VPI Player Aufmacher
Mit eingebauter Phonvorstufe und Kopfhörer-Verstärker: Der VPI Player ist für 2.000 Euro eine geniale Lösung, für alle, die einfach nur Musik hören wollen (Foto: VPI)

Test VPI Player: Komplettplattenspieler mit audiophilem Auftritt

Nicht jeder, der einen unkomplizierten, vorjustierten Komplett-Plattenspieler sucht, ist faul, arm oder geizig. Wenn Sie zu denen gehören, die sich fragen, ob es sowas auch in richtig gut gibt – wir hätten da genau den passenden Spieler für Sie: den VPI Player.

Als Einstiegsplayer ist der VPI Player mit 2.000 Euro vielleicht etwas zu teuer. Schließlich gibt es für ein Viertel des Preises schon richtig gut klingende Spieler wie den Pro-Ject Debut Carbon Evo, oder noch etwas günstiger den verblüffenden New Horizon 121. Beide sind so kompetent konstruiert, dass man ihre unvermeidlichen technischen Grenzen im Alltag kaum bemerkt. Sie musizieren unbekümmert drauflos und lassen Upgrade-Grübeleien gar nicht erst aufkeimen.

Zumindest bis man den VPI Player gehört hat. Dann will man allerdings auch den sympathischsten Einsteiger-Spieler sofort in Zahlung geben, um den satten Preissprung zum VPI Player – der wirklich so heißt – wenigstens etwas zu glätten und dieses Mehr, das er aus den Platten herausholt, weiterhin genießen zu dürfen. Das Besondere am Player ist, dass abgesehen vom höheren Preis keine weiteren Hindernisse zu überwinden sind. Wer es schafft, einen Rega P1 in Betrieb zu nehmen, wird erfreut sein, dass VPI es geschafft hat, den Aufbau sogar noch einfacher zu gestalten.

VPI Player Auspackzustandf
Plug and Play: Der VPI Player ist direkt aus dem Karton spielfähig. Selbst der schwere Aluteller und das Tonarm-Gegengewicht bleiben zum Transport montiert
(Foto: VPI)

Der Aufbau des VPI Player

Um jegliches Gefummel auszuschließen, verpackt VPI den Player sogar mit montiertem Teller. Dessen invertiertes Lager ist somit bereits zusammengesetzt und geschlossen, großzügig gefettet und vor Verunreinigungen geschützt. Es ist ein kapitales Lager: Die Stahlachse ist ein halbes Zoll (knapp 13mm) stark und an der MDF Zarge mittels einer Schraubenmutter befestigt, deren Kaliber einem sonst eher an Bahnschienen und LKW-Fahrwerken begegnet. Am oberen Ende trägt die Achse eine Stahlkugel, und über das Ganze stülpt sich dann die Messing-Lagerbuchse, die ihrerseits mit dem Teller fest verpresst ist.

Der Teller ist wunderschön: Über drei Kilo schwer, aus massivem Alu gedreht, außen mit einer Reihe Laufrillen für den Riemen versehen und innen im mittleren Bereich – wo zusätzliche Masse nur wenig zum Drehimpuls beiträgt – ausgedreht und mit einer flächig verklebten MDF-Scheibe zur Resonanzdämpfung versehen. Auch an eine ganz leichte Vertiefung im Labelbereich hat VPI gedacht, sodass Puristen den Spieler auch sehr gut ohne Matte verwenden können, sollten sie das klanglich bevorzugen. Beim Auflegen erweist sich der Tellerdurchmesser von 11,5 Zoll als hilfreich: LPs stehen am Rand ein paar Millimeter über und lassen sich auch bei rotierendem Teller perfekt greifen. Zudem liegen Platten mit ausgeprägtem Randwulst – zum Beispiel sämtliche normalgewichtigen Pressungen des US-Herstellers RTI – auf einem solchen Teller gleichmäßiger auf.

