Wharfedale Linton Ambiente
Eine der nettesten Begegnungen der letzten Monate: Die Retrobox Wharfedale Linton für 1.300 Euro (Inklusive Ständer) hat uns alle verzaubert... (Foto: H.Biermann)

Test Retrobox Wharfedale Linton – Wonneproppen aus einer anderen Welt

So elegant kann der Blick in die Vergangenheit ausfallen: Wharfedale erinnert sich seiner legendären Linton – und erschafft eine Neuinterpretation, die uns schwach werden lässt. Dieser Lautsprecher kokettiert so wunderschön mit dem alten High-End und klingt fantastisch reich. Der Preis unterbietet die Klangkraft aufs Schönste. Da gibt es nur einen Imperativ: Man sollte die Wharfedale Linton unbedingt anhören!

Audiolust– was für ein Name. Und in Bezug auf die Linton so passend. Der Deutsche Wharfedale Vertrieb (IAD) bietet sein gesamtes Produktportfolio auch in diesem Online-Store (www.audiolust.de) an. Eine superbe Möglichkeit, in diesen Tagen seine high-endige Sehnsucht zu stillen. Der Paketbote klingelt – und subito haben wir neue, spannende Klangboten im Wohnzimmer. 30 Tage dürfen wir testen, danach ist das Geld endgültig übertragen oder die Ware geht zurück. Aber auch der Wharfedale Händler um die Ecke stellt Ihnen die vier Pakete sicherlich gern vor die Tür.

Ich tippe, dass die Wharfedale Linton bleiben darf, denn sie ist einer der spannendsten Lautsprecher, die mir in den vergangenen fünf Jahren begegnet sind. Was macht sie so besonders? Sie ist einerseits eine Reminiszenz an ein Topmodell aus den 60er Jahren, zugleich ist sie unfassbar musikalisch, stimmig, verführerisch. Und Wharfedale unterbietet dabei alle Preisvorstellungen: Das Pärchen liegt bei runden 1.000 Euro. Die passgenauen Ständer gehen mit 300 Euro extra. Für diese Kombination bekommt man einen audiophilen Glücksbringer und zugleich ein wunderbares Objekt für den Lebensraum. Sieht toll aus, hat Charme, weckt Emotionen.

Wharfedale Linton Ambiente oldschool
Das schaffen nur die Engländer: gediegene Vintage-Boxen in gediegenem Vintage-Ambiente. Man achte auf die feine Auswahl des Teppichs… (Foto: Wharfedale)

Doch der Reihe nach. Es war im Jahr 1965, als die Briten ihre erste Linton vorstellten. Damals bestückt mit Gewebekalotten und Papiermembranen. In den 55 Jahren ist viel passiert bei Wharfedale. Der vielleicht entscheidendste Moment: Die Briten denken und arbeiten zwar noch in Huntington, das liegt nördlich von Cambridge. Aber die Firmenchefs sind mittlerweile zwei Chinesen, die beiden Inhaber der großen Holding IAG. Doch auch die aktuelle Neuinterpretation verantwortet der oberste Wharfedale Entwickler Peter Comeau – Director of Acoustic Design. Bedeutet: Britische Klangideale, aber Fertigungsstraßen in China.

Wharfedale Linton im LowBeats Hörraum2
Ein heimeliges Klangmöbel mit den Abmessungen: 30 × 56,5 × 36 cm (B×H×T). Der Ständer bringt die originelle Linton noch einmal 44 cm höher. Er ist pfiffigerweise so konzipiert, dass hier auch einige Schallplatten ihren Platz finden. Es gibt die Linton in den Farben Walnut sowie – in der Testausführung – Mahagony Red (Foto: H.Biermann)

Das Konzept der Wharfedale Linton

Das ist nicht ehrenrührig. Im Gegenteil. Nur so lässt sich auch die Faszination des guten Preises erzaubern. Wer die Linton sieht und mit den Händen erkundet – der muss sagen: das ist perfekt. Toll die Holzverarbeitung, die Passgenauigkeit. Nirgends auch nur der Hauch von einem Kompromiss. Das ist schon in der Bauart echtes High-End.

