Rike Audio Natalija Test Aufmacherbild
Äußerlich unscheinbar, aber klanglich ein absoluter Überflieger: die MM/MC-Phonostufe Natalija von Rike Audio für 2.600 Euro (Foto: Rike Audio)

Test: MM/MC-Phonovorstufe Rike Audio Natalija

Rike Audio, eine der weltweit führenden Adressen für erlesene Audio-Kondensatoren, ist drauf und dran, sich auch auf dem Elektronik-Sektor echten Kultstatus zu erobern. Die Röhren-Phonovorstufe Rike Audio Natalija, eine der wohlfeilsten und gleichzeitig spannendsten Kreationen der fränkischen High-End-Manufaktur, erwies sich im Test glücklicherweise als wesentlich mitteilungsfreudiger als ihr geistiger Vater. LowBeats Autor Ulrich Michalik hörte das unscheinbare Kästchen in etlichen Anlagen-Konfigurationen und kam zu einem selten euphorischen Urteil. Hier ist sein Bericht.

Wenn Sie, zumal als Fachjournalist, einen HiFi-Hersteller nach den Alleinstellungsmerkmalen seiner Schöpfungen befragen, dann ergeht es Ihnen in der Regel wie dem Moderator einer Politiker-Talkshow: Sie sehen sich mit einem Schwall von Textbausteinen konfrontiert, der – wenn Ihr Gegenüber einen guten Tag und Sie großes Glück haben – den einen oder anderen druckreifen Allgemeinplatz enthält. Wirklich erhellende, zielführende Informationen, die berühmten sachdienlichen Hinweise, sind indes so wahrscheinlich wie frivoler WhatsApp-Verkehr zwischen Grünen-Chef Robert Habeck und Rechtsaußenauslegerin Beatrix von Storch.

Als ich Rike Audio-Mastermind Georg Arsin kontaktierte, um ihm zwecks Recherche zu diesem Bericht die Geheimnisse seiner in Kennerzirkeln hochgelobten Phonovorstufe Natalija zu entlocken, da herrschte am anderen Ende der Leitung zunächst einmal Totenstille. „Hallo, Herr Arsin, sind Sie noch da?“ „Ja, klar, aber was meinen Sie mit Besonderheiten?“ „Nun, es muss doch einen Grund geben, weshalb Natalija wahre Wunderdinge nachgesagt werden. Haben Sie schaltungstechnisch etwas Revolutionäres erfunden?“ Wieder Totenstille am anderen Ende. „Hallo, Herr Arsin, sind Sie noch da?“ „Ach, wissen Sie, Röhrenschaltungen gibt’s seit Jahrzehnten im Prinzip gerade mal fünf, neu zu erfinden war da nix.“

In diesem Stil ging es eine ganze Weile weiter, ehe mir dämmerte, dass der Mann am anderen Ende weder ahnungsunbelastet noch sprachbehindert ist. Georg Arsin ist schlichtweg kein Phrasendrescher, kein Dampfplauderer, kein Aufschneider. Georg Arsin ist ein bemerkenswert bescheidener Mensch. Und einer, der offenbar sehr genau weiß, was er tut.

Rike Audio Natalija: Die Technik

Natalija ist eine Phonostufe, die entweder nur die Signale von Magnetsystemen verstärkt oder zusätzlich auch die Ministrömchen von Moving-Coil-Tondosen hochpäppelt. Gegenstand dieses Erfahrungsberichtes ist die universelle Version Natalija MM/MC 2, der ich vorab attestiere, ihren Mehrpreis unbedingt wert zu sein. Denn den wird sie im unwahrscheinlichen Falle eines baldigen Weiterverkaufs locker wieder einspielen.

Die Rike Audio Natalja ist ein reinrassiges Röhren-Design insofern, als in ihrer eigentlichen Audio-Botanik kein Milligramm Silizium wuchert, Transistorisiertes gedeiht nur in der Peripherie. Die gesamte Natalija-Schaltung, so Georg Arsin, wurde von ihm und seinen beiden Co-Entwicklern um einen Röhrentyp herum gestrickt, dem im Planungsstadium vier Grundvoraussetzungen ins Lastenheft diktiert worden waren: Nichtalltäglichkeit, überlegene Klangeigenschaften, langfristig gesicherte Verfügbarkeit, günstiger Preis.

