VTL IT-85 Front
Auf den ersten Blick ist der VTL IT-85 ein sehr klassischer, sehr amerikanischer Röhren-Amp mit viel Leistung und gar nicht so günstigem Preis (7.900 Euro). Doch die genaue Betrachtung zeigt: Der IT-85 ist einer der besten seiner Klasse (Foto: VTL)

Test Röhrenvollverstärker VTL IT-85: EL34 de luxe

Der IT-85 ist ein Verstärker, mit dem man alt werden und dabei dennoch jung bleiben kann. Ausgewogen, kraftvoll-souverän und vielseitig kombinierbar, spricht er auch Leute an, denen Röhren bisher zu heikel waren.

Wow. Ein Stereoamp mit einem Paar EL34 pro Kanal. Das haben Tester und röhreninteressierte Musikfreunde jetzt wahrlich nicht dutzendmal, sondern eher hundertfach gesehen und gehört. Aber bei High-End-Verstärkern geht es ja nicht nur um das Was, sondern ganz entscheidend auch um das Wie. Der VTL IT-85 ist ein Paradebeispiel dafür, dass Datenblatt-Spezifikationen nur einen kleinen Teil der Geschichte erzählen: Seine Endröhren sind verlässliche Allerwelts-Pentoden, eingeführt in den 1950er Jahren und seither in Millionen von Verstärkern in HiFi-Racks und Musikschränken, auf Sideboards und Konzertbühnen aktiv. Damit kann man zickige Amp-Diven bauen, mit denen ihr Besitzer täglich aufs Neue um das letzte Quäntchen Klang fighten darf, aber auch brave Arbeitspferde, die Jahrzehnte in staubigen Racks ausharren und dabei unbeirrt nicht sensationell, aber doch einfach gut klingen. Luke Manleys VTL IT-85 fällt in eine dritte, spärlich besetzte Kategorie: Amps, die so zuverlässig überragend klingen, dass man seine Vorstellung dessen, was EL34-Gegentakt-Amps leisten können, neu kalibrieren muss.

VTL IT-85 Front
Mini-Heimkino: Das Panoramafenster in der Frontplatte des IT-85 lässt dessen üppige Röhrenbestückung dezent durchschimmern. (Foto: B. Rietschel)

Manley ist ein freundlicher, unaufgeregter Mann mit britisch-südafrikanischen Wurzeln. Er ist ausgebildeter Toningenieur und gründete VTL einst mit seinem Vater David, der irgendwann in den 190ern aber mit Manley Labs eigene Wege ging: Manley Labs ist studioaffiner, baut neben legendären Effektgeräten, Limitern und Kompressoren aber auch vornehme HiFi-Produkte.

Vacuum Tube Logic alias VTL dagegen ist eine 100-prozentige High-End-Firma. Entwickelt und gebaut wird in Chino, Kalifornien, was die Entstehung echter HiFi-Sonderangebote schonmal zuverlässig verhindert. Zum gehobenen Preis des IT-85 trägt aber auch die Konstruktionsphilosophie bei, die Luke Manley und sein Ingenieursteam kompromisslos pflegen: VTL bevorzugt separate Vor-Endstufenkombis mit „echten“ Vorverstärkern, die also richtig Spannung und Strom an ihren Ausgängen liefern können, und mit Leistungsverstärkern, die diesen Namen ernsthaft verdienen.

Die Besonderheiten des VTL IT-85

Der IT-85 ist mit 60 Watt pro Kanal spezifiziert, und darunter gibt es definitiv nichts im VTL-Programm, während am anderen Ende der Preisliste einige der stärksten Röhrenamps der HiFi-Welt bereitstehen: Mit einem Pärchen des Monoblocks Siegfried und entspannten 600 Watt Pro Kanal kann der glückliche Besitzer auch die ganz großen Wagner-Momente in ihrem vollen, epischen Nibelungenmaßstab erleben – an jedem Lautsprecher, in jedem Raum.

