Porsche Soundtrack My Life App auf dem iPhone
Mit der Porsche Soundtrack My Life App kann jeder Porschefahrer seine Fahrt vertonen. (Foto: Porsche)

Porsche Soundtrack My Life App im Check: So klingt der Prototyp

Porsche präsentierte diese Woche neue Software für seine Sportautos. Neben dem durch Voice Pilot aufgewerteten PCM 6.0 und einer in der Sensorik verbesserten Track Precision App war darunter auch der Prototyp einer App, der aufhorchen lässt – im wahrsten Wortsinn: Porsche Soundtrack My Life könnte Teil eines zukünftigen Infotainment-Angebots werden. Doch Porsche orientiert sich dabei nicht an Musikdiensten wie Spotify oder Amazon Music. Am ehesten lässt sich die Sache mit endlosen, an die Situation adaptierten Game Sound Tracks vergleichen. Das Fahrzeug macht die Musik – passend dazu wie es der Fahrer bewegt. Soll heißen: Vorkomponierte Elemente erzeugen je nach individuellem Fahrstil einen Soundtrack.

Momentan experimentiert Porsche noch mit einer Smartphone App. Doch Initiator Norman Friedenberger, Product Owner Vehicle Solutions bei Porsche Digital, kann sich grundsätzlich auch eine direkte Integration ins Fahrzeug vorstellen. Inspiriert wurde Friedenberger, der bereits mit Kraftwerk zusammenarbeitete, zwar vom elektrischen Taycan, aber die App soll auf alle Baureihen ausgerollt werden. Porsche-Fan Friedenberger möchte damit die emotionale Lücke schließen, die der Entfall des markenprägenden Motorensounds beim Elektro-Sportwagen hinterlässt. In seiner hippen Heimat Berlin nennt man das neudeutsch Experience Void.

Das klingt nicht nur sehr spannend, das ist es auch. Deshalb durften sich der Autor und ein Kollege von einem Magazin für Mobile Gadgets bereits einen ersten Fahreindruck verschaffen. Für LowBeats stand ein bestens bekannter Porsche Taycan 4S mit 530 PS und Vierradantrieb bereit. Doch anders als der damalige Testwagen hatte der Taycan für die erste Ausfahrt mit dem Prototypen der Porsche Soundtrack My Life App ein (preislich deutlich darunter angesiedeltes) Bose-Sound-System. Allerdings ging es diesmal auch nicht darum, Feinheiten herauszuhören, das Staging zu beurteilen oder die Dynamik bis zum Letzten auszukosten.

Ich lenke, also bin ich – Komponist

Man muss sich das Projekt Soundtrack My Life wie eine besonders agile und vor allem voran adaptive Fahrstuhlmusik für vierrädrige Feuerstühle vorstellen. Die Musik passt sich, wie erwähnt, dem Fahrstil an. Dafür reagiert die Software auf Quer- und Längs-Beschleunigung. Beschleunigen, Bremsen oder kurvige Straßen gehen in den unterbrechungslosen Soundtrack ein. Die Musikkomposition erfolgt in Echtzeit auf Basis der Fahrt, sprich der Porsche und sein Lenker schreiben den Verlauf der Musik fort. Allerdings wird der Verlauf der Musiktracks nicht schlagartig durch einen Kavalierstart oder eine sportliche Bremsung beeinflusst.

Die Vision von Porsche Digital und seinem Vordenker Friedenberger: In Zukunft könnte das Auto selbst für die Musik verantwortlich sein, die von seinem Soundsystem abgespielt wird. In ferner Zukunft könnte die künstliche Intelligenz sogar Soundtracks vorhersagen, die zur aktuellen Stimmung des Fahrers passen. Ich muss zugeben, dass mir die Vorstellung autonomer Musikgestaltung weit besser gefällt als die vom autonomen Fahren.

Nicht mit dem Gaspedal Gitarre spielen

Doch Porsche greift nicht etwa wie bei der Track Precision App direkt die Fahrdaten aus dem digitalen Bordnetzwerk des Fahrzeugs ab. Die Ludwigsburger Digital-Schmiede der Zuffenhausener Marke begnügt sich mit den Sensoren des iPhones, auf dem der Prototyp der App installiert war. Das mag auf den ersten Blick überraschen. Doch Friedenberger und Friends wollten hektische Sprünge beim Gasgeben, an die ich bei meiner entsprechenden Frage dachte, unbedingt vermeiden. Auch Bildimpressionen, die man theoretisch aus der Kamera im Fahrzeug gewinnen könnte, taugen nach Überzeugung von Friedenberger nicht zur Musikbeeinflussung. Der erfahrene Komponist, der seit früher Jugend der Musik verschrieben ist, reagiert auf entsprechende Fragen mit einer Gegenfrage: „Wie klingt ein Sonnenuntergang?“

Der derzeitige Prototyp der Porsche Soundtrack My Life App generiert den individuellen Soundtrack aus vorkomponierten Elementen. Dieser Soundtrack, der nicht auf klassischen Songstrukturen basiert, sondern eher wie eine Filmmusik klingt, greift neben den Girosensoren des Smartphones auf sogenannte Stamps zurück. Diese Musikschnippsel sind fünf bis zehn Minuten lang und werden von Friedenberger und dem ebenfalls involvierten Filmmusikkomponisten Boris Salchow aus Los Angeles vorgegeben. Jedes Motto besteht aus bis zu 20 solcher Stamps, die immer wieder neu kombiniert und variiert werden. So kommt man bis zu einer guten halben Stunde ohne Wiederholungen aus, obwohl die einzelnen Elementarteilchen nur wenige Minuten lang sind.

