Vom Kabelklang Profi: HMS-Elektronik Armonia LS
Das Ergebnis aus mehr als zwei Jahrzehnten Kabelforschung: Lautsprecherkabel HMS-Elektronik Armonia LS (Foto: J. Schröder)

Kabelklang im HiFi – Mythos oder Realität?

Wohl kaum ein HiFi-Thema wird so kontrovers diskutiert wie der Einfluss von Kabeln auf die Klangqualität. Nicht ganz zu Unrecht: Denn hinsichtlich klanglicher und technischer Versprechen lehnen sich viele Audiokabel-Hersteller ganz schön weit aus dem Fenster – speziell, was das Ausmaß der mit Kabeln erzielbaren, klanglichen Verbesserungen betrifft. 

Wer jedoch frei von Dogmen kritische Hörtests mit Kabeln durchführt, wird feststellen, dass es sich hierbei keineswegs nur um Hirngespinste abgehobener Audiophiler handelt. Nicht umsonst ist dieses Thema mittlerweile selbst in der hinsichtlich Kabelklang bislang äußerst skeptischen Tonstudio-Szene angekommen. Wer je hörte, wie „richtig“ gute Kabel klingen können, wird denn auch kaum mehr minderwertige verwenden wollen.

Quantitativ betrachtet, fallen die durch Kabel verursachten Klangunterschiede jedoch vergleichsweise gering aus. Taxiert man beispielsweise die zweifellos klangprägendste „Beziehungskiste“ innerhalb der Wiedergabekette, die Interaktion von Lautsprecher und Hörraum, auf ein Einflussvermögen von rund 90 Prozent, so erreichen die gesammelten Kabeleinflüsse (Lautsprecher, Kleinsignal- und Netzkabel) sicherlich nicht einmal die 5-Prozent-Hürde. So wird kaum jemand von sich behaupten können, ein bestimmtes Kabel bereits beim Betreten des Hörraums zu erkennen, wenn die Musik spielt (außer vielleicht der Entwickler persönlich) – was jedoch nicht heißt, dass das Thema Kabelklang damit „vom Tisch“ ist: Schließlich arbeitet das menschliche Gehör vorzugsweise relativ, also vergleichend bezogen auf vorausgehende oder folgende Hörereignisse, und weniger basierend auf absoluten Werten.

Hinsichtlich der quantitativen Größenordnungen, aber auch von den hörbaren Auswirkungen her ist Kabelklang am ehesten vergleichbar mit den Einflüssen unterschiedlicher Digitalfilter, wie man sie bei vielen CD-Spielern oder D/A-Konvertern umschaltbar vorfindet. Und diese können ja bekanntermaßen durchaus ein klangliches K.O.-Kriterium bei der Kaufentscheidung für oder gegen ein Gerät sein. Das gleiche trifft auch für Kabel zu: Auch wenn ihr klanglicher Einfluss seriös betrachtet relativ gering ist, können sie sehr wohl für ein „Gefällt mir“ oder „Gefällt mir nicht“ bei der Wiedergabe (oder der Aufnahme) entscheidend sein.
Eher skeptisch stehe ich jedoch zur häufig vorgeschlagenen Methode, über die klanglichen Eigenheiten bestimmter Kabeltypen eventuelle Schwächen in der vorhandenen Anlage kompensieren zu wollen. Kann man natürlich machen – aber es ist und bleibt eine Art Fehlerverdeckung. Kabel verhalten sich analog zu Glasscheiben – je besser, je durchlässiger. Und wollen Sie wirklich eine gelb getönte Fensterscheibe, um das Blau Ihrer Tapete ein bisschen grünlicher erscheinen zu lassen?

Kabelkauf ist Vertrauenssache

Ein großes Problem bei Audio-Kabeln ist, dass man von außen praktisch nicht erkennen kann, was sie klanglich taugen. Tatsächlich lassen sich bei identischem Material- und Herstellungsaufwand sehr gute oder auch weniger gute Ergebnisse erzielen – einzig und allein abhängig vom Knowhow des Entwicklers. Die Tatsache, dass ihre eigentliche Funktion auf den ersten Blick geradezu trivial anmutet und sie ja auch stets mehr oder weniger gut „funktionieren“, verführte in der Vergangenheit jedoch so manchen Trittbrettfahrer dazu, ins Audiokabel-Business einzusteigen – in der Hoffnung auf leicht verdiente Euros. Daher gilt: Der Kauf von Audiokabeln ist Vertrauenssache – weltweit gibt es vielleicht ein Dutzend Hersteller, die wirklich genau wissen, warum sie „was“ tun.