Etwas herunterskaliert bietet aber auch der IT-85 schon viele der Qualitäten seiner großen Verwandten. Im Grunde ist dieser Vollverstärker mit den meisten anderen Röhren-Integrierten nicht vergleichbar, weil sich hier wirklich eine ausgewachsene Vorstufe und eine komplette Endstufe das Gehäuse teilen, das sonst die Stereoendstufe ST-85 einnimmt. Der Endstufenteil des IT-85 weist daher auch klare Parallelen zur ST-85 auf, während der Vorstufenteil nicht nur ein wenig an die separate Vorstufe TL-2.5i erinnert. Zumindest an deren mit vier Doppeltrioden bestückte Line-Stufe, denn Phono in VTL-Qualität würde dann doch nicht in das 40 Zentimeter breite Chassis passen. Diesem Zweck hat Manley eine Reihe separater Phono-Preamps von überlegener Qualität gewidmet, nach dem Motto „wenn schon, dann richtig“. Da hier bereits das kleinste Modell TP 2.5i über 7000 Euro kostet, werden aber nur Hardcore-Analogos eine Kombination aus IT-85 und hauseigenem Phonoteil ins Auge fassen. Also zum Beispiel der Autor dieser Zeilen, der kurzerhand eine TP-2.5i mitbestellte. Wir verwenden diesen Preamp zwar auch für den Test des Vollverstärkers, gehen im Detail aber in einer eigenen Geschichte darauf ein.

VTL IT-85 Hörraumn
In bester Gesellschaft: Hier flankieren der Pass INT25 und der Cayin CS-805A den VTL. Auf vergleichbarem Preisniveau stehen sich also minimalistische Transistor-Avantgarde, ein klassischer Push-Pull-Röhrenamp und eine Eintakt-Triode gegenüber (Foto: B. Rietschel)

Dass der Line-Vorverstärker im IT-85 ein echter Vorverstärker ist, erkennt man an der ungewöhnlich üppigen Röhrenbestückung des integrierten Amps. Neben dem bereits erwähnten Quartett EL34 stehen auf dem Chassis noch insgesamt sechs Doppeltrioden herum. Zwei davon sind 12AU7 (auch als ECC82 bekannt), die verbleibenden vier Kolben sind 12AT7 (ECC81). Damit stellt Manley der Vorstufe einen vollwertigen, per Kathodenfolger gepufferten Ausgang zur Verfügung, an dem man zum Beispiel einen Subwoofer oder eine weitere Endstufe betreiben kann.

Umgekehrt ist auch die Endstufe des Vollverstärkers direkt über ein eigenes Buchsenpaar erreichbar. Das erleichtert die Integration des VTL beispielsweise in ein Surroundsystem, wo man dann beim Filmegucken den AV-Prozessor als zentrale Vorstufe nutzt. Besitzer irgendwelcher Anpassungs- oder Equalizing-Kästchen freuen sich, dass sich zusammen mit dem Pre Out eine vollwertige Prozessorschleife ergibt, in der solche Effektgeräte einerseits Platz finden, andererseits mit nur einem Kippschalter-Klick aus dem Signalweg befördert werden können.

VTL IT-85 Tubes
Logisches Layout: Das Netzteil sitzt rechts auf dem Oberdeck, die Ausgangstrafos links. Dazwischen, von den Ausgangstrafos per Stahlblechwand abgeschirmt, die aktiven Komponenten: Zwei Paar EL34, in diesem Fall von Electro Harmonix, sowie insgesamt sechs Doppeltrioden für Vor- und Treiberstufen (Foto: B. Rietschel)

Neben dem Pre Out gibt es auch einen Festpegel-Ausgang zum Anschluss von Aufnahmegeräten, PC-Audiointerfaces oder zum Beispiel auch eines separaten Kopfhörerverstärkers. Wobei letzterer oft gar nicht nötig sein dürfte. Denn der IT-85 bedient Kopfhörer bereits selbst recht fürstlich direkt aus seinen edlen Ausgangsübertragern. Letztere wickelt VTL selbst, und zwar mit nur einem Lautsprecherabgriff statt der sonst üblichen zwei oder drei. Nutzerin oder Nutzer müssen bei der Verkabelung also nicht erst entscheiden, ob ihre Boxen nun mit dem 4Ω-, 8Ω- oder gar 16Ω-Klemmenpaar am besten harmonieren. Das ausgefeilte Schaltungsdesign mit seiner penibel in Hörtests ausbalancierten Gegenkopplung und für Röhrenverhältnisse recht niedrigem Ausgangswiderstand soll diese Anpassung nicht nötig haben. Im Gegenzug profitiert der Amp davon, stets wirklich mit dem vollen Trafoblech- und Kupfervolumen arbeiten zu können, das die hausgemachten Umspanner eben auffahren können.