Porsche Logo der Porsche Soundtrack My Life App
Hinter diesem Logo verbirgt sich der Prototyp der Porsche Soundtrack My Life App, die wir vorab einem ersten Fahrtest unterziehen konnten. (Foto: Porsche)

Künstlicher Intelligenz erteilt Friedenberger wegen der mangelnden Kontrolle über das musikalische Endergebnis eine klare Absage – es sei denn, um die Auswahl des Themas eines Tages automatisch an antizipierte Moods des Fahrers zu koppeln. Schließlich geht es darum, Stimmungen musikalisch aufzufangen, auf denen die fahrtabhängige Songgestaltung aufbaut. So gibt es im Prototyp der Porsche Soundtrack My Life App Musikthemen-Presets mit Vogelgezwitscher für relaxte Naturstimmung. Songs zum nächtlichen Cruisen und Passendes für die flotte Autobahnfahrt. Die Namen lauten verheißungsvoll „Forrest Of Ozz“, „Night Crawling“ oder „Blade Runner“ (mein Favorit, vielleicht auch wegen des kultigen Films, mit dem er aber außer der Stimmung direkt nichts zu tun hat).

Wende einer Dienstfahrt

Der aufs gerade Wohl zum Anfang gewählte erste Track brachte mich beim Weg auf die Autobahn ins Grübeln. Ist das der Bringer? Ein getragener, monotoner Teppich aus Synthie-Sphärenklängen angereichert von einigen hervorgehobenen Sounds haut einen von Burmester-Systemen in Porsche-Testwagen verwöhnten Audiophilen nicht unbedingt vom Hocker. Das führte dazu, dass ich die Fahrtuntermalung bald leiser drehte. Und dann begann die besondere Magie der Porsche Soundtrack My Life App zu wirken. Ich spulte vergnügt und entspannt die anderthalbstündige Testroute ab und dachte dabei gar nicht mehr an die Musik. Ich genoss einfach nur die Fahrt im majestätisch gleitenden Porsche Taycan 4S. 

Genau dafür ist die Porsche Soundtrack My Life App ja auch gedacht. Diese Dienstfahrt war das genaue Gegenteil bisheriger Car-Audio-Testfahrten. Es ging nicht darum, irgendwelche Nuancen zu erfassen, eine imaginäre Hörbühne zu bewerten oder auf Verfärbungen und andere Schwächen in der Abstimmung des Sound-Systems zu achten.

Porsche Taycan 4S von hinten
Ding aus einer anderen Welt: Mit dem Porsche Taycan gibt es endlich wieder einen echten Traumwagen. Und mit der neuen Porsche Soundtrack My Life App haben die Zuffenhausener endlich auch die akustische Killerapp, um den fehlenden Verbrenner-Sound würdig zu ersetzen.. (Foto: Caspar Zylla)

Die gepflegte, äußert individuelle Hintergrundbeschallung untermalte dezent, ja teilweise unbewusst meine Reise im leisen Gleiter. Manchmal, wenn ich auf einer ebenso einsamen wie kurvenreichen Landstraße der Versuchung erlag, den 530 PS im 2-gängigen Sportmodus freien Lauf zu lassen, mischte sich das dezente Surren und Pfeifen des Elektroantriebs so perfekt mit dem Soundtrack, dass ich mitunter im ersten Moment dachte, ein neuer Soundeffekt sei hinzugekommen. Diese perfekte Harmonie tat so gut, dass die Fahrt entspannt wie im (Gleit)-Fluge verging. Hin und wieder dachte ich dann doch an den Job und wechselte die Song-Themen, wobei mir „Blade Runner“ ganz besondere Freude bereitete. Ebenso der nichts-sagende Titel „Goodbye“, der zur Abwechslung einige rhythmische, percussive Elemente bot.

Play it again and again 

Der Prototyp macht durchaus Lust auf mehr. Die Vision der am Projekt „Soundtrack My Life“ beteiligten Entwickler: Adaptiver Sound könnte Teil des Infotainment-Angebots künftiger Porsche-Modelle werden und dazu beitragen, insbesondere in Elektroautos ein völlig neues, emotionales Klangerlebnis zu schaffen.