Ein kleiner Schubs versetzt den Teller – noch ohne Riemen – in fast end- und völlig lautlose Rotation. Das Lager ist also nicht nur sehr massiv, sondern auch hochgenau gearbeitet – und, wie wir anlässlich eines Transportschadens lernten, so gut wie unzerstörbar. Irgendein Missgeschick musste den Karton unseres ersten Testmusters während des Transports einer so enormen Beschleunigung ausgesetzt haben, dass die MDF-Zarge die stattliche Masse des – wie gesagt: bereits ab Werk auf dem Lager steckenden – Tellers nicht mehr halten konnte und an einer Ecke einfach abknickte. Wir sprechen hier von 3,0 Zentimeter starkem, mit Vinyl-Folie laminiertem MDF. Die hierzu nötigen rohen Kräfte gingen also größtenteils durchs Tellerlager. Und dem fehlte, nachdem wir den beschädigten Player probehalber aufgestellt und gestartet hatten, rein gar nichts: Es lief perfekt rund, perfekt leicht und lautlos. Der Arm übrigens ebenso, obwohl auch der, um den Aufbau zu erleichtern, mit aufgesetztem Gegengewicht das Werk in Cliffwood, New Jersey verlässt.

Als Antrieb dient ein einfacher, aber drehmomentstarker Synchronmotor des US-Herstellers Hurst (der diesen Motorentyp allerdings in China bauen lässt) mit einem sehr genau rundlaufenden zweistufigen Pulley. Der Motor zieht den schweren Teller beim Start nahezu augenblicklich auf Nenndrehzahl und wird im Betrieb ordentlich warm. Im Test über rund 1000 Stunden Laufzeit durchlief er ein paar Phasen mit etwas lauterem Betriebsgeräusch, das zwar direkt am Spieler, nicht aber im Ausgangssignal hörbar wurde. Gerade noch in leisen Leerrillen erkennbar war je nach Tageszeit das leise Summen des eingebauten Trafos.

VPI Player Riemenantrieb
Der Motor ist ziemlich kräftig und bringt den 3-Kilo-Plattenteller erstaunlich schnell auf Sollgeschwindigkeit (Foto: VPI)

Trotzdem ist es herrlich, zur Abwechslung mal nicht mit einem externen Steckernetzteil hantieren zu müssen, sondern seinen Spieler einfach mit einem soliden Kaltgerätekabel zu elektrifizieren. Die Vibrations-Spuren bemerkte man auch nur, weil der Spieler ansonsten so sagenhaft ruhig lief: Wie man fern jeder Stadt an den finstersten Orten der Erde den besten Blick auf entfernte Sterne hat, bereitet der VPI der Musik – aber eben auch den winzigsten Störungen – ein riesig breites, tiefschwarzes Bühnenbild. Raum und Dynamik in der Musik brauchen diesen Hintergrund, um sich manifestieren zu können, und besser als der VPI bekommt diese gespannte Schwärze zwischen den Noten aktuell kaum ein Spieler unter 3000 Euro hin. Ein Technics SL-1200GR zum Beispiel wäre preislich mit dem Player vergleichbar (400 Euro günstiger, dafür aber ohne System, Preamp und Kopfhöreranschluss), und läuft tatsächlich völlig geräuschfrei, limitiert den dynamischen Headroom aber merklich früher und klingt insgesamt leichtgewichtiger.

VPI Player Motor
Seit Jahrzehnten bewährt: Der Hurst-Synchronmotor wird zwar heute nicht mehr in Princeton, Indiana gebaut, gilt aber immer noch als preiswertes, zuverlässiges Plattenspieler-Triebwerk. VPI verwendet die störärmere 24-Volt-Variante, der notwendige Trafo ist im Player eingebaut und versorgt nebenher noch Preamp und Kopfhörerverstärker (Foto: B. Rietschel)

