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(Foto: R. Kraft)

Netzwerk ohne Funk und Netzwerkkabel

100 MBit Netzwerk ohne Funk und Netzwerkkabel – in allen Zimmern. Nach einem aufwändigen Umzug melde ich mich einigermaßen erschöpft zurück und möchte Ihnen von einem Produkt erzählen, dass mir, so könnte man es übertrieben sagen, das Netzwerk-Leben gerettet hat.

Zunächst ließ sich ja alles unglaublich gut an: Für unsere neue Bleibe in einem 900-Seelen-Dorf versprach die Telekom doch tatsächlich, dass ihr Entertainment-Paket mit 100.000 kBit/s laufen würde – dem nahe gelegenen Glasfaser-Knoten sei Dank.

Mit einiger Vorfreude wurde daher flugs ein Komplettpaket inklusive Media-Receiver bestellt. Natürlich lässt sich über die gebotenen Programme trefflich streiten, aber immerhin wird so auch der Zugang zu diversen Mediatheken und Spezialkanälen erschlossen, ganz zu schweigen vom HD-Programm, zeitversetztem Fernsehen und Aufnahme über die eingebaute Festplatte. Mal abgesehen davon, dass für einen Autoren eine schnelle Netzanbindung in jedem Fall ungeheuer wichtig ist.

Die Telekom führte den Umzug unseres Anschlusses nicht nur Tag-, sondern stundengenau durch und leistete prächtigen, absolut perfekten Service. Das muss jetzt einfach mal gesagt werden! Nun hatte ich meine eigene, moderne Fritzbox im Keller, im Stockwerk darüber einen Fernseher inklusive Internet-Media-Receiver und wieder ein Stockwerk höher zwei Büros. Und das Thema Vernetzung hatte ich mir ungefähr so vorgestellt, dass man ja mit WLAN … Oder irgendwie so halt.

Okay, soweit eingezogen, Schreibtisch und TV stehen, Internet muss her. Mit zwei 20-Meter-Stücken CAT-Kabel ist das Provisorium schnell erstellt und man ist online. Sieht gut aus, so mit den Kabeln durchs Treppenhaus. Graue Netzwerkstrippen auf rotem Cottonboden und auch schön mal rund um hölzerne Handläufe gewickelt, das hat schon was.

Meinte die Dame, die auch hier wohnt. Ich wurde also beauftragt, die Sache etwas aufzuhübschen. Wobei das natürlich jede Menge Zeit hätte. Ein Netzwerk ohne Funk und Netzwerkkabel. So ungefähr bis nächste Woche. Und wie männlichen Lesern sicherlich geläufig ist, hat unsereiner ja immer das letzte Wort. Und das lautet für gewöhnlich: „Ja, gut, mach ich“.

Nach einigen Recherchen stellte sich freilich heraus, dass das mit echten 100 MBit und Media-Receivern so eine Sache ist. Wenn es mit WLAN laufen soll. Zum Thema drahtlose Anbindung eines Media-Receivers ergaben die Foren eher bitteres Gelächter, wenngleich es spezielle Geräte gibt, von denen hin und wieder ein Optimist wie die Telekom behauptet, es würde funktionieren. So halbwegs. Und nur eine Verbindung, nämlich jene zum Receiver.

Allerdings hatte ich wenig Lust, einen Haufen Geld in den Sand zu setzen. Und weitere Räume sollten ja ebenfalls versorgt werden. Also doch Netzwerkkabel legen? Wände auffräsen? Löcher durch die Decken? Das war der Stand aller recherchierten Infos zum Schluss. Hm.

Im Haus gibt es eine Telefonverdrahtung zu jedem Raum, ab Keller. Darin liegen die alten, vieradrigen Telefonleitungen. Also folgte die Überlegung, diese eben nicht leeren Leerrohre zu benutzen. Das Netz war optimistisch: „Alte Kabel rausziehen, neue Kabel so und so einziehen“. Aha.

Wie zu erwarten war, rührten sich die Telefonkabel nicht einen einzigen Millimeter. Vorher hätten sie Selbstmord begangen und wären gerissen.

Klar, sie liegen seit Jahren, die Isolationen sind ausgetrocknet und starr, zudem geht es um zahlreiche enge Kurven, dazu liegen oft mehrere Kabel in einem Kunststoff-Leerrohr. Rausziehen und neu verdrahten? Du träumst, Alder.

Netzwerk ohne Funk und Kabel?

Was macht man, wenn man nicht mehr weiter weiß? So als moderner Medien-Mensch? Klar: im Netz wühlen.

Die Lösung kam über einen Blog, dessen Inhaber dasselbe Problem hatte. Und er schlug ein Produkt vor, von dem scheinbar niemand etwas weiß. Oder wissen will, weil man ja auch WLAN verkaufen möchte.

Netzwerk ohne Funk und Netzwerkkabel geht doch – Telefonkabel lautet das Zauberwort. Dafür gibt es spezielle Dosen, die von der Firma Merten hergestellt werden und „Line 21“ heißen. Über die gute, alte, vieradrige Telefonleitung wird vernetzt, bei Bedarf kann auch noch ein analoger Telefonanschluss mitlaufen. Genial!

Netzwerk ohne Funk und Netzwerkkabel Merten Dose Line 21 geschlossen
Merten Line 21 Netzwerkdose mit Abdeckung (Foto: R. Kraft)
Netzwerk ohne Funk und Netzwerkkabel Merten Dose Line 21 offen
Merten Line 21 Netzwerkdose ohne Abdeckung (Foto: R. Kraft)

Eine Einschränkung gibt es freilich: mehr als 50 Meter sind kaum drin, wenn es bei Highspeed bleiben soll. Dabei ist die Installation kinderleicht, nämlich einfach die Telefondosen gegen Line 21-Dosen wechseln und nach Anleitung vier Drähte anschließen.

Ergebnis: Ein Media-Receiver, der perfekt läuft. Bis sich Bildartefakte häuften, die Lösung dieses Problems steckte freilich tief in der Fritzbox und hatte mit den Störsicherheits-Einstellungen und nicht mit den Telefonleitungen zu tun …

An den Rechnern ergibt der DSL-Speedtest praktisch immer mehr als 90 MBit/s. Alles wunderbar – und das Einzige, was mich zwischendurch ausbremste, war ein angebrochenes Meter-Stück LAN-Kabel zwischen Gigabit-Switch und PC. Aber das ist wieder eine andere Story.

Ach ja: die Line21-Dosen sind auch via Amazon erhältlich. Für eine Verbindung ab Router wird jeweils eine Eingangs- und eine Ausgangsdose benötigt. Die Dosen kosten um die 30 Euro pro Stück. Aber deutlich billiger und schöner als Schlitze fräsen, nicht wahr?

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