Unterm Strich hatte sich der letztlich gewählte Glaskolben kaum ernsthafter Konkurrenz zu erwehren, zu überlegen, so Arsin, seine audiophile Performance. Die 6HM5 (EC900) ist eine in den frühen 1970ern ursprünglich für TV-Zwecke entwickelte HF-Triode, von der sich Rike Audio dank überschaubarer Stückkosten von rund fünf Euro einen größeren Posten aus ex-jugoslawischen Militärbeständen auf Lager gelegt hat. Man weiß ja nie.

Und, zu diesem einen Klopfer auf die eigene Schulter lässt er sich hinreißen, man habe es sogar geschafft, dieser von Haus aus bereits sehr robusten Röhre echte Long-Life-Eigenschaften anzuerziehen. Ein paar tausend Stunden ungetrübten Hörgenusses seien ohne weiteres drin. Kehrseite der Medaille: Um das Riesenpotenzial der 6HM5 voll auszuschöpfen, sei enormer Schaltungs- und – Stichwort: Feinabstimmung – fertigungstechnischer Aufwand erforderlich.

Pro Kanal arbeiten in der Rike Audio Natalija jeweils zwei 6HM5. Die erste erledigt die Eingangsverstärkung und sitzt zwischen RIAA-Netzwerk und ihrer als Ausgangstreiber dienenden Zwillingsschwester. Die RIAA-Entzerrung selbst ist zweistufig und, wie in Top-(Röhren-)Geräten üblich, passiv ausgeführt. Außergewöhnlich daran sei mal wieder, Sie ahnen es, rein gar nichts. Die für potenzielle Interessenten womöglich weltverändernde Information, dass sämtliche Kondensatoren und Widerstände an diesem besonders klangsensiblen Schaltungsdetail für jede produzierte Natalija einzeln ausgemessen werden, erhalte ich nur, weil ich sie Georg Arsin unter metaphorischer Gewaltandrohung buchstäblich aus der Nase ziehe.

Rike Audio Natalia Tubes
Die Trioden vom Typ 6HM5 stammen aus ex-jugoslawischen NOS-Militärbeständen, klingen vorzüglich, kosten nicht viel und sollen eine kleine Ewigkeit halten. Die berühmten S-Cap-Ölpapierkondensatoren aus eigener Fertigung sind normalerweise nur in wesentlich teureren Komponenten anzutreffen (Foto: U. Michalik)

Weshalb er diesen wahrhaftig nicht alltäglichen Aufwand nicht wenigstens für eine etwas spektakulärer anmutende Prospektangabe von Natalijas RIAA-Präzision nutze? Nicht Stil des Hauses, sorry. 0,5dB seien ja schon sehr, sehr gut, die könne er guten Gewissens quasi zu jeder Tages- und Nachtzeit garantieren, und wenn die Konkurrenz wesentlich optimistischere Werte publiziere, dann beäuge er dies mit einer gehörigen Portion skeptischen Amüsements. „Ok“, räumt er auf Nachhaken des investigativen Reporters ein, „da wird häufig gelogen, dass sich die Balken biegen.“

Um ankommende MC-Signale kümmert sich in der Rike Audio Natalija ein Pärchen erlesener Übertrager vom schwedischen Spezialisten Lundahl. Es handelt sich dabei um eine Maßanfertigung für Rike Audio, die ein Anheben der MM-Spannungsverstärkung von 41dB um 20 respektive 26dB auf dann 61 bzw. 67dB erlaubt.

Neben der standardisierten MM-Eingangsimpedanz von 47kOhm ist im MC-Zweig eine fünfstufige Anpassung an den jeweiligen Abtaster vorgesehen. Zur Verfügung stehen 20, 50, 100, 200 und 500 Ohm, wobei der häufig genutzte 100-Ohm-Wert sowohl für 20 als auch für 26dB Spannungsverstärkung nutzbar ist. Und damit wollen wir’s mit dem Zahlenfriedhof auch schon bewenden lassen.

