Home / Reportagen / Weitere Leidenschaften / Bodensee Klassik Rallye im Volvo P 1800 ES mit Schneewittchen
Bodensee Klassik Rallye 2018 – Volvo P 1800 ES
Automobiler Zeitsprung in eine sonnige Vergangenheit: die Bodensee Klassik 2017

Bodensee Klassik Rallye im Volvo P 1800 ES mit Schneewittchen

Die hochgezüchtete, vollverkleidete Yamaha-Rennsemmel schießt in dem Kurvengeschlängel an meinem Wagen vorbei. Es dauert keine drei Sekunden, bis in mir der alte Jagdinstinkt erwacht. Ich gebe beherzt Gas und positioniere mich – Twinscroll-Turbo sei Dank – in Lauerstellung für die nächste Biegung an seinem Auspuff. Und es dauert nicht mal zwei Sekunden, bis der Begrenzer auf dem Beifahrersitz mich mit entschiedenem Protest abrupt einbremst. Willkommen in der Realität! Es hat gut getan, mit meiner Freundin auf der Alb zu wandern, um den positiven Rallye-Stress der letzten drei Tage abperlen zu lassen, damit ich nach der Rückkehr von der Bodensee Klassik von meinem Trip im Volvo P 1800 ES ins Paralleluniversum herunterkomme. Aber was das Fahren betrifft, gibt es wahre Liebe offenbar eher unter Männern.

Wehleidig schwelge ich in den Erinnerungen an einen Volvo, während ich dem Motor mit der Eco-Pro-Taste eine Vollnarkose verpasse. Ich wünsche mir meinen Co-Piloten zurück, der wie ich selbst noch älter als der die letzten drei Tage geteilte Volvo P 1800 ES ist. Er testet bei der Stuttgarter Zeitung Autos, wenn er nicht gerade Sonderbeilagen strickt, heißt Reimund Abel und hat auf teils alpinen 600 Kilometern nie geschwächelt.

Stell dir eine perfekte Welt vor. Eine Welt, in der der Straßenrand nicht mit Luftmessstationen gespickt ist, sondern mit Menschen, die qualmenden, lärmenden Blechkarossen (die auch wirklich noch aus Blech bestehen) voller Verzückung zuwinken.

Eine Welt, in der dein Navi ganz leicht schwäbelt und nicht nur völlig analog den richtigen Weg aus dem Roadbook vorliest, sondern auch noch für angeregte Konversationen zwischen zwei Orientierungspunkten gut ist.

Eine Welt, in der dein Bizeps die Funktion eines gefühllosen Elektromotors in der Lenkung übernimmt. Eine Welt, in der knapp 130 PS so aufregend wie über 300 sein können. Wo du bei 90 einen Geschwindigkeitsrausch bekommst. Und wo Gebrauchsgegenstände nicht nach zehn Jahren achtlos für eine lächerliche Abwrackprämie auf den Schrott wandern, weil irgendeiner die Benutzung verboten hat oder du von der Idee beseelt bist, durch Konsum die Welt zu retten. Das ist die Welt der Bodensee Klassik.

Bodensee Klassik 2018 – Team Volvo
Reimund Abel (links) und LowBeats-Autor Stefan Schickedanz gingen mit einem Volvo P 1800 ES auf die 600 Kilometer lange Strecke der Bodensee Klassik 2018 (Foto: Silke Tauchert)

Bei der Oldtimer-Rallye im Dreiländereck trafen sich zum siebten Mal Petrol-Heads aus aller Welt zu einem beschaulichen Kräftemessen, Defilieren und Konversieren. Man ist unter sich, die restliche Welt kommt allenfalls als entrückte Kulisse vor. Du begibst dich für drei Tage in eine Art Parallel-Universum und fühlst dich selbst Tage nach der Rückkehr wie ein Schiffbrüchiger, der auf einer Südseeinsel eine Zeitlang jenseits der Zivilisation mit den Segnungen der Digital-Technik und 360°-Grad-Venetzung verbracht hat. Manche würden dafür ins Kloster gehen.