Aus dem vergangenen Absatz lässt sich leicht und zu Recht schlussfolgern, das gute Kabel kein Vermögen kosten müssen. Doch wie bei allen anderen Konsumgüter-Bereichen gibt es auch hier Luxusprodukte, die das absolut Machbare anstreben: Verwendet man beispielsweise homogenes Reinsilber als Leitermaterial oder trägt als Isolator schon beinahe erkaltete PTFE-Paste auf, um der glatten Leiteroberfläche den Hitzestress zu ersparen, so wird es naturgemäß richtig teuer – schließlich muss man erst mal einen Hersteller finden, der solche exklusiven Fertigungsprozesse überhaupt beherrscht. Und so ist es denn bei teuren Kabeln wie bei anderen Top-Produkten auch: Die Frage, ob es sich lohnt, für noch ein Quäntchen mehr an Klang das Zigfache auszugeben, kann nur jeder für sich selbst beantworten.

Kleinsignalkabel-Legende Mogami 2803
Unscheinbare Kabel-Legende: Bereits seit mehr als 20 Jahren gehört das Mogami 2803 nach wie vor zu den weltbesten asymmetrischen Kleinsignalkabeln – mit Wirbelstrom-optimierten, koaxial auf einem Blindkern geführten Leitern sowie der Polyethylen-Außenhaut auch heute noch eine kompromisslose Konstruktion (Foto: J. Schröder)

Kabelklang – einige Fakten

Ein interessantes Statement zum Thema Kabelklang stammt von Roger Skoff, dem Gründer und ehemaligen Entwickler von XLO Cable: „Ich staune immer wieder darüber, dass gestandene Ingenieure das Thema Kabelklang häufig nur milde belächeln, um sich hernach ausgelassen über die technischen und klanglichen Vor- und Nachteile unterschiedlicher Kondensatortypen zu unterhalten – obwohl es dabei im Wesentlichen um die gleichen Themen geht.“ Treffender ließe sich das kaum beschreiben: Denn für den Kabelklang gibt es durchaus technisch nachvollziehbare Gründe, die wir uns im Folgenden etwas näher anschauen wollen.

Das Kabel-als-Filter-Modell: Kabel lassen sich ähnlich wie passive Bauelemente messtechnisch erfassen. Dabei geht es im Wesentlichen um vier Größen, die aus folgender Skizze hervorgehen.

2016-10-leitung-ersatzschaltbild
Die einzelnen messbaren Größen bei Kabeln, dargestellt als elektrisches „Ersatzschaltbild“: Längsinduktivität L, Serienwiderstand R, Ableitung G sowie Parallelkapazität C. Dies ist ein vereinfachendes Modell – in der Praxis sind alle dargestellten Größen auch in der kleinsten Längeneinheit miteinander verknüpft. (Diagramm: Wikipedia)

Als serielle Größen (also in Reihe im Signalweg liegend) sind dies der Serienwiderstand R (bei Audiokabeln üblicherweise angegeben in Milliohm (mΩ)) sowie die Längsinduktivität L (angegeben in Mikrohenry (µH)). Parallel zum Signalweg hingegen liegen die Parallelkapazität C (angegeben in Pikofarad (pF)) sowie die Ableitung G (Kehrwert des Isolationswiderstandes oder Leitwert, angegeben in Mikrosiemens (µS)). Von Belägen spricht man, beziehen sich die angegebenen Werte auf eine genormte Kabellänge (üblicherweise 1 Meter). Beläge sind gekennzeichnet durch einen Strich.
Obwohl obige Grafik an einen LC-Tiefpass zweiter Ordnung erinnert, trifft diese Betrachtungsweise nicht zu. Zwar lassen sich diese Größen wie bei entsprechenden, passiven Bauelemente messen. Allerdings versammeln sich die reellen, induktiven und kapazitiven Anteile nicht auf jeweils einzelne, aufeinanderfolgende Bauelemente, sondern verteilen sich als winzige, eng miteinander verkoppelte Quanten über das gesamte Kabel.
Welche der vier Größen bei einem Kabel besonders prägend sind, hängt im wesentlichen vom zu treibenden Lastwiderstand ab. Bei niederohmigem Abschluss (wie beim Lautsprecherkabel) dominieren Serienwiderstand R sowie Längsinduktivität L, bei hochohmigem Abschluss (wie beim Kleinsignalkabel) dominieren hingegen Parallelkapazität C und (kaum merklich) die Ableitung G. Bezogen auf das Kabel-als-Filter-Modell bedeutet das im Klartext: Bei einem Lautsprecherkabel sind Serienwiderstand und Längsinduktivität von besonderem Interesse, bei Kleinsignalkabeln vor allem die Parallelkapazität C.

