerten Arm nicht herum. Und den findet er nirgendwo günstiger als auf dem VPI Scout 21.

VPI Scout Beauty 4
Das Skyanalog G-2 passt bestens zum VPI Scout 21. Zum Einbau ist eine kleine Röhrenlibelle hilfreich. Sie zeigt auch feine Azimuth-Änderungen reproduzierbar an. Das abgebildete Exemplar misst 14 x 6 mm und wiegt nicht mal 0,4 Gramm. Gibt‘s für unter zwei Euro zum Beispiel bei Mollenkopf Messtechnik (Foto: B. Rietschel)

Was beim VPI Prime Scout auf Anhieb entzückt, ist die Raumweite und -Tiefe, die entsprechende Aufnahmen damit entfalten können. So klingen richtig große, gute Masselaufwerke, die viel, viel teurer sein können als dieser US-Player: Die Stabilität und Festigkeit in seinem Klang ist fabelhaft. Da wackelt, wabert und wandert nichts, nie. Wie stark der Hörgenuss profitiert, wenn zum Beispiel eine Stimme wie angenagelt an der ihr zugedachten Position im Mix stehenbleibt, statt je nach Aussteuerung, Tonhöhe und musikalischen Begleitumständen mal hier-, mal dorthin zu taumeln, muss man erlebt haben, um es sich vorstellen zu können.

Die Stabilität im Klang des VPI ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass der Arm einzig und allein auf einer Spitze aus nahezu diamanthartem Wolframcarbid ruht. „Ruht“ ist hier bewusst gewählt. Solange man an dem Arm herumhantiert oder ihn mit dem Finger über die Platte schwenkt, schaukelt er noch munter auf seinem unbedämpften Einpunktlager. Sobald jedoch der Diamant in der Rille einrastet, stabilisiert sich der Arm augenblicklich. Und lässt sich auch von welligen Platten oder äußeren Störeinflüssen nicht mehr aus der Ruhe bringen.

Apropos Ruhe: Der VPI gehört zu den wenigen Spielern, die ich mit der serienmäßigen Klemme klanglich tatsächlich besser finde. Im Verbund mit der kleinen Gummi-Unterlegscheibe ist die Klemme hochwirksam gegen Wellen aller Art. Aber selbst bei wirklich planen Pressungen profitiert der Klang von der innigen Verbindung zum schweren Aluteller: Die Musik klingt tatsächlich dynamischer (sonst bewirken Klemmen oft das Gegenteil), unverfärbter und im Hochton feiner. Die stets vorhandene räumliche Weite ist dann kein allgemeines, diffuses Raumgefühl mehr, sondern ausgefüllt mit ganz konkreten, akkurat platzierten und konturenscharf umrissenen Schallereignissen. So bringt jede gesprochene Silbe der auf „Who By Fire“ rezitierten Leonard-Cohen-Gedichte ihre ganz eigene Ausformung mit.

Sprache und Stimme: Der Bereich, in dem unser Gehör über viele Jahrtausende eine ungeheure Empfindlichkeit und analytische Genauigkeit erworben hat, verrät uns hier, dass der VPI Scout mit dem Skyanalog G-2 ganz besonders viel ganz besonders richtig macht. Klar und mit ausgeprägtem Charakter die einzelnen Stimmen, fein artikuliert die Aussprache, präzise kontrolliert die bei Vinyl notorisch heiklen Laute zwischen S, F und SCH, wo Hochton-Abtastfähigkeit gefragt ist und schon geringfügig erhöhte Verzerrungen die Differenzierung erschweren und das gefürchtete giftige Gezischel erzeugen.