Anschlussfeld
Das Anschlussfeld birgt keine Geheimnisse: zwei umschaltbare Eingänge und ein Ausgang jeweils über unsymmetrische Cinch-Terminals. Fünfstufiger MC-Eingangswiderstand und 2-stufige MC-Verstärkung für optimale Tonabnehmeranpassung. Leider sind die Anpassungs-Schalter auf der Rückseite; das ist manchmal etwas fummelig (Foto: Rike Audio)

Üppige Anpassungsoptionen sind längst nicht mehr ausschließliches Privileg von Phonostufen gehobener bis entrückter Preisregionen, das bieten heutzutage schon zahlreiche Vertreter der Holzklasse. Was Rike Audio Natalija aus der Masse heraushebt, ist ihre überragende Bauteile- und Verarbeitungsqualität. Gut, das Gehäuse mit dem seitlich links versteckten Netzschalter ist gewiss kein designerischer Husarenstreich. Aber es ist perfekt passgenau verschraubt, es schirmt vernünftig, und dank strategisch kluger Schlitze an Deckel und Boden tut die von den Röhren im Maschinenraum erzeugte Warmluft genau das, was sie soll: Sie verzieht sich in bester Kaminmanier nach oben. Natalija wird so auch nach stundenlangem Betrieb allenfalls handwarm.

Richtig interessant wird’s unter Natalijas Haube. Die vier Glaskolben stecken in feinen Keramiksockeln mit – wo gibt’s das heute noch?! – darüber gestülpten, temperaturstabilisierenden Blechverhüterlis. Freilich nicht, ohne zuvor penibel auf vernachlässigbares Rauschen, geringste Mikrofonie und perfekte Kanalsymmetrie selektiert worden zu sein.

Dass die Güte von Widerständen und Kondensatoren jedem Messgerät zur Ehre gereichen würde, wurde bereits andiskutiert. Nicht jedoch, dass sich unterm Blech sogar ein Quartett der anerkannt vorzüglichen, hauseigenen S-Cap-Ölpapierkondensatoren tummelt. Derer bedient sich der zahlungskräftige Wettbewerb ebenfalls oft und gerne, allerdings zumeist in Komponenten, die zu ganz anderen Endkundentarifen gehandelt werden als Rike Audio Natalija. Dies, bestätigt Georg Arsin mit einem unüberhörbaren Schmunzeln im Tonfall, sei eben der Vorteil einer gewissen Fertigungstiefe.

Natalia innen
Doppel-Mono-Audioschaltung und Spannungsversorgung sind in maximalem Abstand untergebracht. Rechts oben die beiden via Widerstandsnetzwerk umschaltbaren Lundahl-Übertrager für MC-Betrieb. Links unten der mächtige, absolut brummfreie Netztrafo. Und: Sorbothan-Vibrationsdämpfung, wohin das Auge fällt (Foto: U. Michalik)

Gefertigt wird übrigens nicht irgendwo in der fernöstlichen Walachei, sondern im Hochlohnland Deutschland, genauer im mittelfränkischen Fürth. Was insofern hervorzuheben ist, als man der Rike Audio Natalija neben den geschilderten Individuallösungen bei RIAA-Entzerrung und Röhrenselektion noch ein weiteres höchst zeit- und damit kostenintensives Feintuning angedeihen lässt: Sie ist Gegenstand interner Dämpfungsmaßnahmen, wie ich sie in keinem anderen HiFi-Gerät je beobachtet habe.

Denn was man bei oberflächlichem Hingucken als heimliches Lakritze-Depot von Georg Arsins jüngster Enkeltochter missinterpretieren könnte, entpuppt sich realiter als Sorbothan an nicht weniger als 22 – in Worten: zweiundzwanzig – neuralgischen Resonanzpunkten des Testmusters, etwa an Kabeln, Platinen, Kondensatoren, Schrauben, Buchsen und Gehäusekanten. An der Unterseite des Gehäusedeckels macht sich flächendeckend Bitumen breit. Definitiv kein Einzelfall, versichert Arsin, bei der einen Natalija sei der Aufwand etwas größer, bei der anderen etwas geringer. Jedes einzelne Gerät, das seine Manufaktur verlässt, würde skrupulös auf parasitäre Resonanzen abgeklopft und individuell zwangssediert.