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Kabelklang im HiFi: Flatline FL-212
Interessantes aus der Kabelkiste: Im Bild ein Flatline FL-212, die Technik-Plattform aller Nordost-Kabel. Hier als Lautsprecherkabel in kreuzverschalteter Ausführung, was die Längsinduktivität deutlich reduziert (Foto: J. Schröder)
Kabelklang im HiFi: QED Kabel
DIY-Kreuzverschaltung bei einen PE-isolierten Flachbandkabel von QED. Aderendhülsen (hier Ausführungen von WBT) sorgen für eine zuverlässige Konfektionierung (Foto: J. Schröder)
Goertz-Flachbandkabel
Prototyp des Flachband-Lautsprecherkabels von Goertz: Die Huckepack-Anordnung der beiden (isolierten) Flachbandleiter zeichnet sich ebenfalls durch geringe Längsinduktivität aus, schafft jedoch im Gegenzug eine sehr hohe Parallelkapazität (Foto: J. Schröder)
Fast Audio Black Science
Dank sechs einzeln isolierter Leiterstränge zeichnet sich das Fast Audio Black Science durch niedrige Induktivität bei geringem Skin-Effekt aus. Zudem ist es trittfest und läßt sich problemlos auch mit Speakon-Steckern konfektionieren (Foto: J. Schröder)
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Zwei Beispiele aus der Praxis zeigen denn auch, dass diese Betrachtungsweise durchaus sinnvoll ist: So verursacht ein 10 Meter langes Kabel mit einem Längswiderstand von 100 mΩ/m an einem 4-Ohm-Lautsprecher einen Leistungsverlust von immerhin 20 Prozent. Bei hochohmigem Abschluss hingegen, beispielsweise durch einen Endstufen-Monoblock mit 10 kΩ Eingangsimpedanz, wäre der Serienwiderstand des Kabels von insgesamt 1 Ω pegelmäßig überhaupt nicht feststellbar.
Anders sieht es im zweiten Fall mit der Parallelkapazität aus: Schließt man ein 10 Meter langes Kleinsignalkabel mit einer Kapazität von 300 pF/m an einen Vorverstärkerausgang an, der eine Quellimpedanz von 1000 Ω aufweist, stellt sich dadurch eine obere Grenzfrequenz (-3dB-Punkt) von rund 53 kHz ein. Besitzt der Vorverstärker jedoch eine Ausgangsimpedanz von 2000 Ω, sinkt der -3-dB-Punkt bereits auf nur noch knapp 27 kHz.
Umgekehrt gibt es allerdings auch einen Fall, bei dem hochkapazitive Kleinsignalkabel zu einem Höhenanstieg führen können – nämlich in Verbindung mit Magnet-Tonabnehmern. Hier bildet die Parallelkapazität des Kabels mit der Induktivität des Tonabnehmers einen Schwingkreis, der je nach Beschaffenheit eine deutliche Höhenanhebung in der 10- bis 14-kHz-Region bewirken kann.

Audiokabel – Drahtseilakt zwischen zwei Extremen

Das alles liest sich plausibel und ist auch elektrotechnisch klar nachvollziehbar. Wie obige Beispiele erkennen lassen, gibt es jedoch zwei Dinge, die beim Kabel-als-Filter-Modell eine ganz wesentliche Rolle spielen – zum einen die Länge, zum anderen die Anpassungsbedingungen, also Quell- und Lastimpedanz. Genau das aber kollidiert mit der allgemeinen, audiophilen Erfahrung, dass sich unterschiedlicher Kabelklang selbst bei kurzen Leitungen zeigt, bei denen sich die gegebenen „Filtereigenschaften“ praktisch gar nicht auswirken. Auch hierfür ein Beispiel: Wählt man für obigen Vorverstärker (Quellimpedanz 1000 Ohm) das bereits erwähnte Kleinsignalkabel (Parallelkapazität 300 pF/m) in einer nur 1 Meter langen Ausführung,  so liegt die obere Grenzfrequenz (-3-dB-Punkt) bei 531 kHz – und damit auch in Sachen Phasengang definitiv jenseits vom hörbaren Bereich.