Mein eigenes vernetztes High-Tech-Auto fühlte sich danach trotz Sportfahrwerk wie ein Raumgleiter an, der auf Magnetschienen über der Straße schwebt – nur nicht wie ein Automobil mit vier Rädern. Die ganzen Töne und Computerstimmen kommen dir mit einem Mal regelrecht surreal vor. Das ist nicht mehr nur ein bisschen Vintage-Lifestyle, mit dem man sich auf der Bodensee Klassik in Szene setzt. Es ist wirklich eine Reise in die Vergangenheit und sollte eigentlich für jeden Autotester gelegentlich Pflicht sein, um seinen inneren Horizont zu eichen.

Bodensee Klassik als allererste Rallye

Was Oldtimer-Rallyes betrifft, war ich bisher total hin- und hergerissen. Einerseits für einen wie mich Faszination pur, andererseits verband ich bisher immer so etwas wie Eierlauf oder nerdige Gesellschaftsspiele damit. Also schob ich trotz Zugriff auf einen Oldie in der eigenen Familie die Teilnahme bisher von einem Jahr aufs andere. Dann wurde ich aus heiterem Himmel von Volvo Classic gecastet. Werksteams setzen bei Oldtimerrallyes bevorzugt Rennfahrer, Schauspieler oder Journalisten ans Steuer ihrer rollenden Museumsstücke. Insofern musste die Wahl früher oder später auf mich fallen: Ich bin alles in einer Person.

Zwar reichte es seinerzeit nur für Laientheater vor 400 Leuten in der Stadthalle und mit der nach der Teilnahme an einigen Clubsportevents vor 15 Jahren autodidaktisch erworbenen C-Lizenz hab ich bisher offen gestanden nicht viel angefangen. Eigentlich teste ich Autos nur, wenn sie coole Anlagen von B&W, B&O, Burmester oder Harman an Bord haben. Aber einen Volvo P 1800 ES von 1973 auf einer prestigeträchtigen Rallye zu fahren, ohne sich mit dem ollen Transistorradio aufhalten zu müssen, war ein absolutes Highlight, das meine seit vielen Jahrzehnten im Dornröschenschlaf befindlichen Talente weckte.

Die Zeit vor der Bodensee Klassik 2018 überbrückte ich durch gelegentliches Studium der Materie. Den im deutschen Sprachraum als „Schneewittchensarg“ bekannten Klassiker von 1973 schaute ich mir bereits im März auf der diesjährigen Auflage der Stuttgarter Retro Classics genau an. Hat der Volvo P 1800 ES rundum schon Scheibenbremsen? Hat er hinten womöglich noch eine Starrachse? Und vor allem: Hat er schon richtige Sicherheitsgurte? Die Antwort lautete in allen drei Fällen ja. Zudem sah das für Baujahr 73 fortschrittliche Cockpit des Volvo P 1800 ES wirklich cool und sportlich aus. Daraufhin konnte ich den Start am Bregenzer Festspielhaus noch weniger erwarten.

Bodensee Klassik Rallye 2018 – Volvo P 1800 ES
Das Service-Team von Volvo Classic. Eric Erdmann (links) und Christian Teschke betreuten den Einsatz der beiden Werks-Volvos auf der Bodensee Klassik 2018. Allerdings folgten die beiden uns nicht direkt wie das an die Tour de France erinnernde Begleitfahrzeug eines anderen Werksteams. Volvo praktizierte sozusagen „autonomes Fahren“ (Foto: S. Schickedanz)

Kaum im Hotel Germania in Bregenz eingetroffen, wurde die Spannung durch ein ganzes Rudel Rallyeautos zusätzlich angeheizt. Doch am meisten interessierte mich mein von Volvo Classic bereitgestellter Volvo P 1800 ES. Schließlich handelte es sich um ein Blinddate, ich kannte „mein“ Rallye-Fahrzeug nur von einem Bild aus der Starterliste. (Den Beifahrer hatte ich kurz zuvor immerhin auf einem Kaffee in Stuttgart getroffen). Das Timing des ersten Treffens mit dem Volvo P 1800 ES am nächsten Morgen keine zwei Stunden vorm Start der Rallye steigerte die Spannung zusätzlich.

