ende
Home / Test / Verstärker / Vollverstärker / Test Westend Audio Leo: 300B Röhren-Amp mit 2 x 20 Watt
Westend Audio Leo Front
Einer der faszinierendsten Vollverstärker unserer Tage: der Westend Audio Leo mit 300B-Bestückung für 9.990 Euro (Foto: T. Wendl)

Test Westend Audio Leo: 300B Röhren-Amp mit 2 x 20 Watt

Viele Jahrzehnte lang dachten die Audiophilen dieser Welt, die Kultröhre 300B klingt zwar überragend gut, ist aber für normale Lautsprecher viel zu leistungsschwach. Der Transistor-Spezialist Günther Mania belehrt uns nun eines Besseren. Im Vollverstärker Westend Audio Leo bringt er die legendäre Triode auf ein bislang unerreichtes Leistungs-Niveau – und setzt auch klanglich neue Maßstäbe.

Wenn die Menschen in den 1920er Jahren ins Kino gingen, saßen sie vor einer großen Leinwand, aber auch vor gigantischen Lautsprechern: Hörner, so groß wie Wandschränke. Die Kino-Betreiber installierten die riesigen, hoch effizienten Trichter nicht aus Spaß, sondern aus reiner Not: dem Mangel an Verstärker-Leistung. Die damals üblichen Röhrenverstärker hatten Mühe, auf zweistellige Wattzahlen zu kommen. Also musste jedes Watt sorgsam genutzt werden…

Heutzutage ist Leistung im Bereich Beschallung oder HiFi kein Thema mehr. Selbst durchschnittliche Oberklasse-Verstärker leisten heute schon locker 200 Watt – weshalb die Lautsprecher-Entwickler in den letzten Jahrzehnten leider nicht gezwungen waren, effiziente Schallwandler zu bauen. Aber das ist ein anderes Thema.

Zurück zur Leistung. Obwohl man sie heutzutage im Überfluss bekommen könnte, bleibt bei etlichen Kennern diese eigenwillige Sehnsucht nach den glimmenden Glaskolben mit nur wenigen Watt: sie schwören auf die klanglichen Vorzüge von Röhren. Die Röhre steht für einen warmen, unverwechselbar natürlichen Klang, der vielen Menschen intuitiv näher liegt als das, was uns Transistor- oder Digital-Verstärker zu bieten im Stande sind.

Und sollte man ein Synonym für diese Sehnsucht benennen, wäre das sicherlich die legendäre Triode 300B, die Western Electric erstmals 1938 auf den Markt brachte. Wenn Röhren eine so natürliche Wiedergabe mit so angenehmen Verzerrungen haben wie man ihnen nachsagt, dann macht das die 300B alles noch ein bisschen natürlicher. Aber ihre Leistungsausbeute in der üblicherweise verwendeten, weil klanglich überlegenen Single-Ended-Class-A Schaltungsvariante ist kärglich: irgendetwas zwischen 5 bis 9 Watt – mehr geht nicht. Ich persönlich kenne nur wenige Lautsprecher, die damit ein einigermaßen dynamisches Klangbild aufbauen können – und die wollte ich allesamt nicht im Wohnzimmer stehen haben.

Meine Euphorie war also eher gedämpft, als mir Westend Audio-Geschäftsführer Stefan Trog, der nebenbei auch noch eine Firma für Oberflächen-Veredelung und Münchens schönsten HiFi-Laden (zur 3. Dimension) führt, den Plan zu einem neuen Röhren-Vollverstärker mit 300B-Bestückung unter dem Westend Audio Label ankündigte. Oh Gott: Noch so ein Nischen-Nischenverstärker…

Stefan Trog High End 2018
Stefan Trog ist Besitzer des HiFi-Ladens 3. Dimension und einer der Köpfe hinter Westend Audio (Foto: R. Vogt)

Meine Skepsis wich ein wenig, als ich die ersten Entwürfe sah: Wow! Ein massiv wirkender Quader (Abmessungen: 43,0 x 12,5 x 39,0 cm (B x H x T) aus schweren, fingerdicken Aluminium-Rippen mit stark gerundeten Kanten und aufgeräumter Front. Nichts, aber auch gar nichts, das irgendwie nach verstaubter Röhrenelektronik aussieht. Vor allem, weil sich die Westend Audio Macher trauen, die ikonische 300B im Gehäuse quer zu legen und somit NICHT zu zeigen? Ein Frevel? Nein. Einfach der richtige Weg, mit Röhren moderne Verstärker zu bauen und gleichzeitig der lästigen Sicherheits-Diskussion aus dem Weg zu gehen. Denn welcher echte Röhren-Freak verwendet die normalerweise vorgeschriebenen Schutzgitter für die nach oben herausragenden Glimmkolben? Eben: keiner.