Auch ich persönlich war lange davon überzeugt, das Thema Kabelklang allein mit dem klassischen Filterverhalten von Leitungen erklären zu können. Doch zeigte sich in Hunderten von Hörtests und Messungen, dass sich auf diese Weise nur ein Bruchteil aller Hörergebnisse ausreichend begründen ließ. Heute bin ich mir sicher, dass ein entscheidender Faktor an anderer Stelle liegt: So kennen Kabel, gleich welcher Art, zwei elektrisch stabile Betriebszustände, nämlich den bei Gleichstrom und den bei Hochfrequenz. Für beide Fälle gelten zwei unterschiedliche Betrachtungsweisen hinsichtlich der Signalübertragung. Das stört im Normalfall nicht, da Kabel zumeist entweder in dem einen oder dem anderen Bereich eingesetzt werden.

Für die Übertragung der Audiosignale verwendete Kabel sind allerdings weder Fisch noch Fleisch: Bei sehr tiefen Frequenzen nähern sie sich dem Gleichstrombetrieb, bei hohen Frequenzen streben sie dagegen allmählich dem Hochfrequenzfall entgegen. Dazwischen liegen zehn Oktaven, innerhalb derer die Kabelparameter zwischen dem einen und dem anderen Extrem massiv driften können, wie Messungen immer wieder bestätigen. Ausschließlich im Audiobereich haben Kabel einen solchen Spagat zu bewältigen. So ist zum Beispiel der Einfluss des Skin-Effekts als frequenzabhängige Zunahme des Längswiderstandes bei einem im Audiobereich betriebenen Kabel weitaus stärker als bei einem mit Hochfrequenz gespeisten Antennenkabel. Bei diesem nämlich bewirkt selbst eine Verdopplung der Übertragungsfrequenz praktisch keine weitere Zunahme des Längswiderstandes mehr.

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Ursachen des Skin-Effekts. (Grafik: Universität Rostock)
Ursache für den Skin-Effekt: Frequenzabhängige Wirbelströme in einem von Wechselstrom durchflossenen Leiter bewirken eine zu hohen Frequenzen hin zunehmende Stromverdrängung in Richtung Leiteraußenseite (Grafik: Universität Rostock)
Kabelklang: Frequenzabhängigkeit beim Skin-Effekt, Grafik 1
Durch den Skin-Effekt nimmt die Stromdichte auf der Außenseite des Leiters mit steigender Frequenz allmählich zu. Dadurch steigt der Serienwiderstand R eines Leiters ebenfalls allmählich an (Grafik: Universität Rostock)
Kabelklang: Frequenzabhängigkeit beim Skin-Effekt, Grafik 2
Bei sehr hohen Frequenzen fließt der gesamte Strom nur noch über die „Außenhaut“ des Leiters – sein Zentrum trägt nicht mehr zum Stromtransport bei. (Grafik: Universität Rostock)
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Nach meiner Einschätzung sind es daher vor allem die nichtlinearen, frequenzabhängigen Größen wie Wirbelstrom- oder dielektrische Verluste, die den Kabelklang besonders nachhaltig prägen – und diese sind in der Tat unabhängig von der Länge des Kabels.
Die Betrachtung des Verlustfaktors d (dissipation factor d = tanδ) kann denn auch Ansätze für manche, elektrisch zunächst mal nicht nachvollziehbare Effekte liefern. So behaupten beispielsweise einige Kabelgurus, Kleinsignalkabel bräuchten für Top-Klang einen ausreichend großen Querschnitt. Über das klassische Kabel-als-Filter-Modell ist das nicht zu begründen, da bei Kleinsignalkabeln der Stromfluss vernachlässigbar gering und daher der Querschnitts-abhängige Längswiderstand unbedeutend ist. Wohl aber reduziert der größere Querschnitt, richtig ausgeführt, den Verlustfaktor d.

Kabelklang: alles Voodoo – oder doch nicht?

Elektrotechnisch Eingeweihte betrachten die Audiokabel-Branche in der Regel ausgesprochen skeptisch. Grund hierfür sind nicht zuletzt die häufig pseudowissenschaftlich vorgebrachten und auf den Kabel-Verpackungen dargestellten Produktvorzüge, die oftmals ohne nachvollziehbare Begründung wie reine Marketing-Argumente anmuten. Mitunter steckt jedoch mehr dahinter als anzunehmen: Offensichtlich möchten einige Hersteller gerade nur so viel „rauslassen“, dass es zwar werbewirksam, aber nicht vollständig „ersichtlich“ ist – denn die wirklich relevanten Dinge sind ja bekanntlich immer ganz einfach (nachzumachen).