Praxis: ein Plattenspieler für die digitale Generation

Wie alle VPI-Spieler entsteht der Player komplett im VPI-Stammsitz in den USA, aus Teilen, die wiederum bevorzugt – wenn auch nicht ausschließlich, denn das ist heute unmöglich – von US-Betrieben stammen. VPI ist einer der wenigen verbleibenden echten Familienbetriebe in unserer Branche. Harry Weisfeld gründete die Firma Ende der 70er Jahre, heute führt Sohn Mat die Geschäfte und schwingt auch die Entwicklungs-Feder. Der VPI Player verrät schon mit seinem Konzept, dass er nicht nur für, sondern auch von jemandem designt wurde, der bereits in der CD-Ära aufgewachsen ist. Man spürt, dass der Entwickler genau weiß und erlebt hat, wie sich Vinyl, dieses phantastische, vielfältige Medium, mitunter selbst im Weg stehen kann. Technische Komplexität, wenig intuitive Bedienung, viele Schrauben, Kabel und Skalen – was Freaks akzeptieren und sogar fordern (und von VPI mit den großen Spielern auch bekommen), würde 90 Prozent der Player-Zielgruppe vertreiben.

Der Player ist für alte wie neue Vinylhörer gedacht, die noch nicht bis über beide Ohren in der Materie versunken sind. Also ist Einfachheit Trumpf, wobei „einfach“ hier weder nachlässig noch billig bedeutet, sondern zugänglich, leicht zu verstehen und leicht zu bedienen. Der Player verlangt daher das absolute Minimum an Aufbau- und Einstellschritten: Man sollte unfallfrei einen Karton aufschneiden können. Und den Gummiriemen um Antriebsscheibe und Tellerrand spannen. Alles andere ist vormontiert und -justiert, inklusive der Auflagekraft, die übrigens auch an unserem verunfallten Player noch punktgenau stimmte.

VPI Player Geschwindigkeiten
Traumhaft zu bedienen: Der Player hat zwar keine Automatikfunktionen, ist mit seinen paar Bedienelementen aber selbst für Vinylneulinge komplett selbsterklärend. Der „Power“-Knopf aktiviert auch den integrierten Phono-Preamp. Schaltet man den Motor ab, verstummt der Spieler augenblicklich. Und hier sitzt auch die Buchse für den Kopfhörer (Foto: VPI)

Der Arm ist denkbar simpel, aber sehr solide. Er besteht komplett aus Edelstahl und schwenkt horizontal in großformatigen Kugellagern. Wie er vertikal gelagert ist, bleibt unklar. Das Lagerjoch scheint lediglich eine relativ dünne, durchgehende Stahl-Steckachse zu halten. Weil das Joch das Armrohr aber sehr eng führt, kann man nicht erkennen, was auf dieser Achse läuft – ob im Armrohr also kleine Kugellager oder eine Gleitlager-Konstruktion zur Führung dienen. Jedenfalls halten die Lager das Armrohr in allen Positionen verbindlich und leichtgängig, wie es sein soll, und verkraften ganz offensichtlich auch rustikale Behandlung (die man natürlich trotzdem vermeiden sollte).

VPI Player Tonarm
Der eingebaute Tonarm ist gleichermaßen klangstark wie robust. Jedenfalls scheinen seine Lager auch härtere Schläge auszuhalten (Foto: VPI)

Zehnzoll-Arm ohne Antiskating

Mit zehn Zoll ist der Tonarm recht lang, was gegenüber den verbreiteteren Neunzöllern eigentlich nur Vorteile bringt: Der Spurfehlwinkel und damit die Verzerrungen sind geringer, unrunde und wellige Platten wirken sich weniger auf den Gleichlauf aus, und wegen des geringeren Kröpfungswinkels bleibt auch die Skatingkraft geringer. VPI kompensiert diese übrigens nicht und verweist auf eigene Hörvergleiche, in denen das Antiskating klanglich stets mehr schadete als nützte.

Dem hätte ich früher energischer widersprochen. Ich habe inzwischen aber einfach zu viele überragende Spieler und Tonarme ohne Antiskating gehört – zuletzt etwa den New Horizon 121 und nun eben den VPI Player. Ohne Antiskating bekommt die linke Rillenflanke zwar etwas mehr Druck ab als die rechte. Bei sehr teuren Systemen könnte einen die ganz leicht außermittige Ruheposition des Generators stören, die aus diesem Kräfte-Ungleichgewicht resultiert.