VTL IT-85 Anschlüsse
Praxisfreundlich: Beschriftung und Anordnung der Anschlüsse sind beim IT-85 vorbildlich gelöst. Am hinteren Rand des Oberdecks ebenfalls sehr gut erreichbar: Die schwarzen Messbuchsen für die Ruhestrommessung, jeweils flankiert von einem blauen Trimmpoti für allfällige Korrekturen (Foto: B. Rietschel)

Mit präzise geregelter Anodenspannung in der Vorstufe und sehr opulenten Pufferkapazitäten im Netzteil der Endstufe ziehen sich Stabilität und Stromlieferfähigkeit wie Leitmotive durch die Konstruktion des Vollverstärkers. Dazu passt auch die wuchtige Dimensionierung der drei Trafos, die auf der Waage zu Buche schlägt: Über einen halben Zentner wiegt der kompakte Verstärker, oder fast doppelt so viel wie EL34-bestückte Einsteiger-Amps, die auch schon sehr solide in der Hand liegen – etwa der wunderschöne Cayin MT-34L.

Wer jetzt anmerken will, dass der Cayin zwar etwas leichter ist, vielleicht auch etwas schwächer, dafür aber auch nur ein Sechstel (!) kostet und mithin sensationellen Gegenwert liefert: Das sehen wir genauso. Es schmälert die Leistung des VTL aber nicht, der konstruktiv eben an ganz vielen Stellen einen oder mehrere Schritte weiter geht, dessen Bauteile weitgehend ohne Kompromisse ausgewählt wurden, und der zudem nicht im industriellen Maßstab in China, sondern unter Manufakturbedingungen in Chino, Kalifornien entsteht. Einem Standort mit strengsten Arbeits- und Umweltschutzbedingungen, die sich natürlich ebenfalls im Endpreis niederschlagen.

VTL IT-85 von innen
Traditioneller Aufbau: VTL bestückt die ausladende Hauptplatine mit soliden US-Markenbauteilen. Darunter etwa Widerstände von Ohmite, Caddock, Dale und Mills (Foto: B. Rietschel)

Das Firmenmotto von VTL lautet „making tubes user-friendly“. So steht‘s ganz vorne im Handbuch, und der IT-85 löst den Anspruch auch ein. Es ist ein Röhrenverstärker (auch) für Leute, die eigentlich gar keinen Röhrenverstärker gesucht haben. Sondern einfach eine HiFi-Komponente egal in welcher Technik, die ihre Musik organisch, real und berührend klingen lässt. Die in der Praxis aber möglichst wenig Aufmerksamkeit oder Spezialwissen fordert. Man erkennt das schon am Gehäusedesign, das hochwertig, aber auch betont unscheinbar daherkommt.

Während andere Hersteller ihre Röhrenamps meist erkennbar für offenen Betrieb auslegen und nur aus Haftungs- oder Reglementgründen dann widerwillig einen Schutzkäfig draufstülpen, wirkt beim IT-85 der komplett geschlossene Zustand am stimmigsten. Eine Sportcoupé-versus-Cabrio-Analogie heben wir uns aber lieber für einen anderen Verstärker auf, denn die Proportionen des VT-85 erinnern eher an einen Lieferwagen: Die hoch aufragende Alukulisse der Frontplatte gibt die Linie bereits vor, und der dickwandige Stahlblechkasten dahinter setzt sie stimmig fort. Eine große Echtglas-Frontscheibe gewährt Durchblick auf die Röhren. Doch im Normalfall, solange man den Amp nicht gezielt von hinten beleuchtet, sieht man auch da nicht besonders viel. Die EL34 und erst recht die Doppeltrioden verbreiten ja kein gleißendes Licht, wie es zum Beispiel große Sendetrioden mit ihren thorierten Kathoden tun. Sie glimmen nur ganz milde vor sich hin, solange sie nicht gerade völlig falsch eingestellte Ruheströme ertragen müssen oder bereits defekt sind.