Blinddate mit einem Volvo P 1800 ES

Schön wie eine Märchen-Prinzessin war der eisblaue, gestreckte Volvo zweifellos. Doch auf den ersten Metern Rangieren auf dem Hof erwies er sich eher als böse Steve-Mutter. Die Kupplung kam so spät, dass ich erst mal dachte, der Gang sei nicht drin und obendrein den Motor aufheulen ließ. Am schlimmsten war die mechanische Lenkung mit dem riesigen Bakelit-Lenkrad, das einem fast im Schoss lag. Gerade beim langsamen Rückwärtsfahren fühlte ich mich wie an einem Sportgerät in der Muckibude.

Alle Schalter waren zudem kryptisch, will sagen, schwedisch beschriftet und die Handbremse, die ich regelmäßig zum Anfahren an der Schräge brauchte, saß wie im Aston Martin DBS links. Zudem konnte mir niemand wirklich sagen, wo ich den Choke finde, was nicht verwunderlich war, weil ich beim Blick unter die Haube feststellte, dass wir in unserem 73-Schätzchen schon einen Einspritzmotor hatten. Das änderte aber nichts am ruckeligen Kaltlaufverhalten des Volvo P 1800 ES. Und nur einen Kilometer zur Eingewöhnung im Stadtverkehr. Das konnte ja heiter werden.

Vorwärts Zurück
Bodensee Klassik Rallye 2018 – Volvo P 1800 ES
Das Vintage-Autoradio des Volvo P 1800 ES blieb stumm. Schließlich galt es diesmal nicht, das Car-Audio-System zu bewerten, sondern Wertungspunkte auf einer Oldtimer-Rallye zu sammeln (Foto: S. Schickedanz)
Bodensee Klassik Rallye 2018 – Volvo P 1800 ES
Das große Bakelit-Lenkrad hat nach jeder Seite eine Handbreit Spiel und macht das Rangieren zur Herkulesaufgabe. Die Sitze des Volvo P 1800 ES boten dagegen in Verbindung mit der tiefen Sitzposition das richtige Maß aus Komfort, Rückmeldung und Seitenhalt. Sogar moderne Dreipunkt-Gurte hatte der Rallyewagen schon. Kein Wunder, Volvo hat den Lebensretter ja auch erfunden (Foto: S. Schickedanz)
Bodensee Klassik Rallye 2018 – Volvo P 1800 ES
Klassische Instrumente geben unter anderem Aufschluss über Öl-Temperatur und -Druck. Der Tripmaster (rechts unten) misst im Rallyeauto mechanisch die zurückgelegte Wegstrecke. Das Viergang-Getriebe des Volvo P 1800 ES ließ sich knackig schalten, was wirklich Spaß machte, aber vor fast jeder Kurve nötig war. Der Overdrive wird am rechten Lenkstockhebel aktiviert (Foto: S. Schickedanz)
Bodensee Klassik Rallye 2018 – Volvo P 1800 ES
Reimund Abel, der sich mit Stefan Schickedanz den Volvo P 1800 ES teilte, beim Betrachten des 4-Zylinder-Saugmotors (Foto: S. Schickedanz)
Vorwärts Zurück

Am Start bestand die größte Herausforderung schließlich darin, nicht nur das einminütige Startfenster der vorgegebenen Startzeit genau zu treffen, sondern auch ohne Kavalierstart oder Ruckeln vom Hof zu fahren. Zwar klappte alles, doch Zeit zum Entspannen gab es nicht für uns. Direkt hinter dem Start wartete bereits die erste Wertungsprüfung (WP). Die Vorgabe: 20 Meter in 7 Sekunden und 0,02 Kilometer in 0,15 Min (man beachte die Rechenübung für den Co-Piloten). Wir erledigten die Übung in 7,17 respektive 10,5 Sekunden. 17 Hundertstel Abweichung im ersten Sektor waren vor allem für den Anfang ziemlich gut, 1,5 Sekunden in Abschnitt 2 ziemlich schlecht. Wir kassierten dafür insgesamt 167 Strafpunkte.