Normale MMs nehmen daran aber weder Anstoß noch Schaden, und auch die klanglichen Auswirkungen halten sich in Grenzen: Theoretisch – und mit ganz wenigen Platten auch praktisch – gelangt der schwächer belastete Kanal (bei fehlendem Antiskating also rechts) bei hohen Aussteuerungen etwas früher an seine Verzerrungsgrenze. Meist ist es aber so, dass bei System-Arm-Kombinationen, die mit Verzerrungen in Richtung Innenrille und bei hohen Pegeln nerven, eben entweder das System, der Arm oder die Kombination nichts taugt. Am Antiskating herumschrauben ist dann dem Ochs ins Horn gepfetzt, wie es in Baden heißt.

VPI Player Aufmacher
Langzeitstabil: Die Lagergabel des Tonarms schwenkt in zwei Kugellagern. Hier sieht man den unteren der beiden Kugelringe und die filigranen rot-weiß-grün-blauen Signalkabel, die an dieser Stelle den Arm verlassen (Foto: VPI)

Der VPI Player im Hörtest

Mit Ausnahme der Auflagekraft gibt es nichts einzustellen am VPI-Arm. Wie gesagt kein Antiskating, aber auch keine Tonarmhöhe (alias VTA) und auch keinen Azimuth. Das ist völlig OK, solange Nutzer oder Nutzerin nicht zu heiklen Nadelschliffen neigt – und das ist ja gerade die Idee am Player: Sofortiger Genuss statt langwieriger, frustrierender Jagd nach Superlativen. Das schont die Nerven und den Geldbeutel. Und es kostet kaum Klangqualität, weil Mat Weisfeld eine Arm-System-Kombination mit deutlichen Synergie-Effekten zusammengestellt hat.

Das AT-VM 95E von Audio-Technica ist ein 50-Euro-System, das bereits in bescheidenerem Umfeld – etwa in Audio-Technicas eigenem Billigspieler LPW50PB – eher nach 100 Euro klingt. Im Edelstahlarm des VPI Player klingt es, und ich übertreibe nicht, wie ein 500-Euro-System: Sanft, fast vornehm im Ton, ungebremst dynamisch und auch durch knifflige Aufgaben – etwa Jens Lekmans geniales, aber tontechnisch heikles Album „When I Said I Wanted To Be Your Dog“ (Secretly Canadian SC107) – nicht von seinem ruhigen, verzerrungsfreien Kurs abzubringen.

VPI Player mit AT 95E
Im 2.000 Euro Paketpreis ist „nur“ ein Audio Technica AT 95E für 50 Euro enthalten. Doch im VPI Player klingt es wie ein Abtaster der 500 Euro Klasse (Foto: VPI)

Wenn ein simples Audio-Technica-MM so ausgewogen und fein klingt, spricht das zumindest mal für eine sehr gute Anpassung des Phonoteils. Wieviel seines verblüffenden Klangs der VPI aber genau seinem eingebauten Phono-Vorverstärker zu verdanken hat, ist aber nicht ohne Weiteres herauszufinden, da der integrierte Preamp nicht per Schalter umgehbar ist. Wer unbedingt will, kann den Spieler aufschrauben und die in einem Stahlblechgehäuse am Heck untergebrachte Vorverstärkerplatine freilegen. Dort findet der mutige Bastler oder die investigative Schrauberin dann eine Anzahl beschrifteter Jumper, die es entsprechend umzustecken gilt, um das Phonosignal an der gesamten Platine vorbeizurouten.

VPI Player Anschluss
Anschließen bitte: Dank eingebautem Vorverstärker kann der Player mit x-beliebigen Cinchkabeln an jedem Hochpegel-, CD-, AUX-, Tape- oder Tuner-Eingang spielen (Foto: VPI)

Es sprechen allerdings gleich mehrere Gründe dagegen, das zu tun. Erstens sollte man genau wissen, was man tut, weil neben der Preamp-Elektronik auch ein Netztrafo das kleine Gehäuse bewohnt, dort also auch lebensgefährliche Spannungen nicht weit sind. Zweitens wäre man schön blöd, einen Spieler mit integriertem Preamp erst für teures Geld zu kaufen, um ihn dann nicht voll zu nutzen. Zumal VPI höchstselbst reichlich Auswahl an Spielern ohne Preamp hat, die bereits bei 1400-1500 Euro losgehen. Und drittens klingt die Onboard-Platine so gut, dass man erstmal einen externen Phono-Pre finden und zahlen muss, der damit in der Summe überhaupt gleichzieht. Verstärkung und Entzerrung der Phonosignale finden im VPI Player nämlich nicht auf einer anonymen Chinaplatine statt, sondern auf einem VPI-eigenen Board, das der Player von seinem Vorfahren Nomad V2 geerbt hat.