VTL IT-85 Front
Mini-Heimkino: Das Panoramafenster in der Frontplatte des IT-85 lässt dessen üppige Röhrenbestückung dezent durchschimmern (Foto: B. Rietschel)

Den Ruhestrom der Endstufe hat man – user-friendly hin oder her – manuell einzustellen. Die üblichen Autobias-Schaltungen sind zwar komfortabel, schafften es aber nicht durch die strengen Hörtests, die jede VTL-Neuentwicklung begleiten. Es gibt zwar auch Lösungen ohne Klang-Kompromisse, deren Aufwand ist aber beträchtlich, weshalb man sie erst bei den ganz großen VTL-Geschossen findet. Da ergibt das auch mehr Sinn: An einem Pärchen Siegfried sind insgesamt 24 Beam-Tetroden des Typs KT88 oder 6550 abzugleichen (wobei sich die Arbeitspunkte der Röhren auch noch gegenseitig beeinflussen). Da ist man für eine Mikroprozessorsteuerung dankbar, die das übernimmt und nebenbei auch die Gesundheit der zwei Dutzend Kraftkolben überwacht. Am IT-85 dagegen, mit zwei EL34-Paaren, ist der Aufwand überschaubar: ein, zweimal im Jahr vielleicht geht man mit dem Multimeter bei, checkt an den gut erreichbaren Mess-Ports auf dem Oberdeck die Spannung und trimmt an den Wendelpotis daneben eventuell etwas nach. Beim Testgerät ergab sich in zwei Monaten Dauerbetrieb keinerlei Handlungsbedarf.

Erfreulich klar präsentieren sich die Anschlüsse am Heck des Verstärkers. Das Steckfeld mit acht Cinchpaaren ist um 30 Grad gestaffelt, die Beschriftung zudem auf einer von oben einsehbaren 45-Grad-Schräge angebracht, die auch die ultrastabilen Lautsprecheranschlüsse trägt. So finden sämtliche Cinchstecker, Bananas oder Kabelschuhe leicht ans Ziel, selbst wenn der Amp im Rack oder nah vor einer Rückwand steht.

VTL IT-85 Anschlüsse
Die aus Sicherheistgründen nötige Käfigabdeckung sieht bei VTL ausnahmsweise mal harmonisch als Teil des Ganzen aus. Auch klangliche Einflüsse – bei Draufsteck-Käfigen nicht selten – konnten wir hier nicht feststellen (Foto: VTL)

Die Eingangswahl geschieht rein mechanisch mit einem Drehschalter unmittelbar neben den Eingangsbuchsen, der über eine lange Achse mit dem Drehknopf an der Front betätigt wird. Auch seltener benötigte Dinge, etwa die Hauptsicherung und die ihr nachgelagerte Sicherung für die Anodenspannungs-Versorgung, sind an dem Amp logisch, leicht auffindbar und gut erreichbar platziert. So hinterlässt der VTL den Eindruck eines durch und durch vernünftigen, mit wachem Auge auf praktische Belange entwickelten Verstärkers. Dazu passt, dass der IT-85 den Besitzer nicht mit umschaltbaren Betriebsmodi und ähnlichen Optionen verwirrt: Die EL34 sind von Haus aus Pentoden und werden hier auch genau so eingesetzt, in der klassischen Ultralinearschaltung. Dabei erhält das Schirmgitter der Röhre Verbindung zu einer genau austarierten Mittelanzapfung an der Primärwicklung des Ausgangstrafos. Was für eine geradere Kennlinie, mithin niedrigere Verzerrungen, sorgt und den Amp zusätzlich stabilisiert.

VTL IT-85 Bedienelemente
Für einsamen Genuss: Der Kopfhörerausgang dockt im Verstärker direkt am Ausgangsübertrager an, ist manuell schaltbar und klingt sehr klar und dynamisch. Mit dem „Processor“-Kippschalter lassen sich beliebige Zusatzgeräte zwischen den „Pre Out“- und „Amp In“-Eingängen einschleifen (Foto: B. Rietschel)

Die verbreitete Möglichkeit, die Schirmgitter mit den Anoden zu verbinden (und sie damit inaktiv zu schalten) und die EL34 quasi als Trioden zu betreiben, bietet der VTL ebensowenig wie eine schaltbare Über-Alles-Gegenkopplung. Und zwar nicht obwohl, sondern gerade weil Luke Manley um den starken Klangeinfluss dieser Korrekturschleife weiß: ein Tick zuviel, und die Musik wirkt langweilig und ausdrucksschwach. Zu wenig, und der Amp wird unnötig zickig, neigt zu heller und rauher Überzeichnung, die nur kurz als Lebendigkeit, bei längerem Hören aber eher lästig empfunden wird. Also verbrachte das VTL-Team viele Stunden im Hörraum, um die goldene, genau ausbalancierte Portion Feedback zu bestimmen. Da ergibt es für die VTL-Zielgruppe wenig Sinn, den Amp per Wahlschalter selbst nochmal feinabstimmen zu müssen. Auch weil die technischen Randbedingungen dank der anderen Festlegungen – nur eine Ausgangswicklung, nur Ultralinearbetrieb – weniger stark schwanken als bei vielen anderen Verstärkern.