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Wharfedale Linton Verarbeitung
So genau man auch hinsieht, man erkennt keine Verarbeitungsschwäche an der Wharfedale Linton. Der Abschluss der Schallwand öffnet sich mit einer 45°-Schräge…
Wharfedale Linton Abdeckung
…damit hier die liebevoll gemachte Abdeckung (eine ausgeschnittene, bezogene und lackierte MDF-Platte) eingesetzt werden kann (Foto: H.Biermann)
Wharfedale Linton Schallwand
Die Schallwand der Linton ist 25 Millimeter stark – absolute Seltenheit in der 1.000 Euro-Klasse. Kein Wunder, dass die sympathische Britin so schwer ist(Foto: H.Biermann)
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Peter Comeau hat natürlich ein komplett neues Klangkonzept entworfen. Es bleibt bei einem Dreiwege-Aufbau. Aber mit den neusten Chassis des Hauses. Als Tieftöner rackert eine Membran mit 20 Zentimetern in der Diagonale. Natürlich nicht mehr aus Papier. Doch Comeau kokettiert mit der Ästhetik von anno dazumal: statt Papier ist sie nun aus schwarz eingefärbtem Kevlar. Nach den gleichen Prinzipien springt über 600 Hertz auch der Mitteltöner an, hier aber mit einer Diagonale von 13,5 Zentimetern, oder eben 5 Zoll. Über 2,5 Kilohertz werden die Impulse einem klassischen Gewebehochtöner serviert, mit 2,5 Zentimetern in der Diagonale. Das ist alles kein Hexenwerk, sondern ein wirklich guter, klassischer Aufbau.

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Wharfedale Linton Tweeter1
Der Hochtöner ist eine klassische Gewekalotte (25 mm) und wird von einem Gitter geschützt (Foto: H.Biermann)
Wharfedale Linton Bass
Der Tieftöner ist ein 20 cm Kaliber und ebenfalls perfekt in der Schallwand versenkt (Foto: H.Biermann)
Wharfedale Linton Bass-Magnet
Durch einen aufgesetzten Zusatzmagneten bekommt der Tieftöner einen stattlichen Antrieb. Die Treiber entstehen übrigens allesamt unter dem IAG-Dach. Dadurch sind jederzeit Sonderversionen möglich. So wie diese für die Jubiläumsbox Linton (Foto: H.Biermann)
Wharfedale Linton Membran
Die Membranen aus verwobenen Kevlar-Strängen ist fast schon so etwas wie ein Erkennungszeichen der moderneren Wharfedale Lautsprecher. Auch Tief- und Mitteltöner der Linton arbeiten mit diesem extrem reißfesten Material (Foto: H.Biermann)
Wharfedale Linton Frequenzweiche
Man kommt aus dem Staunen nicht heraus: Auch die Frequenzweiche der 3-Wege-Kombination ist erstaunlich hochwertig bestückt (Foto: H.Biermann)
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18,4 Kilogramm bringt die Box auf die Waage. Nominell geht das noch als Regallautsprecher durch. Doch mit 56 Zentimetern in der Höhe wäre das heftig. Deshalb: Man müsste dumm sein, diesen Lautsprecher nicht frei im Raum aufzustellen, der passgenaue Ständer muss sein. Zumal genau dieser Ständer auch wunderbaren Raum freigibt für die Helden der eigenen LP-Sammlung. Da ist exakt der richtige Platz gelassen. Genial