Dazu ein Beispiel: Der amerikanische Audiokabel-Spezialist Cardas bewirbt seine Produkte schon seit 25 Jahren hauptsächlich damit, dass sie als Konstruktionsmaxime dem Prinzip des Goldenen Schnitts folgen. Das klingt und liest sich vielversprechend, aber über das eigentliche „Warum“ hüllte man sich lange in Schweigen – und lüftet den Schleier bis heute noch nicht vollständig.
Den ersten, erhellenden Hinweis dazu erhielt ich durch Zufall: In einer amerikanischen Studie zum Thema Leiterherstellung fand sich die Bemerkung, dass Drähte beim Ziehen am wenigsten brechen, wenn sich ihre Durchmesser am Verhältnis des Goldenen Schnitts orientieren – nicht umsonst also basiert das amerikanische System zur Querschnittangabe von Leitern, genannt „American Wire Gauge“ (AWG) auf entsprechenden Verhältnissen. Außerdem erfuhr ich, dass einzelne Litzen, fasst man sie in Bündeln zusammen, ähnlich wie Sonnenblumenkerne zahlenmäßig von innen nach außen ebenfalls das Verhältnis des Goldenen Schnitts anstreben.

Kabelklang und Goldener Schnitt: Cardas Cable Cross Section
Typischer Innenaufbau eines Cardas-Kabels: Deutlich zu erkennen die dem Goldenen Schnitt angenäherte Verteilung der einzelnen Litzen mit ihren ebenfalls angepassten, unterschiedlichen Querschnitten (Foto: Cardas Cable)

Einige Jahre später und ins Thema Kabelklang schon deutlich tiefer abgetaucht, bekam ich dann sogar noch eine Zugabe: So existiert in der Nachrichtentechnik der Begriff des sogenannten Feldwellenwiderstandes. Dieser beschreibt den reellen Widerstandswert, den eine sich ausbreitende elektromagnetische Welle im Vakuum (näherungsweise auch in der Atmosphäre) vorfindet. In der entsprechenden Formel für den Feldwellenwiderstand tauchen die „Grundbausteine“ von Induktivität und Kapazität auf – nämlich die magnetische sowie die elektrische Feldkonstante. Aus diesen errechnet sich der Wert des naturgegebenen Feldwellenwiderstandes. Er beträgt 377 Ω – und bei dieser ungewöhnlichen Zahl klingelte es bei mir: Denn 377 gehört zur sogenannten Fibonacci-Zahlenfolge, welcher ebenfalls das Prinzip des Goldenen Schnitts zugrunde liegt.

Im Klartext heißt das: Es existiert ein naturgegebenes Verhältnis von Induktivität zu Kapazität, welches dem Prinzip des Goldenen Schnitts untersteht – wenn das nicht mal eine physikalische Steilvorlage für einen Audiokabel-Hersteller ist! Aber die hat Cardas natürlich nicht verraten…

Dass man „Herrschaftswissen“ zum Thema Kabel aber auch teilen kann, beweist der Leverkusener Kabelspezialist HMS-Elektronik: In unzähligen Workshops und schriftlichen Abhandlungen lässt HMS-Mastermind Hans M. Strassner schon seit Jahrzehnten nicht locker, auch komplizierte Sachverhalte zu diesem Thema mit wissenschaftlicher Akribie und dennoch verständlich unter die Lupe zu nehmen. Ohne Frage hat Strassner damit ganz erheblich zur Objektivierung des Kabelthemas beigetragen.

Hans M. Strassner HMS-Elektronik
Inhaber und Mastermind von HMS-Elektronik Hans M. Strassner – hier bei einem Workshop zum Thema Lichtnetz-Verkabelung von HiFi-Anlagen (Foto: HMS-Elektronik)

Fazit: Wie seriös sind Kabelklang Tests?

