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Rike Audio Natalija Test Aufmacherbild
Äußerlich unscheinbar, aber klanglich ein absoluter Überflieger: die MM/MC-Phonostufe Natalija von Rike Audio für 2.600 Euro (Foto: Rike Audio)

Test: MM/MC-Phonovorstufe Rike Audio Natalija

Rike Audio, eine der weltweit führenden Adressen für erlesene Audio-Kondensatoren, ist drauf und dran, sich auch auf dem Elektronik-Sektor echten Kultstatus zu erobern. Die Röhren-Phonovorstufe Rike Audio Natalija, eine der wohlfeilsten und gleichzeitig spannendsten Kreationen der fränkischen High-End-Manufaktur, erwies sich im Test glücklicherweise als wesentlich mitteilungsfreudiger als ihr geistiger Vater. LowBeats Autor Ulrich Michalik hörte das unscheinbare Kästchen in etlichen Anlagen-Konfigurationen und kam zu einem selten euphorischen Urteil. Hier ist sein Bericht.

Wenn Sie, zumal als Fachjournalist, einen HiFi-Hersteller nach den Alleinstellungsmerkmalen seiner Schöpfungen befragen, dann ergeht es Ihnen in der Regel wie dem Moderator einer Politiker-Talkshow: Sie sehen sich mit einem Schwall von Textbausteinen konfrontiert, der – wenn Ihr Gegenüber einen guten Tag und Sie großes Glück haben – den einen oder anderen druckreifen Allgemeinplatz enthält. Wirklich erhellende, zielführende Informationen, die berühmten sachdienlichen Hinweise, sind indes so wahrscheinlich wie frivoler WhatsApp-Verkehr zwischen Grünen-Chef Robert Habeck und Rechtsaußenauslegerin Beatrix von Storch.

Als ich Rike Audio-Mastermind Georg Arsin kontaktierte, um ihm zwecks Recherche zu diesem Bericht die Geheimnisse seiner in Kennerzirkeln hochgelobten Phonovorstufe Natalija zu entlocken, da herrschte am anderen Ende der Leitung zunächst einmal Totenstille. „Hallo, Herr Arsin, sind Sie noch da?“ „Ja, klar, aber was meinen Sie mit Besonderheiten?“ „Nun, es muss doch einen Grund geben, weshalb Natalija wahre Wunderdinge nachgesagt werden. Haben Sie schaltungstechnisch etwas Revolutionäres erfunden?“ Wieder Totenstille am anderen Ende. „Hallo, Herr Arsin, sind Sie noch da?“ „Ach, wissen Sie, Röhrenschaltungen gibt’s seit Jahrzehnten im Prinzip gerade mal fünf, neu zu erfinden war da nix.“

In diesem Stil ging es eine ganze Weile weiter, ehe mir dämmerte, dass der Mann am anderen Ende weder ahnungsunbelastet noch sprachbehindert ist. Georg Arsin ist schlichtweg kein Phrasendrescher, kein Dampfplauderer, kein Aufschneider. Georg Arsin ist ein bemerkenswert bescheidener Mensch. Und einer, der offenbar sehr genau weiß, was er tut.

Rike Audio Natalija: Die Technik

Natalija ist eine Phonostufe, die entweder nur die Signale von Magnetsystemen verstärkt oder zusätzlich auch die Ministrömchen von Moving-Coil-Tondosen hochpäppelt. Gegenstand dieses Erfahrungsberichtes ist die universelle Version Natalija MM/MC 2, der ich vorab attestiere, ihren Mehrpreis unbedingt wert zu sein. Denn den wird sie im unwahrscheinlichen Falle eines baldigen Weiterverkaufs locker wieder einspielen.

Die Rike Audio Natalja ist ein reinrassiges Röhren-Design insofern, als in ihrer eigentlichen Audio-Botanik kein Milligramm Silizium wuchert, Transistorisiertes gedeiht nur in der Peripherie. Die gesamte Natalija-Schaltung, so Georg Arsin, wurde von ihm und seinen beiden Co-Entwicklern um einen Röhrentyp herum gestrickt, dem im Planungsstadium vier Grundvoraussetzungen ins Lastenheft diktiert worden waren: Nichtalltäglichkeit, überlegene Klangeigenschaften, langfristig gesicherte Verfügbarkeit, günstiger Preis.