Dynamik- und Timing-Fans werden bei einem Linn LP12 mit Kore-Subchassis, Lingo-Netzteil und Ekos-Arm – wie er zum Vergleich bereitstand – mehr Attacke und eine subjektiv lautere, präsentere Spielweise vorfinden. Das ist aber kein echter Minuspunkt für den VPI Scout 21, und zwar aus mehreren Gründen. Zum einen wäre ein aktueller Linn in vergleichbarer Ausstattung deutlich teurer als der VPI. Zum anderen ist die kultivierte, dabei auch etwas zurückhaltendere Stilistik des VPI eine Eigenschaft, die viele Hörer gezielt suchen.

Linn LP 12
Der Linn LP12 mit Kore-Subchassis, Lingo-Netzteil und Ekos-Arm fungierte als Vergleich (Foto: Linn)

Stark übertrieben ausgedrückt zeichnet der Linn präzise Baupläne der Musik, wo alle kleinen rhythmischen Zahnrädchen, jegliche feinmechanischen Verästelungen perfekt mitverfolgbar ineinandergreifen. Der VPI dagegen zeichnet nicht, er malt – nicht ganz so kontrastreich, dafür großformatig, farbig, lebendig und voller Liebe zum Detail. Würde er nicht irgendwann zurückgefordert werden, hätte sich der VPI mit diesem herrlichen, sinnlichen Klang einen Stammplatz in meinem Hörraum erspielt.

VPI Scout Beauty 3
Macht dank starker Chassis-Patte und geschwungener Form auch optisch was her: der atuelle VPI Scout (Foto: VPI)

Fazit

Mit seinen generösen, fast begehbaren Bühnenbildern macht der VPI Prime Scout mächtig Hörspaß. Mit einem gegebenen Tonabnehmer schafft man auf seinem Einpunkt-Arm potenziell immer noch ein paar Schritte mehr Weite, noch feiner gewobene Strukturen in noch klarer definierten Raumpositionen. Wer einen etwas kompakteren, aber auch strafferen Klang genauso gerne hört, kann alternativ noch den gleich teuren Tien Nephrite auf seine Liste setzen – als reizvolle stilistische Alternative und als einer der wenigen echten und preislich vergleichbaren Rivalen. Anderer Meinung als der Hersteller bin ich nur in einem Punkt: Einfach einzustellen ist der Scout 21 nicht wirklich – und erst recht nicht für Analog-Unerfahrene. Wer aber etwas Ruhe mitbringt und sich nicht vor Tonarmwaage und Dosenlibelle fürchtet, kauft mit dem VPI Prime Scout das Ticket für nahezu grenzenlose analoge Höhenflüge.

VPI Prime Scout
2021/10
Test-Ergebnis: 4,5
ÜBERRAGEND
Bewertungen
Klang
Praxis
Verarbeitung

Gesamt

Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse.
Großformatiger, druckvoller, sehr „kompletter“ Klang
Exzellenter Tonatm
Effiziente Absorberfüsse
Kein Anschlusskabel beigepackt, keine Haube

Vertrieb:
Audio Reference GmbH
Alsterkrugchaussee 435
22335 Hamburg
www.audio-reference.de

Preis (Hersteller-Empfehlung):
VPI Prime Scout: 2.990 Euro

Die technischen Daten

VPI Prime Scout
Technisches Konzept:Analog-Laufwerk mit Riemenantrieb
Tonarm:JMW 9-3D
Chassis-Aufbau:Vinyl-beplanktes MDF plus Stahl
Geschwindigkeiten33 + 45 u/Min
Besonderheit 1:
mitgelieferte Plattenklemme
Besonderheit 2:
made in USA
Abmessungen H x B x T:48,2 x 21,6 x 38,1 cm
Gewicht:14,5 Kilo
Alle technischen Daten
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Test VPI Player: Komplettplattenspieler mit audiophilem Auftritt

Autor: Bernhard Rietschel

Bernhard Rietschel ist gelebte HiFi-Kompetenz. Sein Urteil zu allen Geräten ist geprägt von enormer Kenntnis, doch beim Analogen macht ihm erst recht niemand etwas vor: mehr Analog-Laufwerke, Tonarme und Tonabnehmer hat keiner gehört.