Sie werden mir beipflichten, geneigte Leser, Natalija müsste man angesichts dieses produktionstechnischen Overkills eine grundseriöse Preisgestaltung attestieren, und böte sie klanglich nur schlichte Hausmannskost. Was sie keineswegs tut, wie sich im folgenden, aufschlussreichen Hörtest erwies.

Der Hörtest

Mein allererstes Hör-Rendezvous mit Natalija ging gründlich in die Hose. Dabei dürfen die übrigen Kettenglieder als perfekt eingespieltes Team gelten: Laufwerk Linn Sondek LP12 mit großem Subchassis-, Netzteil- und Tonarm/Abtaster-Besteck, von Audioplan modifizierte Line-Vorstufe Jadis JP-15 Signature plus vier Jadis JA-30-Röhren-Monoblöcke zur Befeuerung meiner für Bi-Amping-Betrieb umgebauten Klipsch Cornwalls der ersten Generation. Quell des Ungemachs: Die 100 Ohm, mit denen ich meine großen Linn-MCs von Asak bis Kandid seit gefühlten 100 Jahren abzuschließen pflege, klangen mit Natalija ernüchternd, nun ja, nüchtern. Keine Spur von Spielfreude, tonal recht hart und blässlich, die Dynamik, wie es der Angloamerikaner so treffend formuliert, nothing to write home about.

Besser wurde es erst, als ich mich Georg Arsins eindringlicher Empfehlung erinnerte, furchtlos mit SÄMTLICHEN zur Verfügung stehenden Abschlusswerten und Verstärkungsfaktoren zu experimentieren. Immerhin seinen hier Übertrager am Werk, und die würden sich nun mal kapriziöser und weniger berechenbar verhalten als klassische elektronische Schaltungen. Und siehe da, mit 250 Ohm klang’s tatsächlich um Welten besser. Die Rike Audio Natalija ließ ihre rhythmischen Muskeln spielen, an die Stelle tonaler Tristesse trat eine breite, wenn auch nicht wirklich pralle Klangfarbenpalette, der vormals arg komprimierte Raum öffnete sich vor allem in Tiefe und Höhe, und dynamisch schien die in Testerkreisen so gern zitierte Handbremse um etliche Zacken gelockert.

Da sich auch die Rike’schen Ölpapierkondensatoren allmählich zu akklimatisieren schienen – Georg Arsin spricht von rund 300 Stunden bis zu deren voller klanglichen Blüte –, hörte ich ein paar Tage lang mit dieser Einstellung zufrieden Musik, ohne mir die gelegentliche Sinnesfrage zu verkneifen, was um Himmels Willen einige von mir hoch geschätzte Kollegen und Händler an der Rike Audi Natalija wohl derartig enthusiasmiert haben mochte. Einigermaßen zufrieden Musik hören kann man fraglos auch mit Phonostüfchen für einen Bruchteil des Natalija-Preises. Da es meiner Kette an allem Möglichen mangeln mag, nur nicht an Gain, und sich ein Hochziehen der MC-Verstärkung von 61 auf 67dB erwartungsgemäß als kontraproduktiv erwies, blieb als letzte Option ein Eingangswiderstand von 500 Ohm. Ein Wert, der mich in Kombination mit den großen Linn-MCs noch nie zu Begeisterungsstürmen hatte hinreißen können und den ich zugegebenermaßen nur ausprobierte, um meiner Chronistenpflicht Genüge zu tun.

Bei Natalija war’s mehr als der Schlüssel zum Erfolg, es war die Pforte zum Nirvana. Kein Anflug von der befürchteten Kratzbürstigkeit, vielmehr klang der Hochtonbereich plötzlich herrlich glatt und geschmeidig, wie ein frisch geölter Babypopo. Am entgegengesetzten Ende der Frequenzleiter, im Bass, langte sie jetzt mit viel mehr Verve und Präzision hin, an schierer Abgründigkeit und Schwärze hatte ohnehin nie ein Mangel geherrscht. Mittendrin ist endlich das zu spüren, was ich vorher schmerzlich vermisst hatte: Gelöstheit und Artikulation. Und der Raum? Der erfreute sich nicht allein üppiger Dimensionen, es rührte sich endlich auch was, es war Luft drin und Leben, Stimmung und Atmosphäre.