Unterm Strich hatte sich der letztlich gewählte Glaskolben kaum ernsthafter Konkurrenz zu erwehren, zu überlegen, so Arsin, seine audiophile Performance. Die 6HM5 (EC900) ist eine in den frühen 1970ern ursprünglich für TV-Zwecke entwickelte HF-Triode, von der sich Rike Audio dank überschaubarer Stückkosten von rund fünf Euro einen größeren Posten aus ex-jugoslawischen Militärbeständen auf Lager gelegt hat. Man weiß ja nie.

Und, zu diesem einen Klopfer auf die eigene Schulter lässt er sich hinreißen, man habe es sogar geschafft, dieser von Haus aus bereits sehr robusten Röhre echte Long-Life-Eigenschaften anzuerziehen. Ein paar tausend Stunden ungetrübten Hörgenusses seien ohne weiteres drin. Kehrseite der Medaille: Um das Riesenpotenzial der 6HM5 voll auszuschöpfen, sei enormer Schaltungs- und – Stichwort: Feinabstimmung – fertigungstechnischer Aufwand erforderlich.

Pro Kanal arbeiten in der Rike Audio Natalija jeweils zwei 6HM5. Die erste erledigt die Eingangsverstärkung und sitzt zwischen RIAA-Netzwerk und ihrer als Ausgangstreiber dienenden Zwillingsschwester. Die RIAA-Entzerrung selbst ist zweistufig und, wie in Top-(Röhren-)Geräten üblich, passiv ausgeführt. Außergewöhnlich daran sei mal wieder, Sie ahnen es, rein gar nichts. Die für potenzielle Interessenten womöglich weltverändernde Information, dass sämtliche Kondensatoren und Widerstände an diesem besonders klangsensiblen Schaltungsdetail für jede produzierte Natalija einzeln ausgemessen werden, erhalte ich nur, weil ich sie Georg Arsin unter metaphorischer Gewaltandrohung buchstäblich aus der Nase ziehe.

Rike Audio Natalia Tubes
Die Trioden vom Typ 6HM5 stammen aus ex-jugoslawischen NOS-Militärbeständen, klingen vorzüglich, kosten nicht viel und sollen eine kleine Ewigkeit halten. Die berühmten S-Cap-Ölpapierkondensatoren aus eigener Fertigung sind normalerweise nur in wesentlich teureren Komponenten anzutreffen (Foto: U. Michalik)

Weshalb er diesen wahrhaftig nicht alltäglichen Aufwand nicht wenigstens für eine etwas spektakulärer anmutende Prospektangabe von Natalijas RIAA-Präzision nutze? Nicht Stil des Hauses, sorry. 0,5dB seien ja schon sehr, sehr gut, die könne er guten Gewissens quasi zu jeder Tages- und Nachtzeit garantieren, und wenn die Konkurrenz wesentlich optimistischere Werte publiziere, dann beäuge er dies mit einer gehörigen Portion skeptischen Amüsements. „Ok“, räumt er auf Nachhaken des investigativen Reporters ein, „da wird häufig gelogen, dass sich die Balken biegen.“

Um ankommende MC-Signale kümmert sich in der Rike Audio Natalija ein Pärchen erlesener Übertrager vom schwedischen Spezialisten Lundahl. Es handelt sich dabei um eine Maßanfertigung für Rike Audio, die ein Anheben der MM-Spannungsverstärkung von 41dB um 20 respektive 26dB auf dann 61 bzw. 67dB erlaubt.

Neben der standardisierten MM-Eingangsimpedanz von 47kOhm ist im MC-Zweig eine fünfstufige Anpassung an den jeweiligen Abtaster vorgesehen. Zur Verfügung stehen 20, 50, 100, 200 und 500 Ohm, wobei der häufig genutzte 100-Ohm-Wert sowohl für 20 als auch für 26dB Spannungsverstärkung nutzbar ist. Und damit wollen wir’s mit dem Zahlenfriedhof auch schon bewenden lassen.