Nachdem diese Prüfung ohne peinliche Szenen überstanden war, wurde ich immer gelassener. Ich gewöhnte mich schnell an den Volvo P 1800 ES, ließ mich aber auf den ersten Metern verwinkelter Landstraße von einem im original Motorsport-Trim aufgebretzelten Simca 1000 Rallye 2 überholen. Immerhin hatten mir unsere beiden Jungs vom Service-Team vorm Start noch gesteckt, dass die vorne angeschlagenen Motorhauben für jedes Auto einzeln von Hand nach Maß eingepasst wurden und dass erst kürzlich ein Volvo P 1800 ES bei Bonhams für 92.400 Dollar den Besitzer wechselte.

Nach weiteren zehn Minuten war das Vertrauen in Bremsen und Fahrwerk so hoch, dass wir uns ohne Mühe unsere ursprüngliche Position hinter einem roten BMW 2002 Baur Cabriolet – er hatte eine höhere Startnummer, aber wir waren gleich nach der ersten Wertungsprüfung falsch abgebogen – zurückerobern konnten. Ja, der 2.0-Liter-Vierzylinder geht in einem rund 1100 Kilo leichten Sportwagen wirklich gut.

Vorwärts Zurück
Bodensee Klassik Rallye 2018 – Volvo P 1800 ES
Rückblickend betrachtet: Hier folgen uns ein knackiger Simca 1000 Rallye 2 und ein moderner Porsche Cayman auf der Bergetappe am 3. Tag der Bodensee Klassik (Foto: Silke Tauchert)
Bodensee Klassik Rallye 2018 – Volvo P 1800 ES
Die riesige Rückscheibe des Volvo P 1800 ES brachte ihm nicht nur den Namen „Schneewittchen-Sarg“ ein. Sie bot der Fotografin auf der Rückbank wie ein großer Flatscreen auch eine perfekte Fotoposition (Foto: Silke Tauchert)
Bodensee Klassik Rallye 2018 – Volvo P 1800 ES
Dass der Anblick nicht nur wenige Sekunden währte, zeigt, dass der Volvo P 1800 ES von 1973 selbst mit drei Personen heute immer noch flott zu bewegen ist (Foto: Silke Tauchert)
Bodensee Klassik Rallye 2018 – Volvo P 1800 ES
Hier hat die „Rückfahr-Kamera“ einen seltenen Ford Escort RS 2000 im Motorsporttrim erfasst (Foto: Silke Tauchert)
Bodensee Klassik Rallye 2018 – Volvo P 1800 ES
Schöner Rücken: Buick Riviera Stage 2 (Foto: Silke Tauchert)
Vorwärts Zurück

Das nutzbare Drehzahlband beginnt eigentlich erst bei 2.000 Touren, weil sich der Vierzylinder untenherum kräftig schüttelt und nach vielen Jahrzehnten auch noch zum Ruckeln neigt. Über 4.000 U/min wird er dann auch immer rauer, sodass man aus Respekt vor dem Alter hochschaltet. Zwar liegt die Nenndrehzahl bei 6.000 U/min, doch ein Sportmotor ist der Langhuber nicht. Der Volvo P 1800 ES performt besser, wenn du ihn ziehen statt drehen lässt. Nebenbei übernimmt er bei zügiger Fahrweise noch die Funktion von Massage-Sitzen.

Seite 1    Bodensee Klassik im Volvo P 1800 ES: Vorgeschichte, Vorbereitung, Start
Seite 2    Tag 1 und 2: Etappen, Ziele und Überraschungen
Seite 3    Tag 3: Bergetappe mit Schnewittchen, Platzierungen