Hörtest

Man kann den IT-85 also nur an seine Boxen und Quellen anschließen, ihn mit der knackigen Schaltwippe an der Frontplatte unter Strom setzen – und etwas warten. Nach 30 Sekunden gibt der Amp seine Ausgänge frei, nach 30 Minuten ist die Aufwärmphase definitiv beendet, zumindest für meine Ohren tut sich dann klanglich nichts mehr. Jedenfalls wenn der VTL nicht nagelneu aus dem Karton kommt. Mit neuen Röhren braucht‘s natürlich erstmal ein paar Tage.

Und ich schreibe das nicht, weil man das halt schreibt. Sondern weil ich es in meinen Hörtestnotizen förmlich ablesen kann, wie die Eindrücke während der ersten Tage immer intensiver und in Relation zu feststehenden Vergleichsgrößen immer positiver werden. Man kann sich ja auch an Geräte gewöhnen und sich in deren positive Eigenschaften entsprechend reinsteigern. Wenn aber rechts daneben – wie in diesem Fall ein paar Tage lang – ein Canor AI 1.10 steht und links daneben ein Cayin CS-805A, gibt es feste Bezugspunkte.

In diesem Koordinatensystem bewegt sich der VTL absolut souverän. Er bietet nicht diese ganz große, physische Wucht, die der Canor mit seinen vier in Class A geschalteten KT88 erzeugen kann. Trotz nominell höherer Leistung wirkt der VTL nicht ganz so bärig-brustbehaart wie sein slowakischer Kollege. Die Musik ist eher ein opulentes, barock ausgefülltes Bild, mit präzise platzierten Motiven und hoch suggestiven Perspektiven, die den Raum hinter der Leinwand öffnen. Der Canor wirkt präsenter, lässt die Musik mehr auf den Hörer zu pulsieren, malt seine Panoramen aber nicht ganz so weit und stabil wie der IT-85.

Im Dreigestirn mit dem Cayin CS-805A nimmt der Canor am ehesten die Mittelposition ein. Der IT-85 bietet aus dem Trio den edelsten, samtigsten Ton und die suggestivste Abbildung. Mit Sinfonik oder auch großen Live-Events wie dem Cohen-Memorial-Konzertalbum „Who By Fire“ von First Aid Kit ist er in der Summe kaum zu schlagen. Der Cayin ist als Eintakter etwas anspruchsvoller, was passende Lautsprecher anbetrifft und liefert in günstigen Kombinationen unglaublich intensiven, unmittelbaren Musikfluss mit etwas schlankerem, weniger substanziellem Körper. Der Canor schließlich hat das ausgeprägteste Rocktalent und verträgt sich ähnlich problemlos mit weniger idealen Lautsprechern wie der VTL.

Der Klang des IT-85 ist auf Anhieb stimmig, angenehm seidig, an den Frequenzextremen weit ausgedehnt, räumlich stabil und – wie bereits beschrieben – opulent großformatig. Mit einem Wort: sagenhaft. So klingen Vollverstärker – egal ob transistorisiert oder mit Röhren – normalerweise nicht. Es ist eher die Art Klang, die man als Argument braucht, wenn sich mal wieder jemand fragt, wozu heute noch Vor-Endstufenkombis nötig sind. Nur dass er hier nicht aus einer mehrteiligen Verstärkerkombi stammt, sondern aus einem recht unscheinbaren Vollverstärker.

