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Bodensee Klassik Rallye im Volvo P 1800 ES Schneewittchensarg

Es dauerte nicht lange, da hatte ich meinen Fahrrhythmus von zwangsbeatmeten PS-Monstern mit Traktionskontrolle, adaptiven Fahrwerken, Multilenker-Leichtbau-Hinterachsen und variablem Allradantrieb auf Hinterradantrieb mit Starrachse rustikal umgestellt.

Auch der Verzicht auf ABS, ESP und Traktionskontrolle fällt, wenig erstaunlich, sehr leicht. Wenn ich Spaß haben will, deaktiviere ich die ganzen Nannies ohnehin so weit wie möglich. Ich fühlte mich pudelwohl. Und was fast noch wichtiger ist: Mein Beifahrer auch.

Reimund kam dank einiger Rallye-Erfahrung gut mit den Chinesen-Zeichen des Roadbooks zurecht. Teilweise konnte er sich sogar ausruhen, denn ich orientierte mich am roten Baur, der sich als Head-up-Display-Ersatz sehr gut bewährte. Alles hätte so schön im Flow bleiben können, wären da nicht immer diese Wertungsprüfungen dazwischen gekommen.

Bevor ich zum ersten Mal den Bugatti Veyron fuhr, hatte ich Respekt vor den 1.001 PS. Vor den Wertungsprüfungen der Bodensee Klassik hatte ich dagegen richtig Bammel. Zwar konnte bei dem Zeitlupensport etwa genauso viel passieren wie bei einem Fernschachturnier.

Aber Blamage ist für einen echten Heißsporn im Zweifel schlimmer als Knochenbrüche. Schließlich saßen wir in einem richtigen Werksauto und vertraten das Team Volvo Classic. Vor allem war mit Pressechef Michael Schweitzer eine bekannte Größe an Bord des Schwesterautos, der vom BILD-Autoexperten Roland Wildberg begleitet wurde. Schweitzer hat mit seinem feuerroten Schweden bereits zahlreiche Top-Platzierungen errungen und dem Vernehmen nach eine Rallye sogar gewonnen.

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Bodensee Klassik Rallye 2018 – Volvo P 1800
Das Team Volvo Classic war noch mit einem Coupé, dem Volvo P 1800 vertreten. Hier geht er am Bregenzer Festspielhaus auf die Strecke (Foto: S. Schickedanz)
Bodensee Klassik Rallye 2018 – Volvo P 1800
Hinterm Volant wechselten sich Volvo-Pressesprecher Michael Schweitzer (links) und BILD-Reporter Roland Wildberg ab (Foto: S. Schickedanz)
Bodensee Klassik 2018 – Volvo P 1800 ES
Gut Lachen: Mit 1714 Strafpunkten belegten Schweitzer und Wildberg in der Gesamtwertung den soliden 30 Platz. Auf dem Foto hatten sie aber erst drei von fünf Etappen hinter sich gebracht. (Foto: S. Schickedanz)
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Die erste Wertungsprüfung hinterm Start am Festspielhaus fühlte sich überraschend einfach an. Sie war auch einfach im Vergleich zu dem, was folgte. Trotzdem verlor ich meine Scheu, die durch Bilder von Peilstäben oder Markierungen am Kotflügel oder breit im Netz diskutierten Abwägungen über die Unterschiede zwischen Lichtschrankenmessung und Druckschlauch geprägt wurde.

Irgendwie hatte ich ein ganz gutes Gefühl. Doch die Ergebnisse würden wir erst am Abend auf der Website von Autobild Klassik erfahren. Unser iPad mit der Chronomaster App von Autobild Klassik – eine Empfehlung von Altmeister Schweitzer, den ich ein paar Tage vor dem Start ausfragte – erwies sich schnell als perfekte Wahl. Für uns war es so wertvoll wie drei Extraleben an der Spieleconsole.

Am Abend schlug die Stunde der Wahrheit. Die Rallyeleitung der vom fünffachen deutschen Meister Peter Göbel organisierten Tour kündigte das Endergebnis der ersten Etappe durch das Allgäu auf der Website an.

Bis dato gab es nur drei Prioritäten: Auto samt Beifahrer in gleicher Verfassung wie vor dem Start abliefern, soviel Spaß wie möglich haben und auf keinen Fall Letzter werden. Allerdings hätte ich auf Punkt 3 im Zweifelsfall keinen Kasten Champagner wetten wollen.