All dies, werden Sie jetzt einwerfen, ist beileibe kein Privileg von Natalija, sondern etwas, was man bei einer Phonovorstufe von Weltklasseformat mit Fug und Recht erwarten darf. Was die Rike Audio Natalija zu etwas Außergewöhnlichem macht, ist die Lockerheit, die Nonchalance, mit der sie sich audiophiler Standardübungen entledigt. Was mich an ihr fasziniert, ist, dass sie bei analytischem Hören in keiner Einzeldisziplin weniger als Herausragendes abliefert, ohne auch nur im Mindesten zu sezierendem Hören zu animieren. Anders formuliert: Sie klingt spektakulär unspektakulär. Und spendet mithin exakt das, wovon wir passionierte Musikjunkies immer träumen: inneren Frieden. Man spürt, man ist angekommen. Endlich. Natalija ist Materie gewordene Harmonie.

Ha, höre ich den einen oder anderen unken, müffelt verdächtig nach gepflegter Langeweile. Weit gefehlt, liebe Verschwörungstheoretiker, die Rike Audio Natalija ist alles andere als eine Schlaftablette. Sie kommt im Gegenteil richtig zackig zur Sache. Sie hat Rhythmus in den Leiterbahnen, versteht sich auf den Unterschied zwischen rein technischer und musikalischer Transparenz. Sie hat den verflixt seltenen Dreh drauf, das eine Talent nicht mit der anderen Untugend erkaufen zu müssen. Und wenn ich in über 30 Jahren HiFi-Journalismus aus der Beschäftigung mit unzähligen Komponenten eines gelernt habe: Praktisch JEDE ad hoc ohrenfällige Klangeigenschaft – sei es der markerschütternde Bass, die stupende Auflösung, die exorbitante Raumtiefe oder die atemberaubende Dynamik – geht einem früher oder später auf den Senkel. Unweigerlich. Weil sie in neuneinhalb von zehn Fällen auf Kosten von etwas unendlich Wichtigerem gehen, der Natürlichkeit.

Da lobe ich mir die Rike Audio Natalija, bei der es mir nach etlichen Monaten intensiver Beschäftigung noch immer nicht gelingt, den Finger in eine klaffende Wunde zu legen. Vielmehr gehe ich jeden Abend auf Detailpirsch in meinen Schallplattenwald und bette mein Haupt so gut wie nie, ohne zuvor fette Beute eingefahren zu haben. Kein Vertun, anderswo gibt’s tiefere Tiefen, höhere Höhen, mittigere Mitten und geräumigere Räume, aber es schert mich einen feuchten Kehricht.

Dass Natalijas Optik und Preisschild kaum zum Beeindrucken schlichter Gemüter taugen, ficht mich nicht an. Solange sie die Zuverlässigkeit eines Rolex-Werks an den Tag legt, nicht brummt, nicht rauscht, nicht ploppt, nicht sprazzelt, nicht zerrt und auch sonst nie etwas von sich gibt, was sie sich besser hätte verkneifen sollen. Dafür hüpft mein Herz vor Wonne und Genugtuung, wenn Menschen, deren Urteil ich schätze, mein eigenes, höchst subjektives Empfinden untermauern: Wow, so gut habe ich deine Anlage noch nie gehört! Denn Hand aufs Herz: Ist, ganz objektiv betrachtet, die subjektive Wahrheit am Ende des Tages nicht die einzige, die wirklich zählt?

Vor langer, langer Zeit habe ich für das Fachblatt Image HiFi einen Vinylsampler produziert, der mich in meinem unerschütterlichen Glauben bestärkte, dass nicht alle Highender humorbefreite Spießer sind mit den gesammelten Diana Krall- und Claire Martin-Oevres im Regal plus Knock Out, Jazz At The Pawnshop und vielleicht noch zwei, drei öden Testschallplatten. Die Scheibe hieß Schlager In HiFi – 14 audiophile Evergreens der 50er und 60er Jahre und enthielt neben einigen leicht- bis mittelschrägen Songs aus der Wirtschaftwundertüte als vielleicht bizarrsten Track den Belafonte-Evergreen Day-o (Banana Boat Song) in der zum Niederknien (unfreiwillig?) komischen Interpretation von Leo Leandros, dem Vater von Vicky – „Theo, wir fahr’n nach Lodz“ – Leandros.