Schlanke Produktionen wie das 2015er-Album „Thank Your Lucky Stars“ von Beach House oder Golden Earrings musikalisch mäandernde, tontechnisch aber knackig-straffe Schlaghosen-Psychedelik von „Eight Miles High“ (1969) erhalten über den VTL ausreichend Schub und Würde, dass man nicht verzweifelt nach einem Klangregler sucht, wie das sonst bei zu mittenseligen Ketten passieren kann. Zumal an Farben, Nuancen und Feinstrukturen ja kein Mangel herrscht – im Gegenteil: Victoria Legrands Stimme, die begleitenden Vintage-Keyboards, die eigenartig hallige Produktion auf „Thank Your Lucky Stars“ schillern mit faszinierender Tiefe. Und dass es in den ausklingenden Sixties auch schon druckvollen Bass gab, zeigt „Eight Miles High“ zum Schluss dann doch noch. Der 19-Minuten-Titelsong zitiert anfangs das Byrds-Original und zerfällt dann genretypisch in ekstatische Solo-, Gniedel- und Improvisationsphasen, darunter ein klasse Drumsolo im Retro-Dashtrommelsound, das aber nach vier Minuten von einem gewaltigen Tiefton-Workout des Bassisten Rinus Gerritsen überrollt wird.

Golden_Earring Eight Miles High Cover
Das 1969er Werk ist nicht mehr ganz taufrisch, aber fürs Hörtesten gar nicht übel… (Cover: Amazon)

Früher hörte man sowas mit vollem Pegel durch. Weil das Stück leise anfing, es keine Fernbedienungen gab und eh alle zu stoned zum Aufstehen waren. Heute lässt man die Finger von der Fernbedienung. Zum einen, weil es ein billiger Plastikdrücker ist, der nicht so recht zu dem vornehmen Verstärker passt. Vor allem aber, weil man die Autorität und Hartnäckigkeit nicht fassen kann, mit der der VTL diese Herausforderung durchzieht.

Klar kann man noch schwerere Amps bauen, mit dem doppelten oder dreifachen Röhren-Hubraum, mit proportional höherer Leistung und Standfestigkeit. Meist bringt die Vergrößerung aber nicht nur Vorteile: Mehr Komponenten können auch mehr Probleme, größere Komponenten größere Probleme bringen. Der IT-85 bewegt sich auf einer schönen Ideallinie, ein mittelgroßer Push-Pull-Amp mit der kleinstmöglichen Zahl Endröhren in einer sorgfältig und großzügig ausgelegten Schaltungsumgebung. Das klingt schon sehr erwachsen und liefert für die allermeisten Anwendungen mehr als genug Leistung.

Fazit VTL IT-85:

Der IT-85 ist ein zeitlos gut gemachter Vollverstärker, der herrlich großformatigen, samtig-edlen Röhrenklang mit einer besonders universellen, stabilen Auslegung verbindet. Die Suche nach einem passenden Lautsprecher lässt sich hier deutlich abkürzen, weil sich der US-Amp mit den allermeisten halbwegs effizienten Boxen problemlos verträgt.

VTL IT-85
2022/07
Test-Ergebnis: 4,5
ÜBERRAGEND
Bewertungen
Klang
Praxis
Verarbeitung

Gesamt

Die Bewertung bezieht sich immer auf die jeweilige Preisklasse.
Weiträumiger, saftiger Klang
Gute Verarbeitung
Kompakt, kräftig und komfortabel
Fernbedienungs-Sender könnte wertiger sein

Vertrieb:
Audio Reference GmbH
Alsterkrugchaussee 435
22335 Hamburg
www.audio-reference.de

Preis (Hersteller-Empfehlung):
VTL IT-85: 7.900 Euro

Technische Daten

VTL IT-85
Technisches Konzept:Röhren-Vollverstärker
Leistung:2 x 60 Watt
Bestückung:4 x EL34, 4 x 12AT7, 2 x 12AU7
Besonderheiten:Upgrade-Pfad für angepasstes horizontales Biamping mit VTL ST-85
Leistungsaufnahme:max. 600 Watt
Abmessungen (B x H x T):40,0 x 17,7 x 28,0 cm
Gewicht:29,5 Kilo
Alle technischen Daten
Mit- und Gegenspieler:

Test Röhrenvollverstärker Cayin CS-805A: der Gentleman
Test Röhrenvollverstärker Canor AI 1.10: besser gehts kaum

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Autor: Bernhard Rietschel

Bernhard Rietschel ist gelebte HiFi-Kompetenz. Sein Urteil zu allen Geräten ist geprägt von enormer Kenntnis, doch beim Analogen macht ihm erst recht niemand etwas vor: mehr Analog-Laufwerke, Tonarme und Tonabnehmer hat keiner gehört.