Rike Audio Natalia Back
Das Anschlussfeld birgt keine Geheimnisse: zwei umschaltbare Eingänge und ein Ausgang jeweils über unsymmetrische Cinch-Terminals. Fünfstufiger MC-Eingangswiderstand und 2-stufige MC-Verstärkung für optimale Tonabnehmeranpassung. Leider sind die Anpassungs-Schalter auf der Rückseite; das ist manchmal etwas fummelig (Foto: Rike Audio)

Üppige Anpassungsoptionen sind längst nicht mehr ausschließliches Privileg von Phonostufen gehobener bis entrückter Preisregionen, das bieten heutzutage schon zahlreiche Vertreter der Holzklasse. Was Rike Audio Natalija aus der Masse heraushebt, ist ihre überragende Bauteile- und Verarbeitungsqualität. Gut, das Gehäuse mit dem seitlich links versteckten Netzschalter ist gewiss kein designerischer Husarenstreich. Aber es ist perfekt passgenau verschraubt, es schirmt vernünftig, und dank strategisch kluger Schlitze an Deckel und Boden tut die von den Röhren im Maschinenraum erzeugte Warmluft genau das, was sie soll: Sie verzieht sich in bester Kaminmanier nach oben. Natalija wird so auch nach stundenlangem Betrieb allenfalls handwarm.

Richtig interessant wird’s unter Natalijas Haube. Die vier Glaskolben stecken in feinen Keramiksockeln mit – wo gibt’s das heute noch?! – darüber gestülpten, temperaturstabilisierenden Blechverhüterlis. Freilich nicht, ohne zuvor penibel auf vernachlässigbares Rauschen, geringste Mikrofonie und perfekte Kanalsymmetrie selektiert worden zu sein.

Dass die Güte von Widerständen und Kondensatoren jedem Messgerät zur Ehre gereichen würde, wurde bereits andiskutiert. Nicht jedoch, dass sich unterm Blech sogar ein Quartett der anerkannt vorzüglichen, hauseigenen S-Cap-Ölpapierkondensatoren tummelt. Derer bedient sich der zahlungskräftige Wettbewerb ebenfalls oft und gerne, allerdings zumeist in Komponenten, die zu ganz anderen Endkundentarifen gehandelt werden als Rike Audio Natalija. Dies, bestätigt Georg Arsin mit einem unüberhörbaren Schmunzeln im Tonfall, sei eben der Vorteil einer gewissen Fertigungstiefe.

Rike Audio Natalia innen
Doppel-Mono-Audioschaltung und Spannungsversorgung sind in maximalem Abstand untergebracht. Rechts oben die beiden via Widerstandsnetzwerk umschaltbaren Lundahl-Übertrager für MC-Betrieb. Links unten der mächtige, absolut brummfreie Netztrafo. Und: Sorbothan-Vibrationsdämpfung, wohin das Auge fällt (Foto: U. Michalik)

Gefertigt wird übrigens nicht irgendwo in der fernöstlichen Walachei, sondern im Hochlohnland Deutschland, genauer im mittelfränkischen Fürth. Was insofern hervorzuheben ist, als man der Rike Audio Natalija neben den geschilderten Individuallösungen bei RIAA-Entzerrung und Röhrenselektion noch ein weiteres höchst zeit- und damit kostenintensives Feintuning angedeihen lässt: Sie ist Gegenstand interner Dämpfungsmaßnahmen, wie ich sie in keinem anderen HiFi-Gerät je beobachtet habe.

Denn was man bei oberflächlichem Hingucken als heimliches Lakritze-Depot von Georg Arsins jüngster Enkeltochter missinterpretieren könnte, entpuppt sich realiter als Sorbothan an nicht weniger als 22 – in Worten: zweiundzwanzig – neuralgischen Resonanzpunkten des Testmusters, etwa an Kabeln, Platinen, Kondensatoren, Schrauben, Buchsen und Gehäusekanten. An der Unterseite des Gehäusedeckels macht sich flächendeckend Bitumen breit. Definitiv kein Einzelfall, versichert Arsin, bei der einen Natalija sei der Aufwand etwas größer, bei der anderen etwas geringer. Jedes einzelne Gerät, das seine Manufaktur verlässt, würde skrupulös auf parasitäre Resonanzen abgeklopft und individuell zwangssediert.

Sie werden mir beipflichten, geneigte Leser, Natalija müsste man angesichts dieses produktionstechnischen Overkills eine grundseriöse Preisgestaltung attestieren, und böte sie klanglich nur schlichte Hausmannskost. Was sie keineswegs tut, wie sich im folgenden, aufschlussreichen Hörtest erwies.

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