Links vorne liegt noch eine weitere Elektronik-Insel in der Player-Zarge. Hier finden sich der Start-/Stopknopf, die Kopfhörerbuchse, samt zugehörigen Verstärkerchips und der Lautstärkeregler. Auch diese Platine ist ein VPI-eigenes Layout in guter, aber nicht exzessiv aufwendiger Qualität mit zwei OPA2134 Operationsverstärkern, die jeweils einen Stereokanal verstärken. Wirklich viel Strom können diese OPs auch im hier verwendeten Doppelmono-Modus nicht liefern. An wirkungsgradstarken Hörern wie meinem Marshall Major I reicht das aber völlig aus für einen knackig-dynamischen Klang mit sehr schöner Hochtonauflösung. Für „schwierige“ Kopfhörer wie meine wirkungsgradschwachen Quad ERA-1 Magnetostaten ist der Headphone-Amp dagegen nicht gedacht.

VPI Player im Hörraum
Praktischer als man zunächst denkt: Ein Kopfhörerausgang direkt am Spieler erlaubt Privat-Hörsessions ohne irgendein weiteres Gerät. Den stromhungrigen Röhrenverstärker – hier der überragende Cayin CS-55A aus einem bald folgenden Test – kann man in solchen Fällen einfach auslassen (Foto: B. Rietschel)

Hängt der Spieler dagegen an der Anlage, kann diese gar nicht hochwertig genug sein. Über einen Cayin CS55A mit KT88-Endröhren (Test folgt) und meine Tannoy-Monitore hörte ich einen ungemein großzügigen, räumlich wie dynamisch weit offenen Klang. Furchterregend präsent klingt zum Beispiel Nick Cave, der sich durch die B-Seite seines Live-Doppelalbums Idiot Prayer fleht, wütet und wimmert – von „Man In The Moon“ bis „The Mercy Seat“ eine Tour de Force, die via VPI viel Gewicht und Kraft bekommt. Was gegenüber kleineren Spielern auffällt, ist die große Differenzierung und Eindeutigkeit der verschiedenen virtuellen Räume, die auf den Platten vorkommen. Von der kleinen Studiohall-Aura um einzelne Instrumente bis hin zur geisterhaften Präsenz des leeren Londoner Alexandra Palace, wo „Idiot Prayer“ entstand – Millisekunden, nachdem die Nadel die Rille trifft, baut sich die Raum-Atmo der jeweiligen Platte auf. Und bleibt dann solange stabil, bis sich etwas an der Aufnahme ändert.

Nick Cave Iodiot Prayer Cover LP
Nick Cave hat mit „Idiot Prayer“ ein sensationelles, der Pandemie entsprechendes Doppel-Album vorgelegt, das es erfreulicherweise auch auf Vinyl gibt… (Cover: Amazon)

Stimmen profitieren von der seidig-unaufdringlichen Abstimmung des VPI besonders. Da ist keine künstliche Wärme, die die Artikulation verschmiert, sondern echte, natürliche Größe und neutrale, auch in den kritischen Sibilanten sehr saubere Durchzeichnung. Die samtige Wärme, die bei vielen Platten so positiv auffällt, ist kein Effekt, der sich unterschiedslos über jede Aufnahme legt. Sondern die Fähigkeit, mit dem Format der jeweiligen Produktion wirklich mitzugehen. Mittig-aufdringliche  Platten mit flacher Loudness-War-Dynamik wird es immer noch geben. Aber verglichen mit preiswerteren Spielern bringt der VPI mit derselben Plattensammlung eine viel höhere Ausbeute an „Boah, ist das geil“. Womöglich sogar höher als mit viel ambitionierteren, teureren Spielern, weil der VPI eben diese seltene Balance zwischen Akkuratesse und warmer, unaufdringlicher Stimmigkeit so meisterhaft beherrscht.