Doch dann kam alles ganz anders. Die erste Tageswertung mit ihren vier Sonderprüfungen warf die Vorsätze gehörig über den Haufen. Als die Sonne über Bregenz unterging, gingen zwei neue Sterne am Rallye-Himmel auf.

Wir waren nicht nur nicht ganz hinten auf der Wertungsliste, wir hatten uns sogar auf einem komfortablen zweistelligen Rang innerhalb des 180 Teilnehmer großen Feldes etabliert. Mit Platz 89 hatten wir meine kühnsten Erwartungen übertroffen – dass Schweitzer auf Platz 47 vor uns lag, war keine Überraschung – und nebenbei einige Werksautos von Opel, Skoda und ZF hinter uns gelassen.

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Bodensee Klassik Rallye 2018 – Volvo P 1800 ES
Jubelnde Menschen säumten den Weg der Bodensee Klassik. Das macht die Zeitlupen-Motorsportler zu Kultur-Botschaftern (Foto: Silke Tauchert)
Bodensee Klassik Rallye 2018 – Volvo P 1800 ES
Diese Autos lösen in Fussgängerzonen Begeisterung aus (Foto: S. Schickedanz)
Hier geht sogar die Belegschaft eines Asia-Restaurants auf die Straße. Ob sie wohl wegen uns gekommen sind oder wegen der Daimler, die jetzt ebenfalls mit dem Chinesischen Geely-Konzern verbunden sind? (Foto: Silke Tauchert)
Bodensee Klassik Rallye 2018 – Volvo P 1800 ES
Wenn jemand so präzise arbeitet wie das mit jeder Menge Elektronik hochgerüstete Team im BMW 2002 Baur Cabrio, verleitet das mitunter dazu, den Bayern mit den Stuttgarter Genen als „Head-up-Display“ zur Navigation zu nutzen. Die Versuchung, „Schwarmintelligenz“ zu nutzen, kann aber auch schnell daneben gehen … (Foto: Silke Tauchert)
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Wäre ich ein normaler Berichterstatter, würdest du jetzt die Floskel lesen: „Was will man mehr?“ Bin ich aber nicht. Ich bin ein Adrenalin-Junkie mit 100 Oktan Super Plus in den Adern. Und du kennst auch noch nicht die ganze Geschichte.

Wir fanden uns in der Tabelle nur wenige Plätze hinter einem meiner Helden von einst: Tourenwagenlegende Joachim Winkelhock lag mit seinem Werks-Opel auf Rang 78 in Schlagdistanz. Wer schon mal Wettbewerbe gefahren ist, weiß, wie das wirkt.

Noch zwei Wochen vorher hatte ich einem Freund augenzwinkernd einen Screenshot von der Teamvorstellung von Winkelhocks schnittigen 1969er Opel GT mit dem Kommentar gesimst: Rüsselsheim reagiert, sie schicken Winkelhock;-)

Neue Prioritäten gesetzt

Spätestens jetzt war Schluss mit lustig. Von wegen „Dabeisein ist alles.“ So fanden sich meine Primärziele schon nach einem halben Tag inmitten zahlreicher Sekundärziele wieder: Wie geil wäre das denn, in der Endwertung knapp hinter oder besser noch vor dem alten Haudegen „Smoky Joe“ zu landen? Und Top 100 waren ab sofort selbstverständlich Pflicht.

Immerhin hatte ich vor fast 20 Jahren in Hockenheim bei meiner ersten von insgesamt zwei Gleichmäßigkeitsprüfungen gleich einen Pokal geholt. Aber da waren keine x-mal ineinander verschachtelten WPs im Spiel. Nicht mal Stoppuhren gab es an Bord, geschweige denn einen Beifahrer, der sie bedient.

Du hast Dir einfach selbst eine zunächst nicht angezeigte Zeit vorgelegt und dann versucht, sie in den kommenden fünf Runden rein instinktiv möglichst auf die Hundertstelsekunde genau zu treffen.

Aber das hier war ein Geduldsspiel für passionierte Mikadospieler, vor allem aber Teamplay. Und genau das klappte am zweiten Tag noch besser. Am Nachmittag übergab ich unseren Volvo P 1800 ES an meinen Co-Piloten, der auch ganz neugierig auf das Fahrverhalten des rollenden Kulturguts war. Ich wiederum fand es spannend, mich am Roadbook zu versuchen.