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Wharfedale Linton Stands Logo
Der Fuß ist wenigstens genauso erstaunlich und günstig wie die Linton selbst. Hier trifft sich perfekte Verarbeitung mit sehr viel Holz und noch mehr Stahl (Foto: H.Biermann)
Stands Spike
Bei unebenen Fußböden kann man die Spikes in der Höhe verändern (Foto: H.Biermann)
Wharfedale Linton Stands
44 cm hoch, 14 Kilo schwer: Der Ständer passt perfekt zu den Lintons, ist aber so genial gemacht, dass wir ihn auch für ähnlich große Lautsprecher empfehlen müssen (Foto: Wharfedale)
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Und wieder trifft uns der unfassbar gute Preis in den Solarplexus, vielmehr in das Lindenblatt zwischen den Schultern. Für das Finish und das Knowhow allein hätten wir auch das Doppelte ausgegeben. Hier zeigt sich auch der Rücken wunderbar altmeisterlich. Es gibt nur ein gut gemachtes Single-Wiring-Terminal. Darüber links und rechts liegen die Öffnungen für den Bassreflex-Kanal.

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Rear
Ein schöner Rücken… Single-Wiring-Anschluss, zwei üppige Bassreflex-Rohre sowie das Etikett zieren die sauber furnierte Rückseite (Foto: H.Biermann)
Hier steht es Schwarz auf Gold: in England erdacht, in China gemacht (Foto: H.Biermann)
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Praxis & Aufstellung

Die Linton klingt ein wenig, wie sie aussieht: gemütlich. Und keineswegs zu wenig Bass. Eine Aufstellung direkt an der Rückwand würde ich daher vermeiden. Empfehlenswert sind mindestens 30 cm Abstand. Besser mehr.

im LowBeats Hörraum1
Die Lintons im kleinen LowBeats Hörraum. Hier hatten die besten Ergebnisse mit 50 bis 60 cm Abstand zur Rückwand (Foto: H.Biermann)

Die Messwerte zeigen einen Impedanzverlauf stabil oberhalb von 4 Ohm. Damit kommt jeder Verstärker gut zurecht. Allerdings ist die Wharfedale Linton in Bezug auf Leistungsaufnahme und -Verwertung wenig effizient; Verstärker mit wenig Leistung sind hier nicht der richtige Spielpartner – zumal im Bass durchaus Kontrolle erforderlich wäre…

Mit zwei (preislich passenden) Verstärkern des LowBeats Testfundus haben wir superbe Erfahrungen gemacht: mit dem kräftigen Pioneer A-70 DA und dem enorm feingeistigen Atoll IN 50 Signature. Beide kann ich nur ausdrücklich zur Linton enpfehlen.

Hörtest

Zuerst steht eine Glaubensfrage an: Sollen wir diesen Lautsprecher mit oder ohne Frontbespannung hören? Peter Comeau sagt es maximal ehrlich: Er hat die Linton mit Frontbespannung gehört und feingetunt. Keine weiteren Fragen an diesem Punkt. Also bitte „mit“. Und schon die ersten Töne haben uns geflasht – um es neudeutsch zu sagen. Wie ein Blitz in die Mitte unseres Bewusstseins. Die Vorurteile hätten uns gesagt: Das ist ein netter Lautsprecher, der mit seinen historischen Wurzeln kokettiert. Doch tatsächlich ist es ein lustvoller, fein spielender Edelwandler. Diese Spielfreude, diese Musikalität, dieser Preis. Seien wir Student oder Besserverdiener – dieser Lautsprecher wirft unser komplettes Wertegefüge durcheinander. Herrlich, dass es so etwas gibt.

Zuerst den ganz feinen Klang. Paul McCartney stimmt seine Ballade „Jenny Wren“ an. Links und rechts je eine akustische Gitarre, die Singstimme in der Mitte. Als wäre es ein Hauch. Wunderbar sensibel die Abbildung an der Linton. Dann ein Kontrabass, ein gehauchtes Schlagzeug – die Linton zieht uns auf intime Weise in diese Aufnahme hinein. So schön, so poetisch kann gutes High-End sein.