Nie werde ich vergessen, wie ich im Schlepptau des großartigen, aber leider viel zu früh verstorbenen Mastering-Ingenieurs Willem Makkee das riesige Archiv der Polygram in Hannover erst nach optimalem Bandmaterial durchforstete, um dann mit weit geöffneten Augen und Ohren, schneeweißen Fingerknöcheln und staubtrockenen Lippen gebannt zu verfolgen, wie Willem nach etlichen Test-Cuts den „Mister Talliman“ schließlich in analoger Jungfräulichkeit, also ohne Digital-Delay zur Vorschubsteuerung, in Lackfolie verewigte.

Ich erinnere mich wie heute, wie entwaffnend lebensnah und selbstverständlich das Ganze aus den betont analytischen Monitorboxen in Willems Masteringstudio rüberkam. Ich besitze und hüte wie Augäpfel die Probeumschnitte, die Weiß- und die Erstpressungen. Ich habe die Platte über Anlagen unterschiedlichster Couleur gehört und meine daher, mit einiger Autorität konstatieren zu dürfen: Die Rike Audio Natalija kommt dem originalen Masterband in den meisten mir wichtigen Punkten näher als jede andere mir bekannte Phonovorstufe.

Im Stile der erlauchten Hochpreis-Konkurrenz fördert sie mit Akribie all die aufnahmetechnischen Bonbons zutage, an denen ich mich hoffentlich nie werde satthören können: den brillant eingesetzten Hall auf Solo- und Background-Vocals, die explosive hoch-, mittel- und tieffrequente Percussion, die schier endlose und selbstredend rein artifizielle Raumtiefe.

Anstatt das genialisch schlichte Arrangement in unschöner audiophiler Manier lediglich in seine Eingeweide aufzudröseln, belässt die Rike Audio Natalija dem Song seine Originalität und Authentizität, seine Homogenität und seinen nostalgisch-spitzbübischen Charme. Es klingt wunderbar analog und nicht wie eine astronomisch fein gerasterte, aber letztlich doch irgendwie stimmungsbefreite Hochbitkopie. Wüsste ich’s nicht besser, nie im Leben würde ich auf die Idee kommen, dass es sich hier um astreines Mono anno 1957 handelt.

Linn Sondek LB12
An diesem Frontend fühlt sich Natalija nach kurzem Fremdeln pudelwohl: großer Linn Sondek LP12 mit Subchassis Keel, Netzteil Radikal, Tonarm Ekos SE und MC-System Kandid sowie Line-Vorstufe Jadis JP-15 Signature auf den tollen Tischen von Time Table (Foto: U. Michalik)

Oder nehmen wir vom selben Album Freddy Quinn, der in den Swingin’ Sixties hierzulande zeitweise mehr Platten unters Volk brachte als Beatles und Rolling Stones zusammen. Sein vermutlich mit Bert Kaempfert und dessen Crack-Kapelle eingespielter Gassenhauer „Die Gitarre und das Meer“ leistet mir seit Jungredakteurszeiten unbestechliche Dienste, wenn es darum geht, dem Timing eines Geräts auf den Zahn zu fühlen. Bereits nach wenigen Takten ist klar, ob Woodblock, Shaker und Rhythmusklampfe, wie leider viel zu oft, nur als lautmalerisches Beiwerk dienen, das man, wenn man’s überhaupt wahrnimmt, bestenfalls als Nebengeräusch abhakt.