Fürwahr eine heikle Frage, mit der sich zumindest jedes HiFi-Testmagazin sehr kritisch auseinandersetzen sollte. Im Vordergrund steht hier natürlich zunächst mal ein nachvollziehbarer und auch reproduzierbarer Testablauf. An dieser Stelle kommt dann auch sofort das Thema A-B-Umschalteinrichtungen für Kabel ins Spiel. Häufig wird behauptet, diese würden durch ihre eigenen Eigenschaften das klangliche Ergebnis zu sehr beeinflussen und damit vollständig entwerten. Es trifft sicher zu, dass in die Übertragungskette eingeschleifte Gerätschaften stets einen gewissen Einfluss ausüben – der fällt jedoch bei richtiger Anordnung definitiv geringer aus als mögliche Unsicherheiten durch eine zweifelhafte Testprozedur. Hierzu zählt auf jeden Fall der übliche Testablauf: Tester hört zunächst Kabel A, steht auf, verkabelt Komponenten mit Kabel B, um sich zum Hören anschließend wieder hinzusetzen. Bei dieser Vorgehensweise muss man schon sehr viel Glück haben, um exakt wieder denjenigen Platz einzunehmen, den man beim Hören von Kabel A inne hatte. Denn wer jemals überprüft hat, wie delikat die Pegelverhältnisse am Hörplatz speziell bei den kritischen, hohen Frequenzen ausfallen, der weiß, dass hier bereits wenige Millimeter Abweichung Pegeländerungen von mehreren Dezibel bewirken. Bei dieser Methode sind klangliche Beschreibungen zu Kabeln also reine Glückssache.

LowBeats führt daher Kabeltests immer mit mindestens zwei Personen durch: Einer hört – der Zweite steckt um, während sich der Hörer dabei nicht von der Stelle bewegt. Nur so lassen sich in punkto Kabelklang reproduzierbare Hörergebnisse auch ohne A-B-Umschalteinrichtung erzielen.
An dieser Stelle gilt es noch, ein grundsätzliches Missverständnis aus dem Weg zu räumen – nämlich die Behauptung, dass Kabeltests ein ultimatives und damit kostspieliges HiFi-Setup erfordern. Vielmehr zeigt die Erfahrung, dass klangliche Eigenschaften von Kabeln bereits mit relativ preiswerten HiFi-Komponenten erkennbar sind – Stichwort „Kabel als Glasscheibe“.

Das Wichtigste: Den eigenen Ohren trauen

Am Anfang steht immer die Beobachtung. Das gilt auch für die Physik, die ja per Definition die wissenschaftliche Erforschung von Naturerscheinungen ist. Und das menschliche Gehör ist nun mal ein verdammt guter Beobachter: Wenn beispielsweise ein Kabel eine für dich feststellbare, klangliche Veränderung in deinem Setup bewirkt, dann traue deinen Ohren. Natürlich kannst du versuchen, den „gehörten Kabelklang“ zu verifizieren – zum Beispiel durch einen A-B-Blindtest oder mit Hilfe einer zweiten Person. Aber lass‘ dein Hörergebnis zunächst mal gelten – auch wenn es der gängigen Lehrmeinung widerspricht. Mitunter dauert es Jahre, bis empirische Hörerfahrungen ihre offizielle Bestätigung erfahren. Bestes Beispiel hierfür ist Jitter als Ursache für mangelhaften Digitalklang: Zwar war das Phänomen Jitter an sich schon lange bekannt, aber bis es auch bei der Geräte-Entwicklung auf breiter Front beachtet wurde, vergingen beinahe zwei Jahrzehnte.
An diesem Punkt stellt sich denn auch die Frage, inwieweit Kabelklang messbar ist. Messwerte bei Kabeltests sind zweifellos wichtig, weil sie einiges über die korrekte Anpassung für ihren Einsatzbereich, aber auch über die elektrische „Verträglichkeit“ in der Anlage aussagen. Dazu ein Beispiel: Die Parallelkapazität bei Lautsprecherkabeln spielt im „Kabel-als-Filter“-Modell bedingt durch den niederohmigen Abschluss praktisch keine Rolle. Allerdings kann sie instabilen Verstärkern schwer zu schaffen machen, ja sie sogar wirklich zum Oszillator werden lassen. Das kann, abgesehen von erheblicher Wärmeentwicklung des Amps, durchaus klangliche Nachteile mit sich bringen – wenn auch indirekt.

Günstige Messwerte von Kabeln schaffen damit also beste Voraussetzungen für guten Klang – eine Garantie dafür sind sie jedoch nicht. Doch das gilt bekanntermaßen ja auch für alle anderen HiFi-Komponenten…

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Autor: Jürgen Schröder

Jürgen Schröder
Tonmeister, Mess-Chef und technische Gewissen von LowBeats. Kümmert sich am liebsten um Wissens-Themen, Kopfhörer und den spannenden Bereich zwischen Studio und HiFi.