Westend Audio Leo Front3
Auch beim Gehäuse haben die Westend Audio Macher ein besonders glückliches Händchen bewiesen. Alles wirkt stimmig und klar, die Front ist aufgeräumt (Foto: T. Wendl)

Meine Zweifel an dem Konzept wurden noch einmal deutlich aufgeweicht, als der Entwickler des Westend Audio Leo, Günther Mania, bei LowBeats zu Besuch war und aus dem Nähkästchen plauderte. Er hätte da ein bisschen geforscht und eine Schaltung gefunden, mit der man aus der guten, alten 300B stolze 20 Watt herausholt, ohne sie dabei zu überfordern… Hoppla: Hat da nach 80 Jahren ausgerechnet ein Transistor-Spezialist eine 300B-Revolution losgetreten? Genau so sieht es aus.

An dieser Stelle muss ich einige Worte zu Günther Mania verlieren. Mania, Jahrgang 1955, ist einer der profiliertesten Verstärker-Entwickler Deutschlands. 1986 gründet er die Audio Video Manufaktur (AVM) und ist bis heute für fast alle Elektronik-Entwicklungen von AVM zuständig. Auch die fantastischen Endstufen der Marke AMP flossen aus seiner Feder. Eigentlich ist Mania Transistor-Mann durch und durch. Eigentlich. Doch vor etwa 15 Jahren begann er mit Röhren im Verstärker-Ausgang zu experimentieren und seitdem wird er immer mehr zum Röhren-Fan. Mania: „Es gibt Dinge bei der Röhre, die kannst du nicht messen. Oder sie messen sich schlecht. Aber richtig eingesetzt, macht die Röhre einfach mehr Musik als ein Transistor.“

Und damit sind wir wieder bei der 300B-Schaltung, die – an den richtigen Stellen von Transistoren gestützt – der legendären Triode im Westend Audio Leo zu einem modernen Auftritt verhilft. Auch von der Leistung her. Fast 20 Watt an 4 Ohm liefert der schmucke Verstärker an den Lastwiderständen ab. Das ist zwei- bis dreimal so viel wie üblicherweise. Und wie, lieber Herr Mania, haben Sie das hinbekommen? Nach drei Sätzen der Mania’schen Erläuterung wurde mir klar, dass hier mein technischer Sachverstand an Grenzen stößt. Glücklicherweise hat LowBeats den hoch kompetenten Kollegen Jürgen Schröder an Bord, der sich mit Mania etliche Stunden zu dem Thema ausgetauscht hat. Die Quintessenz daraus hat er im folgenden Kapitel niedergeschrieben:

Westend Audio LEO – die patentierte Technik

Technisch betrachtet, verbindet der Leo quasi „das Beste aus zwei Welten“. Völlig undogmatisch kombiniert er die Vorteile von Halbleiter und Transistor. Dort, wo der Vollverstärkerklang im Wesentlichen „gemacht“ wird, nämlich in der Leistungsendstufe, setzt der Leo auf Glaskolben im Single-Ended Class-A Modus. Im Kleinsignalbereich, wo höchster Rauschabstand und Immunität gegenüber Brumm-Einstreuungen gefragt sind, kommen hingegen Halbleiter zum Einsatz.

Ebenso trickreich wie ungewöhnlich zeigt sich die Leistungsendstufe des Westend Audio Leo. Im Wesentlichen basiert sie auf einem zweistufigen Konzept, sodass sich die Verzerrungskomponenten durch die gegenphasige Arbeitsweise von Treiber- und Ausgangsstufe zum größten Teil kompensieren.

Als Eingangs- und Vortreiberröhre verwendet der Westend Audio Leo pro Kanal jeweils gematchte Doppeltrioden vom Typ ECC 81. Diese sind stromergiebig und eignen sich mit ihrer eher mäßigen Steilheit perfekt für die erforderliche, geringe Spannungsverstärkung. Die beiden Triodensysteme der ECC 81 verfügen jeweils über eigene Konstantstromquellen im Kathodenkreis, was stabile Arbeitspunkte sicherstellt. Ihr parallelgeschalteter und damit relativ kräftiger Ausgang steuert dabei einen Feldeffekttransistor, der die eigentliche Treiberarbeit zum Ansteuern der Endtriode 300B übernimmt.