VPI Player Elektronik
Überhaupt kein Vergleich: Die Hauptplatine des Player beherbergt Motorsteuerung und Phono-Entzerrung und hat qualitativ nichts mit den Preamp-Boards in Billigspielern gemeinsam. Durch Umstecken von zwei Jumpern lässt sich der Vorverstärker ohne Klangverluste umgehen, was angesichts seiner guten Qualität aber nur selten nötig sein dürfte (Foto: B. Rietschel)

Ich kann aber auch verstehen, wenn man eines Tages neugierig wird, was hinter der inhärenten Milde, die die einfache Audio-Technica-Nadel im Player-Arm auszeichnet, noch an Feinheiten zu entdecken ist. Am Einfachsten greift man dann zu den höherwertigen Nadeln aus Audio-Technicas VMN95-Familie, die alle auf den existierenden 95er-Korpus passen und nicht einmal eine Anpassung der Auflagekraft erfordern.

Tonal noch ausgewogener wird der Spieler davon zwar nicht, aber immerhin nimmt die Abtastgenauigkeit zu: Mit der nackten elliptischen Nadel VMN95EN löst der Spieler obenrum zweifellos besser auf und klang in meinem Hörraum nur einen Hauch schlanker als die E-Nadel, die denselben Nadelschliff in der billigeren gefassten Variante trägt. Bei schwierigen, hoch ausgesteuerten Stücken, die mit der normalen E-Nadel schon mal unsauber werden, bleibt die EN-Nadel aber deutlich länger verzerrungsfrei. Das leuchtet angesichts der geringeren Massenträgheit des nackten Diamanten auch ein und kann allein schon ein Grund für das Upgrade sein – auch wenn die tonale Magie tatsächlich mit dem billigsten System am stärksten wirkt. Ebenfalls probiert habe ich die VMN95ML mit Micro-Line-Diamant, die geradezu obsessiv fein auflöst, in meiner Kette und für meine Ohren aber schlicht zu viel des Guten tat.

Quintessenz:

Klares Fazit also: Den maximalen Wow-Effekt entfaltet der Spieler genauso, wie er aus dem Karton kommt, oder mit ganz leichtem Tuning unter Erhalt des grundsätzlichen Nadelprofils. Da hat sich Mat Weisfeld schon etwas dabei gedacht: Der VPI Player ist ein in sich stimmiges, sehr kompetentes Wiedergabesystem, das weder Einstell-Orgien noch Upgrades verlangt, sondern nur Strom und einen Stapel guter Platten.

Noch ein Hinweis zu weiteren Informationen: VPI nach langen, langen Jahren bei HEAR nun zu Audio Reference gewechselt. Der Wechsel ist noch so frisch, dass Audio Reference die Marke VPI noch nicht auf der Website eingepflegt hat. Bis dahin bleibt nur das Telefonat: 0049 40533 203 59. Der Ansprechpartner ist Lorenzo Mamaghani.

VPI Player
2021/06
Test-Ergebnis: 4,7
ÜBERRAGEND
Bewertungen
Klang
Praxis
Verarbeitung

Gesamt

Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse.
Großformatiger, druckvoller Klang
Robuste Konstruktion
Völlig stressfrei in Aufbau und Handhabung
Kein Anschlusskabel beigepackt, keine Haube

Vertrieb:
Audio Reference GmbH
Alsterkrugchaussee 435
22335 Hamburg
www.audio-reference.de

Preis (Hersteller-Empfehlung):
VPI Player: 1.990 Euro


Autor: Bernhard Rietschel

Bernhard Rietschel ist gelebte HiFi-Kompetenz. Sein Urteil zu allen Geräten ist geprägt von enormer Kenntnis, doch beim Analogen macht ihm erst recht niemand etwas vor: mehr Analog-Laufwerke, Tonarme und Tonabnehmer hat keiner gehört.