„Es geht nicht darum, personalisierte Playlists abzuspielen“, sagt Norman Friedenberger, Product Owner Vehicle Solutions bei Porsche Digital. Gemeinsam mit dem Filmmusikkomponisten Boris Salchow aus Los Angeles hat Friedenberger Soundtrack My Life entwickelt. „Es geht darum, individuelle Soundtracks zu erstellen, die von den Fahrern und ihren Fahrten in Echtzeit komponiert werden.“

Porsche Taycan an einer einsamen Ladestation bei Nacht
Game over: Wer wie der Autor vor einiger Zeit auf Testfahrt mit dem Taycan nachts im Niemandsland mit leerem Akku an der Ladesäule strandet, wird sich über einen Soundtrack freuen. In diesem Fall gab es zwar keine App, dafür Pink Floyd über das Burmester 3D Surround-System. (Foto: Stefan Schickedanz)

Porsche Soundtrack My Life App vertont den Fahrstil

Im Falle einer möglichen Serienintegration könnte die App auf einem Smartphone installiert und über die Porsche Connect App mit dem Fahrzeug verbunden werden. Eine zusätzliche Integration in das Porsche Communication Management ist ebenfalls möglich. 

Mit der Porsche Connect App könnte die Funktion zukünftig auch außerhalb des Fahrzeugs genutzt und auf einem Smartphone gespeichert werden.  Die Entwickler von Porsche Digital denken auch darüber nach, den Fahrzeugstandort in die weitere Personalisierung des Klangerlebnisses einzubeziehen. In diesem Fall würden einige Soundtracks nur in bestimmten Regionen der Welt verfügbar sein. Geplant ist auch, die Attraktivität des innovativen Klangerlebnisses im Auto durch gezielte Kooperationen mit bekannten Komponisten, Sounddesignern und Künstlern zu steigern.

In weiterer Zukunft könnte die künstliche Intelligenz auf dem Smartphone und im PCM-System vorhersagen, welcher Soundtrack am besten zur aktuellen Stimmung des Fahrers passt. Das Auto wüsste schon beim Einsteigen, dass der Fahrer einen anstrengenden Tag hinter sich hat, und könnte dann, da es die Gewohnheiten und Hörvorlieben des Fahrers kennt, die passende Musik für die Heimfahrt generieren. 

Fazit Porsche Soundtrack My Life App

Alles hätte ich geglaubt, nur nicht, dass ein Sportwagen aus Zuffenhausen softe Seiten in mir weckt. Die Porsche Soundtrack My Life App potenziert die Wirkung des beinahe lautlosen, gleichmäßig beschleunigenden Elektro-Antriebs. Wenig verwunderlich, dass sie nicht aus dem Entwicklungszentrum in Weissach mit seinem sportlichen Testtrack kommt, sondern aus Ludwigsburg. Hier kommen nach meiner Beobachtung gefühlt 10 Blitzer auf 100 Einwohner.

Norman Freudenberger hat wirklich ein tolles Projekt angeschoben, das hoffentlich möglichst bald in den App Stores von Apple und Google für jeden zu haben ist. Allerdings muss ich bei aller Begeisterung zugeben, dass ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, die Porsche Soundtrack My Life App in einem konventionellen Porsche mit Verbrenner zu nutzen. Ganz besonders nicht, im Porsche 718 Cayman S, den ich vor einigen Jahren testete. Dessen kerniger, durch Turboaufladung zwangsbeatmeter 2.5-Liter-Vierzylinder war so infernalisch laut, dass ich beinahe aufgab, es an Stelle von Ohrenstöpseln wie in einem Lotus Elise mit dem über 1.000 Watt starken Burmester-Sound-System zu übertönen.

Und wenn ich mir meine Eigenkomposition mit der Porsche Racetrack My Life App alias Porsche 911 GT3 von Speed Vegas gelegentlich auf Video anschaue – mit ihr kann man mit dem rechten Fuß in Echtzeit epische Soundtracks komponieren – dann denke ich, bei manchen Klassikern aus Zuffenhausen wäre es Kunstschändung, noch weitere Instrumente aus dem Synthesizer hinzuzufügen. Aber den Experience Void der Elektromobilität hat Porsche mit der neuen Sound-App meisterhaft gefüllt.

Stefan Schickedanz am Steuer des Porsche 911 GT3
Schon in der Vergangenheit experimentierte der Autor des Berichts mit der Vertonung seines Fahrstils, vornehmlich durch den Gasfuß. 2020 kam es dabei auf der Rennstrecke von Speed Vegas zu einem musikalischen Meisterwerk mit der „Racetrack My Life App“, besser bekannt als Porsche 911 GT3. Dem Vertreter des Fahrzeugbesitzers nebendran blieb ob der in Echtzeit komponierten Ode an die Fahrfreude glatt die Spucke weg. (Foto: S. Schickedanz)
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Autor: Stefan Schickedanz

Schneller testet keiner. Deutschlands einziger HiFi-Redakteur mit Rennfahrer-Genen betreut bei LowBeats den Bereich HiFi im Auto sowie die Themengebiete Mobile- und Smart-Audio.