Bei den Wertungsprüfungen übernahm ich dann kurz das Steuer, weil wir unsere Rollen am Volant beziehungsweise dem iPad mit der Chronomaster App schon gut einstudiert hatten und nach unserer überraschend guten Platzierung von der ersten Etappe kein unnötiges Risiko eingehen wollten.

Schließlich erfordert Stoppen unter Stressbedinungen einiges an Konzentration und Koordination. Davon konnte ich mich überzeugen, als mein Partner die letzte WP des zweiten Tages am Festspielhaus Bregenz fahren wollte, die eigentlich ganz einfach war – auch für den Beifahrer.

Doch dann bekamen wir im Zuge einer Supergeheim-WP einen Zettel mit einer Zusatzzeit hereingereicht, die nicht in der Chronmaster App programmiert war und deshalb zusätzlich eine Stoppuhr erforderlich machte. Autsch! Das folgende Chaos an Bord brachte uns zur Überzeugung, bei den Wertungsprüfungen nicht mehr zu experimentieren. Die Erfahrung möchte ich nicht missen, sie förderte meinen Respekt für die Arbeit des Navigators. Du gewinnst als Team, du verlierst als Team.

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Zeitreise: Auf der Bodensee Klassik traten 180 Old- und Youngtimer zum STVO-konformen Kräftemessen an – ein Fest für die Sinne (Foto: Silke Tauchert)
Bodensee Klassik Rallye 2018 – Volvo P 1800 ES
Alte Schweden: Der Saab 99 EMS mit der Startnummer 113 wurde als 112. von 180 gemeldeten Klassikern gewertet. Unser Volvo P 1800 ES schaffte es sogar auf Anhieb unter die Top 100 (Foto: S. Schickedanz)
Starsky & Hutch lassen grüßen: Dem Ford Gran Torino mit der Startnummer 121 begegneten wir unterwegs immer wieder mit etwas Krimi-Feeling (Foto: S. Schickedanz)
Auf die beiden spaßigen „Mafiosi“ im Gangster-Citroen mussten wir am letzten Tag verzichten. Ihr Auto hatte bereits ins Gras gebissen (Foto: S. Schickedanz)
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Highlight unserer Kooperation war über den zweiten Tag hinaus die WP8 im Seepark Linzgau mit nur 9/100 Abweichung von der Sollzeit sprich Platz 32 für unsere Startnummer 114 – ein Ergebnis, mit dem wir sogar ausnahmsweise vor unserem, mit Schweitzer Präzision gelenkten Schwesterauto gewertet wurden.

Auch auf der Strecke zwischen den WPs schlug sich unser Volvo B 1800 ES wacker. Nie im Leben hätte ich geglaubt, dass man eine so gute Starrachse bauen kann, noch dazu zu der Zeit, als unser Volvo entstand. Und die Bremsen erforderten zwar mehr Kraft als in einem modernen Auto, ließen sich aber ausgezeichnet dosieren. Nie blieb uns auf den 600 Kilometern der Bodensee Klassik auch nur ein einzelnes Rad stehen.

Bei einer verschachtelten WP mit mehreren unterschiedlich langen Messabschnitten musste ich am Ende den Volvo P 1800 ES im zweiten Gang voll beschleunigen, um die vorletzte Lichtschranke pünktlich zu erreichen. Auf dem folgenden, nur 20 Meter langen Abschnitt bis zum Ziel durften wir aber nicht zu schnell sein. Also ging ich schon kurz vor der vorletzten Messvorrichtung voll in die Eisen. Aber die Räder blockierten nicht, sie schmierten nur leicht und gut kontrollierbar.

Wir slideten lässig mit leicht angestelltem Heck über die beiden letzten Druckschläuche und in mir kochte das Adrenalin über. Nicht schlecht für eine Partie Mikado! Am Ende wurde ich richtig süchtig nach dem Nervenkitzel der insgesamt 18 WPs der diesjährigen Bodensee Klassik.

Schneewittchen muss mit

Als abends die Wertungsprüfungen der zweiten und dritten Etappe online gingen, bestätigte sich mein Bauchgefühl, dass wir noch mehr bei der Musik waren als am Vortag.

In der Zwischenwertung der ersten beiden Tage kletterten wir auf einen schier unglaublichen Rang 76 – leider nicht nur der vorläufige, sondern auch der absolute Höhepunkt unserer jungen Rallye-Laufbahn.

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Seite 2    Tag 1 und 2: Etappen, Ziele und Überraschungen
Seite 3    Tag 3: Bergetappe mit Schneewittchen, Platzierungen