Wollen wir es etwas dicker? The Weeknd gibt uns den Push. „Alone Again“ spielt mit dem Tiefbass und der Singstimme. Alles leicht, dann schleicht sich der Tiefbass an, dann das maximale Gedeck des Synthesizer-Pop. Schläge unter die Gürtellinie. Die Wharfedale brachte alles an unser Herz, an unser Zwerchfell. Bis zu überraschenden Lautstärken. Wir müssen hier nicht über Musikgeschmack reden, sondern nur über Impulse. Die Linton bringt sie: satt, voluminös, aber nicht mit dem letzten Kick oder einem Höchstmaß an Auflösung und Präzision.

Also: Dynamiker und Präzisions-Fanatiker werden womöglich andere Schallwandler vorziehen. Diese sympatische Linton ist klanglich einer Harbeth P3ESR 40 AE sehr ähnlich: nicht die letzte Auflösung, aber satte Klangfarben und ein nach oben hin sanfter Verlauf – das typisch britische Klang-Ideal. Nur dass die Linton sehr viel größer und lauter aufspielen kann als dieser Nachfahr des legendären LS 3/5a. Und in Tradition der BBC-Monitor-Legende klingt auch die Wharfedale Linton etwas üppig in der Hüfte…

Doch damit genug der Kritik. Irgendwie fühlen wir, dass die Linton nicht für Hardrock und extrem dynamischen Jazz geschaffen ist. Man will mit diesem Liebling eher swingen, sich zurücklehnen und genießen. Deshalb der Ausflug in den Smmoth-Jazz: Malias The Garden of Eve ist in HighRes zu haben. Glücklich, wer in diesen Zeiten ein Qobuz-Abo besitzt.

Malia_The Garden Of Eve Cover
The Garden of Eve (Cover: Amazon)

Die eleganten Wellen von Schlagzeug, Bass und Stimme. Vor allem der Gesang ist zum Niederknien. Das stimmten Eleganz und pure Musizierlust. Dieser smoothe, feine Klang, die satten Klangfarben, die umfassende Räumlichkeit – dieser Lautsprecher rangiert in unserem Herzen ganz weit oben.

Fazit Wharfedale Linton

Man muss die Linton nicht lange sehen, nicht lange streicheln, nicht lange hören: In wenigen Minuten ist der sensible Mensch diesem Lautsprecher verfallen. Zudem braucht es keine Reichtümer. Meine Güte, 1.000 Euro für diese wundervolle Reminiszenz an das Früher. Ok, die Ständer gehen extra, doch hier würde die Konkurrenz uns abermals viel mehr Geld aus der Tasche ziehen. Wharfedale bleibt mit 300 Euro sehr human.

Die Linton ist ein Lautsprecher, der für diese Zeiten des verordneten Cocooning wie gemacht scheint: Die Pracht der Klangfarben kann größer kaum sein und als Gesamtlösung wertet sie jeden Wohnraum auf. Für uns ist das die schönste Überraschung der jüngsten Zeit.

Wharfedale Linton
2020/04
Test-Ergebnis: 4,6
ÜBERRAGEND
Bewertung
Klang
Praxis
Verarbeitung

Gesamt

Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse.
Unglaublich satter und reifer Klang
Genialer Ständer mit Platz für LPs, fantastische Verarbeitungsqualität
Fantastische Verarbeitungsqualität
Exzellente Preis-/Leistungs-Relation

Vertrieb:
IAD GmbH
Johann-Georg-Halske-Str.11
41352 Korschenbroich
Telefon: 02161 / 617830
www.wharfedale-deutschland.de

Preis (Hersteller-Empfehlung)
Wharfedale Linton: 1.000 Euro
Wharfedale Linton Stands: 300 Euro

Im Test erwähnt:

Test Harbeth P3ESR 40 AE: der designierte LS 3/5 Nachfolger
Test Vollverstärker Atoll IN 50 Signature: volle Klangpracht für 750 Euro

Autor: Andreas Günther

Andreas Günther
Der begeisterte Operngänger und Vinyl-Hörer ist so etwas wie die Allzweckwaffe von LowBeats. Er widmet sich allen Gerätearten, recherchiert aber fast noch lieber im Bereich hochwertiger Musikaufnahmen.