Oder ob sie, wie über die Rike Audio Natalija, elementarer Bestandteil eines unwiderstehlich griffigen Arrangements sind, indem sie dem Song ein hanseatisches Rumba-Feeling und einen rhythmischen Pfiff einhauchen, der selbst Altrockern wie mir Respekt abnötigt. Das Image HiFi-Remaster war umgehend ausverkauft und ist inzwischen schwer aufzutreiben, aber sollte „Die Gitarre und das Meer“ Ihr Interesse geweckt haben, und sei es nur als Timing-Testwerkzeug, dann besorgen Sie sich für ein paar Groschen ein Stereo-Exemplar von Freddys 1961er Bestseller-Album Auf hoher See, denn nur darauf ist die einzig amtliche Abmischung dieses Titels garantiert enthalten. Vorsicht: Davon abweichende Mixes und die diversen Live- und Neuaufnahmen sind allesamt schwerst verdaulicher Mitschunkel-Schund für halbdebile Ohnsorg-Theatraliker, die eine Reeperbahnrunde zu viel gedreht haben.

Ehe ich’s vergesse: Im MM-Modus bleibt Natalijas beschriebener Grundcharakter vollständig intakt. In meinem Tondosenarsenal befindet sich leider kein Magnetsystem vom klanglichen Kaliber meines Leib-und-Magen-MCs Linn Kandid. Aber das exzellente kleine Audio-Technica AT140 MLb und das merklich erwachsenere Linn Adikt schwingen sich an Natalijas Nabelschnur ebenfalls zu vormals nicht gekannter Form auf. Die Preiskluften zwischen etwa Faktor 7 und Faktor 15 bleiben zwar weiterhin unüberhörbar, aber es kann kein Zweifel bestehen, dass dies der krass unterschiedlichen Güte der drei Abtaster geschuldet ist. Natalijas MM- und MC-Eingänge als solche jedenfalls schenken sich tonal wie fein- und grobdynamisch so gut wie nix. Was nicht nur überzeugte MM-Fahrer erquicken wird, sondern bestimmt auch jene potenziellen Natalija-Kunden, die vorhandene externe Übertrager weiterhin parallel nutzen und/oder mit den integrierten Lundahls vergleichen möchten.

Gar keine Wünsche offen? Doch, als nimmermüder Rumstöpsler könnte ich mir die rückseitigen Einstelloptionen schon von Berufs wegen leichter zugänglich und halswirbelschonender auf der Frontplatte vorstellen. Und jetzt, da ich hautnah erleben durfte, was das Entwicklertrio von Rike Audio draufhat, würde mich highfidelen Schwerenöter natürlich auch Natalijas große Schwester Sabine anlachen. Wobei ich die Rike Audio Natalija aufgrund der sehr langen Einspielzeit der C-Caps noch nicht im Zenith ihrer Schaffenskraft wähne und nur zu gut weiß, dass auf diesem exaltierten Niveau jedes Fitzelchen mehr Klang locker so viel kostet wie ein Ferrari-PS. Anders formuliert: Ich eile mit Weile.

PS: Für meinen nächsten Bericht kündige ich hiermit eine etwas, sagen wir, breitenkompatiblere Tonträgerauswahl an.

Fazit

Natalija MM/MC 2 von Rike Audio ist eine topverarbeitete, topausgestattete und topklingende Röhren-Phonovorstufe von genuinem Weltklasseformat. In ihrer Preisklasse nimmt sie so etwas wie eine Alleinstellung ein, und musikalisch dringt sie in Sphären vor, die bislang praktisch ausschließlich dem Höchstpreissegment vorbehalten waren. Dass sie sich selbst im stressigen Testalltag als absolut standfest, zuverlässig und allürenlos erweist, ist die Sahne auf dem Häubchen eines strahlenden Fixsterns am Analoghimmel.

Weitere Phonostufen:
Test Phono-Preamp Musical Fidelity M6 Vinyl
Test ifi micro iPhono: beste 500-€-Phonostufe?
Test Pro-Ject Phono-Box DS: Bestklang für 250 €

Rike Audio Natalija
2019/02
Test-Ergebnis: 4,8
ÜBERRAGEND
Klang
Praxis
Verarbeitung

Gesamt

Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse.
Überragend musikalisch-ausgewogener Klang
Extrem rauscharm
Höchstwertige Bauteile
Exzellentes Preis/Leistungsverhältnis

Vertrieb:
Rike Audio
Staudengasse 3
90762 Fürth
www.rikeaudio.de

Paarpreis (Hersteller-Empfehlung)
Rike Audio Natalija MM/MC2: 2.600 Euro
Rike Audio Natalija MM: 1.900 Euro