Westend Audio Leo Vorstufenröhre
Die Vorstufenröhren vom Typ ECC 81 sitzen in direkter Nähe zur Leistungsröhre 300B – hier rechts vorn im Bild (Foto: H. Biermann)

Auf diese Weise lässt sich die für die Endröhre benötigte negative Gittervorspannung elegant und zudem Mikroprozessor-kontrolliert zuführen. Das schafft nicht nur stabile Arbeitspunkte und wirkt Röhrenstreuungen entgegen, auch ermöglicht es ein schonendes Hochfahren der 300B während der Aufwärmphase, was dem empfindlichen Heizfaden einen verschleißfördernden Kaltstart erspart.

Westend Audio Leo innen
Die beiden 300B-Röhren werden im Westend Audio Leo aus optischen und aus Sicherheitsgründen quer eingebaut (Foto: T. Wendl)

Der eigentliche Clou beim Leo sind jedoch seine mit pro Kanal jeweils einer 300B-Röhre bestückten Ausgangsstufen. In deren Anodenkreis befinden sich ebenfalls Konstantstromquellen. Diese weisen jedoch dank gezielter Mitkopplung einen negativen Innenwiderstand auf.

Das Funktionsprinzip der Mitkopplung ist dabei vergleichbar mit einem Elektrofahrrad: So muss der Radler zum Vorwärtskommen stets die Pedale treten, jedoch wird er durch den Elektromotor proportional zum Tretvorgang entlastet. Die Pedale kontrollieren demnach die Fortbewegung (was der Arbeitsweise der 300B entspricht) – der Motor reduziert jedoch den zu erbringenden Kraftaufwand.

Unterstützend begleitet von der mitgekoppelten Konstantstromquelle, erzielen die 300Bs im Westend Audio Leo denn auch beachtliche Leistungswerte, ohne dabei Schaden zu nehmen. Damit sich das Ganze nicht aufschaukeln kann, nutzt Günther Mania den differentiellen Innenwiderstand der Röhre, was den Mitkopplungskreis gezielt im Zaum hält.

Ungewöhnlich fällt auch die Konfiguration des Ausgangsübertragers aus. Beim Westend Audio Leo koppelt dieser über einen Kondensator an den Anodenkreis der 300B an. Auf diese Weise bleibt dem Übertrager der bei klassischen Endröhrenkonzepten stets anfallende Gleichstromanteil erspart. Das reduziert zum einen magnetisch bedingte Verzerrungen, zum anderen kann der Übertrager durch den entfallenden Luftspalt deutlich kompakter ausfallen.

Alle von Kollege Schröder hier beschriebenen Maßnahmen bescheren der Endstufenschaltung von Haus aus vergleichsweise geringe Verzerrungswerte. Daher kann der Leo auf eine allumfassende Gegenkopplungsschleife vollständig verzichten – was ebenfalls dem Klang sehr förderlich ist.

Dass vorher noch keiner auf diesen Leistungs-Boost gekommen ist, wundert selbst Günther Mania. Nun hat er sich seinen 300B-Geistesblitz – zusammen mit Western Electric Chef Charles Whitener – patentieren lassen.

Die Ausstattung des Westend Audio Leo

Neben der komplexen Schaltung zur Leistungsförderung bietet der Leo noch weitere Kniffe, die ihn zu einem wirklich modernen Verstärker machen. Auffällig ist die Bluetooth-Antenne auf der Rückseite, die signalisiert: Hier kannst du auch die Musik vom Handy oder Tablet hören. Aber Bluetooth in einem 10.000-Euro-Verstärker? „Ich weiß, ich weiß“, kontert Mania die Bedenken. „Wenn es die ganze Zeit eingeschaltet wäre, würde das Bluetooth-Signal wahrscheinlich die Phonostufe stören.“ Beim Leo wird deshalb die Bluetooth-Stufe nur eingeschaltet, wenn sie auch benutzt wird. Andernfalls stellt sie sich tot. Wir haben während der Hörtests mit dem Leo vergleichsweise oft auch diesen Bluetooth-Eingang genutzt. Das klang erstaunlich gut.

Seite 1    Westend Audio Leo: Konzept, Technik
Seite 2    Ausstattung, Hörtest, Fazit, Bewertung